Text: Phil­ipp Stadelmaier

Müss­te man die Zeit in Tho­mas Manns Zau­ber­berg zu einem Punkt ver­dich­ten, wäre dies die Spit­ze eines Blei­stifts. Auf einer Fast­nachts­fei­er im Sana­to­ri­um Berg­hof hoch auf den Schwei­zer Alpen prä­sen­tiert Madame Chauchat das Schreib­ge­rät ihrem Ver­eh­rer Hans Cas­torp. Seit Mona­ten schwer ver­liebt und momen­tan krei­de­bleich unter­nimmt die­ser, unter dem Vor­wand, an einem Gesell­schafts­spiel teil­neh­men zu wol­len – es han­delt sich um das Zeich­nen von Schwein­chen mit geschlos­se­nen Augen – end­lich einen Annä­he­rungs­ver­such und bit­tet die rus­si­sche Lun­gen­kran­ke fran­zö­si­schen Namens, ihm einen Blei­stift zu bor­gen. Madame Chauchat kramt in ihrem Täsch­chen, fischt das Uten­sil her­vor und prä­sen­tiert es Cas­torp ver­kehrt her­um, indem sie es zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger an der Spit­ze hält und in leich­tes Schlen­kern versetzt.

Die Blei­stift­sze­ne ereig­net sich wäh­rend der „Wal­pur­gis­nacht“, am Ende des fünf­ten Kapi­tels und in der Mit­te des Buches und ist, zunächst, eine Erin­ne­rungs­sze­ne. Sie ruft eine frü­he­re Lie­be Hans Cas­torps auf den Plan, einen Jun­gen aus Schul­zei­ten namens Pri­bis­lav, von dem er sich einst auf dem Schul­hof einen Blei­stift lieh. Sie mar­kiert damit einen Moment der Wie­der­kehr, so wie der Zau­ber­berg über­haupt von der Idee der Wie­der­kehr beherrscht wird: Die immer­glei­chen Ritua­le und Tages­ab­läu­fe füh­ren zu einer Still­stel­lung und Zuspit­zung der Zeit, ihrer „Zer­nich­tung“, wie es ein­mal heißt: zu einer ewi­gen, weil ewig wie­der­keh­ren­den Gegen­wart. Die­ser Zustand wird in der Blei­stift­sze­ne auf die Spit­ze getrie­ben, dank einer Zuspit­zung nun auch der gesell­schaft­li­chen Regeln, deren Auf­ga­be oder Ver­dich­tung hin zu einer grö­ße­ren Inti­mi­tät für die Erzäh­lung nicht fol­gen­los blei­ben kann: Das Sie­zen wird zum Duzen und das Deut­sche macht dem Fran­zö­si­schen Platz, in dem sich Cas­torp und Madame Chauchat unter­hal­ten. Das run­de „Vous“ wird zum spit­zen „Tu“ und das Fran­zö­si­sche zu einer Traum­spra­che, da es Cas­torp vor­kommt, als wür­de er sich „wie im Traum“ unter­hal­ten, ohne des Fran­zö­si­schen wirk­lich mäch­tig zu sein: einer Spra­che, die kaum mehr Spra­che ist und, wie Cas­torp betont, nicht ein­mal „gespro­chen“ wer­den muss („par­ler sans par­ler“, mur­melt der Ver­lieb­te). Die Wirk­lich­keit ver­dich­tet sich im Traum und die Spra­che im Schwei­gen, das heißt: Sie wird zu einer Spra­che, die das Schwei­gen nicht über­win­det, son­dern es zum Schlen­kern bringt; und die in die­sem Moment ihres Pau­sie­rens zuguns­ten eines „Spre­chens im Traum“ einen iso­lier­ten, „aus dem Kalen­der gefal­le­nen“, sprach- und zeit­lo­sen Ewig­keits­mo­ment pro­du­ziert, ein aus dem linea­ren Zeit­ver­lauf her­aus­ge­spreng­tes Jetzt, das wie eine Zäsur die sprach­lich-zeit­li­che Orga­ni­sa­ti­on des Romans unter­bricht und restruk­tu­riert: Wur­den in der ers­ten Hälf­te die ers­ten sie­ben Mona­te Hans Cas­torps, der aus der nord­deut­schen Tief­ebe­ne nach Davos kommt, in aller Aus­führ­lich­keit berich­tet, so ver­wen­det Mann die zwei­te dar­auf, die fol­gen­den sechs Jah­re im Schnell­durch­lauf zu erzählen.

