Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Purple, Bodies in Translation - Part II of A Yellow Memory from the Yellow Age von Joe Namy

Berlinale 2017: Forum Expanded

Jahr für Jahr soll­te Kri­tik an der unüber­schau­ba­ren Men­ge an Fil­men geübt wer­den, die bei der Ber­li­na­le gezeigt wer­den, und vor allem wie mit die­sen Fil­men umge­gan­gen wird. Die ein­zel­nen Sek­tio­nen sind oft lieb­los mit Fil­men bestückt, anders als etwa in Locar­no fühlt man in der Film­aus­wahl sel­ten so etwas wie eine kura­to­ri­sche Hand­schrift (weder inner­halb der ein­zel­nen Sek­tio­nen, und schon gar nicht fes­ti­val­über­grei­fend). Eine Aus­nah­me von der Regel ist das Forum Expanded.

Das Forum Expan­ded ist nicht nur für Ber­li­na­le-Ver­hält­nis­se eine her­vor­ra­gend kon­zi­pier­te und mutig kura­tier­te Sek­ti­on, son­dern zählt wohl ins­ge­samt zu den span­nends­ten Neben­schie­nen gro­ßer Film­fes­ti­vals. Zwar wer­den im Umfeld von Film­fes­ti­vals mitt­ler­wei­le immer häu­fi­ger instal­la­ti­ve Arbei­ten oder klei­ne­re Aus­stel­lun­gen gezeigt, jedoch ist mir kein ande­res Fes­ti­val bekannt, dass die­se Aus­stel­lun­gen in einer Form insti­tu­tio­na­li­siert hat, wie das Forum Expan­ded. Seit eini­gen Jah­ren wird zusätz­lich zum Film­pro­gramm in den Fes­ti­val­ki­nos für die Dau­er der Ber­li­na­le der Aus­stel­lungs­raum im Ober­ge­schoss der Aka­de­mie der Küns­te mit unter­schied­li­chen Bewegt­bild­ar­bei­ten bespielt. So fin­den hier Künst­ler Raum, deren Wer­ke das Kino­dis­po­si­tiv auf­bre­chen; in ande­ren Fäl­len wer­den pro­vo­ka­tiv Brü­che her­aus­ge­ar­bei­tet, indem ein­zel­ne Fil­me, die auch im Kino gezeigt wer­den könn­ten, als sin­gle-chan­nel-Instal­la­tio­nen in den Aus­stel­lungs­kon­text trans­fe­riert wer­den. Obwohl in man­chen Fäl­len Kri­tik geübt wer­den kann (und muss), wel­cher Prä­sen­ta­ti­ons­mo­dus für wel­chen Film gewählt wur­de, führt der Aus­stel­lungs­raum als Ergän­zung zu den Film­pro­gram­men im Kino­saal zu einer Erwei­te­rung der fil­mi­schen Per­spek­ti­ve. Es sind „Arbei­ten, die das Kino von außen betrach­ten“ (Ste­fa­nie Schul­te Strat­haus) und des­halb wie­der zu ihm zurückführen.

So wert­voll die Agen­da des Forum Expan­ded ist, Kino und Aus­stel­lungs­raum, die unter­schied­lichs­ten Facet­ten von Bewegt­bil­dern in Bezie­hung zu set­zen, so not­wen­dig ist es auch Kri­tik zu üben. Für die Aus­stel­lung hat man drei­zehn Arbei­ten aus­ge­wählt von denen zwölf im Aus­stel­lungs­raum im Ober­ge­schoss unter­ge­bracht sind und eine, leicht zu über­se­hen, hinter/​unter dem Trep­pen­auf­gang. Die Fül­le an Arbei­ten auf begrenz­tem Raum hat Kom­pro­mis­se in der Prä­sen­ta­ti­on der jewei­li­gen Arbei­ten zur Fol­ge, die mich oft zwei­feln las­sen, ob ein­zel­ne Wer­ke nicht doch bes­ser in einem Kino auf­ge­ho­ben wären, als unter sol­chen Bedin­gun­gen gezeigt zu wer­den. Am deut­lichs­ten wird das in Fra­gen des Sounds. Wäh­rend ein­zel­ne Arbei­ten wei­te Tei­le des ver­füg­ba­ren Raums klang­lich für sich bean­spru­chen, bleibt für die dazwi­schen­lie­gen­den Fil­me nur der Griff zum Kopf­hö­rer – und das obwohl die räum­li­che Anord­nung der Lein­wän­de im Gegen­satz zum letz­ten Jahr dies­mal weni­ger offen gestal­tet ist (zumin­dest läuft man nun kei­ne Gefahr mehr in der Rezep­ti­on von grel­len Far­ben oder hel­lem Licht benach­bar­ter Arbei­ten gestört zu wer­den) – das führt zur para­do­xen Situa­ti­on, in der gera­de die Dyna­mik des Aus­stel­lungs­raums, die unter ande­rem dadurch ent­steht, dass man frei über Per­spek­ti­ve und Distanz zum Kunst­werk ent­schei­den kann, durch die Kopf­hö­rer­ka­bel ver­lo­ren geht. Oft fin­det man sich in behelfs­mä­ßi­gen (und weit­aus unge­müt­li­che­ren) Kino­si­tua­tio­nen wie­der: sit­zend, vor einer Lein­wand, durch die Ver­ka­be­lung an einen fes­ten Platz und die Dau­er der fil­mi­schen Arbeit gebunden.

