Softboiled Wonderland – Japanische Bilderwerfer

Das Kino Planet+1 in Osa­ka ist umge­zo­gen. Ist grö­ßer jetzt, Trepp­chen hin­auf, schma­ler Flur und immer noch in Umeda, aber dies­mal in einer ruhi­ge­ren Ecke, eine Minu­te zu lau­fen von der Naka­za­kicho-Sta­ti­on. Und Tomio­ka Kuni­hi­ko grinst «Ich kenn› Dich, von irgend­wo­her kenn› ich Dich». Das kommt davon: hier und da ein Fes­ti­val. Soll­te mehr Wer­bung machen, 100 Meter wei­ter gibt es einen Wein­la­den und da schaut man mich groß an: «Hier soll ein Kino sein?“, ein Blick auf den Pro­spekt: Tri­bu­te to Bar­ba­ra Stan­wyck, Fil­me von Arne Sucks­dorf, und japa­ni­sche Musi­cals aus den 60ern. «Ach SO ein Kino!“ Genau, so eins. Cafés an allen Ecken, dicke Aschen­be­cher gott­lob, und die Dame an der The­ke zählt mit mir begeis­tert bis zehn, auf deutsch. Go Shi­ba­ta ist auch da, dreht sei­nen neu­en Film, spricht nicht viel bis ich anfan­ge, von mei­nem Bass zu erzäh­len (Iba­nez Seri­al Play­er aus den 80ern, mit Smith-Ton­ab­neh­mern!) und Go strahlt: „Clau­dia-san, wir grün­den ’ne Band!“. Ger­ne. Also Sucks­dorf, sehr voll und sehr gemischt, 5 Euro das Ticket, die alte Dame neben mir schläft sofort ein, ihr Beglei­ter sitzt auf der vor­ders­ten Stuhl­kan­te und nickt immer wie­der hef­tig. Das Licht geht an und die Dame auch wie­der. Und im Café noch etwas trin­ken, dann in ein Teri­ya­ki-Restau­rant, Go ist immer noch dabei und nun auch Yamas­hi­ta Nobu­hi­ro, der hin und wie­der ein­schläft, eine Ziga­ret­te raucht und wild erzählt, und wie­der ein­schläft. Taxi­fahrt zum Hotel: «Gibt es in Deutsch­land auch sol­che Kinos?» Gibt es. Nachts um halb­drei wird man wach, Fens­ter auf, drit­ter Stock: Elvis singt «Love me ten­der», Anfang bis Ende, nur das eine Lied, dann ist es wie­der ruhig. Etwas abwar­ten, aber das war es mit Elvis, Fens­ter zu. Auf Hoka­i­do hat ein Leh­rer einen sei­ner Schü­ler ermor­det. Der Jun­ge hat­te sich bei sei­nen Eltern über die Lehr­me­tho­den beschwert.

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Kur­o­sa­was Sake­bi gese­hen, gro­ßes Kino im Umeda Sky-Buil­ding, dann auch 14 Euro, bit­te. Die Kar­ten­num­mer: und deren Besit­zer bit­te der Rei­he nach ins Kino tre­ten. Rechts ein­ord­nen. Koji Yakus­ho: ich bin nahe dran dafür zu beten, dass immer eine Kame­ra in der Nähe sein mö­ge, wenn die­ser Mann sich auch nur einen Zen­ti­me­ter bewegt. Vor dem Gebäu­de eine rie­si­ge Bau­stel­le, unser Bahn­hof soll schö­ner wer­den! Vor mir eine end­lo­se Trep­pe, eili­ges Geklap­per hin­ter mir bis mich eine alte Frau im Kimo­no am Ell­bo­gen zupft, sich ein­fach ein­hakt und neben mir die Stu­fen rauf­geht, Ein freund­li­ches Kopf­ni­cken und Son­nen­schirm auf­ge­spannt. Bit­te, ger­ne. Dan eine Rei­he von Sai Yoi­chi und ich tref­fe die Dame vom Goe­the-Insti­tut: „Ach, wir ken­nen uns doch?“. Jaja, ein Fes­ti­val hier und dort. „Mein Bü­ro ist nun klei­ner, aber die Aus­sicht ist schon schön.“ 32. Stock, der Auf­zug lässt die ers­ten 21 ein­fach aus. Prak­tisch, wer’s ver­trägt. Abends Jazz­kon­zert in der Cell­Box, schö­ne schwar­ze Fas­sa­de, vie­le Jugend­li­che, da die Knei­pe im ele­gan­ten Ein­kaufs­vier­tel Shin­saiba­shi gele­gen ist. Zu Fuss zum Hotel. An der Ecke was essen, ein Ame­ri­ka­ner aus San Fran­sis­co kocht und bedient, ist vor 15 Jah­ren wäh­rend sei­nes Stu­di­ums hier hän­gen geblie­ben und sei­ner dama­li­gen Gast­fa­mi­lie gehört das klei­ne Restaurant.

