1957 – Enno Pata­l­as und Wil­fried Berg­hahn grün­den aus dem Umfeld stu­den­ti­scher Film­clubs her­aus die neue Zeit­schrift Film­kri­tik. Was waren die The­men und Dis­kur­se der Zeit? Wie posi­tio­nier­te sich die Zeit­schrift in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Nach­kriegs­zeit und unter wel­chen Umstän­den ent­stand jenes spä­ter berüch­tig­te Organ eines neu­en Den­kens über Film?

Als Refe­renz für das Gros der jun­gen deut­schen Stu­die­ren­den der 1950er dien­te nicht über­ra­schend auch für die Autoren der Film­kri­tik die phi­lo­so­phi­schen Ver­satz­stü­cke der Wei­ma­rer Repu­blik. Unter dem Ein­fluss der Film­tex­te von Lot­te Eis­ner und Sieg­fried Kra­cau­er muss­ten die über­wu­cher­ten intel­lek­tu­el­len Pfa­de der ver­wor­re­nen 1920er und 1930er Jah­re wie­der erschlos­sen wer­den, um über­haupt eine Posi­ti­on des Schrei­bens zu finden.

Wir wol­len es mit Wal­ter Ben­ja­min hal­ten: Das Publi­kum muss stets unrecht erhal­ten und sich doch durch den Kri­ti­ker ver­tre­ten füh­len.“ (FK 157)

In „Anstel­le eines Pro­gramms“ (FK 157) tas­ten sich die Autoren an eine Neu­de­fi­ni­ti­on des Begriffs Kri­tik mit­tels Ben­ja­mins Dik­tum an. Dabei galt gleich Zwei­er­lei im Nach­kriegs­deutsch­land zu negie­ren. Den bestehen­den Feuil­le­ton und die deut­sche Film­in­dus­trie, die sich bei­de selbst­ge­recht an der Ver­drän­gung des Gewe­se­nen betei­lig­ten. Einer­seits durch die schlich­te geschmacks-ori­en­tier­te Beschrei­bung des Films ohne die Reflek­ti­on gesell­schaft­li­cher Zusam­men­hän­ge, ande­rer­seits durch die Fabri­ka­ti­on mora­li­scher und sitt­li­cher Erzähl­for­men, die Kon­ti­nui­tät sym­bo­li­sier­ten. Es ging der Film­kri­tik um eine Nega­ti­on des Auto­ri­täts­den­kens und eine Eman­zi­pa­ti­on des Zuse­hers zum Kri­ti­ker. Mit dem Streit­mit­tel der Spra­che soll­te die Betrach­tung von Film als Kunst­form im Stan­de sein Bil­der zu schär­fen und Struk­tu­ren zu ent­hül­len. Der Mani­fest-Cha­rak­ter die­ses ers­ten Tex­tes zieht sich durch die ers­ten Jahr­gän­ge der Zeit­schrift. Eben­so die wie­der­keh­ren­de Rück­be­sin­nung auf den ideo­lo­gisch wie sprach­li­chen Duk­tus der in den 1950ern aus lin­ker Per­spek­ti­ve unum­gäng­li­chen Theo­rien der Frank­fur­ter Schu­le. So ver­wun­dert nicht das ein Abdruck eines Aus­zugs des Kul­tur­in­dus­trie-Kapi­tels aus Theo­dor W. Ador­no und Max Hork­hei­mers „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ das zwei­te Heft eröffnet.

Den Kapi­tä­nen des Films, die frei­lich immer nur die Pro­be auf ihr Exem­pel, die mehr oder min­der phä­no­me­na­len Schla­ger, und wohl­weis­lich nie­mals aufs Gegen­bei­spiel, die Wahr­heit, machen, erscheint es auch heut noch so. Ihre Ideo­lo­gie ist das Geschäft.“ (FK 257)

Unkom­men­tiert lässt man die The­sen zur Kul­tur­in­dus­trie ste­hen und kann damit doch nur eine Absa­ge an das ver­söhn­li­che Kino des Hei­mat­films mei­nen. Doch viel mehr for­dert die­ser Text in einer Zeit­schrift für Film­kri­tik zu einer Akti­vi­tät auf. Hier geht es um eine Beschäf­ti­gung mit Film die auf Durch­ar­bei­tung und Erkennt­nis basiert, abseits oder ent­ge­gen der kul­tur­in­dus­tri­el­len Invol­viert­heit des Films als „Amü­se­ment und Ver­län­ge­rung der Arbeit im Spät­ka­pi­ta­lis­mus“.

