Ich wuss­te nie, ob Jac­ques Tati Zeit zum Stau­nen hat. Die Fra­ge stell­te sich mir, weil ich in mei­nem Leben ohne Vor­war­nung und mit zuneh­men­der Häu­fig­keit mit Momen­ten kon­fron­tiert wer­de, die mich an Tati den­ken las­sen. Ich stel­le mir dann die Fra­ge, ob Tati sozu­sa­gen das Opfer zum Bei­spiel einer nicht funk­tio­nie­ren­den Tür, eines klei­nen Miss­ge­schicks oder ob er der Betrach­ter wäre. Ziem­lich sicher ist er der Desi­gner, denn wir sind uns wohl alle einig, dass es ohne Tati sol­che Türen und Maschi­nen gar nicht gäbe in der Welt. Denn wie Chap­lin vor ihm, hat Tati die Orte und vor allem die Situa­tio­nen (wenn man denn von Situa­tio­nen spre­chen will und nicht von Zustän­den) mar­kiert, die er film­te. Sie gehen jetzt durch ihn hin­durch, weil er durch sie gegan­gen ist.

Tati, den wir gar nicht nicht mit Hul­ot ver­wech­seln wol­len (der Grund wird sich noch zei­gen, wenn er denn will) hat ein­mal fest­ge­stellt, dass Men­schen gera­de gehen, wenn sie sich nicht ken­nen und in Kur­ven gehen, wenn sie sich nahe sind. Er ist also ein Betrach­ter. In Play­ti­me gibt es eine Sequenz in einem ver­glas­ten War­te­zim­mer. Tati geht umher. Er sieht Din­ge an, er pro­biert sie aus. Zum Bei­spiel die­se Stüh­le dort im War­te­zim­mer. Sie pas­sen sich elas­tisch der Form und des Drucks der Sit­zen­den an und sobald sich die­se erhe­ben, ver­harrt das Mate­ri­al noch eini­ge Augen­bli­cke in die­ser Form, bevor es mit einem dezen­ten Geräusch in die Ursprungs­form zurück­springt. Tati wird zunächst mit den Stüh­len kon­fron­tiert, weil er sich auf sie setzt. Es ist also, wenn man so will, kei­ne Beob­ach­tung, die er hier macht, son­dern eine Erfah­rung. Doch wenn man die Sequenz genau betrach­tet, dann bemerkt man, dass Tati bereits bevor er sich setzt, durch rei­ne Beob­ach­tung bemerkt, dass es sich um unge­wöhn­li­che Stüh­le han­delt. Er ent­wi­ckelt eine Neu­gier. Pro­biert unter­schied­li­che Stüh­le aus und betrach­tet. In den her­auf­be­schwo­re­nen Unfall einer Kon­fron­ta­ti­on mit der Absur­di­tät der Moder­ni­tät geht die­ser Mann sehen­den Auges hier. Und das obwohl sei­ne Anwe­sen­heit in die­sem Raum schon einem absur­den Unfall gleicht. Denn vor dem War­te­zim­mer auf die Ankunft eines Man­nes war­tend wird Tati, als die­ser ankommt, in das Zim­mer geschickt, um dort zu warten.

