Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

The Wayward Cloud von Tsai Ming-liang

Das Komische, das Tragische und die Wassermelonen

Komö­di­en sind ihrer Defi­ni­ti­on nach dazu da, das Publi­kum zum Lachen brin­gen. Das heißt, die fil­mi­schen Gestal­tungs­mit­tel wer­den mög­lichst ziel­ge­rich­tet dazu ein­ge­setzt, Geläch­ter zu pro­vo­zie­ren. Man­che Komö­di­en sind dar­in erfolg­rei­cher als ande­re und man­che bedie­nen sich dabei sub­ti­le­rer Mit­tel und Metho­den als andere.

Die Fil­me unse­rer Schau „Hid­den Smi­les“ sind alle­samt kei­ne Komö­di­en. Zieht man zur Klas­si­fi­ka­ti­on der Fil­me die obi­ge Defi­ni­ti­on zu Hil­fe, so muss man zum Schluss kom­men, dass sie das genaue Gegen­teil einer Komö­die sind. Denn so unter­schied­lich die­se Fil­me auch sind, alle eint sie, dass sie ihre fil­mi­schen Mit­tel nicht ziel­ge­rich­tet dazu ein­set­zen, eine bestimm­te Reak­ti­on her­vor­zu­brin­gen. Mehr noch: Sie zeich­nen sich durch Wider­spens­tig­keit aus, über­haupt eine emo­tio­na­le Reak­ti­on hervorzubringen.

Und doch sind die­se Fil­me komisch oder lus­tig. Sie gehen bloß den umge­kehr­ten Weg einer Komö­die. Anstatt ihre Mit­tel so ein­zu­set­zen, dass bestimm­te Reak­tio­nen dem Publi­kum auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert wer­den, sind sie in den Fil­men der Rei­he ver­steckt und/​oder dechif­friert. Es ist hier Auf­ga­be des Zuse­hers, das Lachen zu ent­de­cken, nicht die des Films, es ihm entgegenzuwerfen.

Die Fil­me von Tsai Ming-liang gehö­ren augen­schein­lich zu die­ser Kate­go­rie Fil­me – Fil­me, die sich einer ein­fa­chen Zuord­nung wider­set­zen und dechif­friert wer­den wol­len. Tsai ist viel­leicht sogar der idea­le Pos­ter­boy für die Schau. In jedem sei­ner Fil­me lässt sich pro­blem­los eine Sze­ne fin­den, in der sich ein wider­spens­ti­ges Lächeln (und noch mehr) ver­steckt. Es muss dem Film vom Zuschau­er gera­de­zu abge­run­gen werden.

Ein gutes Bei­spiel für eine sol­che Sze­ne fin­det sich in Stray Dogs. Lee Kang-sheng spielt dar­in den Vater zwei­er jun­ger Kin­der. Die Fami­lie ist obdach­los, der Vater schlägt sich mit Gele­gen­heits­jobs durch und muss in der Beschaf­fung von Nah­rungs­mit­teln immer wie­der Ein­falls­reich­tum bewei­sen. In der besag­ten Sze­ne kommt er nachts nach Hau­se und beginnt neben sei­nen schla­fen­den Kin­dern zu essen. Sein Mahl besteht aus einem gan­zen Kraut­kopf. Mit gie­ri­gen Bis­sen ver­schlingt er ihn, wie einen über­di­men­sio­nier­ten Apfel. Er ver­schluckt sich halb, immer wie­der fällt ihm halb­ge­kau­tes Kraut aus dem Mund. Aber immer wei­ter, immer wei­ter, arbei­tet er sich ins Inne­re des Gemüses.

Das beson­de­re und beson­ders exem­pla­ri­sche an der Sze­ne aus Stray Dogs, ist ihre emo­tio­na­le Viel­schich­tig­keit. Denn die Sze­ne komisch zu fin­den, ist bei wei­tem nicht die ein­zi­ge mög­li­che Reak­ti­on dar­auf. Es ist typisch für das Fil­me­ma­chen Tsa­is, dass die Betrach­tung eine gan­ze Rei­he von Reak­tio­nen her­vor­ru­fen kann: Ekel, Ver­zweif­lung, Irri­ta­ti­on, Komik. Die Rei­hen­fol­ge ist frei dem Zuschau­er überlassen.