Untitled Fragments von James Benning
Untit­led Frag­ments von James Ben­ning (© James Benning)

Die Aus­stel­lung beginnt mit Wut­harr, Salt­wa­ter Dreams des Kar­ra­bing Film Coll­ec­ti­ves, einem Film, der sogleich an der Ent­schei­dung des Kura­to­ren­teams zwei­feln lässt, Fil­me im Muse­ums­raum zu prä­sen­tie­ren: ein Motor­scha­den hat ein Boot lahm­ge­legt, nun erzäh­len drei Per­so­nen in Rück­blen­den ihre Ver­si­on der Geschich­te, wie es dazu gekom­men ist. Die Hand­lung ist frei­lich nur der Aus­gangs­punkt für die Fil­me­ma­cher und Dar­stel­ler des Abori­gi­ne-Kol­lek­tivs, um Fra­gen staat­li­cher Auto­ri­tät, christ­li­chen Glau­bens und indi­ge­ner Tra­di­tio­nen zu the­ma­ti­sie­ren. Es han­delt sich also um einen epi­so­dischen Film, der sei­ne Struk­tur erst durch die chro­no­lo­gi­sche Abfol­ge der Ereig­nis­se offen­legt und ver­ständ­lich macht, denn die drei Erzähl­ver­sio­nen wer­den nach­ein­an­der in sin­gle-chan­nel gezeigt. Wie schon letz­tes Jahr in James T. Hongs Ter­ra Nul­li­us, der drei ver­schie­de­ne natio­na­lis­ti­sche Bewe­gun­gen beim Ver­such beglei­te­te, ein umstrit­te­nes Eiland per Boot zu errei­chen, stellt sich in Wut­harr, Salt­wa­ter Dreams die Fra­ge, was der Film durch die Über­tra­gung in einen Prä­sen­ta­ti­ons­kon­text gewinnt, bei dem anzu­neh­men ist, dass die Zuschau­er den Film nicht in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge und in vol­ler Län­ge sehen wer­den. War­um einen Film, der Dau­er durch Wie­der­ho­lung zu sei­nem wich­tigs­ten for­ma­len Prin­zip erhebt, in einer Wei­se zei­gen, die die­sem Prin­zip zuwiderläuft?

Nur weni­ge Schrit­te wei­ter ver­söhnt man sich mit der Idee einer fil­mi­schen Aus­stel­lung. Im Raum hängt eine reflek­tie­ren­de Lein­wand, die von zwei Schein­wer­fern in pur­pur­nes Licht getaucht wird. Im Spie­gel­bild der Lein­wand sieht das Publi­kum sich selbst und zwei­spra­chi­ge Unter­ti­tel (ara­bisch und eng­lisch), wäh­rend durch den Kopf­hö­rer Stim­men über das Ver­hält­nis von Spra­che und Schrift, Ori­gi­nal und Über­set­zung nach­den­ken. Das ist Joe Namys Pur­ple, Bodies in Trans­la­ti­on – Part II of A Yel­low Memo­ry from the Yel­low Age. Hier hilft der Kopf­hö­rer sich in die­sen Sog aus Far­ben, Schrift, Stim­me und Ton hin­ein­zie­hen zu las­sen und in den Refle­xi­ons­raum ein­zu­tre­ten, der auf sprach­li­cher Ebe­ne eröff­net wird: wie kann Bedeu­tung und Erfah­rung über­setzt wer­den? Wie ver­hal­ten sich Spra­chen zuein­an­der, wie Medi­en? Was ist an Über­set­zungs­ar­beit nötig, um eine Lein­wand zu einem Film zu machen?

