Ber­lin ist für mich mitt­ler­wei­le die Stadt der Men­schen­schlan­gen; zumin­dest gegen eines von bei­den habe ich eine Pho­bie und die Kom­bi­na­ti­on – das heißt Schlan­ge ste­hen­de Men­schen – ver­su­che ich zu mei­den. Des­halb möch­te ich mich nicht auf die Pha­sen des War­tens, des Durch-das-Pro­gramm-Schlän­gelns, kon­zen­trie­ren, son­dern auf den ers­ten und den letz­ten Film mei­ner aller­ers­ten Berlinale.

Der Weg vom Alex­an­der­platz über die Karl-Marx-Allee hin zum DDR-Pre­mie­ren­ki­no Inter­na­tio­nal war tat­säch­lich ein Anfang, dem ein gewis­ser Zau­ber inne­wohn­te. Eisi­ger Wind schlug mir ent­ge­gen, die kom­mu­nis­ti­schen Pracht-Plat­ten­bau­ten ström­ten den Geist einer ver­flos­se­nen Uto­pie aus, das Über­que­ren der Allee kam einem Über­tritt in eine ande­re Zeit gleich. Ich war schon ein­mal hier, mit 19 bei einem Lese­kreis zu Karl Marx. Damals war es auch kalt, grau und win­dig, aber die Mis­si­on schien ernster. 

Dies­mal bin ich auf dem Weg zu Eolo­mea von Herr­mann Zscho­che. Ein anspie­lungs­rei­cher, spa­ßi­ger DEFA Sci­ence Fic­tion Film aus dem Jahr 1972. Auf den ers­ten Blick ver­lie­be ich mich in das Kino, auf den zwei­ten in den Film­be­ginn und dann in Frau Dok­tor Maria Scholl, die stark geschminkt, per­fekt fri­siert und futu­ris­tisch-stil­voll geklei­det mit bren­nen­der Ziga­ret­te im Mund­win­kel, lin­kisch und cool zugleich, die Welt­raum­kon­fe­renz betritt. Die­se setzt sich aus Damen und Her­ren der ver­schie­dens­ten Län­der zusam­men, deren inter­na­tio­na­le Her­kunft durch eth­ni­sche Über­trei­bun­gen, wie Fri­su­ren und Tracht, deut­lich mar­kiert ist. Zuerst fällt das posi­tiv auf, doch im Grun­de bleibt vom inter­na­tio­na­len Aus­se­hen der Kon­fe­renz nur ein Bild übrig (wenn auch ein posi­ti­ves, inte­gra­ti­ves), denn die Agie­ren­den sind alle euro­päi­scher Abstam­mung. Frau Dok­tor wird als schö­ne, selbst­be­wuss­te, unab­hän­gi­ge Frau insze­niert: Sie bie­tet den älte­ren, deut­schen Her­ren, die reich­lich farb­los daher­kom­men, gekonnt Paro­li, steht zu ihren Mei­nun­gen, aber ver­birgt auch ihre eige­ne Unwis­sen­heit bezüg­lich der ver­schwin­den­den Raum­schif­fe nicht. Sie­ben, nein Acht sind mitt­ler­wei­le unter unge­klär­ten Umstän­den ver­schwun­den, der Beschluss ist ein Flug­ver­bot. Dies erzürnt den Kos­mo­nau­ten Dan Lag­ny, der mit einem lethar­gi­schen, in sich ver­sun­ke­nen Welt­raum-Pio­nier auf einem tris­ten Pla­ne­ten sta­tio­niert ist. Er lang­weilt sich dort zu Tode – ein­zi­ger Trost sind ihm sei­ne Fla­sche Cognac und sei­ne Erin­ne­run­gen an den letz­ten Urlaub auf den Gala­pa­gos Inseln. 

Das Ankom­men auf der Insel beschreibt die aller­ers­te Sequenz des Films: Nach Musik zu Schwarz­bild (ein hoch­un­ter­schätz­tes Stil­mit­tel), taucht hin­ter exo­ti­schen Kak­teen Dan auf. Die Son­ne flim­mert auf 70mm-Film und die Exo­tik des Ortes sug­ge­riert, dass man sich auf einem wun­der­schö­nen frem­den Pla­ne­ten befin­det. So lan­ge, bis Dan in das leuch­tend blaue Meer hin­ein­läuft und gen Him­mel schreit, dass er den Kos­mos satt habe. Aus der Vogel­per­spek­ti­ve zieht die Kame­ra davon, hin­ein in den Kos­mos und in den psy­che­de­lisch-ent­spann­ten Vorspann.