Der Stift der Wal­pur­gis­nacht tanzt nicht nur zwi­schen den Fin­gern von Madame Chauchat, son­dern auch zwi­schen denen Tho­mas Manns, die ihn nicht an der Spit­ze hal­ten, son­dern rich­tig her­um, ent­schlos­sen gegen den Papier­bo­gen gedrückt und die­sen eif­rig und dis­zi­pli­niert befül­lend: nicht mit lus­ti­gen Schwein­chen, son­dern genia­len Sät­zen. Zumin­dest in jenen Momen­ten, in denen Mann wäh­rend sei­ner mor­gend­li­chen Schreibstun­den nicht von einer jener Kri­sen geplagt wur­de, von denen sei­ne Tage­bü­cher viel­fach Zeug­nis able­gen. Es ist die­se Umkeh­rung des Stif­tes in den Hän­den Madame Chauchats, und, mög­li­cher­wei­se, auch Tho­mas Manns, die einen umge­kehr­ten, Kopf­stand machen­den Zau­ber­berg her­vor­bringt, im Sin­ne eines inver­tier­ten, noch unge­schrie­be­nen oder zumin­dest momen­tan nicht wei­ter­ge­schrie­be­nen Romans, mit dem Gip­fel nach unten, den zum voll­ende­ten Werk auf­zu­rich­ten über zehn Jah­re in Anspruch neh­men wird.

Vor allem erin­nert der Stift dar­an, dass die Zeit auf der Spit­ze der Ber­ge nicht län­ger line­ar und hori­zon­tal, son­dern ver­ti­kal struk­tu­riert ist. „In ihm ereig­ne­te sich ein umfang­rei­cher Zusam­men­sturz“, heißt es von Hans Cas­torp, nach­dem ihm Madame Chauchat wäh­rend der Wal­pur­gis­nacht ihre unmit­tel­bar bevor­ste­hen­de Abrei­se nach Dage­stan ankün­digt. Die Zeit, die mit der Gelieb­ten ver­bracht wer­den kann, schrumpft zu die­ser einen Nacht und die­se eine Nacht zu einer nur ange­deu­te­ten und nicht aus­er­zähl­ten Nacht der Lie­be, der „rei­nen Zeit“, wie die­se Lücke spä­ter bezeich­net wird; wäh­rend die Stel­le auch an eine Notiz aus Wal­ter Ben­ja­mins Pas­sa­gen-Werk erin­nert: „Wir sind ein Wehr, an dem die Zeit sich staut, die beim Erschei­nen der Erwar­te­ten in rie­si­gem Schwall in uns selbst hin­un­ter­stürzt.“ Zeit ist für Ben­ja­min wesent­lich War­ten. Tritt das Erwar­te­te ein, wird die im War­ten auf­ge­stau­te Zeit „ganz“ und ver­sinkt, als hori­zon­ta­le Ver­laufs­form, in einem ver­ti­ka­len Schwall.