Wäh­rend beim Auf­takt­scree­ning unse­rer Schau, bei In Ano­ther Coun­try von Hong Sang-soo, ange­merkt wur­de, dass Komik bei Hong oft durch Wie­der­ho­lung ent­steht, ver­hält es sich bei Tsai anders. Die Komik der oben beschrie­be­nen Sze­ne (und auch die vie­ler ande­rer in sei­nen Wer­ken) hängt stark mit Dau­er zusam­men. Sei­ne minu­ten­lan­gen Ein­stel­lun­gen laden gera­de­zu dazu ein, dass man Nuan­cen ent­deckt, die einem nicht auf den ers­ten Blick ent­ge­gen­sprin­gen. Umso län­ger der Shot gehal­ten wird, des­to grö­ßer wird der Mög­lich­keits­raum an poten­zi­el­len Reak­tio­nen und Emo­tio­nen. (Ähn­li­ches wird sich im wei­te­ren Ver­lauf der Rei­he auch bei ande­ren Fil­me­ma­chern wie­der­fin­den – etwa bei Albert Serra.)

Auf die Spit­ze getrie­ben hat Tsai sei­ne Dau­er-Etü­den mit den Wal­ker-Fil­men, in denen Lee Kang-sheng in Mönchs­ro­be geklei­det mit äußers­ter Lang­sam­keit öffent­li­che Plät­ze durch­quert. Die­se Fil­me sind die Anti­the­se zum akti­ons­ge­trie­be­nen Erzähl­ki­no mit sei­ner klar struk­tu­rier­ten Reak­ti­ons­ma­trix. Hier ist der Mög­lich­keits­raum an Reak­ti­on unend­lich groß, sie geht hier fast gänz­lich vom Zuschau­er aus. Die Fra­ge, ob die Wal­ker-Fil­me lang­wei­lig, spi­ri­tu­ell, berüh­rend sind, lässt sich nur so beant­wor­ten: Sie sind es und sie sind es nicht.

Doch nicht alle von Tsa­is Fil­men sind der­art extrem. The Way­ward Cloud bei­spiels­wei­se (eine aus­führ­li­che Bespre­chung des Films gibt es hier), ist ein ver­rück­tes Was­ser­me­lo­nen-Musi­cal mit einem Prot­ago­nis­ten, der sei­nen Lebens­un­ter­halt als Por­no­dar­stel­ler ver­dient. Das klingt schon in der Kurz­be­schrei­bung nah­ba­rer und lus­ti­ger, als ein unend­lich lang­sam schrei­ten­der Mönch. Die Aus­gangs­si­tua­ti­on des Films dient als Kata­ly­sa­tor für die Absur­di­tä­ten, die fol­gen: Eine Dür­re­pe­ri­ode hat in Tai­wan für Was­ser­knapp­heit gesorgt. Staat­li­che Insti­tu­tio­nen wer­ben nun dafür, Durst mit den im Über­fluss vor­han­de­nen Was­ser­me­lo­nen zu stil­len. Vor die­sem Hin­ter­grund insze­niert Tsai dann die Varia­ti­on einer Rom­com, bei der die Prot­ago­nis­ten sich jedoch nie an die vor­ge­ge­be­nen Hand­lungs­mus­tern die­ses Gen­res hal­ten. Die Abwei­chun­gen begin­nen bereits davor; die männ­li­che Haupt­fi­gur (gespielt von Lee Kang-sheng) jobbt als Pornodarsteller.

Der Film bewegt sich auf einem schma­len Grat: Ist das noch Zucker­wat­te-Ver­träumt­heit mit der man sym­pa­thi­sie­ren soll (wie mit der namens­ge­ben­den Prot­ago­nis­tin in Le Fabu­leux Destin d’A­mé­lie Pou­lain) oder schon etwas Jen­sei­ti­ge­res, Ver­stö­ren­des? Ähn­lich ver­hält es sich mit Sexua­li­tät und Kör­per­lich­keit: Han­delt es sich um eine Kri­tik an polier­ter Hoch­glanz-Ero­tik oder ist das abgrün­di­ge Per­ver­si­on? Letzt­lich ist The Way­ward Cloud den Wal­ker-Fil­men dann viel­leicht doch nicht ganz unähn­lich. Denn die­se Fra­gen las­sen sich eben­falls nur so beant­wor­ten: Der Film ist das eine, aber auch das ande­re. Er ist träu­me­risch, jen­sei­tig, ver­stö­rend, kri­tisch, abgrün­dig und noch vie­les mehr. Und damit hat er zumin­dest eines mit den ande­ren Fil­men der „Hid­den Smiles“-Reihe gemein­sam: Die fil­mi­sche Gestal­tung die­ser Fil­me zielt nicht auf einen ein­fa­chen Effekt, auf eine vor­her­be­stimm­te Reak­ti­on. Im Gegen­teil wol­len sie Mög­lich­keits­räu­me auf­ma­chen, die glei­cher­ma­ßen zum Lachen, Wei­nen, Toben, Ver­zwei­feln, Ekeln einladen.