Ein­mal eine Pach­in­ko­hal­le, Ohren betäu­ben! Mit­tags schon gut besucht, lau­te Musik und Geklap­per der Kugeln, wie sie ins Körb­chen fal­len, auf die Dau­er etwas drö­ge, und vor­ne kann man sei­ne Kugeln dann abge­ben, bekommt Natu­ra­li­en: Sei­fe, bil­li­ge Hem­den, Wein­fla­schen. Ich bekom­me Strumpf­ho­sen mitt­le­rer Grö­ße, gehe raus und sehe einen Her­ren, der die Gewin­ner höf­lich anspricht, Geld wird gewech­selt und der Pach­in­ko-Gewinn lan­det im Körb­chen. Mit Ken­ner­mie­ne ver­su­che ich› es auch, ohne Zö­gern bekom­me ich tau­send Yen. Ein Kon­zert­fly­er der unge­wöhn­li­chen Art: ein Ari­tay­a­ki-Kon­zert, soll hei­ßen, der freund­li­che äl­te­re Herr häm­mert auf cir­ca 25 getöp­fer­ten Scha­len der Fir­ma Ari­tay­a­ki eine schö­ne Melo­die her­aus. Sein Traum, ein­mal bei Meis­sen zu spie­len, hat sich vor ein paar Jah­ren erfüllt …

«Wie war Tokyo?» – Ein unend­li­ches War­ten, Inter­views schie­ben sich in alle Rich­tun­gen, dann in einer gro­ßen Lee­re endend. Naga­za­ki reist durch’s Land, um dann doch nicht zu erschei­nen; das Bü­ro von Yama­ga­ta fin­det sich momen­tan in sei­nen Kar­tons nicht zurecht, Office Kita­no brum­melt wie gewohnt vor sich hin und außer­dem ist das Hotel viel zu groß. Die Zim­mer lie­gen so eng bei­ein­an­der: der Flur erin­nert an den Bauch eines U‑Bootes und die lin­ke Hälf­te der Zim­mer wird für eine Woche von einer chi­ne­si­schen Rei­se­grup­pe belegt. Wil­des Tü­ren­trom­meln und Geläch­ter auf dem 12. Stock, in der Nacht wer­de ich wach, drau­ßen scheint der Mond und erst gegen fünf Uhr in der Frühe schal­ten sich die letz­ten Lich­ter in den ande­ren Gebäu­den aus. Aber Geduld ist alles und schließ­lich gibt es gen­ü­gend Muse­en in der Stadt, Kinos sowie­so, ein ein­zi­ger Rei­gen an Hol­ly­wood und Babel ist bre­chend voll. Hugh Grant spricht hier japa­nisch und Ber­ry­mo­re wird bejauchzt mit jedem Geläch­ter, das sie von der Lein­wand lässt. Ein Publi­kum, vol­ler Ver­ständ­nis für den altern­den Schnul­zen­sän­ger, jeden Abend kann man es selbst erle­ben, wenn man in den Sei­ten­stra­ßen nicht an den win­zig klei­nen Restau­rants vor­bei geht, fast jede ist mit einer Karaōke-Anla­ge aus­ge­stat­tet, und so hoch muss der Alko­hol­pe­gel gar nicht sein, um dann nach einer hal­ben Stun­de des Zusam­men­sit­zens sehn­suchts­vol­le Lie­der an das Meer und an die ver­gan­ge­ne Jugend und vor allem an die Lie­be zu rich­ten! Je trau­ri­ger, umso besser.

