Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Casa de Lava Scrapbook

Casa de Lava-Caderno: Warum Drehbücher?

Jemand hat mir Bil­der des Ster­bens in die Hän­de gedrückt. Ich traue mich kaum das Buch zu öff­nen. Es sieht aus wie eine zer­fal­le­ne Schön­heit. Es sieht aus wie ein Film.

Es ist das seit einem Jahr ver­öf­fent­lich­te Notiz­buch von Pedro Cos­ta zu, nach, für, bei sei­nem Film Casa de Lava. Pedro Cos­ta hat Angst vor dem drit­ten Bild. Sein Buch folgt die­ser Logik. Wenn zwei Bil­der auf­ein­an­der­pral­len, wie das im Kino stän­dig und fort­lau­fend geschieht, dann ent­steht ein drit­tes Bild, jenes das viel­leicht nur die Poe­ten akzep­tie­ren, das aber von kei­nem Zuse­her igno­riert wer­den kann. In die­sem drit­ten Bild liegt die Tie­fe eines Films. In die­sem drit­ten Bild kann alles lau­ern, man kann es nicht unbe­dingt kon­trol­lie­ren. Die­ses drit­te Bild ist das, was Fil­me bewegt. Es fin­det sich aber nie­mals in Drehbüchern.

Die­ses Notiz­buch ist für Cos­ta ein bes­se­res Drehbuch.

“It was more or less from that point that I realized that the rhetoric of cinema wasn’t for me. Neither were the social obligations, the technical and artistic diplomacy, the mythology, the fascination, the haste, the money.”

Casa de Lava Caderno

Das Dreh­buch als Rhe­to­rik des Kinos, als sei­ne indus­tri­ell auf­ge­zwäng­te Vor­form. Dreh­bü­cher ent­ste­hen aus einem Ord­nungs­drang, das ist klar. In den bes­ten Fäl­len ist dies eine Form künst­le­ri­scher Struk­tur, in den schlech­tes­ten kann man an einem Dreh­buch able­sen wie viel Gage ein Schau­spie­ler bekommt. Sie schei­nen unab­ding­bar für das Kino, des­sen För­de­rung und des­sen finan­zi­el­le Ent­ste­hung. Man sagt, dass es hilft, um auf ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis des Films zwi­schen allen Mit­glie­dern eines Film­teams zu kom­men. Dabei gibt es selbst­ver­ständ­lich unter­schied­li­che For­men, wobei die klas­si­sche, von Hol­ly­wood erfun­de­ne Form, jene Pseu­do-Lehr­form domi­niert. So, so sagt man, müs­se ein Dreh­buch aus­se­hen. Man dür­fe die­ses oder jenes in einem Dreh­buch machen, man müs­se sich an die­se oder jene Regel hal­ten, um ein kla­res Ver­ständ­nis, eine ein­fa­che Kal­ku­la­ti­on und eine Sicher­heit zu gewin­nen. So funk­tio­nie­ren Dreh­bü­cher mit ziem­lich gro­ßer Sicher­heit effek­tiv für Pro­du­zen­ten und Geld­ge­ber, natür­lich auch für man­che Schau­spie­ler (sie glau­ben es zumin­dest), Kame­ra und alle Depart­ments, die schön unter­strei­chen kön­nen, was sie betrifft: Ah, hier steht rote Schu­he, wir brau­chen rote Schu­he! Wenn man sich nicht dar­an hält, dann wird man weder ernst genom­men noch kann man auf För­de­rung hof­fen. Aber kann man einem Fil­me­ma­cher dik­tie­ren in wel­cher Form er sich Gedan­ken machen muss, wenn sei­ne Gedan­ken und Gefüh­le in einer ande­ren Form viel­leicht viel stär­ker, viel tie­fer und selbst viel ver­ständ­li­cher zum Aus­druck kom­men? Nun könn­te man sagen, dass dann eben Film nicht die Aus­drucks­form jenes Künst­lers ist, aber Film ist nun mal mehr als ein Dreh­buch. Ich glau­be nicht, dass das was als klas­si­sches Dreh­buch bezeich­net wird kei­ne Berech­ti­gung hat, aber ich glau­be, dass fast alle Fil­me, die man aus die­ser Form machen kann, gemacht wur­den. Nicht umsonst weiß jeder halb­wegs ernst­haf­te Fil­me­ma­cher, dass er sich von sei­nem Dreh­buch ent­fer­nen muss, um einen Film zu machen.