Nur unter Berück­sich­ti­gung die­ser „rei­nen“ und „gan­zen“, weil ver­nich­te­ten, nicht mehr ver­ge­hen­den und ver­ti­kal gewor­de­nen Zeit, die ange­sichts der Erschei­nung der „Erwar­te­ten“ (Madame Chauchat) „hin­un­ter­ge­stürzt“ wird, kann sich Manns Stift erneut umkeh­ren und, dies­mal rich­tig gehal­ten, wei­ter­schrei­ben. Wobei er den „Schwall“ der Zeit in die linea­re Hand­lung inji­ziert und in ihr Hohl­räu­me ent­ste­hen lässt, Unter­bre­chun­gen des chro­no­lo­gi­schen Erzähl­flus­ses in Form von Abschwei­fun­gen, Rück­blen­den und gelehr­ten Exkur­sen (über Medi­zin, die Lie­be, das Leben, den Tod, die Poli­tik, die Reli­gi­on …), die kei­nen ande­ren Zweck erfül­len, als uns auf der Spit­ze des sie zu Papier brin­gen­den Stif­tes tan­zen zu las­sen. „Eine Lek­tü­re“, hat die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Anne Dufour­man­tel­le geschrie­ben, „braucht Zeit und pro­du­ziert nichts wei­ter als eine gestei­ger­te Fähig­keit zu träu­men und zu den­ken.“ Die Lek­tü­re spe­zi­ell des Zau­ber­bergs pro­du­ziert eine unpro­duk­ti­ve, ver­ti­ka­le Zeit. Sie for­dert die Bereit­schaft, eine Aus­deh­nung zu durch­mes­sen, die ohne das Werk – ohne die erneu­te Umkeh­rung des Stif­tes, der sich wie­der dem Papier zuwen­det – Lee­re geblie­ben wäre. Eine Lee­re, die das Werk dank die­ser ver­ti­ka­len Zeit gar nicht ver­ges­sen machen will. Viel­mehr erin­nert sie uns dar­an, dass Schrei­ben und Lesen immer auch Ver­schwen­dung blei­ben und in den sel­tens­ten Fäl­len dazu die­nen, uns in klü­ge­re Men­schen zu ver­wan­deln – selbst wenn die­se Vor­stel­lung dem Mann-affi­nen Bil­dungs­bür­ger­tum zuwi­der­lau­fen dürf­te und die­ses der (jeden­falls von uns hier unter­stell­ten) Auf­fas­sung bleibt, in der Mann’schen Iro­nie die Voll­endung sei­nes Genies erken­nen zu kön­nen, wäh­rend sie viel­leicht nichts als eine plötz­lich sich öff­nen­de Fall­tür ist, durch wel­che die Zeit „in rie­si­gem Schwall in uns selbst hin­un­ter­stürzt.“ „Fai­re le vide“ bezeich­net in der Traum­spra­che des Zau­ber­bergs die Her­stel­lung eines Vaku­ums, aber man denkt hier auch das Frei­be­kom­men des Kop­fes, zum Den­ken und Träumen.

Für die­se Art von Zeit­er­fah­rung ist der Anfang des 20. Jahr­hun­derts (Manns Roman erschien 1924) eine Gold­gru­be. Die Zeit wird abs­trak­tes Kon­zept und Gegen­stand ästhe­ti­scher und wis­sen­schaft­li­cher Spe­ku­la­tio­nen. Fort­an kann sie gebeugt und gekrümmt, gedehnt und gerafft, lang­sa­mer oder schnel­ler wer­den. Dies ist nicht nur die Epo­che von Ben­ja­min und Mann, son­dern auch von Ein­stein und Freud, der Rela­ti­vi­täts­theo­rie und der Psy­cho­ana­ly­se. Man könn­te noch die Roman­ex­pe­ri­men­te von Joy­ce und Proust hin­zu­zäh­len, die Erfor­schun­gen eines ein­zi­gen Tages oder des Gedächt­nis­ses eines gan­zen Lebens. Und man könn­te dar­an erin­nern, dass dies die Früh­zeit des Kinos ist, jener (neben der von Mann gelieb­ten Musik) Zeit­kunst par excel­lence, auch wenn die­se im Zau­ber­berg wenig gut weg­kommt und anläss­lich eines Kino­be­suchs von Hans Cas­torp und sei­nem Vet­ter Joa­chim Zie­m­ßen als bil­li­ger, frus­trie­ren­der Buden­zau­ber ver­spot­tet wird: „Das Schwei­gen der Men­ge nach der Illu­si­on hat­te etwas Ner­v­lo­ses und Widerwärtiges“.