Das Fern­se­hen als Erfah­rungs­wert: die Wer­be­spots las­sen sich von der eigent­li­chen Sen­dung kaum unter­schei­den, Came­ron Diaz macht Wer­bung für einen Mobil­te­le­fon­ver­trei­ber, Scar­lett Johans­son trinkt gen­üss­lich kal­ten Milch­kaf­fee («It real­ly makes my day») und Madon­na fin­det man bei einer gro­ßen Ver­si­che­rung wie­der («I am strong»). Wäh­rend Kita­no zärt­lich über eine Öko-Wasch­ma­schi­ne strei­chelt, es ist also alles in bes­ter Ordnung.

«Wie läuft es in Tokyo?»- Dan­ke sehr, aber momen­tan läuft gar nichts, und ich bin reich­lich erstaunt und kom­me hier und da auch aus dem Grin­sen nicht her­aus: wäh­rend die Sze­ne in Tokyo immer noch ger­ne über Osa­ka lächelt, habe ich in Osa­ka bereits inner­halb weni­ger Tage mehr an Fil­men gese­hen, Leu­te getrof­fen und e‑mails erhal­ten, als hier. Aber freund­lich lächeln und Dan­ke der Nach­fra­ge. So also zum Tokyo Spring Cen­ter und eine Aus­stel­lung zu Ando Tadao genie­ßen, die Son­ne scheint, die aus­ge­stell­ten Zeich­nun­gen und Model­le glit­zern vor sich hin und Ando selbst stellt sein neu­es Buch vor, in dem er inner­halb sei­ner Arbeit nun end­lich den gemei­nen Arbei­ter fei­ert, ohne den jedes Bau­werk hilf­los nicht exis­tent wä­re. Hopp­la, aber wer jetzt sofort von japa­ni­schen jun­gen Män­nern, schweis­sü­ber­strömt und eisen­schlep­pend in ihren wei­ßen wei­ten Arbeits­ho­sen träumt, der wird ent­täuscht wer­den. Ando hat sich schon sei­nen Teil gedacht, und so erweist sich die Foto­aus­wahl als Ode an die im voll­ende­ten Bau­werk nicht sicht­ba­re Geo­me­trie von rie­si­gen Gerüs­ten, Stan­gen und dem manch­mal wahn­wit­zi­gen Grö­ßen­ver­hält­nis von Gerüst und Arbei­tern. Man ist kon­zen­triert bei der Arbeit, nur hier und da Bün­de an Män­ner­freund­schaft, viel elek­tri­sches Licht und der nicht enden wol­len­de Bau­pro­zess, wäh­rend der Archi­tekt immer noch um Klei­nig­kei­ten und Papie­re kämpft, sei­ne Gedan­ken­welt ver­tei­di­gen muss, bis noch weit nach der Eröff­nungs­fei­er. Ando sitzt also vor­ne mit sei­nem Mikro­fon, wäh­rend eine Grup­pe an Stu­den­ten sich sehn­suchts­voll zu sei­nen Fü­ßen nie­der­lässt, aber er lässt den Kon­takt nicht abrei­ßen, löst hier und da alles in ein fröh­li­ches Geläch­ter auf und nickt mir spä­ter freund­lich zu, krit­zelt links­hän­dig in mei­nen Kata­log hin­ein und schaut in die Son­ne „Sehr hübsch, das Licht, aber nicht von mir“, wit­zelt er noch mit krat­zi­ger Stim­me; mit sei­nem Jean­ne d‹Arc-Haarschnitt sieht er mitt­ler­wei­le aus, wie eine etwas mage­re alte Dame und ver­schwin­det. Die Son­ne scheint unauf­hör­lich und Eiko grinst frund­lich: «Ich mel­de Dich ein­fach bei Kita­no an, das wird schon!» Und es wird nichts, ich sit­ze an einem Mitt­woch im Office und war­te vor mich hin, nach zwei Stun­den gehe ich, mit viel Tee und Kek­sen im Bauch. Leid tut es allen, so ist das nun mal und Eiko lacht ein paar Tage spä­ter: «Ich habe extra geschrie­ben, dass Du recht groß und dünn bist und aus dem Wes­ten kommst, meis­tens nimmt er sich dann etwas Zeit!“

