Al doilea joc von Corneliu Porumboiu

Wenn einer der bes­ten Fil­me des Kino­jah­res ohne Kame­ra­mann und Dreh­buch­au­tor ent­steht, dann soll­te man dar­über nach­den­ken. In Cor­ne­liu Por­um­boi­us Al doi­lea joc sehen wir ein Fuß­ball­spiel zwi­schen Steaua Buka­rest und Dina­mo Buka­rest. Es ist dies die Auf­nah­me einer alten VHS-Kas­set­te aus dem Jahr 1988, die Bild­qua­li­tät zer­geht in den Infor­ma­tio­nen einer aus­ge­lei­er­ten Optik, aber man erkennt eine unge­ahn­te Schön­heit im bestän­di­gen und unwirk­li­chen Schnee­trei­ben der rumä­ni­schen Haupt­stadt. Zu hören ist-und hier kommt tat­säch­lich die Arbeit eines Cut­ters mit ins Spiel-ein die Bil­der kom­men­tie­ren­der Dia­log zwi­schen Cor­ne­liu Por­um­boiu und sei­nem Vater Adri­an, der die Par­tie vor 26 Jah­ren als Schieds­rich­ter lei­te­te. Die­ser Dia­log, so gestand der Regis­seur, wur­de aus meh­re­ren Takes zusam­men­ge­flickt. Außer dem Ein­lau­fen der Spie­ler und einem tat­säch­lich mit hin­zu­ge­füg­ter Musik unter­leg­ten Ende des Spiels hat der Film also tat­säch­lich exakt die Län­ge eines Fuß­ball­spiels: 90 Minu­ten +/- Nachspielzeit.

Zwar sind und waren Paa­run­gen zwi­schen Steaua und Dina­mo immer von beson­de­rem Cha­rak­ter, zumal in der Ära von Ceaușes­cu somit das Team der Armee gegen jenes der Geheim­po­li­zei antrat, aber ansons­ten ist die­se Par­tie wohl abge­se­hen vom hef­ti­gen Schnee­trei­ben kei­nem Fuß­ball­fan in Rumä­ni­en in beson­de­rer Erin­ne­rung, ein nor­ma­les Spiel, ein all­täg­li­ches Spiel aus einer gro­ßen Zeit des rumä­ni­schen Fuß­balls (Sport wur­de beson­ders und mit allen Mit­teln geför­dert, weil er ein bestimm­tes Bild des Kom­mu­nis­mus ver­mit­tel­te, damit ist eines der zahl­rei­chen The­men, über die Vater und Sohn hier spre­chen auch ganz auto­ma­tisch der Ver­fall des rumä­ni­schen Fuß­balls). Schon zu Beginn stellt sich natür­lich die Fra­ge, inwie­fern ein sol­ches Unter­fan­gen über­haupt von einer fil­mi­schen Qua­li­tät sein kann, denn schließ­lich ste­hen weder Tech­nik noch Inhalt für das Kino. Aber in der Kom­bi­na­ti­on von Bild und Ton und vor allem ihrem Aus­ein­an­der- und Zuein­an­der­drif­ten ent­wi­ckelt sich eine Ebe­ne, die man schlicht­weg als gro­ßes Kino bezeich­nen kann. Hin­zu kommt, dass Herr Por­um­boiu wie bereits in sei­nem gran­dio­sen Debut A fost sau n‑a fost? die zeit­li­che Geschlos­sen­heit einer TV-Über­tra­gung als rhyth­misch-dra­ma­ti­sches Ele­ment für sei­nen Film benutzt. Und wie in sei­nem vor­letz­ten Film Când se lasa seara peste Bucu­res­ti sau meta­bo­lism legt er gleich­zei­tig einen selbst­re­fle­xi­ven Spie­gel auf sein eige­nes Schaf­fen und jenes des Medi­ums, das er dafür benutzt. Der Schnee, der mit den zum Teil absur­den Zen­sur­schnit­ten des staat­li­chen Fern­se­hens, die bei kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf dem Spiel­feld auf die star­ren ver­eis­ten Zuse­her schnei­den, eine beto­nen­des Ele­ment bekommt, gibt dem Spiel eine ästhe­ti­sche Qua­li­tät, die man so nicht erwar­tet hät­te. Ein VHS-Baum ist mehr­fach im Bild, im Hin­ter­grund ste­hen kalt­ge­fro­re­ne Poli­zis­ten und das wei­ße Rau­schen legt sich über das Spiel wie die Zeit selbst, ein sinn­li­cher, spür­ba­rer Genuss, der auch die Bewe­gun­gen von Ball und Spie­lern in einer Art ent­frem­det, die man im pro­fes­sio­nel­len Fuß­ball sel­ten sieht.

