Adachi Masao – «Es geht doch immer nur um die Freiheit des Menschen»

Der Regis­seur Adachi Masao wur­de 1939 in Japan, Fuku­o­ka gebo­ren und gilt mit sei­nen Kol­le­gen wie Ōshi­ma Nagi­sa, Watana­be Fum­io und Wakamatsu Koji als Begrün­der der links­ge­rich­te­ten japa­ni­schen Art Thea­ter Guild. In den 60ern und 70ern arbei­te­te er als Dreh­buch­au­tor, Schau­spie­ler und Regis­seur; sie unter­stütz­ten sich gegen­sei­tig in ihrem links­ra­di­ka­len Ehr­geiz, es ent­stan­den Fil­me wie Vio­la­ted Angels, Ōshi­mas Death by Han­ging und A.K.A. Seri­al­kil­ler, eine rei­ne Anein­an­der­rei­hung von Land­schafts­auf­nah­men, die der damals 19jährige Seri­en­kil­ler Norio Naga­ya­ma in sei­ner Kind­heit bis zur Tat­zeit um sich gehabt haben muss, der Ver­such, ein Täter­pro­fil zu erstel­len mit der Über­zeu­gung, dass die ihn umge­ben­de Land­schaft einen Men­schen für’s Leben prägt und sich in sei­nem Den­ken und Han­deln wie­der­fin­det (fukei­ron). Adachi sah sich als «film­ma­ker acti­vist», dass der Fil­me­ma­cher zur poli­ti­schen Stel­lung­nah­me gera­de­zu gezwun­gen ist. Mit dem Gen­re des pink eiga (auf dem ers­ten Blick gewalt­ver­herr­li­chen­de Ero­tik­fil­me, die den Men­schen durch­aus rea­lis­tisch als sexu­ell getrie­be­nes Wesen defi­nie­ren) stieß Adachi in sei­ner har­ten Kon­se­quenz der Dar­stel­lung auf nicht min­der agres­si­ven Wie­der­stand, meist von Sei­ten der Frau­en­be­we­gung, die in sei­nen Fil­men die Frau nicht als eigent­li­che «Macht­in­ha­ber» sehen konn­te und woll­te. 1971 dreh­te er in Bei­rut PFLP: Decla­ra­ti­on of War, um schließ­lich dort zu blei­ben und die Japa­ni­sche Rote Arme zu unter­stüt­zen. Das Fil­me­ma­chen gab er nicht auf, lei­der ist kein Mate­ri­al aus die­ser Zeit erhal­ten geblie­ben. In Jor­da­ni­en ver­büß­te Adachi eine län­ge­re Haft­stra­fe, wur­de schließ­lich an Japan aus­ge­lie­fert und ver­büß­te in Japan 2001 eine 18monatige Haft­stra­fe auf­grund des Besit­zes gefälsch­ter Aus­weiß­pa­pie­re. Von der japa­ni­schen Regie­rung wird er mitt­ler­wei­le als «unge­fähr­lich» ein­ge­stuft und lebt heu­te mit sei­ner liba­ne­si­schen Ehe­frau und Kind in Tokyo.

«Als ich nach Japan zurück­kehr­te, woll­te Wakamatsu Koji, dass ich wie­der arbei­te. Ich muss­te erst ein­mal dar­über nach­den­ken. Ich habe schließ­lich drei­ßig Jah­re japa­ni­sches Kino irgend­wie ver­passt! In Paläs­ti­na woll­te ich nur noch Doku­men­tar­fil­me machen, und viel gear­bei­tet habe ich dort auch, ist lei­der alles ver­lo­ren gegan­gen. Aber Spiel­fil­me haben mich nicht mehr so inter­es­siert. Ich war zu dem Zeit­punkt ein­fach nur noch ein Sol­dat, kein Fil­me­ma­cher mehr. Da gibt es auch kei­nen Grund mehr für mich, das zu erklä­ren, aber so war es.»

