An Ele­phant Sit­ting Still von Hu Bo beginnt weiß, im Schnee, und endet schwarz in tie­fer Nacht. Es ist ein Film des Binä­ren, des Gesetz­ten und Unfrei­en, der die Mög­lich­keit von Zwi­schen­tö­nen aus­schließt. Aber inter­es­san­ter­wei­se kenn­zeich­net das Schwarz des Endes nicht die tota­le Depres­si­on, son­dern eine Uto­pie. Im Schwarz fin­det sich, zum ers­ten Mal nach vier Stun­den, eine Gemein­schaft. Es kenn­zeich­net ein Stre­ben, einen Sinn; das Weiss birgt hin­ge­gen kei­ne tran­szen­den­ta­le Ver­klä­rung, son­dern schil­dert das blut­lee­re Leben, in das die vier Haupt­cha­rak­te­re gewor­fen werden.

Alles ist in die­sem Film zum Extrem getrie­ben, Nuan­cen gibt es nicht; das Blut­lee­re rührt von der Unmög­lich­keit von Ver­ständ­nis, das sich Men­schen in die­ser Welt gegen­über­brin­gen kön­nen. Dies bil­det die Grund­la­ge des Films, der mich in die­ser Hin­sicht etwas an Eli­as Canet­tis Die Blen­dung erin­nert: ent­we­der ver­ste­hen sich die Cha­rak­te­re nicht, weil sie ein­an­der der­art ent­frem­det sind, oder sie ver­wir­ren sich in Miss­ver­ständ­nis­se und fal­sche Annah­men. Die­se füh­ren in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen: einer­seits zu Eska­la­ti­on, die wie­der­um nur falsch inter­pre­tiert wer­den wird, ande­rer­seits zu tota­ler Gleich­gül­tig­keit, die gar nicht inter­pre­tiert wer­den kann. Eska­la­ti­on ist hier aber nur ein Aus­druck der tota­len Gleich­gül­tig­keit, ihre Ver­ding­li­chung. Sie ist zwin­gen­de Fol­ge fast jeder Sze­ne; wir sind in einer Gesell­schaft, deren Grund­ris­se ver­rückt, des­sen bin­den­de Stri­cke über­spannt sind, deren Tei­le nicht mehr auf­ein­an­der passen.

Der Film bom­bar­diert uns mit die­sem The­ma, das nicht nur struk­tu­rell in den Film ein­ge­bet­tet ist, son­dern auch aus­ge­spro­chen wird: „Ich kann dich nicht ver­ste­hen, und du kannst mich nicht ver­ste­hen“ sagt eine Frau zu ihrem poten­ti­el­len Lieb­ha­ber namens Cheng, der einer der vier Prot­ago­nis­ten dar­stellt. Bezie­hun­gen funk­tio­nie­ren nicht, inner­halb als auch zwi­schen den Gene­ra­tio­nen: als Lie­bes­be­zie­hung nicht (die gera­de erwähn­te endet im Zer­würf­nis, eine ande­re im öffent­li­chen Skan­dal, eine drit­te in Selbst­mord), als freund­schaft­li­che Bezie­hung nicht (die ein­zi­ge im Film gezeig­te Freund­schaft zwi­schen zwei Schü­lern ist eine Kata­stro­phe und endet eben­falls in Streit und Selbst­mord), und als fami­liä­re Bezie­hung nicht. Da gibt es das ver­gif­te­te Ver­hält­nis von Schü­ler Wei Bu zu sei­nem Vater, der ihn als Nichts­nutz sieht und ihm unter­stellt, Geld zu steh­len; und Ling und ihre Mut­ter, die sich nicht um die deso­la­te Woh­nung küm­mert. Oder der pen­sio­nier­te Wang, der von sei­nen Kin­dern in ein Wohn­heim abge­scho­ben wird, rück­sichts­los und ohne Ver­such, sich in des­sen Lage ein­zu­füh­len (Die Bin­dun­gen zwi­schen Wang und sei­ner Enke­lin, die ihn beglei­tet, sowie die­je­ni­ge zwi­schen Wei Bu und sei­ner ver­stor­be­nen Gross­mutter bil­den eine Aus­nah­me. Sie sug­ge­rie­ren, dass das Ver­hält­nis über zwei Gene­ra­tio­nen hin­weg funk­tio­nie­ren kann).

