Rather Be A Dick Than A Swallower: Welcome to New York von Abel Ferrara

Wie so oft war es im Fall von Wel­co­me to New York von Abel Fer­ra­ra die rich­ti­ge Ent­schei­dung, mit der Betrach­tung des Films so lan­ge zu war­ten, bis die Pole­mi­ken und Dis­kus­sio­nen um Mar­ke­ting, Inhalt und Authen­ti­zi­tät des auf der Domi­ni­que Strauss-Kahn-Affä­re beru­hen­den Films, nicht mehr wirk­lich prä­sent waren. So konn­te ich mich auf den Film allei­ne ein­las­sen. Und wie begeis­tert ich bin! Abel Fer­ra­ra genießt in bestimm­ten Krei­sen ein sehr hohes Anse­hen, des­sen Her­kunft mir immer etwas unklar schien. Zwar konn­te ich Fil­men wie King of New York, Bad Lieu­ten­ant oder The Addic­tion durch­aus etwas abge­win­nen, in Jubel­stür­me bin ich aber des­halb nie ver­fal­len. Nach dem für mich eher ent­täu­schen­den Paso­li­ni im ver­gan­ge­nen Jahr bin ich also eher mit gedämpf­ten Erwar­tun­gen in den Film, der letz­tes Jahr unter bizar­ren Umstän­den inof­fi­zi­ell am Ran­de des Fes­ti­vals in Can­nes gezeigt wur­de, gegangen.

Depardieu Strauss-Kahn

Fer­ra­ra wagt eine gewohnt vul­gä­re, direk­te und fre­che Ver­mi­schung fik­tio­na­ler Erfin­dun­gen und mög­lichst detail­ge­treu­er Dar­stel­lun­gen. Nach eini­gen Ein­ord­nun­gen und Erklä­run­gen der Fik­tio­na­li­tät des Films und einer vir­tuo­sen Ver­bin­dung kapi­ta­lis­ti­scher, poli­ti­scher, fran­zö­si­scher und ame­ri­ka­ni­scher Sym­bo­le in der Anfangs­se­quenz, fol­gen wir im Stil von La Gran­de Bouf­fe eine lan­ge Zeit einer Orgie mit ver­schie­de­nen Pro­sti­tu­ier­ten, die noch wäh­rend der Arbeit beginnt und sich bis zum nächs­ten Mor­gen zieht. Dabei legt Fer­ra­ra den Fokus auf das Ani­ma­li­sche sei­ner Figur Devereaux, die von einem wild grun­zen­den und nach Luft schnap­pen­den Gérard Depar­dieu in einer groß­ar­ti­gen Per­fo­mance ver­kör­pert wird und mal mehr und mal weni­ger deut­lich auf Strauss-Kahn basiert. Er wirkt zugleich unbe­hol­fen als auch abso­lut domi­nant und wider­wär­tig im Umgang mit den Frau­en, die das, wohl letzt­lich auf­grund des Gel­des, den­noch glück­lich über sich erge­hen las­sen. Am nächs­ten Mor­gen kommt es zum welt­be­rühm­ten Zwi­schen­fall mit der Hotel­an­ge­stell­ten. Fer­ra­ra zeigt die­se Sekun­den in einer Art und Wei­se, die sehr deut­lich ist, aber den­noch Raum zur Spe­ku­la­ti­on lässt. Zumal Devereaux spä­ter sei­ner Frau ein Geständ­nis macht, das mehr impli­ziert als wir sehen konn­ten. Wie meist in die­sem Film zeigt Fer­ra­ra genau das, was not­wen­dig ist. Immer wie­der gibt es kur­ze Schwenks oder Schnit­te, die unser Bild des Gesche­hens aufs Neue hin­ter­fra­gen. Rand­fi­gu­ren bekom­men plötz­lich Bedeu­tung und Fer­ra­ra inter­es­siert sich auch für ihre Gleich­gül­tig­keit oder Emo­ti­on. Eine tie­fe Ver­let­zung tritt zum Bei­spiel auf, als ein Schwenk im Gericht für eine kur­ze Sekun­de plötz­lich die Toch­ter von Devereaux im Bild­hin­ter­grund ent­deckt. Es ist nur kon­se­quent, dass vie­le Sze­nen zunächst Unbe­kann­ten oder Rand­fi­gu­ren fol­gen bis der Prot­ago­nist das Bild betritt. In der Fol­ge kommt es zur Ver­haf­tung am Flug­ha­fen und der ein­fluss­rei­che Ban­ken­chef, der sich um den Job als Prä­si­dent Frank­reichs bemüht, wird in ein Gefäng­nis gebracht. Die­sen Sequen­zen folgt der Film mit einer der­art minu­tiö­sen Detail­treue, die weder Absur­di­tä­ten noch All­täg­lich­kei­ten aus­spart, dass Fer­ra­ra hier eine Inten­si­tät der lau­fen­den Zeit erreicht, wie man sie der­zeit häu­fig nur im rumä­ni­schen Kino wahr­neh­men kann. Das Geld sei­ner Frau und das Schau­spiel in der Öffent­lich­keit sind für Fer­ra­ra der Grund, war­um die Ankla­ge schließ­lich fal­len­ge­las­sen wird. Bis dahin ver­bringt Devereaux sein Leben in einem äußerst teu­ren Appar­te­ment mit Fuß­fes­sel und einem unver­än­der­ten sexu­el­len Drang. Dabei zeigt Fer­ra­ra lan­ge Streit­ge­sprä­che zwi­schen dem Ver­bre­cher und sei­ner Frau Simo­ne. Wie schon in Paso­li­ni muss sich Fer­ra­ra dabei fra­gen las­sen, war­um er die bei­den Eng­lisch spre­chen lässt. So sehr man dar­in irgend­wel­chen ver­steck­ten Bot­schaf­ten lesen mag, so bizarr sind die­se sprach­li­chen Ver­ir­run­gen doch im Ange­sicht der sons­ti­gen fast doku­men­ta­ri­schen Detail­treue, die eben nicht nur für den Umgang mit den rea­len Vor­bil­dern gilt, son­dern auch für den Umgang mit den Dar­stel­lern, die in die­sem Fall bei­de Fran­zo­sen sind.