Unmit­tel­bar neben Joe Namys instal­la­ti­ver Film­ar­beit fin­det sich ein ver­spiel­tes wie kom­ple­xes Werk des kana­di­schen Künst­lers Oli­ver Husain. Isla San­ta Maria ist ein 3D Film über eine Insel im Lake Michi­gan, die der Legen­de nach an jenem Ort ent­stan­den ist, wo ein Schiff­wrack liegt, das 1893 zur World’s Colum­bi­an Expo­si­ti­on als Nach­bau der San­ta Maria ange­fer­tigt wor­den war. Husain ver­webt in sei­nem Film alte ste­reo­sko­pi­sche Foto­gra­fien von die­ser Mes­se mit der Fra­ge nach dem zen­tral­per­spek­ti­vi­schen Blick, der allen gän­gi­gen foto­gra­fi­schen und kine­ma­to­gra­fi­schen Bil­dern zugrun­de liegt, die mit­tels opti­scher Lin­sen­sys­te­me ent­stan­den sind. Der Blick der Kame­ra wird hier als west­li­cher Blick ver­stan­den, ver­wandt mit dem Blick Colum­bus‘ und sei­ner Nach­fol­ger, die für den Mas­sen­tod des Groß­teils der indi­ge­nen ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung ver­ant­wort­lich sind. Der 3D-Blick als kolo­nia­lis­ti­scher Blick wird hier auf spie­le­ri­sche Art dekon­stru­iert, wäh­rend Geschich­te, Gegen­wart und Zukunft durch Husains nar­ra­ti­ve Rah­mung zuein­an­der in Bezie­hung gesetzt werden.

Zwei wei­te­re Arbei­ten möch­te ich eben­falls noch her­vor­he­ben. Anders als die bis­her auf­ge­führ­ten, sind sie nicht als sin­gle-chan­nel-Instal­la­tio­nen kon­zi­piert und folg­lich weni­ger ein­fach im Kino­raum vor­stell­bar. Zum einen ist da Jea­min Chas Twel­ve, ein fil­mi­sches Tryp­ti­chon: das Re-Enact­ment der Min­dest­lohn­ver­hand­lun­gen in Süd­ko­rea auf drei neben­ein­an­der­lie­gen­de Lein­wän­de ver­teilt. In jedem der drei Bil­der sind Ver­hand­lungs­part­ner unter­schied­li­cher Inter­es­sens­grup­pen zu sehen. Sie spre­chen fron­tal zum Publi­kum und gleich­zei­tig spre­chen sie mit­ein­an­der. Sze­nen der Ver­hand­lun­gen wech­seln sich ab mit drei­fach iden­ten Auf­nah­men einer nicht näher beschrie­be­nen Maschi­ne: Ver­drei­fa­chung und Inter­ak­ti­on zwi­schen den Screens wech­seln sich also ab, wäh­rend der Film in sei­nem Gesamt­bild immer auch einem Ultra-Ultra-Wide­screen gleicht. Die drei Kanä­le von James Ben­nings Untit­led Frag­ments ver­tei­len sich wie­der­um auf die drei Wän­de einer Black­box. Die zwei gegen­über­lie­gen­den Wän­de zei­gen sta­ti­sche Auf­nah­men eines ver­kohl­ten Wald­bo­dens nach einem Brand bezie­hungs­wei­se einer Zeich­nung einer India­ne­rin an der Wand von Ben­nings Wald­hüt­te in Kali­for­ni­en. Die­se zwei Fil­me ähneln den radi­kal ent­leer­ten Fil­men, die das rezen­te Werk­schaf­fen Ben­nings domi­nie­ren, bei­de doku­men­tie­ren ein­zig das Spiel der Son­nen­strah­len im Bild­aus­schnitt über sech­zig Minu­ten. Die drit­te Wand jedoch bie­tet eine Art Brü­cke zwi­schen die­sen bei­den fil­mi­schen Stand­bil­dern an. Zu sehen ist auf die­ser Wand nur Schwarz­bild und wei­ße Unter­ti­tel, zu hören sind die Funk­sprü­che einer B‑52 über Hanoi. Das Ton­do­ku­ment öff­net einen Dis­kurs­raum, der offen­bar weit über die ein­zel­nen Teil­stü­cke der Arbeit hin­aus­geht. Die mili­tä­ri­sche Aggres­si­on in Viet­nam wird zum Völ­ker­mord an den ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner in Bezie­hung gesetzt; und zum Feu­er (dem Napalm im Viet­nam­krieg, der „scor­ched earth“ ame­ri­ka­ni­scher Gene­rä­le wäh­rend der India­ner­krie­ge). Es scheint, dass Ben­nings fil­mi­sche Stu­di­en in Sta­tik und Dau­er zuein­an­der in Bezie­hung gesetzt, ganz neue Kräf­te ent­wi­ckeln können.

