Notiz zu In die Sonne schauen von Mascha Schilinski

Auch am Land, sei es noch so flach und leer wie die Alt­mark, darf man Tie­fe fin­den, zumin­dest in Mascha Schi­lin­skis nun nicht mehr ganz so neu­en Film, der sei­ne Oscar-Nomi­nie­rung knapp ver­passt hat. Als Trost steht er aber wei­ter­hin auf ande­ren Lis­ten, zum Bei­spiel für den Preis des Ver­ban­des der Deut­schen Film­kri­tik, dort sogar gleich das gan­ze Ensem­ble als bes­te weib­li­che Dar­stel­le­rin. Vom Kon­kur­renz­den­ken will man im ost­deut­schen Nie­mands­land sowie­so nichts wis­sen, bezie­hungs­wei­se macht man es dann eben unter sich aus, wer wirk­lich die Bes­te war. Damit setzt die VDFK-Jury die Hal­tung des Films so gnä­dig wie ernüch­ternd direkt fort, mit dem Ein­druck, dass alles zusam­men­hängt, schon immer so war und sich auch nicht ändern wird. In die Son­ne schau­en erzählt in drei oder vier Zeit­ebe­nen von den Schick­sa­len jün­ge­rer und älte­rer Frau­en auf einem Bau­ern­hof, der zuerst unter dem har­ten Régime einer Bäue­rin steht, spä­ter in einer Wohl­fühl-DDR sozia­lis­ti­scher Bau­ern wie­der­erwacht und schließ­lich von einer gegen­wär­ti­gen Kli­schee­ber­li­ner Klein­fa­mi­lie sowie ihren idyl­li­schen Land­haus­träu­men heim­ge­sucht wird. Dazwi­schen erzählt Schi­lin­ski immer wie­der in Schat­tie­run­gen von inner­fa­mi­liä­ren Miss­hand­lun­gen, Miss­brauch, unge­lös­ten Kon­flik­ten oder trans­ge­ne­ra­tio­na­len Trau­ma­ta, und über­haupt scheint unten den Die­len­bö­den des Hofes kein guter Geist zu leben, wes­halb man wohl selbst am liebs­ten alles abrei­ßen möch­te. Doch der Film ent­schei­det sich für die Reno­vie­rung bezie­hungs­wei­se eher das per­sis­ten­te Betrau­ern der Ver­gan­gen­heit. Zwar gibt es dau­ernd ver­meint­li­che Arbeits­un­fäl­le, doch gear­bei­tet wird kaum. In den wenigs­ten Momen­ten ver­sucht der Film eine Abkehr vom ewig alten Fluch zu fin­den. Höchs­tens dann, wenn sich für einen Augen­blick eine Hand­lungs­mög­lich­keit der Figu­ren zu erken­nen gibt, nur um die­se dann doch wie­der zer­streu­en zu kön­nen, sich also wenigs­tens kurz mit der eige­nen Ohn­macht anzu­le­gen. So wie das jüngs­te Mäd­chen der Ber­li­ner Fami­lie, das dem tag­träu­me­ri­schen Gedan­ken aus­ge­setzt wird, vor Wut auf die Mut­ter, über­hört und über­se­hen zu wer­den, sich im Fluss zu erträn­ken. Die­sel­ben Augen­bli­cke die­ses urdeut­schen Wan­kel­muts wie­der­ho­len sich dann aller­dings in den par­al­lel­mon­tier­ten Geschich­ten eini­ge Male, womit sie einer­seits immer mehr zur Effekt­ha­sche­rei ver­kom­men und ande­rer­seits die per­spek­ti­visch-chro­no­lo­gi­sche Macht des Films stär­ken, wo er sie eigent­lich unter­gra­ben will. Spä­tes­tens dann ändert sich der Blick auf den Film. Statt ele­gisch mit ihm durch die Zei­ten zu dif­fun­die­ren, lässt ihn Schi­lin­ski nach und nach erkal­ten, in dem sie nur noch ein Sam­mel­su­ri­um sym­bo­lisch auf­ge­la­de­ner Geschichts­struk­tu­ren zurück­lässt: der Hof, das Stroh, die Aale, die Flie­gen, die Fami­li­en, die Män­ner, die Frau­en, die Toten, die Schu­he und so wei­ter. Es ent­steht all­mäh­lich eine Erin­ne­rungs­re­tor­te, die sich allein aus Ana­lo­gien zusam­men­setzt, wor­in erzäh­le­ri­sche Dich­te und Schwe­re lie­gen soll, mit der Zeit aber gefühls­lee­re Been­gung durch auf­dring­li­ches See­len­be­spie­geln her­vor­ge­ru­fen wird. In die Son­ne schau­en möch­te mit aller Gewalt nicht der ZDF-Sams­tag­abend sein, was mit Sicher­heit auch gelun­gen ist, ent­larvt sich und sei­ne Vor­bil­der, wie wahr­schein­lich And­rei Tar­kovs­kys Zer­ka­lo oder Micha­el Han­ekes Das wei­ße Band, dabei aller­dings gleich mit als his­to­ri­schen Nim­bus, ohne erkenn­ba­re Außen­welt. Mit dem Unter­schied nur, dass das Zen­tral­ko­mi­tee zwar Rea­li­täts­flucht zu unter­bin­den ver­such­te, was die Les­bar­keit der Bil­der aber nicht ver­un­mög­licht, bei Schi­lin­ski jedoch in Rei­hen­för­mig­keit zer­fällt oder sich in Vag­hei­ten ver­rät­selt. Eine im trü­ben Was­ser schwe­ben­de Hand ist in ihrem Film ent­we­der nur noch genau das oder die Vor­se­hung, also ein Ver­bin­dungs­stück, jedoch ohne eigen­mäch­ti­ge Aus­sa­ge­kraft. Dass dazu die Begeg­nung mit der ost­deut­schen Land­schaft ohne­hin aus etwa­igen poli­ti­schen Grün­den viel wich­ti­ger als der Sinn die­ses zeit­li­chen Frag­men­ta­ris­mus sein mag, könn­te man als all­ge­mei­ne Beob­ach­tung aus dem letz­ten Jahr fest­hal­ten, wenig über­ra­schen dürf­te nur die wie­der­ge­fun­de­ne Eng­stir­nig­keit. Eine sen­ti­men­ta­le Land­schaft, die man mit dem Blick des Films wahr­neh­men, viel­leicht ver­ste­hen, aber genau­so gut auch wie­der igno­rie­ren oder ganz ver­las­sen kann. So mag es kaum ver­wun­dern, dass In die Son­ne schau­en auf der einen Sei­te über­schla­gen­de Begeis­te­rung aus­löst, wo oft auf der ande­ren Sei­te vor allem eher Des­in­ter­es­se herrscht. Ein Film zu sehr davon über­zeugt, er fin­de Nähe, wäh­rend er sich zuneh­mend distanziert.