Wie­der auf Gala­pa­gos spielt eine der letz­ten Sze­nen des Films. Vor der Kulis­se des Mee­res lau­fen Dan und Maria auf­ein­an­der zu, in Zeit­lu­pe. Ein­zel­auf­nah­men der bei­den wech­seln sich mit Pan­ora­ma­ein­stel­lun­gen vor einer zwei­fa­chen Hori­zon­ta­le ab. Mit jedem Pan­ora­ma bewe­gen sich die bei­den wei­ter von­ein­an­der weg, mit jeder Ein­zel­auf­nah­me wähnt man sie näher. Dia­me­tral, kon­ge­ni­al montiert.

Bewusst iro­nisch-über­kitscht schei­nen die Paar­sze­nen, die Dans Hirn ent­sprin­gen, eine Abzieh­fo­lie west­li­cher Fami­li­en­idyl­le zu sein: Lie­be, Fami­lie, offe­ne Gren­zen und Jet­set-Urlaub in der Kari­bik. Das Berufs­le­ben dem per­sön­li­chen Glück zu opfern, die eige­nen Zie­le über die des Kol­lek­tivs zu erhe­ben, ist in Eolo­mea aber nur mög­lich, wenn die­se rück­wir­kend wie­der der Repu­ta­ti­on des Staa­tes, der Gemein­schaft die­nen. Grund für das Ver­schwin­den der Raum­schif­fe ist näm­lich, dass Mari­as Kol­le­ge Pro­fes­sor Ole Tal beschlos­sen hat, in einer exor­bi­tan­ten Expe­di­ti­on den Pla­ne­ten Eolo­mea zu errei­chen, der der schöns­te Pla­net sein soll, der Lie­bes­stern am Fir­ma­ment. Für die­se pres­ti­ge­rei­che Expe­di­ti­on hat er heim­lich jun­ge, enga­gier­te Leu­te rekru­tiert, die teil­wei­se selbst nie die Erde gese­hen haben und nur für die Kos­mos­mis­si­on leben. Die Fik­ti­on des Pla­ne­ten Eolo­mea, des­sen mög­li­che Ent­de­ckung so weit in der Zukunft liegt, dass die Unsterb­lich­keit des Sys­tems als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­ge­setzt wird, gewinnt über Dans in Greif­wei­te lie­gen­de Träu­me­rei­en die Oberhand.

Kann man also sagen, dass Eolo­mea, indem er Dan schluss­end­lich auf Kos­mosexpe­di­ti­on schickt, die Kate­go­rie eines sys­tem­kon­for­men Kinos bedient? Das stän­di­ge Chan­gie­ren zwi­schen Kri­tik und Anpas­sung an das Sys­tem, zwi­schen dem Glau­ben an die Idee der Raum­fahrt und dem schlich­ten Ver­lan­gen nach der Erde (ohne Gren­zen), zwi­schen der Sehn­sucht nach Fami­lie und der wer­be­äs­the­ti­schen Bebil­de­rung der­sel­ben gibt Rät­sel auf. Gera­de des­halb ist Eolo­mea kei­ne Pro­pa­gan­da, er ist auch kei­ne Anti-Pro­pa­gan­da. Es ist ein Film, der die nar­ra­ti­ve Form des Sci­ence Fic­tion nicht nutzt, um Klar­hei­ten auf­zu­zei­gen, son­dern um die wider­sprüch­lichs­ten Emp­fin­dun­gen, die ein den­ken­der Mensch in Bezug auf ein Sys­tem haben kann, audio­vi­su­ell expe­ri­men­tier­freu­dig, bis­wei­len an das zeit­ge­nös­si­sche ita­lie­ni­schen Gen­re- und Autoren­ki­no ange­lehnt, in Sze­ne setzt. 

Für Herr­mann Zscho­che war Eolo­mea lei­der der ein­zi­ge Regie­aus­flug ins Gen­re­ki­no. Sein rest­li­ches Oeu­vre kon­zen­triert sich auf rea­lis­ti­sche, sehr erfolg­rei­che Kinder‑, Jugend‑, und Erwach­se­nen­fil­me, die immer nah an der DDR-Zen­sur vor­bei schramm­ten. Rea­lis­ten soll­ten öfters Sci­ence Fic­tion machen!

