Andere Seelen: Água Mãe von Hiroatsu Suzuki und Rossana Torres

Man­che Fil­me locken das ein­fa­che Wort «schön» auf die Lip­pen. Sie ruhen in sich, sodass einen eher das Gefühl beschleicht, man könn­te sie stö­ren mit all­zu viel Wort­schwall. Es ist nicht leicht zu sagen, ob man ihnen mit dem dann ein­set­zen­den und oft­mals end­gül­ti­gen Schwei­gen einen Gefal­len tut, denn auf der einen Sei­te kön­nen sie nur in die­sem wirk­lich wir­ken, auf der ande­ren Sei­te ste­hen sie beson­ders zer­brech­lich im Auf­merk­sam­keits­strom der Bil­der, von denen sie umge­ben sind und bedür­fen daher der klei­nen Stel­zen, die man unter ihnen errich­ten kann. Água Mãe von Hiroatsu Suzu­ki und Rossa­na Tor­res ist eine sol­che Arbeit. Gefilmt am Río Gua­dia­na bei Mér­to­la in Alen­te­jo, wo sich über die Jahr­hun­der­te vie­le Völ­ker nie­der­lie­ßen, beschwö­ren zumeist sta­ti­sche Bil­der, die sich für das Trei­ben des Flus­ses, sei­ne Far­ben und For­men inter­es­sie­ren, im Was­ser hau­sen­de Gegen­wär­tig­kei­ten, man könn­te von Geis­tern oder See­len spre­chen oder schlicht von einer im Rhyth­mus der Tages­zei­ten auf­leuch­ten­den Schrift der Ele­men­te und Zei­ten. Aber «beschwö­ren» ist eigent­lich schon das fal­sche Wort, denn dazu ist der Ansatz der Fil­me­ma­cher zu zurück­hal­tend. Viel­mehr sind sie ein­fach da und schau­en und wenn man mit ihnen schaut, kann man die­se Gegen­wär­tig­kei­ten ent­de­cken, im her­auf­zie­hen­den Nebel, in den Spie­ge­lun­gen auf der Fluss­ober­flä­che, im Abend­rot oder in den auf dem ste­hen­den Was­ser trei­ben­den Pollen.

Am Ufer ste­hen stei­ner­ne azen­has, his­to­ri­sche Was­ser­müh­len aus dem Mit­tel­al­ter, die wie schon die Mei­ler in Ter­ra, den die bei­den Fil­me­ma­cher am glei­chen Fluss, in der glei­chen Gegend film­ten, als Monu­men­te des Ver­gan­ge­nen im Jetzt bestehen, selt­sam unbrauch­bar und ja, schön. Suzu­ki und Tor­res nähe­ren sich die­sen archi­tek­to­ni­schen Gebil­den zag­haft, gleich jener scheu­en Was­ser­vö­gel, die sie beim fla­chen Flug über den Fluss fil­men. Ihre Bil­der drän­gen sich nicht auf. Es sind groß­teils Tota­len, die sich mal für den Fluß, mal für die Müh­len, mal für die Enten inter­es­sie­ren. Man könn­te an man­che Fil­me von James Ben­ning den­ken, aber Tor­res und Suzu­ki zwän­gen sich nicht in ein struk­tu­ra­lis­ti­sches Kor­sett, sie wol­len atmen. In eini­gen Ein­stel­lun­gen nähert sich die Kame­ra dem Wel­len­spiel der Strö­mung, den Tur­bu­len­zen und klei­nen Wir­beln im Gua­dia­na und man ver­liert sich im durch­läs­si­gen Licht des Was­sers, glaubt kurz­zei­tig Gesich­ter und Geschich­ten dar­in zu erken­nen, aber sie flie­ßen vor­bei und das ist es letzt­lich, was die­se Schön­heit nährt, denn man hört sie unent­wegt in ein Unbe­kann­tes rau­schen. Frei nach Chagall könn­te man for­mu­lie­ren: Je trans­pa­ren­ter der Fluss, des­to deut­li­cher tritt die Zeit aus ihm her­vor. Die­se Zeit, die es eigent­lich nur im Plu­ral gibt, ist es, die den Film bewegt.