ADACHI I
«Was Fil­me­ma­chen angeht, hat­te ich eher sehr fremd­ar­ti­ge Gefüh­le, aber gleich­zei­tig waren hier in Japan sehr vie­le dar­an inter­es­siert, dass ich wie­der Fil­me mache. Eigent­lich will ich die Fil­me­ma­cher in Paläs­ti­na, Regis­seu­re und Kame­ra­män­ner, dazu brin­gen, ihr eige­nes Kino zu machen, Fil­me, die wirk­lich mit ihrer Geschich­te zu tun haben. Das erfor­dert immer sehr viel Mut, wenn man so sein soll, wie man wirk­lich ist. Und ich hat­te den Ein­druck, dass ich dort etwas leis­ten kann. Ich als Leh­rer! Ich habe in Paläs­ti­na Fil­me­ma­cher und Pro­du­zen­ten unter­stützt, ihre Ideen nicht nur zu ver­wirk­li­chen, son­dern sie über­haupt zuzu­las­sen. Eine Übung in mehr Selbst­be­wusst­sein. Die jun­gen Fil­me­ma­cher gehen zum Bei­spiel nach Mos­kau, um Film zu stu­die­ren, und wenn sie zurück­kom­men, wol­len sie erst ein­mal alles mög­li­che orga­ni­sie­ren, genau durch­pla­nen. Und ich sag­te immer nur: Nein, es gibt kei­nen Grund, zu war­ten! Die Zeit ver­geht so schnell, und es kann immer so viel pas­sie­ren. In den letz­ten Jah­ren habe ich so oft mein Equip­ment und mein klei­nes Archiv ver­lo­ren, ich muss­te oft umzie­hen, gera­de­zu flüch­ten. Viel anzu­sam­meln lohnt sich nicht, weil es jeden Tag pas­sie­ren kann, dass alles auf ein­mal fort ist. Also, wor­auf war­tet ihr? Wenn ihr Fil­me machen wollt, macht es ein­fach. Ich fürch­te, dass es ganz egal ist , was ich alles in mei­nem Leben gemacht habe, ich war immer nur ein Fil­me­ma­cher. Auch wenn ich im Gefäng­nis war, habe ich mir doch über­legt, wie es ist, wenn ich wie­der ent­las­sen wer­de. Vor allem habe ich mich gefragt, wel­che Fil­me ich noch machen wer­de. An man­chen Tagen habe ich nichts ande­res gedacht. Als ich zurück in Japan war, habe ich ver­sucht, über mei­ne eige­ne Geschich­te Fil­me zu machen. Der Film wur­de mit 7 Mil­lio­nen Dol­lar kal­ku­liert, das Geld auf­zu­trei­ben war sehr schwie­rig. Er soll­te 13. Monat hei­ßen, mit mei­ner eige­nen Geschich­te ver­bun­den. Es gibt die­sen Monat ja nicht, das fand ich span­nend: eine Geschich­te außer­halb des nor­ma­len Zeit­be­griffs. Zuerst wur­de ein Komi­tee gegrün­det, um die 7 Mil­lio­nen zu orga­ni­sie­ren, aber das hat nicht funk­tio­niert, Das Pro­jekt haben wir dann erst ein­mal verworfen.»