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Mehr­fach beschimpft Simo­ne ihren Mann als Kind. Wel­co­me to New York zeigt Macht als einen eigen­stän­di­gen Cha­rak­ter. Der rea­le Fall der Strauss-Kahn-Affä­re ist nur eine Basis für mora­lisch-phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen bezüg­lich kapi­ta­lis­ti­scher Macht und der Wir­kung die­ser Macht auf Men­schen und Sys­te­me. Je län­ger man Zeit mit dem zugleich bedroh­li­chen wie auch bemit­lei­dens­wer­ten Devereaux ver­bringt, des­to mehr kommt man zum Schluss, dass die­ser Mann von sei­ner eige­nen Macht beherrscht wird. Das Per­ver­se dar­an ist, dass ihm selbst das kaum scha­det, son­dern nur ande­ren Men­schen. Gegen Ende ver­fällt er in einen exis­ten­tia­lis­ti­schen Mono­log, der eine Gleich­gül­tig­keit gegen­über der Sinn­lo­sig­keit der Exis­tenz ein­for­dert und damit einen nihi­lis­ti­schen Turn in die huma­nis­ti­schen Über­le­gun­gen eines Camus legt. Der Film zeigt den Traum und die Ein­sam­keit eines Don Jua­nis­mus, der nicht vom Wil­len eines ein­zel­nen Man­nes aus­geht, son­dern von des­sen ego­is­ti­scher Gleich­gül­tig­keit und Macht­lo­sig­keit im Ange­sicht sei­ner eige­nen Macht. In die­sem Sinn ist Wel­co­me to New York eine Para­bel und die Bli­cke von Depar­dieu in die Kame­ra sowie der viel­deu­ti­ge Schluss um Devereaux und sein Haus­mäd­chen, das er begehrt und dann fürs ers­te davon­kom­men lässt, deu­ten auf einen grö­ße­ren Zusam­men­hang von Macht, Geld und Öffentlichkeit.