Aber wann kann man sich trau­en, so zu arbei­ten wie Pedro Cos­ta? Ich füh­le mich selbst zu ängst­lich. Der­zeit schrei­be ich an einem Dreh­buch, ich arbei­te sehr inten­siv dar­an, aber ich mer­ke immer wie­der, dass mir die Form fehlt, dass Wor­te nicht das aus­drü­cken kön­nen, was ich mir mit dem Film vor­stel­le. Ich will stän­dig die kom­plet­te Form des Buchs über­ar­bei­ten, dann den­ke ich mir wie­der, dass es eigent­lich in Ord­nung ist, so zu schrei­ben, schließ­lich müs­se man es tun, um an Geld zu kom­men, um sich ver­ständ­lich zu machen. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mich miss­ver­ständ­lich mache. Es ist ein trau­ri­ger Pro­zess und ich kämp­fe um den Mut es anders zu machen. Ich sehe wie mei­ne Kol­le­gen und Freun­de an ihren Dreh­bü­chern schrei­ben, wie sie die­se Dreh­bü­cher als ihre Arbeit am Film betrach­ten, wie sie sich damit beschäf­ti­gen und beschäf­ti­gen und ich sehe auch, dass sie das nicht aus einem indus­tri­el­len oder zwang­haf­ten Impe­tus her­aus machen son­dern aus einer künst­le­ri­schen Inten­ti­on, einem Drang die rich­ti­ge Erzähl­form für ihre Geschich­ten zu fin­den. Sie schrei­ben span­nen­de Dia­lo­ge, fin­den im Schreib­pro­zess tol­le Situa­tio­nen und Sze­nen und schaf­fen es ihre Ideen in die­se Form zu bringen.

Bei mir bezwei­felt aber nur jeder Satz die Bil­der in mei­nem Kopf, jedes Wort das Gefühl aus mei­nem Bauch, jede Struk­tur mei­ne Idee für einen Film. Ich habe Film gefun­den als ich nach etwas gesucht habe, dass mir erlaubt frei zu bli­cken, zu atmen und zu leben und was ich mehr und mehr fin­de ist ein Gefäng­nis aus fest­ge­fah­re­nen Mei­nun­gen, die mit objek­ti­ven Wahr­hei­ten ver­wech­selt wer­den, Pro­fi­lie­rungs­neu­ro­ti­kern und des­in­ter­es­sier­ten, des­il­lu­sio­nier­ten Zynikern.

Casa de Lava Pedro Costa

Kann mir die­ses Notiz­buch von Cos­ta viel­leicht Mut geben? Ich schla­ge es auf. Da ich den Film gese­hen habe, über­wäl­tigt mich sofort eine Erin­ne­rung und eine Neu­gier. Ich sehe Bil­der, die mir etwas sagen und Bil­der, die ich nicht ken­ne. Das Buch besteht aus Foto­gra­fien aus Pres­se und von Künst­lern, Zei­tungs­schnip­seln, Abbil­dun­gen von Gemäl­den und Fuß­ball­tri­kots, klei­nen poe­ti­schen Pas­sa­gen, Noti­zen, Zeich­nun­gen, Screen­shots aus Fil­men, es ist in gewis­ser Wei­ße ein Mood­board. Cos­ta erzählt in einem bei­lie­gen­den Inter­view, dass sein Ton­mann den Film habe hören kön­nen durch das Buch. Nach dem Dreh habe die­ser zu ihm gesagt: Well, it was all in the book.

