Begegnungen in der Zeit: Zu den Filmen von Nora Sweeney

Am Abend des 15. Janu­ar wur­den sechs Fil­me der US-ame­ri­ka­ni­schen Fil­me­ma­che­rin Nora Sweeney in einem sehr gut besuch­ten Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um gezeigt. Die Fil­me­ma­che­rin war vor Ort, um nach dem Scree­ning – alle Fil­me wur­den auf 16mm pro­ji­ziert – mit Fil­me­ma­che­rin Lisa Trutt­mann zu spre­chen. Trutt­mann hat­te Sweeney zusam­men mit den Gol­den Pixels nach Wien ein­ge­la­den und an man­chen der Fil­me mit­ge­wirkt. Für die meis­ten von uns im Publi­kum waren die fil­mi­schen Orts­be­ge­hun­gen in Los Ange­les oder Cin­cin­na­ti und die betö­rend ent­spann­ten Por­trät-Minia­tu­ren Sweeneys eine sel­ten gewor­de­ne Gele­gen­heit, mensch­li­che Bil­der aus den USA zu sehen. Die offen­sicht­li­che poli­ti­sche Trag­wei­te die­ser Arbei­ten wur­de trotz­dem und zum Glück kaum erwähnt, statt­des­sen inter­es­sier­te sich das in gro­ßen Tei­len aus Fil­me­ma­che­rin­nen und Film­stu­den­ten bestehen­de Publi­kum für deren Her­stel­lung. Die aus den Fil­men spre­chen­de Zunei­gung zu jenen, die am Rand der Gesell­schaft leben, braucht ohne­hin kei­ne Wort­hül­sen. Es gehe ihr dar­um, sag­te die Fil­me­ma­che­rin im Gespräch, jene sicht­bar zu machen, die sonst über­se­hen wer­den. In ihrem Fall sind das Per­so­nen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und alte Men­schen. Das Kino spricht hier mit sei­nen ein­fachs­ten und kom­ple­xes­ten Mit­teln: der Zeit, der Hin­wen­dung und dem, was zwi­schen Bild und Ton passiert.

Da den Fil­men alle­samt eine gewis­se Sehn­sucht nach dem Ver­gan­ge­nen inne­wohnt, ent­schied man sich dafür, sie in der umge­kehr­ten Rei­hen­fol­ge ihrer Her­stel­lung zu zei­gen. Das war kon­zep­tu­ell anre­gend, führ­te aber dazu, dass man­che der Kameraex­pe­ri­men­te in den älte­ren Fil­men etwas arg gim­mi­cky aus­sa­hen im Ver­gleich zur demü­ti­gen, prä­zi­sen und berüh­ren­den Sim­pli­zi­tät der jün­ge­ren Fil­me. Aus die­sem Grund möch­te ich für mei­ne kur­zen Beob­ach­tun­gen zu den Fil­men die Rei­hen­fol­ge wie­der umdrehen.

Por­trait of Inez, 2012
Her­ge­stellt im Rah­men einer Übung am Cal­Arts, bei der ein Film nicht län­ger als eine Minu­te dau­ern durf­te, begeg­net man hier Inez McW­right, einer 89jährigen Schwar­zen Frau im kali­for­ni­schen Val Ver­de. Sie spricht von ihrem Gar­ten und dem Alter und ehe man sie sieht, endet der Film. Ein biss­chen erin­nert mich die Arbeit an Mr. Haya­shi von Bruce Bail­lie, in dem ein japa­ni­scher Gärt­ner por­trai­tiert wird. Die Kür­ze der Begeg­nung offen­bart zugleich die Schön­heit und die Fall­stri­cke der fast impres­sio­nis­tisch erschei­nen­den Por­trait­skiz­zen an sich, denn der gleich­zei­ti­ge Blick für die Atmo­sphä­re eines Ortes und die flüch­ti­ge Begeg­nung mit Men­schen, die die­sen bele­ben, droht sich hie und da im Weg zu ste­hen. Man wünsch­te sich, mehr zu sehen, mehr zu ver­wei­len, was viel­leicht ein Grund­zu­stand des fla­nie­ren­den Kinos ist. Dar­in kann man auch die See­le von Sweeneys Begeg­nung mit der Welt ent­de­cken: Ein Ort ist für sie, wer dar­in lebt und wer leben will, braucht Orte (in die­sem Fall einen Garten).

