Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Architekturen der Seele und Krokodile der Apokalypse: Tár von Todd Field

Holz und Beton umschlie­ßen das Leben der erfolg­rei­chen und ehr­gei­zi­gen Kom­po­nis­tin und Diri­gen­tin Lydia Tár, die mit Pri­vat­jets nach New York und ihrem Por­sche durch Ber­lin fliegt. Die­se gut iso­lie­ren­den Bau­stof­fe und Ver­kehrs­mit­tel kön­nen sie jedoch nur bedingt abschot­ten von einer digi­ta­len Außen­welt vol­ler Smart­phones, ver­meint­li­chen Fake News und ver­hee­ren­den Social-Media-Posts, denen sie sich vehe­ment zu erweh­ren ver­sucht. Auch wenn sich ihre Assis­ten­tin Fran­ce­s­ca um ihren Ter­min­ka­len­der küm­mert, Flü­ge bucht, und Mails checkt – die anony­mi­sier­te Macht der ‚Robo­ter‘, wie Tár die meis­ten Men­schen bezeich­net, scheint letzt­lich auch kei­nen Halt vor den Fes­ten die­ser Per­son und ihrer Lei­den­schaft, der klas­si­schen Musik, zu machen. Ihre Kri­tik an der mas­sen­haf­ten Ent­frem­dung durch die moder­ne Tech­nik sowie an ver­eng­ten iden­ti­täts­po­li­ti­schen Debat­ten trifft jeden­falls einen Nerv und fin­det dabei kei­ne ein­deu­ti­gen Ant­wor­ten, son­dern spielt mit den Wider­sprü­chen unse­rer Zeit – sowie mit der signi­fi­ka­to­ri­schen Offen­heit von Gus­tav Mahlers 5. Symphonie. 

Der nach sei­ner Haupt­fi­gur benann­te Film von Todd Field über­trägt den archi­tek­to­ni­schen Gegen­satz aus ele­gan­ter Wär­me und glat­ter Käl­te auf das Innen­le­ben sei­ner fik­ti­ven Figur, die als ers­te weib­li­che Diri­gen­tin der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker vor­steht. Dass deren merk­wür­dig gelb-strah­len­de Fas­sa­de mit ihrer asym­me­trisch-moder­nen Anord­nung im Inne­ren sowie den aus der Zeit fal­len­den grü­nen und grau­en Tep­pich­bö­den nicht wirk­lich in die­ses Bild passt, gab Anlass, die Orches­ter-Sze­nen in der berühm­ten Dresd­ner Phil­har­mo­nie mit ihrer klas­si­schen sym­me­trisch-fron­ta­len Aus­rich­tung zu dre­hen. Mal in beto­nier­ten, mal in ver­tä­fel­ten Räu­men mimt Cate Blan­chett den ver­meint­li­chen Pro­to­typ einer Anti­fe­mi­nis­tin, die in ihrem Kar­rie­re­weg und Pri­vat­le­ben als Les­bin kei­ner­lei Gen­der Bias erken­nen mag und sich dem patri­ar­cha­len Erfolgs­weg ohne Zwei­fel hin­ge­ge­ben hat. Die Bedeu­tung der räum­li­chen Insze­nie­rung offen­bart jedoch die Zwie­späl­tig­keit die­ses Ver­hält­nis­ses, in der jede noch so ehren­wert-künst­le­ri­sche Ambi­ti­on bereits ein­ge­bet­tet ist in hier­ar­chi­sie­ren­de (Selbst)Vermarktungsstrategien. Müs­sen und kön­nen wir uns über­haupt noch den eige­nen Begeh­ren wider­set­zen, die die­ses Sys­tem für uns pro­du­ziert, in dem Gefüh­le wie Bezie­hun­gen längst zu Ware gewor­den sind? 