Der Wie­der­ab­druck von in Deutsch­land bis dato nur teil­wei­se ver­öf­fent­lich­ten oder gänz­lich unbe­kann­ten Tex­te gehör­te so schon von Beginn an zum Pro­gramm der Film­kri­tik und wird sich auch in den 1970ern unter ande­ren Vor­zei­chen fort­füh­ren. In der Aus­ga­be 1257 wer­den Aus­zü­ge von Hanns Eis­lers Text „Kom­po­si­ti­on für den Film“ abge­druckt. Ein Text der erst­mals zusam­men mit Theo­dor W. Ador­no 1947 im Exil auf Eng­lisch erschien. In „Funk­ti­on der Film­mu­sik“ (FK 1257) schlägt Eis­ler eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung der Bezie­hung des Auges zum Ohr, sowie des Films zur Musik vor, lässt dabei jedoch kei­nen Zwei­fel an den ideo­lo­gisch fal­schen Ver­wer­tungs­zu­sam­men­hän­gen des Ver­hält­nis­ses der bei­den Künste.

Das Ver­hält­nis der Musik zum Film ist nur der aus­ge­präg­te Fall des­sen, was ihr in der mono­pol-kapi­ta­lis­ti­schen Kul­tur zuge­mu­tet wird. […] Je här­ter der Stein, des­to süßer die Melo­die“ (FK 1257)

In der Gemein­sam­keit von Film und Musik – der kol­lek­ti­ven Rezep­ti­on, macht Eis­ler eini­ge Unter­schie­de auf. Das Auge als Organ der Kon­zen­tra­ti­on und Anstren­gung – das Ohr eher dekon­zen­triert und pas­siv. Ein Bann aus dem die „Tech­ni­fi­zie­rung der Musik“ – die Kom­po­si­ti­on unter ahar­mo­ni­schen Vor­zei­chen viel­leicht ent­kom­men könn­te. Der Text fun­gier­te hier auch als ein Vor­bo­te auf die im Jahr 1958 zu erschei­nen­de Zeit­schrift „F – Film 58“, wel­che eben­falls von der Film­kri­tik Redak­ti­on edi­tiert wur­de. „F“ scheint die pro­gram­ma­ti­schen Tex­te und Debat­ten­es­says des ers­ten Film­kri­tik Jahr­gangs zu über­neh­men. Wäh­rend in der Film­kri­tik in den Jahr­gän­gen 195859 die ein­füh­ren­den Essays und Streit­schrif­ten ver­schwan­den und sich nur auf Kri­ti­ken kon­zen­triert wird, fin­den sich in „F – Film 58“, Abdru­cke von Ador­no, Eis­ler, Brecht oder auch dem fran­zö­si­schen „Pata­phy­si­ker“ Ray­mond Que­neau wie­der. Doch auch län­ge­re Essays von Pata­l­as oder Ulrich Gre­gor zum Neo­rea­lis­mus oder eine Sozi­al­ge­schich­te des US-Films fan­den in „F – Film 58“ ihren Platz. Text­for­men die in den Jahr­gän­gen nach 1957 anschei­nend aus­ge­la­gert wer­den muss­ten. Letzt­end­lich erschie­nen nur drei Aus­ga­ben der „F wie Film 58“ und die Reprints von Dritt­au­to­ren, sowie aus­führ­li­che­re Essays fan­den erst nach zwei Jahr­gän­gen in den frü­hen 1960ern wie­der einen Platz in der Zeit­schrift (sie­he FK 161).

Der Abdruck des Radio-Essays „Das Welt­bild der Wochen­schau“ (FK 757) von Hans Magnus Enzens­ber­ger im Süd­deut­schen Rund­funk gesen­det, ver­an­schau­licht hin­ge­gen Medi­en­kri­tik, in der Enzens­ber­ger sechs Pro­duk­ti­ons­mus­ter der Nach­kriegs­wo­chen­schau cha­rak­te­ri­siert und poin­tier­te Ideo­lo­gie­kri­tik mit Hang zum Kal­ten Kriegs-Zynis­mus betreibt.„Das gehei­me Ideal ist die Bom­be. Die Atom­bom­be ist his­to­risch und ele­men­tar zugleich. Sie ist größ­te Aktua­li­tät und zugleich deren Ende. Aktua­li­tät und Infor­ma­ti­ons­wert der Schau sind mini­mal. Die ver­wen­de­ten Ele­men­te glei­chen Mar­ken­ar­ti­keln, die stan­dar­di­siert wie­der­keh­ren. Die Kür­ze der Sto­ries führt zu einem emo­tio­na­len Wech­sel­band zwi­schen Idyl­le und Deto­na­ti­on.“ (FK 757)