Manch­mal bin ich mir nicht sicher, ob Cos­ta nur einen Nebel­schlei­er um sei­ne Arbeit hüllt und nicht eigent­lich im glei­chen Gefäng­nis haust. Denn mir ist klar, dass die­ses Gefäng­nis über­all ist. Cos­ta liebt das Mys­te­riö­se im drit­ten Bild, er liebt das drit­te Bild als sei­ne Arbeit dar­an. Manch­mal habe ich Angst, dass mich das alles über­fährt. Ja, ich mag sei­ne Fil­me und ich mag die Fil­me vie­ler Fil­me­ma­cher und man muss auf­pas­sen, dass man sei­ne eige­ne Spra­che sucht und nicht jene von ande­ren inmit­ten sei­ner Cine­phi­lie. Man lernt das Sehen durch Fil­me, aber man muss es auch außer­halb von Fil­men anwen­den. Das ist ein har­ter Pro­zess, weil ich von der fal­schen Sei­te kom­me. Ich muss ler­nen mich zuerst für die Welt zu inter­es­sie­ren, dann für den Film. Aber ich kann die Welt auch mit Film sehen. Nun mache ich mir nicht nur Gedan­ken über die Sinn­haf­tig­keit von Dreh­bü­chern, weil Cos­ta es tut. Zum einen ist er nicht der ein­zi­ge und zum ande­ren schrei­be ich aus eige­ner Erfahrung.

Man schmeckt den Film, wenn man sein Buch in der Hand hält. Man muss dazu sagen, dass die­ses Buch-wie alles von Cos­ta-eine Fik­ti­on ist. Es wur­de nach­träg­lich ver­än­dert und kon­stru­iert. Den­noch besteht es aus Ele­men­ten, die der Fil­me­ma­cher im Pro­zess der Dreh­vor­be­rei­tung gesam­melt hat. Im End­ef­fekt hat er die Rei­hen­fol­ge ver­än­dert. Aber die ver­än­dert das drit­te Bild, also alles. Ich glau­be, dass man eine Ver­su­chung braucht, um einen Film zu machen. Damit mei­ne ich eine Lie­be, eine Wut, eine Angst. Ich sehe das alles auf der ers­ten Sei­te des Buches. Die Pas­sa­ge eines Todes über Was­ser, die Ein­sam­keit eines Gefühls, Frau­en und ihr Ster­ben in unse­rem Leben. Wie ver­än­dert der Tod unser Gesicht? Ing­mar Berg­man hat mal gesagt, dass das abso­lut Bes­te in der Kunst das mensch­li­che Gesicht in Bewe­gung sei. Wir wer­den von trau­ri­gen Augen ange­se­hen im Buch, Les Yeux Sans Visa­ge…Cos­ta cas­te­te Edith Scob, deren Gesicht für immer ver­schwand bei Geor­ges Fran­ju und im Kino. Man fühlt sofort wel­chen Film Cos­ta machen wollte.

Casa de Lava Caderno

Die Augen ster­ben, es geht um Krank­heit und Zer­fall. Auf einer Sei­te ruht ein Vul­kan unter einem von Krank­heit zer­fres­se­nen Gesicht. Dane­ben der Lie­bes­brief „Nha Cret­cheu“, den Cos­ta in sei­nem Juventu­de Em Mar­cha immer wie­der sagen lässt. Eu gost­ava de te ofe­recer 100,000 cigarros…eine Sehn­sucht für den Film ent­wi­ckelt sich, es ist eine Lie­bes­ge­schich­te. Gesich­ter von Frau­en, dabei immer wie­der die Mas­ke von Edith Scob, die Augen ohne Gesicht. „Les Egyp­ti­ens n’aimaient pas mor­ur­ir“, ein Zei­tungs­ar­ti­kel, der sich mit dem Öff­nen von Mün­dern der Toten und der Wahr­neh­mung des Todes im alten Ägyp­ten beschäftigt.

Bis­lang waren alle Mün­der geschlos­sen im Buch.

Ganz unten ein wei­te­res Stück Zei­tung: Ou com­ment évi­ter la secon­de mort. (Oder wie man einen zwei­ten Tod vermeidet)

Es trifft mich wie einen Schlag, wie ein Schnitt. Das ist ein Schnitt, ein Plot-Point, eine Erkennt­nis. Wenn die Kame­ra, wie André Bazin sag­te, wie kein ande­res Instru­ment der Reprä­sen­ta­ti­on Zunei­gung aus­drü­cken kann, wie­so soll­te man die­se fil­mi­sche Macht dann nicht auch in einem Dreh­buch ver­fol­gen? Man mag argu­men­tie­ren, dass bei dem Vor­ge­hen, das Cos­ta nach Casa de Lava tat­säch­lich mehr und mehr für sei­ne Drehs und Dreh­vor­be­rei­tun­gen (das fließt inein­an­der) anwen­de­te eigent­lich nie­mand weiß, was pas­sie­ren wird. Aber weiß man das bei einem Dreh­buch oder sperrt man sich eigent­lich nur ein? Und vor allem: War­um soll­te man es wissen?