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Ande­rer­seits rutscht Tati immer wie­der leicht aus in die­sem War­te­zim­mer in Play­ti­me. Das hat wenig mit Betrach­tung zu tun und viel mit dem Boden, dem unver­meid­li­chen Boden. Es sind fast bei­läu­fi­ge Rut­scher, kein gro­ßer Fall, nur eine Stö­rung des Nor­ma­len. Wie die voll­ge­stell­ten Räu­me bei Pia­lat, ein Hin­der­nis. Das ist auch eine Fra­ge: Sucht Tati die­se Miss­ge­schi­cke, fin­den sie ihn oder sind sie ein­fach? Man denkt an das Fahr­rad in Jour de fête, es fährt von selbst. Hat Tati hier Zeit, um zu Stau­nen? Ich stel­le die­se Fra­ge, weil ich mich wun­de­re, ob man Stau­nen wür­de. Ich habe näm­lich ganz im Gegen­teil den Ein­druck, dass aus einer Mischung von Beob­ach­ten und Miss­ge­schick bei Tati, der ja auch Hul­ot ist (so wie Hul­ot ein beob­ach­ten­der Fil­me­ma­cher ist, ein Fil­me­ma­cher des Unfalls und der Anti­zi­pa­ti­on) eine Pas­si­vi­tät ent­steht. Zwar wird er nicht durch die Welt gescho­ben, aber von der Welt gescho­ben. Die­se Pas­si­vi­tät ist die Fol­ge des Drif­tens und Schau­ens, bei dem jedes Miss­ge­schick ins nächs­te über­geht, kei­ne Poin­ten oder Gags zuge­las­sen wer­den wie sie ande­re Fil­me­ma­cher schon lan­ge gemacht hät­ten, son­dern nur der Über­gang einer bestän­di­gen Ver­zweif­lung. Play­ti­me ist nicht nur des­halb einer der ver­zwei­felts­ten Fil­me, ein Film der kon­stan­ten Über­for­de­rung, des Fehl­ver­ste­hens. Letzt­lich ist Hul­ot nicht pas­siv, er macht einen Film. Er blickt und bewegt sich. Pas­siv wird unter sei­nen Bli­cken und Bewe­gun­gen die Welt. Gleich­gül­tig. Das Stau­nen von Tati, wenn es denn eines gibt, wird nicht wie in Hol­ly­wood unter­malt von einer for­cier­ten Mimik der Über­wäl­ti­gung. Viel­mehr ist es die Tat­sa­che der Über­wäl­ti­gung, moto­risch und psy­chisch, die sich hier in die Bewe­gun­gen und das Betrach­ten ein­schreibt. Das Stau­nen in Hol­ly­wood bezieht sich immer auf das Gro­ße, Angst­ein­flö­ßen­de, Wun­der­schö­ne, jenes bei Tati immer auf das Absur­de, Nicht-Funk­tio­nie­ren­de, Bizar­re. Das Stau­nen von Tati gilt jenen Din­gen, die wir selbst so ken­nen, aber nie so wahr­ge­nom­men haben, jenes aus Hol­ly­wood gilt dem, was wir nie erle­ben wer­den. So ist sich das Bestaun­te in Hol­ly­wood auch der Stau­nen­den bewusst. Es reflek­tiert, dass es betrach­tet wird. Es wird ein Spek­ta­kel lie­fern, es wird einen Anfang und ein Ende haben. Bei Tati dage­gen ist das Bestaun­te gleich­gül­tig gegen­über der Umwelt. In den Wor­ten des Fil­me­ma­chers neh­me es sich selbst zu wich­tig. Es geht ein­fach wei­ter, es ist nichts, es exis­tiert nur im Blick und der Bewe­gung des Fil­me­ma­chers Hulot.

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Dann staunt Tati doch in die­sem War­te­zim­mer. Er staunt über einen ande­ren Mann. Der ande­re Mann passt bes­ser zu die­sen Stüh­len, in die­se Welt. Das ist auch so eine Sache mit Tati und Hul­ot, dem Fil­me­ma­cher. Er ist immer zugleich in der Welt, ver­lo­ren, umzin­gelt und aus ihr her­aus­ge­fal­len, als Beob­ach­ter. Oft ver­schwin­det er des­halb. Ent­we­der unter den vie­len im Bild oder ganz aus dem Bild. Feder­i­co Felli­ni hat ein­mal das­sel­be über sei­nen Freund und Men­tor Rober­to Ros­sel­li­ni gesagt. Ein Mann, der schein­bar nicht anwe­send ist und doch mit­ten in der Welt alles so viel stär­ker wahr­nimmt, als alle ande­ren.  Ein Frem­der, könn­te man sagen. Nicht bezüg­lich des Ortes, son­dern gegen­über der Zeit. Das bes­te Bild dafür hat Tati natür­lich selbst gefun­den, es sind die Fuß­ab­drü­cke, die er immer wie­der hin­ter­lässt. Er ist da, obwohl er schon nicht mehr da ist. Hul­ot kadriert den ande­ren Mann und Tati in einer Halb­to­ta­le, wobei Tati im Bild­hin­ter­grund sitzt, sei­nen Schirm zwi­schen den bei­den aus­ein­an­der klaf­fen­den Bei­nen auf­stützt und bewe­gungs­los, man möch­te sagen macht­los, die sto­cken­den, sich wie­der­ho­len­den Ritua­le des Man­nes betrach­tet. Was Hul­ot uns nicht gibt ist ein Clo­se-Up. Die­se Ver­wun­de­rung ist kei­ne Sache der Emo­ti­on, sie ist eine der Pas­si­vi­tät. Die­se Sze­ne könn­te auch ein­fach am Zuse­her vor­bei­ge­hen. Das Stau­nen über­trägt sich nicht. Ganz im Gegen­teil wird es eine Fra­ge der Auf­merk­sam­keit. Des­halb die Fra­ge: Ist da ein Stau­nen? Sobald die Fra­ge gestellt ist, has­tet Tati zur nächs­ten wirk­li­chen Unwirk­lich­keit: Eine rie­si­ge Fens­ter­fas­sa­de, gro­ßes The­ma im Film. Einen Augen­blick glaubt man, dass es sie gar nicht gibt, so durch­sich­tig ist sie. Tati steht davor und er staunt. Er staunt, weil er nicht mal bemerkt, was hin­ter ihm pas­siert. Der Mann, auf den er war­tet, pas­siert ihn. Die­ses Stau­nen macht Tati erst pas­siv. Es setzt ihn außer Gefecht. Aber immer nur bis zum nächs­ten Staunen.

