Beobachtungen zu den Fernsehbildern der Olympischen Spiele

Wer alt genug ist, sich an die ner­vö­sen Bli­cke John McEn­roes zu erin­nern, als die­ser beim Auf­flat­tern einer Tau­be auf dem Sta­di­on­dach oder beim Rat­tern einer Film­ka­me­ra im Sta­di­on in sei­ner Kon­zen­tra­ti­on gestört wur­de, wird sich wun­dern, wie die Ath­le­ten bei den Olym­pi­schen Spie­len in Nord­ita­li­en dem Anschein nach, das schril­le, metal­li­sche Sur­ren der knapp hin­ter oder über ihnen durch die Luft flie­gen­den Droh­nen­ka­me­ras igno­rie­ren kön­nen. Jeden­falls scheint sich noch nie­mand beschwert zu haben. Egal ob beim Ski­sprung, beim Biath­lon oder auf den Abfahrts­pis­ten, klei­ne schwar­ze Gerä­te tau­chen unent­wegt hin­ter und über den Kör­pern auf und sie wir­ken so bedroh­lich, dass man Fried­rich Kitt­lers zu Tode nach­er­zähl­te Ana­lo­gie von der Kame­ra und der Waf­fe fast wie­der aus­gra­ben möchte.

Der Grund für den Ein­satz der kriegs­taug­li­chen Flug­ob­jek­te, an denen die Fern­seh­pro­du­zen­ten nicht mal zu stö­ren scheint, dass sie irri­tie­rend in jenen Auf­nah­men ins Bild blit­zen, die mit den her­kömm­li­chen Kame­ras gedreht wer­den, ist eine grö­ße­re Nähe, eine höhe­re Dyna­mik, ein bes­se­res Nach­emp­fin­den der schie­ren Wucht die­ser Sport­ar­ten, in ande­ren Wor­ten also das übli­che Fehl­den­ken, das auch im Kino dafür sorgt, dass nichts mehr gese­hen wird, weil alles erlebt wer­den soll. Kame­ras an Hel­men, Kame­ras in Umklei­de­ka­bi­nen, Kame­ras im Schnee, Kame­ras über­all. Was dabei auf der Stre­cke bleibt, ist das, was die Alten Ima­gi­na­ti­on nann­ten und die weni­ger Alten eine kri­ti­sche Distanz. Der Rand des Bil­des wur­de abge­schafft. Es gibt nichts mehr zu entdecken.

Immer­hin sieht man die schrä­ge Hal­tung der Ski­sprin­ger in der Luft, könn­te man ein­wen­den und das ist sicher­lich rich­tig. Man sieht jetzt, was sie leis­ten müs­sen, um gera­de in der Luft zu blei­ben. Man fliegt jetzt wort­wört­lich mit. Die sicht­ba­re­ren Kör­per neh­men einen die Illu­si­on die­ses Flugs. Das letz­te Geheim­nis der Sprin­gen­den, näm­lich das, was sich zwi­schen Absprung und Lan­dung abspielt, wird zu Tode ana­ly­siert. Im Bild leuch­ten drei­hun­dert Zif­fern auf. Punk­te­sys­te­me, Wind­stär­ken, Fehl­schüs­se und Mil­li­se­kun­den. Man sieht sich das an und fragt sich, wie man von so vie­len Daten, die man kaum ver­ar­bei­ten kann, noch ins Träu­men und Jubeln kom­men soll, was gleich­zei­tig von einem ver­langt wird. Es ist Sport, sagen sie alle in die Mikro­fo­ne und trotz­dem bet­ten sie die­se eher medi­zi­nisch-bio­lo­gi­schen-wis­sen­schaft­li­chen Tätig­kei­ten wei­ter in Nar­ra­tio­nen aus dem 19. Jahr­hun­dert ein, um ein Bild am Leben zu erhal­ten, dem ihre Kame­ras längst wider­spre­chen. Die natio­na­lis­ti­schen Hel­den­ge­schich­ten und die durch den Tief­schnee stap­fen­den Kör­per der Lang­läu­fe­rin­nen sind so weit aus­ein­an­der gespreizt, dass eine siche­re Lan­dung fast aus­ge­schlos­sen ist. Nie­mand kommt auf die Idee, sich wirk­lich für den Sport zu inter­es­sie­ren. Es geht ent­we­der um Leis­tung oder Spek­ta­kel. Dazwi­schen bleibt wenig.