Kann also, was für die Lek­tü­re des Zau­ber­bergs sowie ande­rer Roma­ne gilt, in denen sich die­se „ver­ti­ka­le Zeit“ auf­tut, auch für Fil­me gel­ten? Oder hat­te Mann mit sei­ner Sua­da gegen die „sieb­te Kunst“, über deren Kunst­cha­rak­ter er sich in sei­nem Text „Über das Kino“ von 1928 min­des­tens skep­tisch äußer­te, nicht ganz unrecht? Hat­te er etwa die erschre­cken­de Visi­on vor Augen, jemand könn­te auf die Idee kom­men, sei­nen Roman – zu ver­fil­men (was er in „Über das Kino“ als unmög­lich bezeich­ne­te)? Betrach­tet man die Ver­fil­mung Der Zau­ber­berg aus dem Jahr 1982 unter der Regie von Hans W. Gei­ßen­dör­fer, erwei­sen sich Manns Beden­ken als durch­aus begrün­det. Nichts gegen Gei­ßen­dör­fer, den in der Öffent­lich­keit stets woll­müt­zen­tra­gen­den Regis­seur einer soli­den Die Wild­ente nach Ibsen (1976, mit Bru­no Ganz) und spä­te­ren Pro­du­zen­ten der Fern­seh­se­rie Lin­den­stra­ße (1985–2020). Aber gera­de, weil Gei­ßen­dör­fer ein Meis­ter der zeit­li­chen Exten­si­on ist – die Fern­seh­fas­sung des Zau­ber­bergs bringt es auf fünf­ein­halb Stun­den und die Lin­den­stra­ße auf 35 Jah­re, gegen die sich die zehn Jah­re Schreib­ar­beit am Zau­ber­berg und die sie­ben Jah­re Sana­to­ri­ums­auf­ent­halt Hans Cas­torps als gera­de­zu gerafft aus­neh­men – erweist er sich für die ver­ti­ka­le Zeit des Mann’schen Tau­send­sei­ters als gänz­lich unge­eig­net. Selbst die Kame­ra von Micha­el Ball­haus schafft es nicht, den Fern­seh­schin­ken dem Jam­mer­tal des Aka­de­mis­mus, die­ser bra­ven Bebil­de­rung gro­ßer Sujets und Roma­ne mit­hil­fe kon­ven­tio­nel­ler For­men, zu ent­rei­ßen. Auf sei­nem Weg vom Flach­land in die Alpen, der Welt­li­te­ra­tur zum Fern­se­hen und der Hori­zon­ta­li­tät zur Ver­ti­ka­li­tät macht der arme Gei­ßen­dör­fer kei­nen ein­zi­gen Höhen­me­ter. Sei­ne zwar her­vor­ra­gend besetz­te (Marie-France Pis­sier, Charles Azna­vour, Rod Stei­ger, Irm Her­mann), aber von lär­mend-hys­te­ri­schem Schau­spiel geplag­te, blas dahin­krän­keln­de, schnee­weiß aus­ge­leuch­te­te Adap­ti­on pla­niert den Zau­ber­berg auf Lin­den­stra­ßen-Niveau und zeigt, dass es naiv wäre, zu glau­ben, es genü­ge, dort, wo Text stand, ein­fach Bil­der hin­zu­klat­schen, sowie ein paar auf laut gestell­te Dia­lo­ge, um einen Roman zu adap­tie­ren. Natür­lich ist Film ein (audio-)visuelles Medi­um, aber nur in einem vul­gä­ren und ober­fläch­li­chen Sin­ne; in der Tie­fe, sei­ner Ver­ti­ka­li­tät, ist er eine Ange­le­gen­heit des Schrei­bens und der Schrift. Davon war gera­de die literatur‑, kri­tik- und schrift­ver­narr­te fran­zö­si­sche Nou­vel­le Vague über­zeugt, von Godard über Truf­f­aut bis hin zu Roh­mer: Das Fran­zö­si­sche, nicht das Deut­sche ist die Spra­che des Traums im Zau­ber­berg wie auch des Kinos. Fil­me dür­fen Geschrie­be­nes (einer Buch­vor­la­ge oder eines Dreh­buchs) nicht ein­fach durch Bil­der, also räum­li­che Kom­po­si­tio­nen erset­zen. Viel­mehr muss anstel­le des Geschrie­be­nen ande­res, also „anders“ als text­lich, näm­lich bild­lich oder fil­misch ver­fass­tes „Geschrie­be­nes“ tre­ten: eine Idee der Zeit, die in den Bil­dern sub­til und indi­rekt zum Aus­druck kommt, als etwas, was sich in sie „ein­schreibt“ und in ihnen „les­bar“ wird. Im Fall des Zau­ber­bergs wäre dies die Idee einer „ver­ti­ka­len Zeit“.