Um erfolg­reich zu sein, scheint es ja gar nicht anders zu gehen; je höher die Lei­ter der Macht erklom­men, des­to kor­rum­pier­ter die, die sie erklim­men. Soweit die bekann­te Logik des Kapi­ta­lis­mus. Dass der Grö­ßen­wahn und die Über­zeu­gung die­ser Künst­le­rin-Per­sön­lich­keit, sie umso anzie­hen­der wer­den lässt, ist dabei die ande­re, eben­so bekann­te Sei­te die­ser Macht­me­dail­le. Wäh­rend Tár auf offe­ner Büh­ne bei einem Inter­view mit einem Jour­na­lis­ten des New Yor­ker über ver­schie­de­ne Zeit­ver­ständ­nis­se phi­lo­so­phiert und das Diri­gie­ren eines Orches­ters mit dem Diri­gie­ren von Zeit ver­gleicht, ist da bei mir zunächst vor allem Fas­zi­na­ti­on. Die Mehr­deu­tig­keit des eng­li­schen Wor­tes con­duc­ting weist dabei eben­so auf das Verhalten/​Benehmen einer Per­son, wie ihren Füh­rungs- und Lei­tungs­stil, auf admi­nis­tra­ti­ve Ver­wal­tung sowie Lei­tung elek­tri­scher Strö­me. Letz­te­res kor­re­spon­diert mit der elek­tri­sie­ren­den Per­for­mance von Blan­chett, die so ein­zig­ar­tig vir­tu­os in das Métier der Kom­po­si­ti­on ein­zu­tau­chen ver­mag. Diri­gie­ren heißt für die Prot­ago­nis­tin vor allem inter­pre­tie­ren; füh­len, was sich mit Wor­ten nicht sagen lässt. In einer Welt in der schein­bar alles gesagt wur­de, in der beschul­digt wer­den bedeu­tet schon schul­dig zu sein, wie es im Film heißt, ist die­se Par­tei­nah­me für das Gefühl doch trü­ge­risch. Die dar­in lie­gen­de Auf­for­de­rung zum Stre­ben nach Sub­li­mie­rung, nach der Auf­he­bung des Egos im Erha­be­nen, sprich das Unsicht­bar-Wer­den des eige­nen Kör­pers, ist in die­ser Welt jedoch nur weni­gen ‚Genies‘ vor­be­hal­ten. Den ande­ren wird es meist zum Verhängnis.

Wäh­rend die Pro­fes­so­rin intel­lek­tu­ell-emo­tio­na­le Trans­fer­leis­tun­gen bei ihren Stu­die­ren­den bemän­gelt, scheint es in ihrem Pri­vat­le­ben nur noch trans­ak­tio­na­le Bezie­hun­gen zu geben, wie ihr ihre Ehe­frau Sharon (Nina Hoss) zum schwer­wie­gen­den Vor­wurf macht. So scheint Tár blind für die eige­ne Kor­rum­piert­heit, aber gewitzt in der Ent­lar­vung der ande­ren. Dabei pral­len ver­schie­de­ne Wirk­lich­kei­ten mal osten­ta­tiv auf­ein­an­der, umgar­nen sich oder bli­cken sich ohne Mit­ge­fühl und vol­ler Ekel an. Etwa im ein­schüch­tern­den Hör­saal des Éli­te-Kon­ser­va­to­ri­ums Juil­li­ard, in dem sie die See­len-Archi­tek­tur einer ihrer Stu­die­ren­den mit Social Media ver­gleicht, oder vor einer Neu­köll­ner Haus­rui­ne, in dem die neue und jun­ge Cel­lis­tin wohnt, von der sie gleich­zei­tig ange­zo­gen wie abge­sto­ßen scheint. Beson­ders kon­tras­tiert wird das Luxus­le­ben von Lydia durch ihre betag­te Nach­ba­rin und ihrer sie pfle­gen­den Toch­ter in der Char­lot­ten­bur­ger Alt­bau-Zweit­woh­nung, die der Kom­po­nis­tin als Arbeits­ort dient. Auch der kri­ti­sche Song auf den Aus­ver­kauf der Woh­nung nach ihrem Tod und die Ein­wei­sung der Nach­bars­toch­ter in eine Pfle­ge­an­stalt, machen das gewalt­för­mi­ge Ein­drin­gen die­ser Lebens­rea­li­tä­ten nicht wett. 