Wie muss man ster­ben, damit man erlöst wird? Die­se Fra­ge stel­len die Col­la­gen. Tote Augen, sie bewe­gen sich nicht mehr. Aus der Dun­kel­heit sehen wir die Pupil­len. Immer wie­der Krank­hei­ten. I wal­ked with a Zom­bie von Jac­ques Tour­neur. Die­se Augen. Auch die Col­la­gen erzeu­gen ein drit­tes Bild. Cos­tas Scrap­book sucht nach dem drit­ten Bild in sei­nem Film. Es ver­mag dem Betrach­ter klar­zu­ma­chen, was er an Essenz im Film sehen wird. Dann abs­trak­te Male­rei. Far­ben, Stim­mun­gen, alles ist da. Man muss die Bil­der nicht ver­ste­hen, man muss sich nicht ken­nen, sie müs­sen nicht funk­tio­nie­ren oder irgend­wel­chen ratio­na­len Gedan­ken fol­gen. Die Ratio­na­li­tät eines Films ist eine ande­re als jene eines klas­si­schen Dreh­buchs. Das ist ein Wider­spruch, den eigent­lich jeder Fil­me­ma­cher auf­he­ben muss. Es gibt ver­schie­de­ne Metho­den. Man kann natür­lich eher Stim­mun­gen beschrei­ben, viel­leicht in lyri­scher oder in Pro­sa­form. Auch kann man die visu­el­len Infor­ma­tio­nen und/​oder Meta­ebe­nen in sei­nen Dreh­bü­chern mit­neh­men, sie ein­glie­dern. Man kann stich­punkt­ar­tig Bil­der beschrei­ben. Man kann nur Dia­lo­ge schrei­ben. Aber man muss einer ande­ren Logik fol­gen als jener der Rea­li­tät, als jener des Thea­ters und als jener des Kopfes.

Casa de Lava Scrapbook
Vor kur­zem habe ich mich mit einem Dreh­buch­au­to­ren dar­über unter­hal­ten, dass sich Film­ver­mitt­ler wie Hen­ri Lang­lois und Peter Kubel­ka bekann­ter­ma­ßen dafür einsetzen/​eingesetzt haben, dass auch fremd­spra­chi­ge Fil­me ohne Unter­ti­tel gezeigt wer­den. Der Autor reg­te sich sehr dar­über auf. Er sag­te, dass man die Wor­te nicht ein­fach aus einem Film eli­mi­nie­ren könn­te. Das wür­de sei­ne gan­ze Arbeit zer­stö­ren. Hier liegt ein Sprung, denn auf der einen Sei­te ver­ste­he ich ihn voll­kom­men, weil die Bedeu­tung man­cher Wor­te tat­säch­lich essen­ti­ell für die Wir­kung eines Films sein kann, aber dann weiß ich auch, dass das drit­te Bild eines Films immer ohne die­se Wor­te funk­tio­niert, ohne ein sprach­li­ches Ver­ständ­nis. Es gibt ein fil­mi­sches Ver­ständ­nis. Wir hat­ten die­se Dis­kus­si­on auch im Rah­men von Jugend ohne Film vor eini­gen Wochen nach dem Scree­ning von Flowers of Shang­hai von Hou Hsaio-Hsi­en. Rai­ner mein­te nach dem Film, dass er irgend­wann auf­ge­hört habe, den Unter­ti­teln zu fol­gen, weil die Wahr­heit des Films (so wür­de er es nicht for­mu­lie­ren) im Rhyth­mus, den Bil­dern, den Figu­ren, dem Licht gele­gen habe. Andrey dage­gen mein­te, dass man nicht ein­fach igno­rie­ren darf, dass da was gesagt wird und dass sich in jedem Fall die Fra­ge nach dem: Was reden die da?, stel­len wür­de. Sei­ner Zeit habe ich zunächst Andrey bei­gepflich­tet, obwohl mir Rai­ners Aus­sa­ge in ihrer Roman­tik sym­pa­thi­scher schien. Heu­te wür­de ich sagen, dass es zwei Wahr­hei­ten gibt im Film. Zwei Her­zen, ein zwei­ter Tod. Rai­ners Aus­sa­ge folgt dem Film selbst und des­sen Fähig­keit das drit­te Bild zu bewe­gen, Andreys Aus­sa­ge folgt dem Betrach­tungs­mo­dus und sagt, dass es da ein ers­tes und ein zwei­tes Bild gibt und man nicht ein­fach igno­rie­ren kann wie die­se funk­tio­nie­ren. Die Fra­ge ist also weni­ger eine nach wahr oder falsch son­dern viel­mehr nach der eige­nen Wahr­neh­mung. Film ist sowie­so grö­ßer als man selbst.