Ein Groß­teil der Leit­ar­ti­kel des Jah­res 1957 gehen jedoch auf dama­li­ge Pro­ble­me und Dis­kus­sio­nen der Film­kul­tur ein. Als neue Zeit­schrift muss­te man sich klar posi­tio­nie­ren. So fin­det sich gleich in der drit­ten Aus­ga­be eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem inner-deut­schen Staa­ten­kon­flikt anhand der Geschich­te des Regis­seurs Wolf­gang Staud­te, in wel­chem ins­be­son­de­re der Umgang west­deut­scher Film­ver­lei­her und Zen­sur­be­hör­den mit Regisseuren,die in der DDR gear­bei­tet haben kri­ti­siert wird. Staud­te hat­te zunächst nach dem Krieg eini­ge Fil­me für die DEFA gedreht, spä­ter jedoch auch in der BRD mit Pro­duk­ti­ons­fir­men zusam­men­ge­ar­bei­tet. Sein Film Der Unter­tan wur­de fünf Jah­re lang unter dem Ver­dacht eines Angriffs auf die BRD im Wes­ten ver­bo­ten und kam spä­ter nur in einer stark geschnit­te­nen „west­deut­schen“ Fas­sung heraus.

Immer noch hat nur die plat­te Unver­bind­lich­keit eine Chan­ce, von hier in die Kinos der Sowjet­zo­ne zu gelan­gen; immer noch gibt es in Bonn einen Inter­mi­nis­te­ri­el­len Aus­schuss, der selbst inter­ne und kos­ten­freie Vor­füh­run­gen öst­li­cher Fil­me unter­sa­gen darf, ohne die Film­selbst­kon­trol­le zu fra­gen. Ganz zu schwei­gen von der sub­ti­len und frei­wil­li­gen Selbst­kon­trol­le der gleich­ge­schal­te­ten Pro­du­zen­ten- und Ver­lei­her­hir­ne, die so viel radi­ka­ler arbei­tet als die so-genann­te im bie­bri­cher Schloss“ (FK 357)

Ins­be­son­de­re das The­ma der Zen­sur und Ver­füg­bar­keit aus­län­di­scher Fil­me in Deutsch­land beschäf­tig­te die Film­kri­tik. In „Ver­stüm­melt, ver­bo­ten, ver­ges­sen“ (FK 457) wird die aus­ge­üb­te restau­ra­ti­ve Kon­trol­le über das neo­rea­lis­ti­sche ita­lie­ni­sche Kino durch deut­sche Schnitt­fas­sun­gen auf­ge­grif­fen. Um das deut­sche Publi­kum in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Ver­gan­gen­heit zu scho­nen, wur­den nega­tiv zu lesen­de Reprä­sen­ta­tio­nen deut­scher Sol­da­ten aus den Fil­men Vis­con­tis und Ros­se­li­nis gestri­chen. Ein revi­sio­nis­ti­scher Wider­stand gegen­über der Geschich­te, wel­cher von der Film­kri­tik eben­so mit der Ver­en­gung des Film­mark­tes durch ein US-ame­ri­ka­ni­sches Mono­pol in der BRD erklärt wird. Die­se Geschichts­ver­ges­sen­heit wirft die Film­kri­tik auch der FSK (Frei­wil­li­gen Selbst­kon­trol­le der Film­wirt­schaft) vor und warnt in der Aus­ga­be 957 neben der Frei­ga­be frag­wür­di­ger Fil­me aus dem drit­ten Reich, eben­falls vor der För­de­rung mili­ta­ris­ti­scher Fil­me, die sich posi­tiv auf die „gute Gesell­schaft“ des Kai­ser­reichs oder die Posi­ti­on des „ein­fa­chen Sol­da­ten“ bezie­hen und ihren Blick auf grö­ße­re his­to­ri­sche Zusam­men­hän­ge beschrän­ken. Die­ses Auf­wei­chen der Zen­sur­vor­ga­ben kurz nach dem Krieg lässt einen star­ken Ver­gleich zu, der beken­nend von der Dras­tik einer erstark­ten Natio­na­li­sie­rung Deutsch­lands in den 1950ern spricht.