Der Bür­ger­meis­ter von Naga­za­ki wur­de von der loka­len Mafia auf offe­ner Stra­ße des frühen mor­gens erschos­sen, es ging wohl um Bau­grund­stü­cke und das erfolg­lo­se Ver­han­deln von Wucher­prei­sen. Wie­der in Osa­ka, nutzt ja alles nichts und Johan­nes Schön­herr ist in der Stadt und tut, was Johan­nes Schön­herr tun muß: er zeigt wil­des Mate­ri­al aus dem New Yor­ker Under­ground aus den 70ern. Die Bar ist voll, 5 Plät­ze an der The­ke, dann die klei­ne Trep­pe rauf, dort gibt es eine Lein­wand mit eini­gen Plät­zen, und die Damen ver­las­sen vor­zei­tig ent­setzt den Raum, wäh­rend eine Rus­sin noch sit­zen bleibt und sich laut­hals über die kör­per­li­chen Vor- und Nach­tei­le des japa­ni­schen Man­nes aus­lässt. Ich hebe wie­der nur arro­gant die Augen­braue, aber hier nutzt das nichts. «Kommst Du mor­gen nach Kobe? Es gibt eine Par­ty im Emi­gra­ti­on Cen­ter.“ Mal sehen und die japa­ni­sche jun­ge Dame neben mir fängt nach der zwei­ten Bier­do­se an, mei­nen Arm zu strei­cheln «I like your long hair and legs.“ Dafür kann ich nichts.

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Also am nächs­ten Tag nach Kobe, das Tref­fen ent­behrt nicht einer gewis­sen Gru­se­lig­keit. Man gibt sich hier salopp im selbst­ge­wähl­ten Exil, und inter­es­san­ter­wei­se kann jeder einem auf Nach­fra­ge die exak­te Zahl an Jah­ren und Mona­ten des bis­he­ri­gen Auf­ent­hal­tes nen­nen. Es gibt Musik und dann, die Rus­sin! «Weißt Du, von man hier Dro­gen bekommt? Ich brauch› was zu rau­chen.» So geht das den hal­ben Abend und schließ­lich sei­len wir uns ab, um mit Matt Kauf­man die Nacht durch­zu­ma­chen, sei­ne Eltern besu­chen Kobe und so lohnt es sich für ihn nicht mehr, nach Hau­se zu fah­ren und wir drei tin­geln durch Kobe, die letz­ten Bars schlie­ßen um 5 Uhr und so muß man nur die bei­den toten Stun­den hin­ter sich brin­gen, selbst die Geträn­ke- und Ziga­ret­ten­au­to­ma­ten funk­tio­nie­ren in der Zeit nicht mehr. Und Kauf­man erzählt, immer noch nüch­tern, von New York und Schön­herr erzählt, nicht mehr nüch­tern, wie er und Kauf­man sich damals ken­nen­ge­lernt haben. Schließ­lich lan­den wir in einem Spa, frühs­tü­cken dort und sind wie­der völ­lig wach, als jemand zu uns tritt: Kobe ist klein. Die Russin …

Davon muß man sich erho­len. Und dann ist Tomio­ka von sei­ner kur­zen Rei­se nach Deutsch­land zurück, berich­tet von Kawa­se, die ihren Film in Can­nes im Wett­be­werb hat, und wie­der zeich­net sich da ein ganz zar­tes War­ten ab, aber ich habe ja Zeit. «Wir stel­len unser Film­ar­chiv vor, ist ja alles noch in Vor­be­rei­tung. Kommst Du? Und wo bist Du eigent­lich?» Momen­tan in Nord-Kobe, San­no­mi­ya und nach 5 Wochen ist mein rech­tes Knie ganz blau vom bestän­di­gen An-Tisch­kan­ten-Sto­ßen.- Also mit der Bahn zur Shin­na­ga­ta-Sta­ti­on, im Ein­kaufs­vier­tel die gel­be Trep­pe hoch bis zum 2.Stock, direkt neben dem ägyp­ti­schen Restau­rant: das Kino hat viel­leicht 40 Plät­ze, auch ein elek­tri­sches Pia­no, denn es gibt The Gol­den Bul­let aus dem Jahr 1927 und Tomio­ka winkt freund­lich aus dem Vor­führrraum. Spä­ter Wohl­ve­trau­tes: bei Bier und Häpp­chen wird der ewi­ge Geld­man­gel bejam­mert, die Spon­so­ren lächeln mil­de und ein Grüpp­chen for­miert sich, um die Rä­um­lich­kei­ten zu betrach­ten. Meh­re­re Zim­mer, in denen sich Gerät­schaf­ten und Film­do­sen tür­men, Kar­tons, Kis­ten, Schnei­de­ti­sche, Kame­ras. «Das wird wohl ein paar Jah­re dau­ern, und bis­her sind wir zu zweit.“ Also die Rol­la­den wie­der her­un­ter­ge­las­sen, nur die Häpp­chen sind anders und ich wer­de nach ein paar Bechern Bier am Är­mel gezupft: «Dich ken­ne ich von Rot­ter­dam! Und was machst Du hier?“ Ich schaue so herum.