Doch als ihr eige­nes Leben ins Wan­ken gerät und in die Brü­che geht, kön­nen Geld und sozia­les Kapi­tal zumin­dest vor äuße­rer Ver­wahr­lo­sung schüt­zen. Rück­zug und Nie­der­la­ge bedeu­ten hier, sich auf den Phil­ip­pi­nen nie­der­zu­las­sen, wo die Ver­flech­tung von Hol­ly­wood und US-ame­ri­ka­ni­schem Impe­ria­lis­mus ganz bei­läu­fig von Field ein­ge­wo­ben wird: der Fluss, in dem sich nicht mehr schwim­men lässt, auf­grund der Kro­ko­di­le, die beim Dreh von die­sem „Mar­lon-Bran­do-Film“ ent­flo­hen sind und sich dort ver­mehrt haben. Die Rede ist von Apo­ca­lyp­se Now, und refe­riert auf das (New-)Hollywood der 1970er Jah­re, das unter dem Ein­druck des Viet­nam-Krie­ges gegen bür­ger­li­che Vor­stel­lun­gen einer hei­len und geschlos­se­nen Welt auf­be­gehr­te. Der Ver­weis auf das ame­ri­ka­ni­sche Autoren­ki­no scheint jedoch kei­ne indus­trie­in­ter­ne Kri­tik am Ein­drin­gen der fil­mi­schen Welt in des­sen vor­fil­mi­sche Umwelt zu sein, son­dern ledig­lich ein iro­nisch-zyni­scher Kom­men­tar auf die Ver­floch­ten­heit unse­rer Welt. Eine Refe­renz, die in ihrer pro­vo­kan­ten Leicht­fer­tig­keit, genau­so wie die Fil­me der Epo­che, doch etwas Zer­stö­re­ri­sches an sich hat. 

Dem ein­zi­gen sozia­len Auf­be­geh­ren, das in Form der abs­trak­ten Medi­en­welt im Leben von Tár bahn­bricht, wird jedoch vom Film kei­ner­lei Beach­tung geschenkt. Könn­te dies als ein­sei­ti­ger, kon­ser­va­ti­ver Back­lash auf eine Prä-Inter­net-Zeit erschei­nen, fin­de ich doch, dass der Film damit spielt, in dem er uns einen sen­si­blen, wenn auch eli­tär-intel­lek­tu­el­len Blick auf die­se ‚Hoch­kul­tur‘ lie­fert. Obwohl ich mit der über­bor­den­den und humor­vol­len Art vor Tár sym­pa­thi­sie­ren kann, selbst als sich die Anschul­di­gun­gen über Über­grif­fe ver­dich­ten, gibt der Film bereits zu Beginn die kri­ti­sche und doch invol­vier­te Per­spek­ti­ve frei: der Blick auf das Smart­phone von Fran­ce­s­ca, die auf­grund des toxi­schen Umgan­ges kün­digt, der ihre ehe­ma­li­ge Kol­le­gin in den Selbst­mord trieb, öff­net den Raum für Inter­pre­ta­ti­on. Der Film scheint damit glei­cher­ma­ßen ein Exem­pel viru­len­ten Macht­miss­brauchs zu sta­tu­ie­ren, sowie eine Kri­tik an gesell­schaft­li­chen Ver­leum­dungs- und sich ver­schär­fen­den Ent­frem­dungs­ten­den­zen zu lie­fern, die in die­ser Kom­ple­xi­tät sel­ten zum Aus­druck kom­men. Selbst beim Aus­blick auf den schein­ba­ren Hor­ror des immersi­ven Orches­ter-Erleb­nis­ses, samt beglei­ten­der Erzähl­stim­me und Kos­tü­mie­rung des Publi­kums, bleibt der Wert die­ser Erfah­rung erst ein­mal offen dahin­ge­stellt. Ob der Bedro­hung apo­ka­lyp­ti­scher Kro­ko­di­le – ein Plä­doy­er für die ver­bin­den­de Erfah­rung von Musik ist es allemal.