Porumboiu Steaua Bukarest

Viel­leicht ist es aber sowie­so der Fuß­ball selbst, der eini­ges an künst­le­ri­schem Poten­zi­al auf­weist, was meist unter dem Zir­kus­spek­ta­kel und Gejoh­le von Fans begra­ben wird. Herr Por­um­boiu besitzt den sen­si­blen Fil­ter, der auf jene ästhe­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Aspek­te des Spiels ein­geht. Damit steht er sicher­lich nicht allei­ne. So hat die Cahiers du Ciné­ma im Som­mer anläss­lich der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten die unter­schied­li­chen Regis­seu­re der TV-Über­tra­gun­gen nach auteu­ris­ti­schen Merk­ma­len unter­sucht und die jewei­li­gen Über­tra­gun­gen nach for­ma­len Gesichts­punk­ten wie der Län­ge von Ein­stel­lun­gen und der Häu­fig­keit von Zwi­schen­schnit­ten unter­sucht. Ich habe mich dar­in ver­sucht, den Free­ze-Frame zwi­schen Fuß­ball und Kino zu betrach­ten. Auch erin­ner­te mich Al doi­lea joc an eine legen­dä­re TV-Über­tra­gung einer Par­tie zwi­schen Bay­ern Mün­chen und Borus­sia Dort­mund im Pay-TV (damals noch: Pre­miè­re). Man konn­te bei die­sem Spiel zwi­schen zwei unter­schied­li­chen Ton­spu­ren wäh­len. Auf einer kom­men­tier­te Mar­cel Reif das Gesche­hen und auf der ande­ren das Duo Micha­el Bul­ly Herbig und Ste­fan Raab. In der ers­ten Hälf­te kom­men­tier­ten die bei­den Komi­ker noch das Gesche­hen, sie ris­sen ihre Wit­ze und hat­ten einen gro­ßen Spaß bei einem ziem­lich unver­gess­li­chen Spiel. In der Halb­zeit ent­schie­den sie sich dann, eine Piz­za zu bestel­len und ver­wei­ger­ten zu gro­ßen Tei­len der zwei­ten Hälf­te jeg­li­chen Kom­men­tar des durch­aus dra­ma­ti­schen Gesche­hens. Auch das war gewis­ser­ma­ßen Kino. Wie bei Herrn Por­um­boiu ent­fal­te­te sich eine Dyna­mik, die auch jen­seits des Spiels hät­te statt­fin­den kön­nen, aber nur mit den Augen auf die­ses Spiel so statt­ge­fun­den hat. Zwar ist in Al doi­lea joc der Kom­men­tar des tat­säch­lich sicht­ba­ren Bilds deut­lich rele­van­ter, aber die von merk­wür­di­gen Schwei­ge­pas­sa­gen und zärt­li­chem Humor bestimm­te Vater-Sohn Bezie­hung, die hier im Rah­men des Spiels ent­steht, gibt zu den­ken. Zum einen, weil man hier einen Sohn hat, der sei­nen Beruf aus­übt und sich wäh­rend sei­ner Tätig­keit mit dem Beruf sei­nes Vaters aus­ein­an­der­setzt. Dadurch wer­den Par­al­le­len zwi­schen bei­den Beru­fen offen­ge­legt und Denk­wei­sen ver­gli­chen. Hier wäre die aus­gie­bi­ge Dis­kus­si­on der Vor­teils­re­gel nen­nens­wert, die Adri­an bis zur Schmerz­gren­ze sehr kon­se­quent anwen­de­te. Es ging ihm dabei um den Fluss des Spiels, das Wei­ter­ge­hen, also wie die Zeit, wie das Kino. Statt einer Unter­bre­chung der Welt geht die Zeit wei­ter. Die Din­ge ver­än­dern sich, aber sie lau­fen wei­ter. Inwie­fern sich also die Auf­ga­ben eines Regis­seurs und eines Schieds­rich­ters ähneln„ ist eine der Fra­gen des Films. Wenn man Zeit-und so macht man das ver­nünf­ti­ger­wei­se-als einen Motor des Kinos betrach­tet, ist klar, dass die Bedeu­tung ihres Kon­ti­nu­ums eine gro­ße Rol­le spie­len muss und gera­de im zeit­ge­nös­si­schen rumä­ni­schen Kino und im Schaf­fen von Por­um­boiu spielt die Idee einer zeit­li­chen Geschlos­sen­heit und Kon­ti­nui­tät eine her­aus­ra­gen­de Rolle.