Abends ein Besuch im tür­ki­schen Restau­rant «Mid­night Express» auf der Flower Road, ein Paar aus Dort­mund, die nun sein 12 Jah­ren in Kobe leben und sich immer noch wie auf Urlaub füh­len. Fran­ky hat mir des mor­gens beim Hotel­frühs­tück davon erzählt, und daß er selbst nun nach Karls­ru­he zieht und daß sei­ne Frau etwas genervt ist und wo ich eigent­lich her­kom­me? Er selbst stammt aus Kali­for­ni­en. Wie­so beginnt eigent­lich die Ant­wort auf die­se Fra­ge mitt­ler­wei­le immer mit «actual­ly», egal, an wen man sie stellt? Das per­ma­nen­te Vogel­ge­zwit­scher im Frühs­tücks­raum kommt üb­ri­gens vom Band und macht einen mor­gens um 9 schon etwas wahn­sin­nig. Also noch ein paar Ter­mi­ne aus­ma­chen, aber nun sind alle ent­we­der in Hong­kong oder in wil­der Auf­re­gung für Bald-Can­nes, schwie­ri­ger als gedacht, aber nun zwei Wochen Tokyo und ein­fach abwarten.

Ein Repor­ter des Sen­ders NHK wur­de in Tokyo fest­ge­nom­men: nachts um eins hat­te er in einem Apar­te­ment­kom­plex meh­re­re Woh­nungs­tü­ren aus­pro­biert, um sich bei sei­ner anste­hen­den Woh­nungs­su­che doch nur „inspi­rie­ren zu las­sen“. Die Poli­zei glaubt dem 32jährigen nicht so recht und der Sen­der war­tet jetzt erst ein­mal ab, bevor sie ein offi­zi­el­les State­ment abge­ben. Die Gol­de­ne Woche hat begon­nen, drei staat­li­che Fei­er­ta­ge und dann auch noch das Wochen­en­de, und das heisst wie über­all auf der Welt, wil­der Alko­hol­kon­sum und man schlän­gelt sich schon am frü­hen Nach­mit­tag durch die Rei­hen der Betrun­ke­nen. Und des Nachts kann es pas­sie­ren, dass genau unter dem eige­nen Hotel­fens­ter jemand sei­nen Magen ent­leert. Die männ­li­chen Nacht­schwal­ben hal­ten sich rela­tiv nüch­tern, da Haar soll sit­zen und der Mini­rock sowie­so und wie die Jungs es schaf­fen, auf Sti­let­tos durch die Gegend zu kla­ckern und dabei gut aus­zu­se­hen wer­de ich noch begrei­fen ler­nen. Zumin­dest gibt es laut Gesund­heits­amt immer mehr männ­li­che Mager­süch­ti­ge, vor allem in den Grossstädten.

«Hast Du Lust, Masao Adachi zu tref­fen?» Was für eine Fra­ge und so gibt es in Umeda zuerst des Abends sei­nen Film Ter­uris­to und Adachi selbst ist müde und führt sein Kind an einem Hal­te­gurt spa­zie­ren und so trifft man sich am nächs­ten Mor­gen zu Milch­kaf­fee, alles ist Film und er selbst macht kei­ne Anstal­ten von sei­ner Ach so berüch­tig­ten Ver­gan­gen­heit zu erzäh­len. Die Leu­te sol­len mei­nen Film sehen und gut ist es. Betrun­ken sind immer noch alle und des Nachts keh­re ich zum Hotel zurück, als ein Herr aus einer Knei­pe tritt, mich kurz anschaut und schliess­lich sei­ne Hose her­un­ter­lässt und in gestreif­ter Shorts dasteht. Augen­brau­en­he­ben reicht auch dies­mal wie­der und die schon erwähn­ten Jungs in High­heels applau­die­ren und win­ken mir zu. Manch­mal ist das Leben wie ein Film und das kann auch ängs­ti­gen. Oder ist Film doch wie das Leben? Macht auch Angst.