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In Mon oncle dann eine Ver­frem­dung des Stau­nens. Es ent­steht auch durch die Per­spek­ti­ve. Mehr­fach sehen im Film Din­ge anders aus, weil sie aus einer bestimm­ten Per­spek­ti­ve betrach­tet wer­den oder von einer Archi­tek­tur, die zu die­ser Per­spek­ti­ve zwingt, defor­miert wer­den. In einer der vie­len Sequen­zen im Gar­ten hal­ten die Haus­be­sit­zer ihre Nach­ba­rin auf­grund des halb­ge­öff­ne­ten Ein­gangs­to­res für eine Ver­käu­fe­rin, spä­ter nutzt ihr Sohn einen Spalt im Zaun für sei­ne ver­steck­ten Scher­ze (ein Kind, dass Hul­ot der Fil­me­ma­cher auch geblie­ben ist). Die Per­spek­ti­ve, die auch immer eine Fra­ge der Kadrie­rung ist, zeigt, dass der in die­ser Welt betrach­ten­de Tati der glei­che Mann ist wie der Fil­me­ma­cher Hul­ot. Der Sohn ver­steht ihn und dreht sich in einer exakt auf die zufal­len­de Tür abge­stimm­ten Bewe­gung. Außer­dem weiß er, dass er sich hin­ter einer Mau­er ver­ste­cken muss, um vom Küchen­fens­ter aus, nicht gese­hen zu wer­den. Der blo­ckier­te Blick ist ein gro­ßes The­ma bei Tati. Eigent­lich ist es ein Stau­nen dar­über, dass kein Stau­nen mehr mög­lich ist. Oder es ist nur noch Stau­nen mög­lich, weil es kei­ne Berüh­rung mehr gibt. 

Spä­ter reißt der Jun­ge einen Ast im Gar­ten ab. Heim­lich zeigt er sein Miss­ge­schick Tati. Nun kann die­ser die­ses Miss­ge­schick weit­aus bes­ser nach­voll­zie­hen, als sein Feh­len. Statt es zu Repa­rie­ren ver­sucht er fol­ge­rich­tig die Sym­me­trie der zwei an der Wand ange­rich­te­ten Drei­zack-For­ma­tio­nen von Ästen (ja, das ist es) wie­der­her­zu­stel­len, indem er den ent­spre­chen­den Ast auch auf der Gegen­sei­te abreist. Gleich­zei­tig erscheint rechts von der Mau­er immer wie­der der Vater des Hau­ses, der in einem Wipp­stuhl sitzt und regel­mä­ßig nach hin­ten ins Bild wippt. Der stau­nen­de Blick bei Tati ist auch ein para­no­ider Blick. Einer, der nicht ertappt wer­den will. Der ver­schwin­den will. Aber nicht immer kann. Eine alte See­le in einer neu­en Welt. Schließ­lich ist das Stau­nen auch eine Sache des Tons bei Tati. Er hat es selbst «le gag sono­re» genannt. Ein Geräusch das nicht stimmt. Eine Dif­fe­renz zwi­schen Ton und Bild, die nicht zuletzt auf­grund der Arbeits­wei­se von Tati zustan­de kam. Direkt­ton gibt es prak­tisch nicht. Beim Ten­nis­spie­len in Les vacan­ces de Mon­sieur Hul­ot klingt der Ball wie eine Blech­do­se. Es über­rascht nicht, dass Tati mit die­ser Dif­fe­renz aus Ton und Bild der­ma­ßen im Ein­klang ist, dass er mit sei­ner unkon­ven­tio­nel­len Tech­nik sei­ne Geg­ner in die Ver­zweif­lung treibt. Es ist Hul­ot der Fil­me­ma­cher, der das Cha­os, das kur­ze Stau­nen über die­se komi­schen Bewe­gun­gen und Geräu­sche fest­hält. Hier tren­nen sich der Beob­ach­ten­de und der in der Welt sei­en­de. Tati und Hul­ot, der eine als Instru­ment des ande­ren, bei­de im Kino und dar­über hinaus.

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In Tra­fic klet­tert Tati auf einen Baum. Es fällt ihm erstaun­lich leicht. Was ihn behin­dert ist der künst­lich ange­brach­te Wein an der Häu­ser­fas­sa­de. Das Fens­ter ist blo­ckiert davon. Der Blick ist blo­ckiert davon. Der Ein­gang ist blo­ckiert davon. Nach eini­ger Zeit pas­siert, was pas­sie­ren muss. Tati hängt kopf­über im Wein. Er ist gezwun­gen dort zu ver­har­ren, als ein jun­ges Pär­chen kommt. Pas­siv. Er muss beob­ach­ten, obwohl er im Schla­mas­sel steckt. Die Kame­ra jedoch, der Film, ver­lässt Tati an die­ser Stel­le. Er folgt dem Auto der jun­gen Frau. Als wäre die Kame­ra Tati. Stau­nend, macht­los wan­dernd, mit­ten in der Welt und doch so weit weg.