ADACHI II

«Uns war klar: wir wür­den eine weni­ger auf­wen­di­ge Pro­duk­ti­on machen, aber ich habe so vie­le Ideen im Kopf, Fil­me, die ich unbe­dingt machen will. Für mich hieß das nur, ich habe so vie­le Ideen, wenn das eine nicht klappt, dann eben ein nächs­tes Pro­jekt. Wenn es hier­für kein Geld gibt, dann eben dafür! Was soll’s, dann mache ich eben Doku­men­tar­fil­me. Nie­mand sagt mir, wie Doku­men­tar­fil­me aus­zu­se­hen haben. Das kann dann alles sehr wie ein Spiel­film aus­se­hen. Drei­ßig Jah­re außer­halb des Film­ge­schäf­tes macht dich selbst schon schwie­rig, die Fir­men wis­sen nicht, wie sie mit dir umge­hen sol­len. Ich wuß­te es ja manch­mal selbst nicht. Man­che Men­schen haben auch Angst vor dir, wenn sie etwas über dei­ne Geschich­te wis­sen. Das ist dumm und aber auch ver­ständ­lich. Angst habe ich vor mir selbst kei­ne. Die Men­schen machen sich immer so vie­le Gedan­ken um Zeit. 30 Jah­re! Das ist alles für mich wie „ges­tern“, also gar nichts. Das ist eine ganz ein­fa­che Ant­wort, viel­leicht auch zu ein­fach für man­che Leu­te. Wich­tig ist die Aus­ein­an­der­set­zung. Sicher, ich arbei­te auch ganz „nor­mal“, ich schrei­be ein Dreh­buch, zeich­ne ein „sto­ry board“ und mache mir über die Posi­ti­on der Kame­ra Gedan­ken. Aber das wich­tigs­te ist es, immer mit­ein­an­der zu reden. So oft es nur geht dis­ku­tie­re ich mit jun­gen Fil­me­ma­chern, oder mit jedem, der auch nur ein wenig Ahnung hat vom Fil­me­ma­chen. Reden ist alles. Damit kann man schon Bil­der im Kopf ent­ste­hen las­sen. Auch dies­mal muss­te ich mich bei mei­ner Crew ent­schul­di­gen: alles was wir gedreht haben und schließ­lich nun die Arbeit im Schnei­de­raum! Im Schnei­de­raum kann einem dann eine ganz ande­re Geschich­te begeg­nen. Man­che sind davon nicht so begeis­tert, wer­den gar wütend. Sie haben irgend­et­was gemacht, was ihnen wich­tig erschien, und sie geben alles, um es im Film zu sehen. Und ich sit­ze dann im Schnitt und schaue mir das Mate­ri­al an, und dann … Ja, man­che sind wirk­lich sau­er auf mich! Auch man­che Produzenten.»

ADACHI III
«Viel Geld hat­te ich nicht, und es waren gera­de die finan­zi­ell auf­wen­di­gen Sze­nen, die ich nach­her her­aus­ge­nom­men habe. Brauch­te ich ein­fach nicht mehr. Die Geschich­te war da, und der Gegen­satz „rea­le“ Welt und die „Abs­trak­ti­on“ von all dem. Es hat­te funk­tio­niert, da brauch­te ich nicht die­se aus­ge­feil­ten erklä­ren­den Sze­nen. Das pas­siert mir glau­be ich oft, teu­ren Sze­nen sieht man das vie­le Geld immer an, und manch­mal muss das alles ein­fach weg. Außer­dem will ich kei­ne Sze­ne in mei­nem Film haben: nur weil sie teu­er war! Mein Pro­du­zent war davon natür­lich nicht begeis­tert. Aber heu­te gibt es ja die DVDs, da kann man sol­che Sze­nen dann hin­ein packen und auch die Pro­du­zen­ten sind zufrie­den. Wir haben in einem Stu­dio gedreht, das gesam­te Set war in die­sem Gebäu­de. Mein „art direc­tor“ woll­te in einem „ech­ten“ Gefäng­nis dre­hen, aber ich … Du weißt sicher, dass ich für eine gewis­se Zeit im Gefäng­nis war und ich woll­te nicht „dahin zurück“, also haben wir das gesam­te Stu­dio als „Gefäng­nis“ benutzt. Beson­ders rea­lis­tisch sieht das dann eben nicht aus, das alles sieht wohl sehr abs­trakt aus, obwohl ich mich sonst nicht so sehr auf die Aus­stat­tung ver­las­se. Es ging mir nicht dar­um, ein „ech­tes“ Gefäng­nis zu zei­gen, bei der Kame­ra­ar­beit war das nach­her von gro­ßer Bedeu­tung. Ein Gefäng­nis, ein Ort, mehr eine Idee von einem Gefäng­nis. Mein Film ist kein japa­ni­scher Film. Er hat über­haupt kei­ne Natio­na­li­tät. Bei der Aus­wahl der Schau­spie­ler, zum Bei­spiel die Gefäng­nis­wär­ter, sieht man japa­ni­sche Schau­spie­ler, hört die japa­ni­sche Spra­che, aber es ist eben kein japa­ni­scher Film. Ich ken­ne mich nun wirk­lich aus, was Gefäng­nis­se angeht, aber ich woll­te kei­nen typi­schen Gefäng­nis­film machen. Das Gan­ze ist eine „Kom­po­si­ti­on“ zu einem Gefäng­nis. Ich woll­te dem Film die unver­meid­li­che Schwe­re neh­men, so kam ich auch zu mei­ner Schau­spiel­füh­rung und zur Kame­ra, Licht und nicht zuletzt zur Ver­to­nung. Mein Kame­ra­mann woll­te nur zu gern mög­lichst rea­lis­ti­sche Gefäng­nis­bil­der haben, aber das wäre nicht mein Kino gewe­sen, so etwas brauch­te ich nicht! Auf die Dia­lo­ge habe ich auch nicht beson­ders geach­tet. Ich habe lan­ge Zeit Doku­men­tar­fil­me gemacht, der Unter­schied zur dor­ti­gen Bild­ar­beit im Ver­gleich zum Spiel­film ist schon enorm und mach­te mir viel Spaß. Ich wur­de rich­tig über­mü­tig: „Kein übli­ches Gefängnisdrama!“