Some­thing Like Wha­les, 2013
Durch die Dia­go­na­len, Ver­ti­ka­len und Hori­zon­ta­len der Lein­wand quiet­schen­de Züge im Queens­gate Train Yard in Cin­cin­na­ti. Der Film ist eine Art Ein-Ton-Bal­lett als Schwa­nen­ge­sang auf das indus­tri­el­le Zeit­al­ter. Der Ton kommt von der Ver­lang­sa­mung der Maschi­nen, ein aus einer gest­ri­gen Zeit ins Jetzt schwap­pen­der Ton wie jener der titel­ge­ben­den Wale in der Tie­fe des Mee­res. Das Urmeer über­nimmt am Ende die Bild­ge­stal­tung, als Sweeney in einer län­ge­ren Ein­stel­lung, in der sie das Bild einer selbst­ge­bau­ten Came­ra obscu­ra abfilmt, als Zeit­raf­fer­stu­die von Wol­ken und Zügen in ein bei­na­he mytho­lo­gi­sches, auf dem Kopf ste­hen­des Bild die­ses Nicht-Orts auf die Lein­wand wirft. Selbst in dem einen gezeig­ten Film, in dem es kei­ne Men­schen zu sehen gibt, bekom­men die Maschi­nen eine mensch­li­che Grun­die­rung: Sie spre­chen, jam­mern, äch­zen und bele­ben einen Ort, der ohne sie ver­lo­ren wäre.

Sweet Oran­ges, 2014
Ein Film der Wider­sprü­che: Das schön­far­bi­ge Schat­ten­thea­ter eines Oran­gen­hains und die aus­ge­beu­te­ten, migran­ti­schen Arbei­te­rin­nen, die zwi­schen den Bäu­men ums Über­le­ben pflü­cken. Die for­ma­le Hin­wen­dung an die vom Licht beseel­te Schön­heit durch den Blick der Came­ra obscu­ra und der nüch­ter­ne, poli­ti­sche Impe­tus eines Schau­ens hin­ter die Hecken des ver­fau­len­den Ame­ri­can Dream. Das Erle­ben die­ser Begeg­nung aus einer sub­jek­ti­ven Sicht und das Bemü­hen um eine epi­sche Erzäh­lung vom Dasein am Rand der Welt. Sweeney tas­tet sich hier ent­lang der Fra­ge, was sie eigent­lich inter­es­siert. Dabei steht sie auf den wacke­li­gen Lei­tern ihrer pri­vi­le­gier­ten Posi­ti­on. Sie will ganz und gar Da-Sein, aber sie sucht noch nach dem Ver­trau­en, der zurück­hal­ten­den, fast unsicht­ba­ren Selbst­ver­ständ­lich­keit, die ihre spä­te­ren Fil­me aus­zeich­net. Dabei zeigt sich der für das Kino so wich­ti­ge Glau­be an die Wahr­heit des­sen, was gese­hen wird. Im letz­ten Bild filmt sie das Schild zum Oran­gen­hain, als wäre der Schrift­zug «Sweet Oran­ges» eine iro­ni­sche Ein­la­dung in die Bit­ter­keit von im Kapi­ta­lis­mus ver­en­den­den Exis­ten­zen. Die­se Men­schen haben heu­te gro­ße Angst, sagt Sweeney später.