Wenn ich also mit mir kämp­fe, dann ist das kein theo­re­ti­scher Kampf auf der Suche nach einer über­le­ge­nen Form son­dern ein­fach die Suche nach einer Form, die mei­ner Wahr­heit ent­spricht. Es ist weit­aus ein­fa­cher, dar­über zu reflek­tie­ren als es letzt­lich umzu­set­zen. Denn, wenn die Wahr­heit nicht in den vor­ge­fer­tig­ten Mus­tern funk­tio­niert, dann wird man damit leben müs­sen, dass man nicht ver­stan­den wird, dass man nicht geför­dert wird, dass man nicht gese­hen wird.

Und wenn Film in der Lage ist ganz bei sich zu sein (es gibt auch tol­le nicht-fil­mi­sche Fil­me), dann brau­chen sie sicher kei­ne Unter­ti­tel. Man wird die Wor­te trotz­dem hören.

A Mid­sum­mer Night’s Dream: Cos­ta mar­kiert Din­ge, ande­re streicht er durch. Da ist wie­der sei­ne Ver­wei­ge­rung, die uns fas­zi­niert. Weil es eben nicht dar­um geht, alles zu ver­ste­hen, son­dern gera­de dar­um, Din­ge aus­zu­las­sen, Din­ge zu ver­wei­gern. I scent human blood, and smi­le, ein rotes Kunst­werk, schwarz-wei­ße Sze­nen­bil­der und ein Hund mit abge­schnit­te­nem Schwanz auf etwas, das aus­sieht wie ein jüdi­sches Denk­mal. Wir sehen Tania, ein 14jähriges Mäd­chen mit kur­zen Haa­ren. Sie wur­de von einem Mann atta­ckiert, der ihre neu­en Schu­he gestoh­len hat. Nach­denk­li­che Gesich­ter. Cos­ta inter­es­siert sich für die Haut, die Regun­gen, den Tod, der durch alles sieht.

Casa de Lava Scrapbook

Plötz­lich Bil­der vom Krieg. Ein lan­den­des Flug­zeug, ein far­bi­ges Bild von einem Hilfs­kon­voi. Dazu Dreh­buch­schnip­sel, klei­ne Dia­log­fet­zen. Natür­lich ent­steht eine Fas­zi­na­ti­on auch dar­aus, dass ich oft nicht weiß, was die­ses oder jenes Bild dar­stellt, wor­aus die­ser oder jener Aus­zug aus lite­ra­ri­schen Tex­ten oder die­ser oder jener Screen­shot stammt. Das macht aber nichts, denn es geht nicht um die ein­zel­nen Bil­der, son­dern nur wie sie zusam­men klin­gen. Zu oft wird in Bespre­chun­gen des Dreh­buchs und auch am Set mit Kame­ra­män­nern das ein­zel­ne Bild ohne den Gedan­ken an das ande­re Bild, das vor­her­ge­hen­de oder das nach­fol­gen­de betrach­tet. Als wür­de ein ein­zel­nes Bild, ein ein­zel­ner Satz, eine ein­zel­ne Ges­te schon ein Film sein. Es ist, wie Adri­an Mar­tin ein­mal for­mu­liert hat, der Über­gang von Tag und Nacht, der Über­gang von Lächeln und Ernst­haf­tig­keit, das Tran­szen­die­ren und Dyna­mi­sie­ren von Räu­men, die zwi­schen den Bil­dern ent­ste­hen, was einen Film aus­macht. Wenn jemand im ers­ten Bild blickt, dann wird das zwei­te Bild dadurch verändert.