«Mein Kom­po­nist Oto­mo Yoshi­hi­de ist eigent­lich recht naiv. Ich sag­te immer nur: „Ist in Ord­nung!“ Er ist so um die vier­zig und ich glau­be, er hat sein gesam­tes Leben in der Büche­rei ver­bracht. Er sah sich die Fil­me von Wakamatsu an und las mein Script. Er hat­te wohl Spaß dabei und war sehr auf­ge­regt. Er erar­bei­te­te eine gesam­te musi­ka­li­sche Inter­pre­ta­ti­on mei­nes Scripts. Und natür­lich das Haupt­the­ma. Er sagt immer, dass es nicht wich­tig sei, was er selbst von der Musik hal­te. Es muss ein­fach nur pas­sen. Bei den Auf­nah­men im Stu­dio habe ich erst ein­mal gar kei­nen „time­code“ vor­ge­ge­ben, und wir haben alles aus­pro­biert. Ich mag expe­ri­men­tel­le, radi­ka­le Musik, ich brau­che kei­ne Nach­ah­mung aus den ver­gan­ge­nen hun­dert Jah­ren. Man wird schon sehen, was rich­tig ist, und Musik hat so vie­le Mög­lich­kei­ten. Ich brau­che kei­ne Hin­ter­grund­mu­sik, Musik und Hand­lung sind gleich­wer­tig. Man muß sich ja eigent­lich auch nach den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der heu­ti­gen Kinos rich­ten, und so gab es bis­her immer Ärger mit dem Ton­in­ge­nieur. Dem war vie­les zu laut oder nicht «sau­ber» genug.»

