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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

The Party von Sally Potter

Berlinale 2017: The Party von Sally Potter

In der letz­ten Ein­stel­lung von Sal­ly Pot­ters The Par­ty rich­tet Kris­tin Scott Tho­mas eine Pis­to­le direkt auf die Kame­ra. Die Ein­stel­lung wie­der­holt damit die ers­te Ein­stel­lung des Films, setzt sie für eini­ge Sekun­den fort und sorgt damit für die letz­te Poin­te des Films. Danach wird die Lein­wand schwarz, die Cre­dits beschlie­ßen den rund 70-minü­ti­gen Film. Tosen­der Applaus im Zuschau­er­raum des Fried­rich­stadt-Palasts. Inmit­ten der jubeln­den Mas­se sit­ze ich und schüt­te­le den Kopf.

The Party von Sally Potter
© Adven­ture Pictures

The Par­ty wird von den ers­ten Fes­ti­val­kri­ti­ken als bis­si­ger oder iro­ni­scher Kom­men­tar zum poli­ti­schen Kli­ma gewer­tet, die Leis­tung der Schau­spie­ler und die gekonn­te Insze­nie­rung des Kam­mer­spiels gelobt. Bei sol­chen Ein­schät­zun­gen begin­ne ich mein eige­nes Urtei­lungs­ver­mö­gen in Fra­ge zu stel­len – habe ich einen ande­ren Film gese­hen? Einen Film, in dem Schau­spie­ler ihre fest­ge­fah­re­nen, ein­di­men­sio­na­len Figu­ren nie auch nur ansatz­wei­se aus den streng fest­ge­leg­ten Rol­len­ver­tei­lun­gen aus­bre­chen las­sen, einen Film, der viel­mehr selbst­ge­recht ein Welt­bild bestä­tigt statt es in Fra­ge zu stel­len oder aufzubrechen.

Aber noch­mal von vorn: Der Film spielt zur Gän­ze in der Woh­nung der neu­en Gesund­heits­spre­che­rin im „shadow cabi­net“ der Oppos­ti­ons­par­tei (die nie genann­te Labour Par­ty). Zur Fei­er des Tages hat sie eini­ge ihrer Freun­de ein­ge­la­den. Die Gäs­te sind alle­samt wenig kom­ple­xe Kari­ka­tu­ren, die all das sagen und sich so ver­hal­ten, wie man es von ihnen erwar­tet. Janets Jugend­freun­din und Alt­lin­ke April kri­ti­siert die Behä­big­keit des par­la­men­ta­ri­schen Appa­rats, ihr deut­scher Ehe­mann Gott­fried wet­tert gegen die Schul­me­di­zin und emp­fiehlt dem tod­kran­ken Bill (Janets Ehe­gat­te) auf die Selbst­heil­kräf­te sei­nes Kör­pers zu ver­trau­en, die les­bi­sche Vor­bild­fe­mi­nis­tin Mar­tha gibt genau jene Wort­mel­dun­gen von sich, die man von einer Pro­fes­so­rin für Gen­der Stu­dies erwar­tet, der neu­rei­che Ban­ker Tom zieht nach Ankunft in der Woh­nung erst­mal im Bade­zim­mer eine Line Koks. Man spricht über Gen­der­rol­len, künst­li­che Befruch­tung, Alter­na­tiv­me­di­zin, den Kapitalismus.

Wenn sich im wei­te­ren Ver­lauf der schrul­li­ge Gott­fried mit sei­nem deut­schen Akzent über die Inkom­pe­tenz der Ärz­te erei­fert oder Mar­tha eine ihrer femi­nis­ti­schen Paro­len zum Bes­ten gibt, die seit min­des­tens zwan­zig Jah­ren Pati­na ange­setzt haben, ist das nicht nur vor­her­seh­bar, son­dern auch mut­los – kühl und prä­zi­se berech­net, wird gebo­ten, was sich das Art­haus-Publi­kum wünscht. Post­mo­dern-hal­bi­ro­nisch wer­den die­se Figu­ren durch den Kakao gezo­gen, alles im Rah­men der Erwart­bar­keit, ohne ihnen je Eigen­stän­dig­keit oder Brü­chig­keit zuzu­ge­ste­hen. Der Film repro­du­ziert jene Ste­reo­ty­pen, mit denen sich die Gesell­schafts­schicht, die hier por­trä­tiert wird, und die auch den Groß­teil sei­ner Ziel­grup­pe aus­macht, vor­gibt allen ande­ren über­le­gen zu sein, weil sie ja eh über sich selbst lachen kann. Doch es lacht nie­mand über sich selbst, nie­mand bleibt mal ein Lachen im Hals ste­cken, es gibt in The Par­ty nur das zu hören, was man erwar­tet und wor­über man schon vie­le Male zuvor gelacht hat. Im Grun­de gleicht der Film in die­ser Her­an­ge­hens­wei­se einer fil­mi­schen Fil­ter­bla­se, für links­ge­rich­te­te, aber bequem in der Bour­geoi­sie situ­ier­te Guar­di­an-Leser, der Baby­boo­mer-Gene­ra­ti­on. Der Film ist für die­se Men­schen, das, was Mario Barth und RTL für ein paar sozia­le Klas­sen dar­un­ter ist: eine selbst­ge­fäl­li­ge Bestä­ti­gung des eige­nen Welt­bilds. Da hilft es auch wenig, dass der Film sei­ne Poin­ten mit sou­ve­rä­nem Timing vor­trägt, oder dass der Raum der gut­bür­ger­li­chen Woh­nung tat­säch­lich sehr schön in Sze­ne gesetzt wird.

The Party von Sally Potter
© Adven­ture Pictures

Nach der Abstim­mung der Bri­ten über den Brexit und die Wahl von Donald Trump zum US-Prä­si­den­ten hat man viel dar­über gele­sen und gehört, dass sich das poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Estab­lish­ment mit ihrem iro­ni­schen Über­le­gen­heits­geh­abe zu weit von der Mas­se der Wäh­ler­schaft ent­fernt hat. Der Popu­lis­mus hat des­halb Hoch­kul­tur, weil es sehr ein­fach gewor­den ist, die Arro­ganz der Ober­schicht gegen sie zu wen­den. The Par­ty ist ein Film von und für jenen Teil der Gesell­schaft, der durch die­se Über­heb­lich­keit bereits für Brexit und Trump und Co gesorgt hat.