Fer­ra­ra wählt eine aggres­si­ve fil­mi­sche Form um die­se Ver­bin­dun­gen zu ver­deut­li­chen. Der Low-Bud­get Look und der Drang des Fil­me­ma­chers, an den rea­len Orten der Ereig­nis­se zu dre­hen, stel­len Fra­gen an die Dar­stell­bar­keit und Dar­stel­lung von Ver­bre­chen als zeit­ge­nös­si­sches Spek­ta­kel für die Mas­sen. Es gibt erhöh­te Mono­lo­ge, Found Foo­ta­ge und schein­bar mit ver­steck­ter Kame­ra gedreh­te Sze­nen in einer Hotel­lob­by. In man­cher Hin­sicht erin­nert der Film tat­säch­lich an Lau­ra Poi­t­ras Citi­zen­four nicht nur wegen des Set­tings und des kri­ti­schen Aktua­li­täts­be­wusst­seins, son­dern auch, weil Fer­ra­ra etwas Zufäl­li­ges kon­stru­iert, das immer wie­der so wirkt als wür­de er im Gehei­men dre­hen müs­sen. Nicht, dass wir uns da falsch ver­ste­hen, das Gan­ze erzeugt kei­nen Sus­pen­se wie bei Poi­t­ras, aber eine Direkt­heit, die mora­li­sche Fra­gen aus der Hand­lung gewinnt und nicht Hand­lung als Grund mora­li­scher Fra­gen erzeugt. Fer­ra­ra ver­mischt dabei alles und fragt damit ähn­lich wie Cris­ti Puiu in des­sen Auro­ra nach dem, was wir sehen, wenn wir einen Film sehen. Fer­ra­ra betreibt die­ses Spiel in vie­ler­lei Hin­sicht deut­lich vul­gä­rer, direk­ter und nai­ver als Puiu, aber in der Dop­pe­lung mit dem media­len Skan­dal um die Affä­re ergibt sich ein abso­lut über­zeu­gen­des Bild, das stän­dig so tut als wür­de es von Dicho­to­mien erzäh­len, aber letzt­lich kei­ne fin­det. Ein plötz­li­cher Ver­weis auf die fran­zö­si­sche Film­ge­schich­te mit Sze­ne aus Domic­i­le con­ju­gal von Fran­çois Truf­f­aut, die Bli­cke in die Kame­ra, Han­dy­bil­der und eine fast por­no­gra­phi­sche Dar­stel­lung der Sex­sze­nen zu Beginn sind immer zugleich eine Kri­tik an die­ser Dar­stel­lung als auch die Freu­de dar­an. Fer­ra­ra wirkt manch­mal wie ein Teen­ager, der etwas gefun­den hat und es mög­lichst pro­vo­ka­tiv unter die Leu­te brin­gen will, aber genau mit die­ser Eigen­schaft ist er der per­fek­te Regis­seur für die­sen Stoff.

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Das Beson­de­re an Wel­co­me to New York, zumal in einer Zeit, in der fil­mi­scher Rea­lis­mus häu­fig mit einem Ver­schwin­den des Autors gleich­ge­setzt wird, ist nicht nur die Ambi­va­lenz des Dar­ge­stell­ten son­dern auch die Ambi­va­lenz der Dar­stel­lung. So kann man sich nie sicher sein, ob man gera­de Ansich­ten von Strauss-Kahn, Devereaux, Depar­dieu oder Fer­ra­ra ver­nimmt. Der Film spielt äußerst ver­siert mit die­sen ver­schie­de­nen Ebe­nen. Dabei schont sich Depar­dieu kei­ne Sekun­de. Sein Kör­per, sei­ne Bezie­hung zu Frank­reich („Vive la France“) und sein Alter wer­den scho­nungs­los expo­niert. Dabei erfährt die Figur eine fil­mi­sche Gerech­tig­keit dort wo die juris­ti­sche Gerech­tig­keit ver­sagt. Der scho­ckie­ren­de Umgang mit den Frau­en zu Beginn des Films schlägt auf den Mann zurück, wenn die Kame­ra ihn beim Aus- und Anzie­hen im Gefäng­nis filmt. Die Kame­ra in Wel­co­me to New York ist ein Täter, ein Ver­ge­wal­ti­ger, die eben­falls von ihrer eige­nen Macht beherrscht wird. Trotz die­ser nicht ver­steck­ten Eigen­schaf­ten, gelingt es Fer­ra­ra immer wie­der sich selbst zu hin­ter­fra­gen (mit den gan­zen Erklä­run­gen und dem vor­an­ge­stell­ten Inter­view mit Depar­dieu, indem er sei­ne schau­spie­le­ri­sche Bezie­hung zu Mons­tern erklärt sogar etwas zu sehr für mei­nen Geschmack) und sich letzt­lich auf künst­le­ri­sche Beob­ach­tun­gen zu beru­fen, die sich Zeit lässt und die immer dann, wenn man glaubt eine poli­ti­sche oder mora­li­sche Ten­denz in den Bil­dern zu erken­nen, eine Kehrt­wen­de macht. Nicht nur in die­sem Sinn ist Wel­co­me to New York ein auf­re­gen­der Film, der wich­ti­ge mora­li­sche Fra­gen stellt, der etwas ehr­lich und direkt hin­stellt, von dem man nicht immer sagen kann, ob es eine Mei­nung oder eine Beschrei­bung ist und der es gera­de dadurch für eine öffent­li­che und sub­jek­ti­ve Debat­te freigibt.