«In mei­nem Film braucht es kei­ne schö­nen Töne und schon gar kei­ne schö­ne Musik. Aber geh› auf die Stra­ße: wo gibt es schon schö­ne Töne? Wir benutz­ten zu Beginn wie üblich 24 Ton­spu­ren, aber das war ein­fach zu schön! Vie­le machen „schö­ne“ Fil­me mit einer „schö­nen“ poli­ti­schen Mes­sa­ge, ich mei­ne damit: sau­ber und ordent­lich und tech­nisch kor­rekt. Das tut mir irgend­wie leid. Der Mensch ist so nicht. Und im Kino soll es doch um Men­schen gehen? Es geht um die Kraft des Men­schen. Nach mei­ner Zeit im Gefäng­nis gab es vie­le Film­kri­ti­ker hier in Japan, die sich Sor­gen mach­ten, ob ich noch die Kraft hät­te, eine Geschich­te auf die­se Art und Wei­se zu erzäh­len. Eine star­ke, berüh­ren­de Geschich­te. Aber nun sehen sie ja: es ist noch genug Kraft vor­han­den. Es glau­ben vie­le, man ist nach solch einer Zeit nur noch „Gefäng­nis“. Ich habe sehr viel Zeit mit den Gefäng­nis­uni­for­men ver­bracht. Ich brauch­te eine bestimm­te Far­be, konn­te sie zu dem Zeit­punkt aber nicht genau defi­nie­ren. Wir haben so viel aus­pro­biert, Far­ben, Bein- und Arm­län­gen. Aber schließ­lich: bei Tokyo habe ich eine Bau­stel­le gese­hen, dort tru­gen die Arbei­ter eine bestimm­te Uni­form. Ich woll­te kei­ne „ech­te“ Uni­form, die muss­te ich nicht noch ein­mal jeden Tag um mich her­um haben. Aber wie­der das „Gefühl“ einer Uni­form. Mit dem Begriff des „Ter­ro­ris­mus“, wie ich ihn heu­te ver­ste­he, kön­nen vie­le jun­ge Leu­te heu­te nichts mehr anfan­gen. Gera­de das jun­ge Publi­kum war schon vom Titel des Fil­mes irri­tiert. Sie kann­ten mei­ne alten Fil­me und dach­ten sich wohl, dass es inter­es­sant sein könn­te, einen neu­en Film von mir zu sehen! Des­halb habe ich mei­ne Geschich­te auch so abs­trakt insze­niert. Wenn man etwas über Geschich­te im his­to­ri­schen Sinn zu erzäh­len hat, ent­fernt man sich nur vom jun­gen Publi­kum, wenn man dar­aus einen his­to­risch kor­rek­ten Film macht. Ich wer­de wei­ter so arbei­ten, um die Geschich­te für jun­ge Men­schen heu­te inter­es­sant zu machen. Sie wol­len kei­ne Geschichts­stun­de, oder wol­len kei­ne Erklä­run­gen aus der Ver­gan­gen­heit. Es geht um ihre heu­ti­ge Zeit und es geht um das heu­ti­ge Leben. Das ist gut, denn ich muss mich infor­mie­ren, um zu wis­sen, wie jun­ge Leu­te heu­te leben, wie sie ihre Umwelt wahr­neh­men. Und wenn sie etwas ändern wol­len, poli­tisch, muss man die heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten berück­sich­ti­gen. The Pri­soner ist ein sehr ruhi­ger und auch per­sön­li­cher Film, die nächs­ten wer­de ich anders machen. Aber es gibt kei­nen Grund, nost­al­gisch zu wer­den. Es gibt so vie­les, über das man Fil­me machen kann. Das Publi­kum soll sich im Kino wie­der­erken­nen. Und ich wer­de da sehr trick­reich vorgehen!»

«Eher his­to­risch, ach ja: mei­ne „pink eiga“, damals war das radi­kal. So etwas zu zei­gen hat­te ganz offen­sicht­lich einen poli­ti­sche Hin­ter­grund. Die Men­schen waren des­halb geschockt, und nicht, weil es nack­te Haut zu sehen gab oder weil Men­schen lust­voll getö­tet wur­den. Das, was dahin­ter steck­te war scho­ckie­rend und wur­de ja auch offen­sicht­lich wahr­ge­nom­men. Sicher, in der Zeit war es nicht üblich, sich so frei­zü­gig über Sex zu äußern. Selbst im pri­va­ten Raum war es das nicht. Und mit Sex konn­te man noch eine Gesell­schaft dar­stel­len, die Fil­me waren bil­lig und schnell pro­du­ziert. Das mach­te es noch ein­fa­cher. Es ging nicht um den ero­ti­schen Aspekt von Sexua­li­tät, der gan­zen Roman­ti­sie­rung, son­dern Sex war gewalt­tä­tig, blu­tig und soll­te gesell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge auf­zei­gen. Was lag da näher, als Sex­fil­me zu machen? Wakamatsu hat man ja dann irgend­wann sprich­wört­lich aus dem Kino gekickt, weil man es heu­te so nicht mehr sieht. Die Gewalt rich­te­te sich häu­fig gegen Frau­en, und auch, wenn die sexu­el­le Gewalt Män­ner betraf, da gab es sofort immer Ärger von den Femi­nis­tin­nen. Ich glau­be, Frau­en muss man nicht beschüt­zen, man muss aber die kran­ken Hir­ne wie­der auf die rich­ti­gen Glei­se brin­gen, die an sol­cher Gewalt gegen Frau­en so gro­ßes Inter­es­se haben und sie even­tu­ell auch ausüben.»