Ver­stärkt wer­den der­lei Ein­drü­cke von einem Text der ver­stor­be­nen Schrift­stel­le­rin Manue­la Bar­ros Fer­rei­ra, der Mut­ter von Tor­res, die sel­bi­gen als Voice-Over liest. Der Titel des Tex­tes ist alma, See­le also. Dar­in schreibt sie von einem Traum umher­wan­dern­der See­len, die bis zum Tag des letz­ten Gerichts einen Auf­trag aus­füh­ren müss­ten. Der Text spricht von dem, was uns im Leben ent­geht, dem anhal­ten­den Hin­stre­ben auf was auch immer, den Auf­ga­ben und Pflich­ten, dem feh­len­den Raum zum Inne­hal­ten, zur Freund­lich­keit. Die See­len nun müss­ten im Nach­le­ben aus­füh­ren, was sie auch im Leben beschäf­tig­te, im Fall der Erzäh­le­rin ist das die Zube­rei­tung des Mit­tag­essens und nicht, wie sie sich das als Lin­gu­is­tin vor­stel­len wür­de, eine sprach­li­che Erzie­hung der Men­schen, die sie befrei­en wür­de. Eigent­lich aber hat sie kei­ne Zeit, sich Gedan­ken zu machen, dafür gäbe es ande­re See­len. Die Auf­ga­be nimmt sie zu sehr ein. Sie denkt nach über die Bedin­gun­gen einer Auf­er­ste­hung und die unzäh­li­gen See­len, die sie ver­pfle­gen müss­te und wie unmög­lich das sei. Jede Auf­ga­be, so ein­fach sie auch schei­nen möge, schreibt sie, sei des Teu­fels, weil sie solch kom­ple­xe Kal­ku­la­tio­nen erfor­de­re. Zum Bei­spiel wäre es unend­lich schwer, die ver­schie­de­nen For­men von Hun­ger unter den See­len zu ken­nen. Sie flieht und fragt sich, war­um sie sich die­se Gedan­ken macht über etwas, dass erst in der Zukunft gesche­hen wür­de. In ihrem Traum denkt sie wei­ter über das Essen nach, dass sie den See­len kochen könn­te, bis sie durch ein offe­nes Fens­ter auf ihrem Bett lan­det und auf­wacht. Sie erzählt, dass sie ihren Kol­le­gen von ihrem Traum erzähl­te, die­se aber nur wie üblich lach­ten, obwohl sie den Traum ande­ren erzähl­ten und nicht auf­hö­ren könn­ten, dar­über nach­zu­den­ken, weil sie die­ses vage Begeh­ren ver­spür­ten, dass am Ende der Tage eine Auf­ga­be auf uns war­te. Für die Erzäh­le­rin selbst drän­ge sich die­se, ihre Auf­ga­be bereits im Dies­seits auf. Sie wäre die Ver­sor­ge­rin in ihrem Haus wie so vie­le Frau­en, sagt sie. Ide­al wäre, wenn es eine Lösung gäbe und alle ver­pflegt wer­den könn­ten bis zum Tag des letz­ten Gerichts. Und zwar mit Brot. Jenes Brot, das in den azen­has dort am Fluss her­ge­stellt wurde.

Mit einem Mal fal­len die Erzäh­lung und die Land­schaft zusam­men bezie­hungs­wei­se sie gehen aus­ein­an­der her­vor. Wäh­rend man die­sen Text hört, fließt unab­läs­sig Was­ser den Gua­dia­na hin­ab. Ein Vogel schwebt durchs sta­ti­sche Bild und es drängt sich die­ses Gefühl auf, als wür­de die Stim­me aus der Land­schaft, der Was­ser­müh­le oder dem Was­ser kom­men. Dem ter­res­tri­schen Kino von Suzu­ki und Tor­res wohnt die Ver­gan­gen­heit inne, nicht als Erin­ne­rung son­dern als Gegen­wär­tig­keit, als Viel­zahl der Stimmen.

Die Schön­heit zer­reißt, zu weni­ge geben das zu. Man hält sie kaum aus. Wenn sie auf­rich­tig gefilmt ist – und das ist hier der Fall – fragt man sich, nach wel­chen «Wahr­hei­ten» man sucht in Fil­men und ob die Din­ge nicht bes­ser an jenen Stel­len auf­ge­ho­ben sind, die ihnen zuste­hen. Nichts muss ver­rückt oder erfun­den wer­den, alles ist da. Das Licht im Licht, der Strom im Strom, die Stim­men im Schweigen.