Abs­trak­te Form. Ein Jun­ge, ver­mut­lich von den Kap Ver­den steht in einem expres­sio­nis­tisch anmu­ten­den Bild im Schat­ten. Jemand hat sei­ne Hand zärt­lich auf sei­nen Kopf gelegt. Dane­ben ein Gemäl­de. Es scheint ähn­li­chen Form­ge­set­zen zu fol­gen. Aber an der Stel­le des Jun­gen erscheint ein Ske­lett. Wie­der so ein Plot-Point. Ver­lo­re­ne Jugend, Ster­ben. Es gibt eine poli­ti­sche Kon­no­ta­ti­on. Men­schen ren­nen, wie­der ein Flug­zeug. Die Geschich­te der ehe­ma­li­gen por­tu­gie­si­schen Kolo­nie wird greif­bar. Nicht die Fak­ten dahin­ter son­dern die damit ver­bun­de­nen Gefüh­le. Kein Text könn­te das der­art prä­zi­se wider­ge­ben. Sol­da­ten und Rock’n Roll…Post Punk Bliss: Twist and Shout.

Dann kommt plötz­lich wie­der jene unschul­di­ge Lie­be ohne die man kaum schrei­ben kann. Das span­nen­de ist ja, dass erst durch unse­re Wahr­neh­mung des drit­ten Bil­des die ande­ren Bil­der an Schön­heit und Bedeu­tung gewin­nen. Sie tref­fen dann auf uns wie ein Blitz. Jac­ques Tour­neur, Char­lie Chap­lin oder Bru­no Dumont sind Meis­ter die­ser Bil­der, die vor einem gebo­ren wer­den, weil sie wie eine Offen­ba­rung aus dem vor­he­ri­gen Bild erleuch­tet wer­den. Wenn sie da sind, ist das eine Erkennt­nis. Es sind Geis­ter, die schon immer da waren. Man kann sie nur füh­len und wenn man sie dann sieht, ist es wie mit einem Spie­gel. Man sieht alles und nichts. In der Mit­te fin­det sich die Post­kar­te, die laut Cos­ta ursprüng­lich ganz am Anfang sei­nes Buches war. Show­ing GHOSTS! Ever­y­whe­re and of any colour…

Ein Bild von Iss­ach de Ban­ko­lé irgend­wo zwi­schen ein­sa­men Roll­stuhl­fah­rern. Das Cas­ting wird mit inte­griert in die­se Film­welt des Buches. Tor­tu­ra! Die Bewe­gungs­lo­sig­keit, Macht­lo­sig­keit, der Film bekommt eine Bewe­gung vor unse­ren Augen. Kran­ke Men­schen lie­gen auf Bet­ten. Bil­der aus Zei­tun­gen von spie­len­den Mäd­chen an der ira­ni­schen Gren­ze wer­den mit Beau­ty-Shots aus Mode­ma­ga­zi­nen kom­bi­niert. Ver­gäng­lich­keit, Hoff­nung, zwei Wel­ten, zwei Leben, Distanz, alles steht da. Cos­ta klebt eine Mau­er über ein Gesicht.