Die Schnitt­fol­gen erin­nern bis­wei­len an sowje­ti­sche oder gar nazi­deut­sche Pro­pa­gan­da­fil­me (der Ein­fluss Leni Rie­fen­stahls auf die Bil­der des Sports bleibt erstaun­lich bis furcht­erre­gend), was auch an der fast schon lächer­lich per­fek­ten Insze­nie­rung liegt, in der immer die rich­ti­gen Fah­nen und Men­schen ins Bild gesetzt wer­den, bevor oder nach­dem die Sport­le­rin aus der ent­spre­chen­den Nati­on im Bild war. Selbst­re­dend freu­en sich fast sämt­li­che Zuschau­er, die im Bild sind. Alle sehen gut aus, lachen, jubeln, bib­bern mit, wie man es von ihnen erwar­tet. Nie­mand schaut abwe­send in die Berg­land­schaft, kaum wer blickt gera­de auf das Han­dy. Jubelt ein Nor­we­ger auch, wenn eine Japa­ne­rin eine tol­le Leis­tung zeigt? Die Bil­der geben dar­über kei­nen Auf­schluss. Die Zuschau­er sind hier ein Teil der Insze­nie­rung eines Glücks, wenn auch eines natio­na­lis­tisch gefärb­ten Glücks. Da die sta­ti­sche Kame­ra abge­lehnt wird von den Über­tra­gun­gen braucht es dar­über hin­aus erstaun­lich wenig Schnit­te. Die Kame­ras ver­fol­gen die Sport­ler ohne eine Sekun­de der Unge­wiss­heit. Zwi­schen den Bil­dern gibt es nichts. Nur wei­te­re Bil­der. Der knapp ein­ein­halb­mi­nü­ti­ge Super-G-Lauf der spä­te­ren Sie­ge­rin Fede­ri­ca Bri­gno­ne kam mit nur drei­zehn Schnit­ten aus, ohne auch nur einen Meter zu ver­pas­sen. Beim letz­ten Sprung ins Ziel film­te eine Kame­ra gar von unter­halb der Ski. Dazu schrei­en die Repor­ter ins Mikro­fon, als wür­den sie in der Droh­ne sitzen.

Sport ist Freu­de, sagen die Bil­der und ver­mit­teln die Stim­men. Eine Beschleu­ni­gung fin­det statt, die unter die übli­chen Gefüh­le von Grö­ße und Hel­den­tum, so etwas wie unschul­di­ges Par­ty­ge­tue mischen will. Man könn­te sagen, dass der tou­ris­ti­sche Blick erfolg­reich der Erha­ben­heits­rhe­to­rik bei­gemischt wur­de. Man soll lächeln, wäh­rend man nach den Ster­nen greift. Die Hel­din­nen müs­sen heu­te nicht mehr nur glän­zen, sie sol­len auch strah­len. Tun sie es nicht, sagt irgend­wer: Das ist Sport. Und dann wird eben eine Tra­gö­die erzählt. Das geht auch. Das Come­back, die Nie­der­la­ge, der Favo­ri­ten­sturz. Zwi­schen­durch ein biss­chen poli­ti­sche Kri­tik, das neu­es­te Gen­re emo­tio­na­li­sie­ren­der Nar­ra­ti­on ohne Kon­se­quenz. Haupt­sa­che, es wird erzählt. Man gewinnt den Ein­druck, die­se Ver­an­stal­tung ver­baut sich jede mög­li­che Schön­heit der Bewe­gung, jeden Humor, der aus der Absur­di­tät sol­cher Wett­kämp­fe ent­ste­hen könn­te, jede Anmut des geschei­ter­ten Ver­suchs, jede spi­ri­tu­el­le oder phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Kör­pern und Land­schaf­ten, jede mög­li­che Poe­sie in der Ver­mitt­lung die­ser Grenz­erfah­run­gen, jede Schlicht­heit des Schau­ens in einer Manie der Geschich­ten. Man kann nur abschal­ten, um wie­der etwas zu sehen. Oder man schaut an den Bil­dern vorbei.