Faus­to and Emi­lio, 2014
Ein Bar­ber­shop in Cin­cin­na­ti bewahrt die Ver­gan­gen­heit in viel­fa­cher Hin­sicht: Memo­ra­bi­lia aus Ita­li­en, wo die bei­den Betrei­ber her­stam­men. Das Gefühl des gleich­blei­ben­den Erschei­nungs­bilds, obwohl schon kaum mehr Haa­re auf den Köp­fen wach­sen. Die schlaf­wand­le­risch durch­ge­führ­ten Ges­ten einer jahr­zehn­te­lan­gen Tätig­keit. Wie die Züge im Train Yard ent­steht auch hier ein Bal­lett selt­sam ver­zö­ger­ter Bewe­gun­gen. Die Schön­heit der Ver­lang­sa­mung, die bei Sweeney auch auf der leicht abwe­send wir­ken­den, wie neben den Gescheh­nis­sen her­lau­fen­den Ton­spur erzeugt wird. Manch­mal wähnt man sich fast in einem Geis­ter­film, so weit weg scheint das alles, und man fragt sich, ob von die­sen schö­nen Men­schen noch einer lebt. Die titel­ge­ben­den Prot­ago­nis­ten schei­nen zunächst jenem in den USA so belieb­ten Gen­re der huma­nis­ti­schen Freak­shows zu ent­sprin­gen. Je län­ger Sweeney aber mit ihnen Zeit ver­bringt, des­to mehr spürt man, dass es hier weni­ger um ein Por­trait als um das Zusam­men­sein mit die­sen Men­schen geht. Das ist ein ent­schei­den­der Unter­schied, denn hier macht die Fil­me­ma­che­rin kei­nen Film über die Men­schen son­dern mit ihnen. Die gol­de­ne Arm­band­uhr Emi­li­os, die locker an sei­nem Hand­ge­lenk bau­melt, wäh­rend er über die Schul­tern sei­ner Kun­den streicht, ist mehr als nur ein prot­zig glän­zen­der Gegen­stand. Sie ist tat­säch­lich die ver­gol­de­te, das heißt in Wert gegos­se­ne Zeit, von der Sweeney in ihrer zärt­li­chen Hin­wen­dung zu glau­ben scheint, dass sie am Ende eines Lebens auf uns war­tet. Sie fin­det ihren Aus­druck in einer Non­cha­lance, die end­lich der anstren­gen­den Selbst­wahr­neh­mung ent­wischt. Faus­to nickt kurz vor der Kame­ra ein, die auch für Emi­lio nicht wirk­lich da zu sein scheint. Das Bemü­hen dar­um, den Blick nach außen zu wen­den, nicht im Ich zu ver­har­ren, bewohnt das Kino von Sweeney. Auch sie sucht nach die­sen Orten, an denen sie leben kann und sie kann leben, wenn sie den Blick nach außen wen­den kann und ihre Gegen­wart nicht hin­ter­fragt wird.