Casa de Lava Pedro Costa

Natür­lich folgt eine Col­la­ge wie­der einer eige­nen Logik, die eigent­lich nicht jene des Films ist. Eine offen­sicht­li­che Ver­wandt­schaft mit der Mon­ta­ge, die Tat­sa­che, dass man Bil­der, Tex­te und Leer­stel­len las­sen kann, recht­fer­ti­gen aber zumin­dest die Vor­ge­hens­wei­se. Den­noch ist wie beim klas­si­schen Dreh­buch die Melo­die, die Prä­zi­si­on, die Stim­me des Autors ent­schei­dend. Die­se zu fin­den, ist ein Pro­zess der Ein­sam­keit. Sobald man glaubt, dass man fer­tig ist, hat man ver­lo­ren. Des­halb habe ich auch Schwie­rig­kei­ten mit der klas­si­schen Dreh­buch­form. Sie wirkt so abge­schlos­sen, sie unter­glie­dert sich. War­um unter­glie­dert sie sich? Aus prak­ti­ka­blen, indus­tri­el­len Grün­den, nicht im Ansatz aus Grün­den, die mit dem Film zu tun haben. Eigent­lich lau­fen Fil­me vor unse­ren Augen. Wie kann man das in einem Dreh­buch ver­mit­teln? Dadurch, dass man fes­selnd schreibt. Aber was hat ein fes­seln­der Schreib­stil mit dem Film zu tun? Nie­mand kann mir erzäh­len, dass die fil­mi­sche Spra­che auch nur im Ansatz etwas mit der schrift­li­chen Spra­che zu tun hat. Das erfährt jeder Dreh­buch­au­tor spä­tes­tens, wenn sei­ne in Papier­form gut klin­gen­den Dia­lo­ge plötz­lich falsch erklin­gen. Das bedeu­tet nicht, dass es nicht fil­mi­sche Pen­dants für Spra­che gäbe. So haben die Coen-Brü­der in ihrem No Coun­try for Old Men zum Bei­spiel Bil­der, Schnit­te, Töne und Stim­mun­gen gefun­den, die jener der Wor­te von Cor­mac McCar­thy ent­spricht. Sel­bi­ges ist John Hill­coat in sei­nem soli­den The Road nicht gelun­gen. Die Col­la­ge ermög­licht also auch, die Bewe­gung eines Films zu emp­fin­den. Wenn man die­ses Buch von Cos­ta ein­mal in den Hän­den gehal­ten hat, erscheint es absurd Fil­me ohne Bil­der zu schreiben.

Es geht um die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in Afri­ka. Hier trifft Spi­ri­tua­lis­mus auf Indus­tria­li­sie­rung. The Hor­se and the Money. Es ist ein Glau­bens­ver­lust. Der Blick geht zum Him­mel, das kli­ni­sche Weiß eines Kran­ken­haus­flurs, ein Fried­hof im Lava-Staub vor male­ri­scher Kulis­se, eine ein­sa­me Frau mit einem wei­ßen Kleid. Die Medi­zin schrei­tet vor­an. Wir sehen Labor­men­schen, Anzug­men­schen, sie machen Ver­su­che mit Afri­ka­nern oder sind Afri­ka­ner, die Ver­su­che machen. Es geht um Epi­de­mien, die feh­len­de Ver­sor­gung. Ängs­te. Immer wie­der gibt es Bil­der von Bau­stel­len. Figu­ren, die sich in luf­ti­ger Höhe bewe­gen. Ver­ti­go, ist da ein Unfall, ist da nur eine Angst, ein Traum, das Gefühl, das Gleich­ge­wicht zu ver­lie­ren? Cos­ta klebt klei­ne Bil­der der Tri­kots eng­li­scher Fuß­ball­mann­schaf­ten neben die Bau­stel­len und dazwi­schen steht ein klei­ner Text über die ägyp­ti­sche Kunst und ihre Ver­bin­dung mit dem Tod.

Über was spricht man, wenn man stirbt? Jemand berührt die­se har­te Arbeit, die­se Uner­bitt­lich­keit mit sei­nen Fin­ger­spit­zen. Alle haben Gän­se­haut. Man spürt die Gän­se­haut im Kino. Viel­leicht ist es sowie­so zu viel ver­langt. Viel­leicht neh­me ich das Dreh­buch zu ernst. Denn ziem­lich sicher ist, dass die­se Gefüh­le auch und sehr oft aus Fil­men erwach­sen, die in klas­si­scher Form geschrie­ben wur­den. Ich ken­ne vie­le Fil­me­ma­cher, die sagen wür­den, dass die­ser oder jener ein Film ist, bei dem alles schon im Dreh­buch war, die sagen wür­den, dass man von den guten Dreh­bü­chern alles ler­nen kann. Aber für mich haben all die­se guten Dreh­bü­cher immer nur dann funk­tio­niert, wenn ich vor­her den Film gese­hen hat­te. Bei Dreh­bü­chern, die ich vor dem Film gele­sen habe, haben sie mich im bes­ten Fall für den Film inter­es­siert. Aber dar­um geht es wohl. Nur war­um muss es dann in eine sol­che Form gegos­sen sein? Ich wie­der­ho­le mich, aber ich ver­ste­he die Grün­de dafür, sie sind nur belang­los für die Fil­me. Viel­leicht kann ich auch ein­fach kei­ne Dreh­bü­cher lesen und schrei­ben oder ich habe es noch nicht lan­ge genug versucht.