Hashti Tehran von Daniel Kötter
Hash­ti Tehr­an von Dani­el Köt­ter (© Dani­el Kötter)

Aus dem Aus­stel­lungs­raum ins Kino. Neben den Fil­men der Aus­stel­lung besteht das Pro­gramm des Forum Expan­ded auch aus Fil­men, die im Kino gezeigt wer­den. Auch hier kann man zum Teil die Fra­ge stel­len, ob es nicht sinn­vol­ler gewe­sen wäre ein­zel­ne Fil­me aus dem Kino zu ent­füh­ren, wenn die Gele­gen­heit dafür ohne­hin gege­ben ist, an ande­rer Stel­le hat man es ganz ein­fach mit ein paar der wahr­schein­lich inter­es­san­tes­ten Fil­me des Fes­ti­vals zu tun. Anhand drei die­ser Fil­me las­sen sich drei Flucht­li­ni­en auf­de­cken, die sich durch die gesam­te Sek­ti­on ziehen.

Der Ein­stün­der Hash­ti Tehr­an von Dani­el Köt­ter unter­sucht das Umland der ira­ni­schen Haupt­stadt und zeigt dabei Sei­ten des Irans, die man ansons­ten kaum zu Gesicht bekommt. In vier Epi­so­den hält Köt­ter mit sei­ner Kame­ra fest, wie sich die Stadt und mit ihr das Land, die Gesell­schaft, die Welt ver­än­dern. Inmit­ten eines Schnee­sturms filmt er die Berg­sta­ti­on eines Lift­be­triebs in den Ber­gen von Tochal; er beglei­tet ein wohl­ha­ben­des Pär­chen auf Woh­nungs­su­che in einer moder­nen Tra­ban­ten­stadt, bei der alle Anzei­chen dar­auf hin­deu­ten, dass sie als durch Petro­dol­lar finan­zier­te Immo­bi­li­en­lei­che enden wird; auf der ande­ren Sei­te der Stadt weist eine Sozi­al­bau­sied­lung ähn­li­che Cha­rak­te­ris­ti­ka auf; Nafar Abad im Süden der Stadt, eine der Keim­zel­len Tehe­rans und der per­si­schen Kul­tur, soll eben­falls Neu­bau­ten wei­chen, wes­halb Köt­ter die gewach­se­nen Struk­tu­ren der ansäs­si­gen Bevöl­ke­rung unter­sucht. Die domi­nan­te fil­mi­sche Bewe­gung von Hash­ti Tehr­an ist der Schwenk, mit der die­se Orte ver­mes­sen wer­den, auf der Ton­spur fin­den sich Inter­views und Gesprächs­schnip­sel, die nicht ein­deu­tig zuge­ord­net wer­den kön­nen. Gesprä­che des Pär­chens mit dem Immo­bi­li­en­mak­ler oder unter den Bewoh­nern von Nafar Abad die­nen als Kom­men­tar und Erklä­rung zu den Beob­ach­tun­gen der Kame­ra. Hash­ti Tehr­an ist damit in zwei­er­lei Hin­sicht para­dig­ma­tisch für die Fil­me des Forum Expan­ded. Zum einen durch sein Inter­es­se an Stadt­pla­nung und Stadt­ent­wick­lung sowie dem Ver­hält­nis von Wohn­ort und Bevöl­ke­rung (ähn­li­che Inter­es­sen befeu­ern Turt­les Are Always home von Rawa­ne Nas­sif, Jaf­fa Gate von Khadl­dun Bsha­ra und Moha­mad Yaqubi und Con­s­truc­ted Futures: Haret Hreik von San­dra Schä­fer), zum ande­ren durch das spe­zi­el­le Ver­hält­nis von Bild und Ton im Film, das weit dar­über hin­aus geht sich bloß gegen­sei­tig zu signifizieren.