Es ist nicht so, dass es kei­ne guten Tho­mas-Mann-Ver­fil­mun­gen gäbe. Luch­i­no Vis­con­ti hat sich als Mann-Spe­zia­list erwie­sen, mit sei­nem Mor­te a Vene­zia, aber auch mit Roc­co e i suoi fratel­li, der Anlei­hen bei Manns Roman Joseph und sei­ne Brü­der nimmt. Für den Zau­ber­berg aber muss man es Madame Chauchat gleich­tun und Davos sowie Euro­pa ver­las­sen. Man muss ihr, der Mann „kir­gi­si­sche“ Züge zuschreibt, hin­ter­her­rei­sen, Rich­tung Dage­stan und wei­ter Rich­tung Asi­en, um sie wie­der­zu­fin­den in Gestalt von Shin­ko (Mari­ko Oka­da), Toch­ter einer Pen­si­ons­be­sit­ze­rin in den Ber­gen der Insel Shi­ko­ku, und Hans Cas­torp in Form eines jun­gen Sol­da­ten namens Shu­s­aku Kawa­mo­to (Hiroy­u­ki Naga­to), der kurz vor der japa­ni­schen Kapi­tu­la­ti­on 1945 hier­her­kommt. Wer die in Film ver­wan­del­te ver­ti­ka­le Zeit des Zau­ber­bergs sucht, wird in Japan fün­dig, in Kiju Yoshi­das Akitsu onsen aus dem Jahr 1962, auch bekannt als Akitsu Springs, La source ther­ma­le d’Akitsu (in der Traum­spra­che des Kinos) oder, zu deutsch, Die Ther­mal­quel­le von Akitsu.

Jeder Film von Yoshi­da, der 2022 im Alter von 89 Jah­ren starb, zeugt von einer ruhi­gen Intel­li­genz, einer sti­lis­ti­schen Ele­ganz und einer Form­spra­che, die ihn in die Nach­bar­schaft von Berg­man, Res­nais, Anto­nio­ni oder Kubrick rückt. Die „Ther­mal­quel­le“ rückt ihn außer­dem in die Nähe von Tho­mas Mann. Bei Yoshi­das nicht ein­mal zwei­stün­di­gem Film han­delt es sich um die Adap­ti­on eines gleich­na­mi­gen, im dama­li­gen Japan äußerst popu­lä­ren Romans des Autors Shin­ji Fuji­wa­ra, dem er außer der kon­ven­tio­nel­len, melo­dra­ma­ti­schen Hand­lung jedoch wenig ver­dankt; sein wah­res Modell ist der Zau­ber­berg, nur unter ver­kehr­ten Vor­zei­chen. Spielt Manns Roman vor dem Ers­ten Welt­krieg, mit des­sen Beginn er endet, setzt Yoshi­das Film nach dem Ende des Zwei­ten ein. Hans Cas­torp kommt zunächst nur zu Besuch nach Davos, hält sich für kern­ge­sund und wird krank; Shu­s­aku nimmt den Weg zur Heil­quel­le in den Ber­gen als Lun­gen­kran­ker auf sich und wird gesund. Und wenn es bei Mann Madame Chauchat ist, die schließ­lich die Ber­ge ver­las­sen wird, um spä­ter noch ein­mal kurz zurück­zu­keh­ren (im sieb­ten Kapi­tel, in Gesell­schaft von Myn­heer Pee­per­korn), kommt bei Yoshi­da die­se Rol­le Shu­s­aku zu, wäh­rend Shin­ko ihr Leben in Akitsu fris­ten wird.

Wie im Zau­ber­berg ist der Ort der Hei­lung und der Höhe ein Ort des Todes. Nach sei­ner Gene­sung reist Shu­s­aku ab, kehrt aber schon bald in die Ber­ge zurück. Lebens­mü­de gewor­den, bit­tet er Shin­ko, mit ihm Selbst­mord zu bege­hen; ein Plan, den sie lachend auf­ge­ben, weil das Seil, mit dem sie sich vor dem Sturz in den Bach anein­an­der­bin­den woll­ten, an den Bei­nen kit­zelt. „Das Leben ist eine Far­ce“, sagt Shu­s­aku, auf Shake­speare anspie­lend, „gespielt von Idio­ten.“ Shu­s­aku wird erneut abrei­sen und eine ande­re Frau hei­ra­ten, eine Fami­lie grün­den, als Leh­rer arbei­ten. Er wird das pro­duk­ti­ve Leben füh­ren, das Cas­torp nicht mehr haben wird. Und doch wird er in den nächs­ten 17 Jah­ren immer wie­der nach Akitsu zurück­kom­men, wie an den Ort eines nicht gestor­be­nen, auf­ge­scho­be­nen Todes, der über die schie­re Sui­zi­da­li­tät hin­aus eine Neu­ord­nung der Zeit anstrebt: als Auf­be­geh­ren gegen das Leben im Leben selbst und Ver­spre­chen eines Über-Lebens in der Höhe, das radi­ka­ler und inten­si­ver aus­fällt als das Leben der japa­ni­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft „im Flachland“.