Zum ande­ren ist das pri­va­te Gespräch abseits jeg­li­cher Kame­ras von einer Natür­lich­keit und All­täg­lich­keit geprägt, die tat­säch­lich in das Leben zwi­schen die­sen bei­den Men­schen bli­cken kann. Der Blick auf ein drit­tes Bild, das in Rela­ti­on zu die­sen bei­den Men­schen steht, ist dabei von ent­schei­den­der Bedeu­tung, denn das Fuß­ball­spiel ist Grund für den Film und Ver­gan­gen­heit des Vaters zugleich. Neben den unter­schied­li­chen Wel­ten und Per­spek­ti­ven tref­fen hier also auch unter­schied­li­che Zei­ten von Vater und Sohn auf­ein­an­der. Natür­lich ist man ver­sucht sofort die poli­ti­sche Kar­te zu spie­len, sicher­lich wählt Por­um­boiu auch nicht nur wegen des Schnee­falls ein Spiel aus dem Jahr 1988 aus. Aber sei­ne Angst als Kind, von der er ein­mal spricht und die pro­fes­sio­nel­le Nüch­tern­heit sei­nes Vaters gegen­über die­ser Ver­gan­gen­heit bewe­gen sich auf einer Rasier­klin­ge des Unaus­sprech­ba­ren (der Vater erzählt wie es lief und was er tat, Emo­tio­nen schei­nen damit nicht ver­bun­den zu sein.). Damit ist Al doi­lea joc ein zutiefst trau­ri­ger Film. Er erzählt davon, wie schwer es ist, mit unse­ren Söh­nen und unse­ren Vätern zu kom­mu­ni­zie­ren. In Juventu­de em mar­cha von Pedro Cos­ta gibt es die­se Sze­ne zwi­schen Van­da und Ven­tura, in der die bei­den minu­ten­lang neben­ein­an­der auf einem Bett sit­zen und lie­gen und in einen Fern­seh­schirm Off-Screen bli­cken. Ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on redu­ziert sich auf die Bil­der. Herr Por­um­boiu dreht die­ses Bild um, er zeigt uns nur den Fern­seh­bild­schirm, aber die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die­sel­be. Selbst­ver­ständ­lich wirkt dies zunächst anders, da der Regis­seur mit eini­gen kon­kre­ten Fra­gen ver­sucht, sei­nen Vater aus der Reser­ve zu locken. Aber gera­de in der zwei­ten Halb­zeit wer­den die Pas­sa­gen des Schwei­gens län­ger und eine tris­te Lee­re legt sich über die Gegen­wär­tig­keit des Spiels. Hier redu­ziert sich der Dia­log oft auf kur­ze Bemer­kun­gen zum Spiel, kri­ti­sche Sei­ten­hie­be bezüg­lich einer Schieds­rich­ter­ent­schei­dung und einer gewis­sen Bewun­de­rung der Geschwin­dig­keit des Spiels. Damit ist es das drit­te Bild einer ver­zehr­ten und irgend­wie unter­schied­li­chen Ver­gan­gen­heit das Vater und Sohn hier fast gewalt­voll, in Form eines Films zusammenbringt.

Al doilea joc

Al doi­lea joc ist auch ein Film über die Mög­lich­keit eines Films. Vor dem Gespräch besteht ein­zig das Poten­zi­al eines Films, der erst im Gespräch zur Rea­li­tät wer­den kann. Damit macht Herr Por­um­boiu die Zeit schon in der Her­stel­lung sei­nes Films zu einem Haupt­cha­rak­ter. Gera­de in einer Zeit, in der Ori­gi­na­li­tät und Indi­vi­dua­li­tät als unhalt­bar hohe Wer­te im Film­schaf­fen hoch­ge­hal­ten wer­den, zeigt Herr Por­um­boiu bereits zum ver­mehr­ten Mal, dass die Absur­di­tät des All­tags das gan­ze Kino umar­men kann. Er geht nur inso­fern einen Schritt wei­ter, indem er beweist, dass er dafür kei­ne Kame­ra braucht. Ein Found Foo­ta­ge-Beckett sozu­sa­gen. Wenn Herr Por­um­boiu an einer Stel­le das lau­fen­de Spiel mit einem sei­ner Fil­me ver­gleicht, weil da genau­so wenig pas­siert, dann sieht man ihn fast schel­misch grin­send hin­ter dem Mikro­fon. Die­ser hors champs der Stim­men, die wir da hören, ist auch des­halb so bemer­kens­wert, weil wir das jün­ge­re Abbild eines Man­nes sehen wäh­rend wir von sei­ner Gegen­wart nur noch eine Stim­me haben, als Echo einer ver­dräng­ten Ver­gan­gen­heit, die poli­tisch oder per­sön­lich oder bei­des sein kann. Wel­ches Bild setzt sich in einem Kopf fest? Der Fuß­ball ist des­halb so ein geeig­ne­tes Ereig­nis für die­se Fra­gen, weil er zugleich ein flüch­ti­ger Sport ist, in dem die Hel­den von heu­te in einer Woche viel­leicht nur noch Ersatz­spie­ler sind und er trotz­dem so unheim­lich auf Legen­den­bil­dung und His­to­ri­zi­tät baut. Dies wird auch an einer Stel­le im Film the­ma­ti­siert. Das Bild die­ses Man­nes sehen wir, aber nur das ver­gan­ge­ne Bild. Die­ses Bild wird aber wie­der gegen­wär­tig im Film, damit belebt der Sohn die Ver­gan­gen­heit des Vaters und wir erle­ben den Pro­zess die­ser Wie­der­be­le­bung. In die­sem Sinn ist Al doi­lea joc ein schö­ner, zärt­li­cher Film.

Anmer­kun­gen: Vor län­ge­rer Zeit habe ich einen kur­zen Text zum Schaf­fen von Por­um­boiu ver­fasst. Hier der Link