An Elephant Sitting Still von Hu Bo

Die Haupt­fi­gu­ren, und mit ihnen die jewei­li­gen Gene­ra­tio­nen bekom­men wir nur in zwei­er­lei „Funk­ti­ons­wei­sen“ zu sehen, aus­ser­halb derer sie nicht agie­ren kön­nen. Ent­we­der wer­den sie fälsch­li­cher­wei­se beschul­digt, und ohne tat­säch­li­chen Grund von ihrem Umfeld in die Enge getrie­ben, oder (und als Fol­ge davon) die Situa­ti­on schlägt in ihre Gegen­teil um, wir erle­ben sie als Täter; die Ket­te der „Wahr­heits­ver­rü­ckung“ wei­ter­spin­nend wir­ken sie destruk­tiv auf ihr Umfeld ein, mit grund­lo­sen Schlä­gen oder absur­den Schuld­zu­wei­sun­gen. Hu Bo gibt sich hier beson­ders zynisch: als ein­zi­ger Gegen­pol zu Obri­gem ist Wei Bu von der Unschuld sei­nes Freun­des über­zeugt, der bezich­tigt wird, ein Han­dy eines Mit­schü­lers geklaut zu haben – doch erweist sich die­se Unschulds­ver­mu­tung als falsch. Wir fol­gen einer Spi­ra­le in die Tie­fe, an deren Ende sich die Schuld- und Wahr­heits­fra­ge erüb­rigt; wie sie auch betrach­tet wird, die – emp­fun­de­ne – Sinn­lo­sig­keit des Lebens bleibt bestehen.

Den­noch ver­schwin­det Trost nicht ganz von der Bild­flä­che. Wir fin­den ihn zunächst in den lan­gen Ein­stel­lun­gen, in denen die Kame­ra den umher­wan­dern­den Per­so­nen folgt, und die immer wie­der mit Musik unter­legt sind. Die Musik sug­ge­riert hier einen Gegen­pol zum Dyp­tich von Eska­la­ti­on und Gleich­gül­tig­keit, näm­lich den der Akzep­tanz. Nur in der Akzep­tanz ihrer Gleich­gül­tig­keit bzw. ihrer Ver­stri­ckun­gen in Unge­rech­tig­keit fin­den wir mit den Cha­rak­te­ren so etwas wie eine lebens­be­ja­hen­de Kraft. Die Musik, nicht nur als Zucker­guss die Bil­der umhül­lend, son­dern auch in den Köp­fen der Per­so­nen abspie­lend, die wir gera­de fol­gen (zumin­dest lässt sich das leicht vor­stel­len), begüns­tigt gera­de in ihrer Künst­lich­keit die Los­lö­sung der Cha­rak­te­re ihrer selbst, die eine Vor­aus­set­zung der Akzep­tanz dar­stellt; sie bewirkt mit sanf­ter Ges­te die Ein­ord­nung des Gesche­hens in einen kos­mi­schen Zusam­men­hang und somit das mit sich ins Rei­ne Kom­men der Figu­ren. Sie setzt ein, manch­mal wäh­rend einer Eska­la­ti­on, manch­mal danach, und de-eska­liert; sie über­nimmt den Schwung der Eska­la­ti­on und benützt ihn zur Mög­lich­keit eines Per­spek­ti­ven­wech­sels. Eine der ein­drück­lichs­ten, unver­gess­lichs­ten Pas­sa­gen des Films ist jene gespens­ti­sche Sze­ne, bei der die Kame­ra mit Wang das Alten­heim, in das ihn sei­ne Kin­der abschie­ben wol­len, besich­tigt, und irgend­wann voll­ends sei­ne Per­spek­ti­ve ein­nimmt: in einer end­los flies­sen­den Ein­stel­lung glei­tet sie über die Insas­sen hin­weg, die in Trost­lo­sig­keit zu ver­sin­ken dro­hen; doch die elek­tro­ni­sche Musik hievt uns über blos­se Tris­tesse hin­weg und deu­tet auf das Ein­fin­den die­ser Insas­sen mit ihrem Schicksal.

Für gros­se Tei­le des Films bleibt die Kame­ra äußerst nahe am Gesicht der Haupt­fi­gu­ren – egal ob sie die­se von vor­ne oder von hin­ten betrach­tet, der Rest der Welt, die unge­nann­te Stadt in Nord­chi­na, die den Schau­platz abgibt, bleibt unscharf, kommt nie in den Fokus. Dies kor­re­liert mit dem Ein­ge­nom­men­sein der Per­so­nen ihrer selbst, ihrem Ein­ge­schlos­sen­sein und – wort­wört­li­che – Per­spek­tiv­lo­sig­keit, und selbst bei den zahl­rei­chen Eska­la­tio­nen (Selbst­mord von Freun­den, Tötung eines Hun­des, Schlä­ge­rei­en etc.) ver­harrt die Kame­ra bei einem Gesicht. Erst gegen Ende lockert sich die­ses Mus­ter ein wenig auf, wir sehen auch mal meh­re­re Per­so­nen gleich­be­rech­tigt im Bild, wir sehen tableaux vivants, und die letz­te Ein­stel­lung zeigt die Figu­ren, die sich auf den Weg gemacht haben, einen Ele­fan­ten zu besich­ti­gen, der in einer abge­schie­de­nen Stadt stets reg­los dasitzt, still­sitzt, von extre­mer Fer­ne, in völ­li­ger Dun­kel­heit. Es ist wie­der­um die Los­lö­sung von den Figu­ren, das Ver­lie­ren von unmit­tel­ba­rer Infor­ma­ti­on, das opti­mis­tisch stimmt, das den Aus­weg und das Fin­den einer Gemein­schaft ermög­licht: in der Distanz erst war­tet die Nähe.