Die ver­häng­nis­vol­le Rol­le des Films bei der Zer­stö­rung der Grund­la­gen der Wei­ma­rer Repu­blik, sei­ne Hil­fe bei der ideel­len Vor­be­rei­tung des deut­schen Faschis­mus und spä­ter der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­vor­be­rei­tung zwin­gen zur Wach­sam­keit, noch dazu in einem Augen­blick, wo die Ufa erneut (und offen­sicht­lich unter gehei­mer Steue­rung durch einen Teil der gegen­wär­ti­gen Regie­rung und die hin­ter ihr ste­hen­den Wirt­schafts- und Finanz­kri­se) sich rekon­stru­iert und als größ­ter Kon­zern in das deut­sche Film­ge­schäft zurück­kehrt.“ (FK 957)

Neben den Fes­ti­val­kri­ti­ken aus Can­nes, der Ber­li­na­le, sowie Vene­dig 1957 in den Aus­ga­ben 657, 857 und 1057, bei denen Ber­lin mit sei­nem „Kli­ma freund­li­cher Über­ein­stim­mung“ nicht nur am Schlech­tes­ten weg­kommt, son­dern auch als sym­pto­ma­tisch für die „Akzent­ver­schie­bung zwi­schen Kunst und Geschäft zuguns­ten der unver­hohlenen Kom­mer­zia­li­tät“ betrach­tet wur­de, kann man den Leit­ar­ti­kel der Aus­ga­be 557 als ers­ten Vor­stoß in eine eher film­theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on betrach­ten, die in den ande­ren Arti­keln der eher zeit­his­to­ri­schen Kri­ti­ken an den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Umstän­den der Film­wirt­schaft, ihrer Film­clubs (FK 1157) und den Zen­sur­be­hör­den nicht zu fin­den ist.

In „Avant­gar­de oder Expe­ri­men­tal­film“ (FK 557) geht es um Begrif­fe. Um die Fra­ge nach der Avant­gar­de als Pra­xis, sowie ihrem Hang zur Selbst­his­to­ri­sie­rung und Bin­dung an die Kunst­strö­mun­gen der 1920er Jah­re. Die Film­kri­tik fragt, „Avant­gar­de wird nicht mehr – wie sie selbst es einst woll­te – als blei­ben­de, stän­dig erneu­er­te For­de­rung ver­stan­den, als Anspruch an die Indus­trie, son­dern als iso­lier­tes his­to­ri­sches Phä­no­men, das von vorn­her­ein nichts gewe­sen sein soll als selbst-genüg­sa­mes künst­le­ri­sches Expe­ri­ment fern der Kul­tur­in­dus­trie“ (FK 557)

Aus dem Begriff Avant­gar­de ist daher für Film­schaf­fen­de der Expe­ri­men­tal­film gewor­den. Doch die­sen sieht die Film­kri­tik in Fol­ge auf drei expe­ri­men­tel­le Film­ty­pen beschränkt: 1. Der abs­trakt-abso­lu­te Film 2. Der sym­pho­ni­sche Film 3. Der (neo-)surrealistische Film. Der ers­te Typus zeigt rei­ne Form- und Bewe­gungs­stu­di­en. Gra­fi­sche For­men und foto­gra­fier­te Gegen­stän­de wer­den durch Bewe­gung, Schnitt und Blick­win­keln abs­tra­hiert wie for­mal abso­lu­tiert. Bei Fil­men von Hans Rich­ter und Wal­ter Rutt­mann noch als fort­schritt­li­che Selbst­be­haup­tung gegen­über eines bür­ger­li­chen Kunst­be­griff und des­sen Reprä­sen­ta­ti­ons­druck gedacht, läuft die­ser Typ Film für die Film­kri­tik ins Lee­re, „die abs­trak­ten und abso­lu­ten Film von heu­te gewäh­ren im bes­ten Fall rei­nes Amü­se­ment, im schlech­te­ren pure Lan­ge­wei­le“ (FK 557)

Ähn­li­ches gilt für den zwei­ten Typus. Der sym­pho­ni­sche Film schien vor dem Krieg als eine dyna­mi­sche Mon­ta­ge von Wirk­lich­keit, die das Kino als rhyth­mi­sches Medi­um ent­deck­te. Dies scheint jedoch ins­be­son­de­re nach den sym­pho­ni­schen Mas­sen­auf­läu­fen Leni Rie­fen­stahls für die Film­kri­tik nicht mehr halt­bar. „Mora­li­sche und poli­ti­sche Indif­fe­renz kenn­zeich­net das rhythmisch mon­tier­te Aller­lei“ (FK 557) Dem Vor­wurf einer poli­ti­schen Unent­schie­den­heit ist zuletzt auch der drit­te Typus des sur­rea­lis­ti­schen Films aus­ge­setzt. Wäh­rend es bei Buñuel noch die Herr­schaft des Abbil­des der Welt zu zer­schla­gen gab, scheint der sur­rea­lis­ti­sche Film 1957 eher einer Flucht in die Beschäf­ti­gung mit sich selbst, sowie einer Absa­ge an poli­ti­scher Teil­ha­be gleichzukommen.