Casa de Lava Caderno

Jetzt zieht es Cos­ta in die Wüs­te. Noma­den und hoher schwarz/​weiß Kon­trast, der Staub wan­dern­der Gestal­ten. Welt­rei­sen­de der Film­ge­schich­te zwi­schen Hiro­shi­ma, den Kap Ver­den und dem Unbe­kann­ten; die Melan­cho­lie der Rei­se. Die Wan­de­rung endet in der Mas­sen­ver­nich­tung. Wo sind mei­ne Ver­wand­ten? Auf einem ande­ren Kon­ti­nent, du kannst ihnen schrei­ben. Das Buch wird auch zu einem eth­no­gra­phi­schen Doku­ment. Das Set­ting des Films ist hier. Man muss ver­ste­hen, dass die­ses Buch nicht-wie das mit Dreh­bü­chern oft ist-ein Zulie­fe­rer ist son­dern ein auto­no­mes Stück Aus­druck und Kunst. Bes­ten­falls sind das Dreh­bü­cher auch, aber wie viel See­le kann etwas haben bei dem man schreibt: Innen.Tag—Wohnzimmer? Das kommt mir falsch vor. So ist es nicht, wenn man an einem Tag in sei­nem Wohn­zim­mer sitzt und so ist es auch nicht für die Figu­ren. Die Schön­heit der Insel, die Land­schaft, Casa de Lava ist ein eth­no­gra­phi­scher Land­schafts­film, eine Geis­ter­stu­die, ein Film über Ster­ben und Ein­sam­keit, ein Gedicht über die Schön­heit der Frau­en. Men­schen hal­ten sich. Es geht um Für­sor­ge, um Zärt­lich­keit, Lie­be in Zei­ten des Ster­bens. Wir fin­den Iñes Medei­ros, eine jener Cos­ta Frau­en, sie sind Müt­ter, sie sind immer Müt­ter und tra­gen das Geheim­nis all ihrer Kin­der in sich. Tin­ten­kleck­se zwi­schen den Fotos, die Zeich­nung einer nack­ten Frau, immer anmu­tig, nie gierig.

Die Beschrei­bung eines Lebens auf der Stra­ße mit Krank­heit aus einem Buch: It’s never dark. The street light shi­nes through the thin blue pla­s­tic. Es geht um die Außen­sei­ter, um die Bett­ler und Aus­ge­sto­ße­nen. Kran­ke, arme Men­schen. Aber Cos­ta blickt nicht pri­mär auf sozia­le Umstän­de son­dern auf die See­le, die Erin­ne­rung, die Trau­er dahin­ter. Eine Frau sitzt mit einem Klein­kind im Arm in einem Licht­strahl. Wür­de behal­ten, Weib­lich­keit behalten.

Man hat das Gefühl, dass ein Wind durch die­ses Buch weht. Er ver­bin­det Land­schaf­ten, Men­schen und die Her­stel­lung eines Films. Ein Inter­view mit Edith Scob, Schau­spie­len sei ein komi­scher Beruf. Wie­der ein Ster­ben, har­te Arbeit, Sehn­sucht. Davon kön­nen Fil­me spre­chen. Am Ende gibt es eini­ge lee­re Sei­ten. Es endet nicht. Es kommt mir jetzt vor wie ein Auf­ruf an mich. Man kann es anders machen. Man kann suchen und arbei­ten. Man muss es tun. Ich bin nor­mal nicht dafür einen sol­chen Pro­zess öffent­lich zu tei­len, aber in die­sem Fall ist es für mich als wür­de ich mir selbst sagen, dass es geht. Und das ist es wert. Indem ich es auf­ge­schrie­ben habe und noch­mal erfühlt habe, indem ich es Stück für Stück durch­ge­blät­tert habe, hat mit Pedro Cos­ta mit die­sem Buch wie­der gezeigt, dass ich noch viel stär­ker sein muss, dass ich noch viel kon­se­quen­ter sein muss und dass es für mei­ne theo­re­ti­schen Gedan­ken und Gefüh­le bezüg­lich Film, die ich hier seit län­ge­rer Zeit äuße­re, ein prak­ti­sches Äqui­va­lent gibt. Und an die­sem Lava­haus aus Film wer­de ich wei­ter bauen.