Birds of a Fea­ther, 2019
Die Fil­me von Sweeney wir­ken oft wie die Vor­stu­die zu ande­ren Fil­men. Das ist kein Man­gel son­dern Grund­be­din­gung des Han­ging Out, des nicht auf Nar­ra­ti­ve son­dern auf sich in der Zeit ent­fal­ten­de Begeg­nun­gen zie­len­den Vor­ge­hens. In die­sem Fall filmt sie eine Gemein­schaft arme­nisch­stäm­mi­ger Män­ner in einem Park in Glend­a­le. Ihr Blick inter­es­siert sich für bestimm­te Vor­gän­ge, die sie in der Mon­ta­ge von­ein­an­der trennt: Das Gehen der Alten, ihre Hän­de, die Land­schaf­ten auf ihren Gesich­tern, die Gegen­stän­de, die sie bei sich tra­gen und die Por­traits, die sie von ihnen auf einem Zei­chen­block anfer­tigt. Gleich­zei­tig wir­ken die Men­schen vor der Kame­ra nie so, als wären sie dort hin­ge­setzt wor­den. Einer albert mit sei­nem Fahr­rad auf der Wie­se her­um, als wäre er Prot­ago­nist einer Slap­stick­ko­mö­die. Im Gegen­satz zu ihren frü­hen Fil­men ist die 16mm-Kame­ra nur mehr Trä­ge­rin eines Mate­ri­als, mit dem es der Fil­me­ma­che­rin leich­ter fällt, die Schön­heit und Wür­de der Men­schen zu über­tra­gen. Manch­mal arbei­tet sie noch mit Zeit­raf­fer, aber ihr Zugang wird nüch­ter­ner doku­men­ta­risch. Nach den Film­vor­füh­run­gen spricht sie über ihre Ver­mei­dung eines Sta­tivs und sie sagt, dass sie den Ein­druck habe, die Men­schen wären weni­ger ein­ge­schüch­tert vor der Kame­ra, wenn kein Sta­tiv invol­viert wäre. Man kann das sehr leicht nach­emp­fin­den, trotz­dem besteht eine der Span­nun­gen ihrer Arbeit genau in die­sem Bemü­hen um eine inti­me, kör­per­li­che Prä­senz bei gleich­zei­ti­ger Unsicht­bar­keit. Die Hand­ka­me­ra erlaubt ihr letzt­lich auch einen for­ma­len Zugriff auf das, was ihr sonst ent­glei­ten könn­te. Sie filmt Vor­gän­ge, die wie in der Zeit ver­har­ren, man könn­te sagen: «nichts pas­siert», aber sie filmt sie so, dass jede bei­läu­fi­ge Ges­te groß wer­den kann. Ein Grin­sen, ein Zucken der Hand, das Drü­cken des Geh­stocks in den Wiesenboden.

The Con­cre­te River, 2023
Das Kon­kre­te des Titels bezieht sich wahr­schein­lich auf die Beton­mas­sen, in die der Los Ange­les River über sei­ne 82 Kilo­me­ter Län­ge ein­ge­las­sen ist. Es könn­te sich aber auch um ein Kon­kre­tes im Sin­ne einer Ant­wort auf die Irrea­li­tät han­deln, die vor allem Thom Ander­sen in sei­nem Los Ange­les Plays Its­elf als Grund­zu­stand der Film­stadt erkannt hat. Denn statt der berühm­ten Ver­fol­gungs­jag­den aus Ter­mi­na­tor 2: Judgment Day oder Dri­ve begeg­net Sweeney hier jenen, die ihre Zeit an Fluss ver­brin­gen bezie­hungs­wei­se den Fluss erst zu einem Ort machen, an dem ein Leben mög­lich ist. Der Ort ist nicht Schau­platz einer Hand­lung son­dern tat­säch­li­cher, kon­kre­ter Ort. Der Film ist eine Ver­mes­sung ohne Line­al, eine Tem­pe­ra­tur­auf­nah­me gegen den poli­ti­schen Zynis­mus, der Bewoh­ner umgrenz­ter Gebie­te stets in Grup­pen auf­spal­ten möch­te. Hier dage­gen gibt es eine Co-Exis­tenz von Men­schen, Tie­ren und Pflan­zen ohne Hier­ar­chie. Womög­lich könn­te man (zynisch) ein­wen­den, dass die­ser so fried­lich dahin­flie­ßen­de Film nur ein wei­te­res Stück Irrea­li­tät in die fil­mi­sche Land­schaft von Los Ange­les bringt, aber das wür­de über­se­hen, um was es der Fil­me­ma­che­rin hier und in ihrem gesam­ten Werk, wie es sich im Film­mu­se­um prä­sen­tier­te, eigent­lich geht. Denn als ein jun­ger Ska­ter Social Media erwähnt, erschrickt man fast. Die Bil­der sind so sehr aus der Zeit gefal­len, dass man nicht damit rech­net, sich im Heu­te zu bewe­gen. Genau dar­in liegt das zugleich per­sön­li­che wie poli­ti­sche Bestre­ben, das man in Sweeneys Fil­men ent­de­cken kann und das man viel­leicht so beschrei­ben könn­te: Die Zeit ist nur eine Fra­ge des Blicks, den wir auf die Wirk­lich­keit werfen.