Das Selbst­ge­nüg­sa­me Expe­ri­ment eig­net sich viel­mehr vor­züg­lich als Ali­bi für die Indus­trie: wenn sich erst die­se zweit Film­ty­pen durch­ge­setzt haben – der rei­ne Kunst­film für die Anspruchs­vol­len und der Kon­sum­film für die Mas­sen – braucht die Indus­trie kei­ne Kri­tik mehr zu fürch­ten.“ (FK 557) So spitzt sich die Les­art der Situa­ti­on der Avant­gar­de oder des Expe­ri­men­tal­films 1957 auf eine Fra­ge zu die aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve selt­sam aktu­ell und zugleich anti­quiert klingt: „Was bleibt ihr zu tun, nach­dem die for­ma­len Gestal­tungs­mit­tel und ihre Mög­lich­kei­ten hin­rei­chend erforscht sind?“ (FK 557)

Kurz vor einer Explo­si­on expe­ri­men­tel­ler Film­pra­xen in der 1960er Jah­ren scheint aus unse­rer gegen­wär­ti­gen Per­spek­ti­ve eine Fra­ge nach der Zukunft des Avant­gar­de­films etwas vor­schnell und doch zeigt sich wie die Film­kri­tik hier schon zu Beginn ihrer Geschich­te nicht nur ver­such­te nah am Dis­kurs des Zeit­ge­sche­hens zu sein, son­dern auch auf einer film­theo­re­ti­schen Ebe­ne zu den­ken. Die Film­kri­tik hat­te ver­stan­den, dass ein Film immer auch in Bezie­hung zum Bestehen­den gese­hen wer­den muss. Von einem Film zu schrei­ben, heißt immer auch von einem ande­ren Film zu schrei­ben. Ein Schrei­ben über Film das durch Rela­tio­nen, Pas­sa­gen und sich ein­an­der ergän­zen­de Denk­bil­der funk­tio­niert und so neue Ansät­ze im Schrei­ben über Film for­mu­liert. Ein Den­ken in Kon­stel­la­tio­nen. Eine Mög­lich­keit über Film zu schrei­ben. Wir wären wie­der bei Wal­ter Benjamin.

Hier kann nur ange­deu­tet wer­den. Neo­rea­lis­mus: Das him­mel­schrei­en­de Elend der Hüt­ten­be­woh­ner, eine Art „Wun­der von Mai­land“ ohne die Mög­lich­keit wun­der­sa­mer Him­mel­fahrt. Der Raum: Mit gestei­ger­ter Inten­si­tät wird die Öde der Land­schaft zum Bild der Ein­sam­keit der Per­so­nen. Sur­rea­lis­mus: Traum­ver­schwim­men­de Kame­ra­be­we­gun­gen wie die mit dem ein­sa­men Gang Augus­tos am Neu­jahrs­mor­gen, mit den gei­len Stim­men der Huren und den uner­find­li­chen, dump­fen Trom­mel­schlä­gen. Chap­lin: bei den Bido­ni, beson­ders beim ers­ten, rei­hen sich die Gestal­ten wie unter einem gro­tes­ken Zwang zu einem Bal­lett von Ham­pel­män­nern. Fre­ne­sie: Eh man sich ver­sieht, schlägt der sat­te Sin­nen­rausch des Fes­tes in ein Gewim­mel von Vogel­köp­fen, Schweins­frat­zen und Rüs­sel­tie­ren um, gleich­sam als habe Hie­ro­ny­mus Bosch Felli­ni assis­tiert. Das Baro­cke: Der Ablauf des Gesche­hens voll­zieht sich Epi­so­de in Epi­so­de, in schein­ba­rer Form­lo­sig­keit wie in gewis­sen Jazz­auf­nah­men Char­lie Parkers ein Unisono am Anfang und Ende steht und dazwi­schen schein­bar regel­los die Cho­russe anein­an­der­rei­hen.“

- Theo­dor Kotul­la in einer Kri­tik über Feder­i­co Felli­nis Il Bido­ne (FK 1057)