Wer­be-TV in der Nacht: die Wäsche muss weiß sein (sonst ver­lässt dich irgend­wann dei­ne Ehe­frau), aber wenn die Wäsche so wirk­lich weiss ist, kehrt sie doch wie­der zurück, und unser bebrill­ter Wer­be­spot- Prot­ago­nist nimmt sei­ne Frau (mit­samt rie­si­gem Beu­tel vol­ler Schmutz­wä­sche!) an der Haus­tür wie­der dank­bar in Emp­fang. Kein Lieb­ha­ber die­ser Welt wäscht so gut wie der eige­ne Ehemann.

Omu­ri hat die neue Bio­gra­fie zu Sei­jun Suzu­ki ver­fasst, und mit­samt rie­si­ger Retro­spek­ti­ve im Cine Nou­veau (Hal­te­stel­le Kujo) wird das Ereig­nis gefei­ert. Suzu­ki ist auch da und beant­wor­tet Zuschau­er­fra­gen. Manch­mal ist es wie­der ganz ein­fach: Zigeu­ner­wei­sen? Jedes mal, wenn der Film lang­wei­lig wur­de habe ich ordent­lich Musik drauf­ge­legt, das mache ich immer so und funk­tio­niert auch immer. Kein Film muss län­ger sein als 90 Minu­ten, wenn doch, willst Du die Leu­te nicht unter­hal­ten son­dern the­ra­pie­ren. Spricht’s und hebt sein Was­ser­glas. «Ich habe nicht genug Fil­me gemacht, aber der Rest kommt noch.»

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TV am frü­hen Mor­gen und die Koch­sen­dun­gen sind immer noch ver­wir­rend. Eine Möh­re wird der Län­ge nach zer­teilt und ana­ly­siert, die hüb­sche Form und erst die Far­be! Noch nie war eine Möh­re so schön, ganz sicher nicht. Aber lan­ge darf man den Blick nicht von der Matt­schei­be wen­den, sich etwa vorn­über­beu­gen, um sich die Schu­he zuzu­bin­den, dann beginnt bestimmt schon wie­der eine neue Sen­dung und was ich erst für eine Karaōke-Sen­dung hal­te ist eigent­lich die hie­si­ge Hit­pa­ra­de. Man darf sich nicht so ernst neh­men. Und Kita­no schlägt in sei­ner Talk­show den jun­gen Damen im Publi­kum mit einem Fächer ordent­lich auf den Kopf, Aus­wei­tung der Schmerz­zo­ne, und die Begeis­te­rung nimmt kein Ende, Applaus inbe­grif­fen, ein­fach herr­lich normal.

Und schließ­lich Kiyo­shi Kur­o­sa­wa, es gibt eine lan­ge Nacht mit sei­ne Fil­men im Pla­net-Kino und gegen 6 Uhr wird er ins Bü­ro gelotst, sitzt etwas ver­lo­ren neben dem über­vol­len Aschen­be­cher und erzählt von Ita­li­en. Ein paar Stun­den spä­ter sitzt man im Restau­rant und er schal­tet zwi­schen Eng­lisch und Japa­nisch hin und her, mein Über­set­zer aus San Fran­sis­co geht mir gehö­rigst auf die Ner­ven, bis ich ihn irgend­wann nur noch igno­rie­re und ich zwin­ke­re mir die gute Ai wie­der her­an, die Gott­lob mein Zwin­kern rich­tig inter­pre­tiert und immer mehr ein wenig näher rückt, bis der unaus­steh­li­che jun­ge Mann sich gelang­weilt abwen­det. Drei Stun­den spä­ter geht es zurück zum Kino, das dazu­ge­hö­ri­ge Café ist über­füllt mit jun­gen Leu­ten und Kur­os­wa erzählt von sei­ner Arbeit und sei­nem wohl bes­ten Film, eine Rad­sport­do­ku, sein bes­ter Film «sagt mei­ne Frau». Mor­gens um vier reg­net es und er macht sich mit einem wei­ßen Regen­schirm auf den Weg zum Hotel. Spä­ter wird man wach, Fens­ter auf, drit­ter Stock: Elvis singt «Love me ten­der». Anfang bis Ende, nur das eine Lied, dann ist es wie­der ruhig.