Der letz­te Film – war genau genom­men nicht der letz­te Film, son­dern nur der letz­te, den ich zur Gän­ze gese­hen habe. Der Schau­platz ist eines der Kinos am Pots­da­mer Platz. Mon rot fai von Som­pot Chid­gasorn­pong­se ist Apichat­pong Weer­a­set­ha­kuls Pro­duk­ti­ons­fir­ma Kick the Machi­ne Films ent­sprun­gen. Der Film erfreut dadurch, kei­ne Kopie der Apichatpong’schen Poe­tik zu sein, obgleich eine Nähe deut­lich ist. Ich sit­ze nor­ma­ler­wei­se nie in der ers­ten Rei­he, dies­mal schon und zwar mit­tig, genau zwi­schen den Glei­sen, die sich als ers­tes Bewegt­bild vor mir auf­tun. Genau­er gesagt sit­ze ich nicht in der ers­ten Rei­he im Kino am Pots­da­mer Platz, son­dern in dem thai­län­di­schen Zug. Die Kame­ra glei­tet mit einem neu­gie­ri­gen, suchen­den, ver­wei­len­den und spitz­fin­di­gem Blick über die Pas­sa­gie­re der ältes­ten Bahn Thai­lands, die den Nor­den mit dem Süden ver­bin­det. Ver­wo­ben wer­de ich mit den Ein­drü­cken, der Poly­pho­nie der Gesich­ter und Erzäh­lun­gen – das bestän­di­ge Rat­tern des Zuges als beru­hi­gen­den Rhyth­mus in Ohr und Kör­per. Der Blick auf die Mit­rei­sen­den könn­te mein Blick sein, der Blick aus dem Fens­ter eben­so und das Erschre­cken (vor dem Ähn­li­chen) könn­te nicht grö­ßer sein, als sich, je wei­ter der Zug nach Süden kommt, zwi­schen mei­ne Mit­rei­sen­den plötz­lich kau­ka­si­sche Gesich­ter, blon­de Haa­re und ver­brann­te Haut mischen. Stö­rend sind die Archi­va­li­en, die den Film­fluss unter­bre­chen und die Bahn ein­bet­ten wol­len in eine blu­ti­ge Geschich­te. Viel geschick­ter macht der Regis­seur das am Ende des Films, als er einen Eng­län­der und einen Thai bei einer Kon­ver­sa­ti­on in der Lan­des­spra­che belauscht. Bei­de sind offen­sicht­lich in dem­sel­ben Schlaf­wa­gen­ab­teil gelan­det und unter­hal­ten sich über die Bahn­li­nie und deren Geschich­te, die geprägt ist von den kolo­nia­lis­ti­schen Bestre­bun­gen der Bri­ten und Kriegs­ver­bre­chen von­sei­ten der Japa­ner. (Ein Ereig­nis in der Geschich­te der soge­nann­ten Todes­ei­sen­bahn, bei deren Bau auch etli­che bri­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne ums Leben kamen, wur­de fol­ge­rich­tig zum Hol­ly­wood-Epos: The Bridge on the River Kwai von David Lean). Der Bri­te über­nimmt dabei die Rol­le eines Eisen­bahn­in­ge­nieurs aus der Ent­ste­hungs­zeit der Bahn­stre­cke und flicht ein Erzähl­netz aus his­to­risch plau­si­blen Anek­do­ten und Fak­ten. Dabei sind Bil­der aus dem nächt­li­chen Zug zu sehen, es rat­tert bestän­dig. Wie Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul lässt Som­pot Chid­gasorn­pong­se hier Geschich­te auf denk­bar krea­ti­ve Wei­se in die schein­ba­re Rei­se­do­ku­men­ta­ti­on ein­flie­ßen, eben­so wie die Fik­ti­on in ihrer natür­lichs­ten Form: durch einen Erzähler. 

Lei­der endet der Film nicht sobald die Unter­hal­tung endet und sich die Prot­ago­nis­ten (die ein­zi­gen Dar­stel­ler des Films) ent­schlie­ßen, schla­fen zu gehen. Es wird noch Tag und die Son­ne scheint durch die lachs­far­be­nen Gar­di­nen der ers­ten Klasse. 

Laut Abspann ent­stan­den die Auf­nah­men zu Mon rot fai inner­halb der letz­ten zehn Jah­re. Im Lau­fe die­ser Zeit haben sich auch die Mate­ria­li­en geän­dert, mit denen der Regis­seur film­te: Von grob­kör­ni­gem Video, über ver­pi­xel­te Digi­tal­ka­me­ra bis hin zu HD-Qua­li­tät mei­ne ich alles zu erken­nen. Ich wür­de ger­ne wis­sen ob in dem Film, in dem es um eine Eisen­bahn­li­nie geht, deren Bau zur Zeit der Geburts­stun­de des Kinos begon­nen wur­de, auch Film­ma­te­ri­al genutzt wur­de. Die Recher­che bleibt ergeb­nis­los, man müss­te sich Mon rot fai noch­mals ansehen.

Im Nacht­zug zurück nach Wien ver­mis­se ich das bestän­di­ge Rat­tern der thai­län­di­schen Bahn. Der Zug hält zu oft und zu lang an irgend­wel­chen tsche­chi­schen Bahn­hö­fen. Ich ver­trei­be mir die Nacht, indem ich mei­ne Mit­rei­sen­den fotografiere:

railway sleeper