Der Film besteht aus nichts als die­sen Wie­der­be­geg­nun­gen. Als wür­de mit ihnen die Zeit ver­dich­tet und still­ge­stellt. Als hät­te Shu­s­aku in Wahr­heit die Her­ber­ge eben­so wenig ver­las­sen wie Cas­torp den Zau­ber­berg in den sie­ben Jah­ren sei­nes Auf­ent­halts. Dabei wird bei Yoshi­da Manns (Blei-)Stift zur Kame­ra. Denn die „ewi­ge Wie­der­kehr“ im Roman ent­spricht in der „Ther­mal­quel­le“ einer stän­di­gen Wie­der­auf­nah­me der Rah­mung der Ein­stel­lun­gen in den Ein­stel­lun­gen selbst – in Form von Schie­be­tü­ren, Fens­tern, Raum­tei­lern und Holz­git­tern der mit mat­tem Papier über­spann­ten Wand­schir­me. All die­se Kadrie­run­gen erin­nern an jenen Moment am Anfang des Films, in dem, für eine kur­ze Sekun­de, Shin­ko und Shu­s­aku gemein­sam in einem Spie­gel zu sehen sind. Jeder Rah­men ent­hält wei­te­re, jede Ein­stel­lung des Films poten­ti­ell jede ande­re; die Zeit wird ver­räum­licht und stürzt, in die­ser mise en aby­me der Rah­mun­gen, „in einem rie­si­gen Schwall“ in einen Abgrund, in dem, wie in der Tie­fe eines Schach­tes, das Zusam­men­sein der Lie­ben­den wie ein immo­bi­les Urbild und Kon­den­sat rei­ner Zeit fixiert ist, deren Wesen im rei­nen Ver­ge­hen besteht. Wie in Manns Beschrei­bun­gen einer ste­tig sich wan­deln­den Gebirgs­land­schaft wird die Natur bei Yoshi­da zum Aus­druck einer Ver­än­de­rung, in der die Zeit das indi­rek­te und sub­ti­le „Ande­re“ bleibt: Sie wächst im Früh­jahr mit den Blät­tern und Bäu­men, wird ver­weht mit den Kirsch­blü­ten, fällt mit dem ers­ten Schnee. Sie for­miert sich im Raum und bleibt doch auf lege­re Art form­los, also weni­ger „in“ als „zwi­schen“ den Bil­dern und ihren Rah­mun­gen. Sie wird sub­tra­hiert und abge­zo­gen, ver­schwin­det zwi­schen den Wie­der­be­geg­nun­gen des Paa­res bei der Ther­mal­quel­le. „Leben ist Abschied“, ver­ra­ten die Unter­ti­tel, oder auch: „Ich ver­brin­ge mein Leben damit, dich gehen zu sehen.“

„Was ist Zeit?“, lau­tet die Fra­ge, mit der Mann das auf die Wal­pur­gis­nacht fol­gen­de sechs­te Kapi­tel des Zau­ber­bergs begin­nen lässt, beant­wor­tet Yoshi­da durch sei­ne Rekadrie­run­gen: Zeit ist Raum, der ande­ren Raum ent­hält und sich an ande­ren Raum erin­nert, ohne dass wir in die­sem – lee­ren – Raum noch vor­kom­men; so dass wir die Erfah­rung unse­rer Abwe­sen­heit machen und folg­lich „kei­ne Zeit“ mehr haben, außer für Abschied (von­ein­an­der, und von der Zeit selbst). Aber die von die­ser Zeit­ver­knap­pung erzeug­te Abwe­sen­heit macht unse­re Lek­tü­ren von Büchern und Fil­men, unser Den­ken und Träu­men umso inten­si­ver und küh­ner, ver­ti­ka­ler und zuge­spitz­ter. Jeden­falls, solan­ge es jeman­den gibt, der einen Blei­stift oder eine Kame­ra zur Hand nimmt, um das, was „in rie­si­gem Schwall in uns selbst hin­un­ter­stürzt“, her­vor­zu­brin­gen. Und solan­ge wir bereit sind, uns auf die­sen Sturz ein­zu­las­sen. Allen ande­ren, jenen mit Höhen­angst, bleibt Gei­ßen­dör­fers Zau­ber­berg, oder, was fast das­sel­be ist, die Lin­den­stra­ße.