Eija-Liisa Ahti­la geht in Stu­dies on the Eco­lo­gy of Dra­ma noch dar­über hin­aus und wid­met sich sogleich der Fra­ge, was fil­mi­sche Wahr­neh­mung denn über­haupt bedeu­tet und wie sie mit bestimm­ten Bedin­gun­gen mensch­li­cher Wahr­neh­mung zusam­men­hängt. In klei­nen Sket­ches führt sie mit Expe­ri­men­ten vor, wie das Film­bild – pho­to­che­misch wie digi­tal – letzt­lich ein Pro­dukt eines anthro­po­zen­tri­schen Welt­bilds ist, des­sen Wir­kung sich nur für das mensch­li­che Auge ent­fal­tet. Wie aber wer­den Tie­re und Pflan­zen in die­sen Bil­dern reprä­sen­tiert, die nicht die ihren sind? Was zunächst nach einer Fra­ge für New Age Hip­pies klingt, ent­puppt sich als Refle­xi­on über ver­meint­li­che epis­te­mo­lo­gi­sche Fix­punk­te und ver­kom­pli­ziert das Ver­hält­nis medi­al ver­mit­tel­ter Bil­der zur Welt. Es geht Ahti­la dabei weni­ger dar­um iko­no­klas­tisch dem pho­to­in­de­xi­ka­li­schen Bild eine Abfuhr zu ertei­len, son­dern Bewusst­sein für bestimm­te Kon­stan­ten zu schaf­fen, die man gemein­hin als gege­ben annimmt.

Zehn Brü­cken über den Fluss Yaha­gi; pro Brü­cke zwei halb­mi­nü­ti­ge sta­ti­sche Ein­stel­lun­gen; jede Ein­stel­lung wur­de sechs­mal belich­tet, wobei jedes Mal fünf Sechs­tel des Bild­ka­ders abge­deckt waren. Wie so oft im expe­ri­men­tel­len Film stößt die Spra­che bei der Beschrei­bung von Ten Mor­nings Ten Evenings and One Hori­zon von Tomo­na­ri Nishi­ka­wa an ihre Gren­zen. Letzt­lich ist es wohl gar nicht mög­lich auf sprach­li­cher Ebe­ne zu rekon­stru­ie­ren was Nishi­ka­wa mit sei­nem 16mm Film­ma­te­ri­al, sei­ner Kame­ra und eini­gen simp­len Mas­ken geleis­tet hat und zwar eine tief­ge­hen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit Zeit und Raum, mit fil­mi­scher Dau­er und der Gegen­wart von Auf­nah­me und Pro­jek­ti­on. In zehn Minu­ten kon­den­siert Nishi­ka­wa die­se gro­ßen The­men, die die Theo­rie seit Jahr­zehn­ten beschäf­tigt durch eine Form von Ver­dich­tung, wie man sie in ihrer größt­mög­li­chen Form in Asyl von Kurt Kren fin­den kann. Der Ver­such einer Zer­stü­cke­lung der fil­mi­schen Ein­stel­lung, die trotz unter­schied­li­cher Zeit­ebe­nen immer ein ästhe­ti­sches Gan­zes bleibt. Fil­me wie Ten Mor­nings Ten Evenings and One Hori­zon stel­len sich mutig der gro­ßen Fra­ge der Bezie­hung von Zeit und Raum im Film und ver­su­chen sie in der Tra­di­ti­on der fil­mi­schen Avant­gar­de durch for­ma­le Expe­ri­men­te zu beant­wor­ten (ohne Hoff­nung auf eine end­gül­ti­ge Lösung) – eine Form des expe­ri­men­tel­len Film­schaf­fens, wie man sie auf der Ber­li­na­le außer­halb des Forum Expan­ded kaum zu Gesicht bekommt.

Ten Mornings Ten Evenings and One Horizon von Tomonari Nishikawa
Ten Mor­nings Ten Evenings and One Hori­zon von Tomo­na­ri Nishi­ka­wa (©Tomo­na­ri Nishikawa)