«Aber die Sex­in­dus­trie hat sich zwi­schen­zeit­lich sehr ver­än­dert, auch was die Fil­me angeht und nie­mand regt sich über sol­che Fil­me mehr auf. Ich hal­te es für viel gefähr­li­cher, dass Frau­en in ihrer Sexua­li­tät immer noch ver­schönt dar­ge­stellt wer­den, all das sexy Zeug. Män­ner dür­fen Trie­be haben, Frau­en dür­fen das immer noch nicht und wer­den wei­ter­hin als sanft und schön und hübsch gezeigt. Das ist gefähr­lich! Aber Under­ground? Gibt es das noch? Seit den Mitt­sieb­zi­gern ist Under­ground doch tot. Es geht um das gro­ße Geschäft, bei der Male­rei und der Musik ist das ja auch nicht anders. Under­ground hat aber immer noch die Idee des Unkon­trol­lier­ten. Und so lan­ge die­se Idee noch in den Köp­fen steckt ist es ja ganz gut. Ich habe vie­le Fil­me gemacht, ohne jedes Bud­get. Wenn man eine Geschich­te erzäh­len will und weiß, wel­che Bil­der man haben will, dann braucht man nicht her­um zu sit­zen und auf den gro­ßen ers­ten Film zu war­ten. Mitt­ler­wei­le gibt es gute Video­ka­me­ras oder die klei­nen Digi­ta­len und so braucht man nicht viel Geld, um einen Film zu machen. Aber man braucht natür­lich eine Geschich­te. Wenn man dann davon eini­ge Hun­dert gemacht hat, ja, dann macht man eben Fil­me, und wenn man denn unbe­dingt ganz viel Erfolg haben will, das kommt dann schon. An alle jun­gen Fil­me­ma­cher: fil­men, fil­men, fil­men! Kino ist kein Muse­um, Kino ist hier und jetzt. Und Geld fin­det sich doch immer. Irgendwie.»

ADACHI IV
«Was ist ein rea­lis­ti­scher Film- man hat ja immer den Ehr­geiz, etwas mög­lichst rea­lis­tisch dar­zu­stel­len. Aber dar­um geht es ja nicht, man muss immer ein Stück vor­aus lau­fen und dann wie­der zurück, immer wie­der. Braucht man vie­le Sät­ze, um etwas zu sagen? Braucht man vie­le Bil­der, um etwas zu zei­gen? Die Rea­li­tät, die bekommt man nur vom Publi­kum. Und eigent­lich will ich nur sur­rea­lis­tisch sein. Mit der Frei­heit, nach der alle immer rufen, ist das so eine Sache. Um wirk­lich nach Frei­heit rufen zu kön­nen, muss man gefan­gen sein und wie bit­te ruft man denn nach Frei­heit? Man will also her­aus aus die­sem Gefäng­nis, aber die Fra­ge soll­te auch sein: wohin geht es dann? In sei­ner eig­nen klei­nen Frei­heit darf man sich kei­ne Gefäng­nis­se machen. Zeit spielt eh eine gro­ße Rol­le, jeder Ort ist anders zu einer bestimm­ten Zeit, man selbst ist anders. Wenn man schon in einem Gefäng­nis ist, dann sei wenigs­tens frei in dei­nem eige­nen klei­nen Gefäng­nis. Der Wunsch nach Frei­heit ist schon Frei­heit genug, jetzt rede ich Unsinn! Aber ich glau­be, dass Frei­heit nichts zu tun hat mit einer Frei­heit für Män­ner und einer ande­ren Frei­heit für Frau­en, es geht um die Frei­heit des Men­schen! Da habe ich bei man­chen Dis­kus­sio­nen schon sehr viel her­um gebrüllt: es geht doch immer nur um die Frei­heit des Men­schen. Nur um die Frei­heit mit sich selbst.»