Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Delirium is a Disease of the Night: The Lost Weekend von Billy Wilder

In “The Lost Weekend” von Bil­ly Wil­der schä­me ich mich.

Der Autor Don Birnam ist dem Alko­hol ver­fal­len. Seit lan­ger Zeit kämpft er schon erfolg­los gegen sei­ne Sucht. Ein­zig sei­ne Lie­be, Helen, eine von Licht­spit­zen geseg­ne­te Engels­fi­gur und sein her­zens­war­mer Bru­der Wick hal­ten ihn am Leben. Sui­zi­da­le Gedan­ken, immer grö­ße­re wer­den­der Exzess und das Nichts eines schei­tern­den künst­le­ri­schen Lebens drü­cken auf die Exis­tenz des Man­nes, der in atem­be­rau­ben­der Inten­si­tät von einem ernüch­tert pani­schen Ray Mil­land ver­kör­pert wird. Bil­ly Wil­der arbei­tet mit einer stren­gen Moti­vik. Da wären zum einen die wie­der­keh­ren­den Kreis­for­men. Sie begin­nen an der Jalou­sie des Zim­mers und ver­wei­sen auf die am Fens­ter ver­steck­te Whis­key-Fla­sche, gehen über in die Abdrü­cke nas­ser Glä­ser, über die Don bemerkt, dass sie kei­nen Anfang und kein Ende hät­ten, die per­fek­te Form, sie fin­den sich im Stra­ßen­ver­kehr, auf Later­nen, die Uhren sind rund, eine Nah­auf­nah­me der nach Flüs­sig­keit lech­zen­den und run­den Pupil­len, das Licht im Haus, alles beginnt hier und endet nicht, es endet immer schon wo es beginnt. Ein run­der Spie­gel wird Don viel­leicht das Leben ret­ten. Dra­ma­tur­gisch wird die­se Moti­vik glanz­voll von einem krei­sen­den Rah­men unter­stützt, denn das ers­te und das letz­te Bild ent­spre­chen sich, Anfang und Ende sind fil­misch nicht zu unter­schie­den. Don schreibt den Film, den wir gera­de sehen. Dabei ver­durs­ten sei­ne Augen in Selbst­hass, sein Kampf ist einer Bit­ter­keit gewi­chen, die der­art ansteckt, dass die wich­ti­gen Hoff­nungs­schim­mer im Film mich nicht erreichen.

The Lost Weekend2

Dabei erlangt das Dreh­buch­prin­zip der ein­deu­ti­gen Cha­rak­ter­mo­ti­va­ti­on einen para­do­xen und unum­stöß­li­chen Höhe­punkt: Wil­der fin­det zig Sequen­zen vol­ler Lei­den, Dra­ma, Span­nung und auch Humor, in denen Don nur eines will: Trin­ken. Es ist eine Lehr­stun­de in Sachen Ziel, Hin­der­nis und Hand­lung. Nur, dass Wil­der das Ziel zum Hin­der­nis macht und damit Wel­ten über den grenz­de­bi­len „So schreibt man ein erfolg­rei­ches Drehbuch“-Aposteln fliegt. Es ist dies ein Film aus einer Zeit, in der ein Stre­ben nach Iden­ti­fi­ka­ti­on nichts mit fil­mi­scher Ein­falls­lo­sig­keit zu tun hat­te und mit mög­lichst ein­fa­chen Zugän­gen, son­dern mit der Auf­rich­tig­keit und Wahr­heit der Dar­stel­lung. Don ist ein 1940er Anti-Held. Die für Hol­ly­wood so essen­ti­el­le Iden­ti­fi­ka­ti­on gelingt über das Erken­nen der eige­nen Schwä­chen in die­ser Figur. Die Zer­brech­lich­keit von Träu­men, der feh­len­de Glau­be an die eige­ne Per­son, das Nicht-Ver­stan­den wer­den wol­len, die Flucht vor der Ver­ant­wor­tung. Sie sind nicht rei­ne Dreh­buch­ideen, son­dern sie spie­geln und bre­chen sich auch an der Form des Films. In unter­sich­ti­gen Auf­nah­men folgt Wil­der dem Gesche­hen meist in klas­si­schen Dia­log­sze­nen, mit Schuss/​Gegenschuss und einem sou­ve­rä­nen Umgang mit Raum und Zeit. Aber die Schat­ten wer­den grö­ßer im Lau­fe des Films, sie zeich­nen sich ab an den wei­ßen Wän­den und in der Ent­zugs­kli­nik, ein­mal betrach­ten wir Don fast wie bei Anto­nio­ni durch ein Git­ter. Wil­der macht eini­ge ängst­li­che Ach­sen­sprün­ge, er ver­harrt in kur­zen Über­blen­dun­gen und lässt das fil­mi­sche Gerüst fast unmerk­lich mit dem Prot­ago­nis­ten wan­ken. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient auch der offen­si­ve und eben­falls moti­vi­sche Musik­ein­satz. Dabei gibt es ein The­re­min-Geis­ter-The­ma für den Alko­hol, das wirkt wie aus einem Hor­ror-B-Movie und einen den­noch süch­tig macht. Außer­dem gibt es immer wie­der prä­zi­se insze­nier­te 2er-Ein­stel­lun­gen, die sich mit dem Sehen und Nicht-Sehen von Figu­ren oder ihren Las­tern beschäf­ti­gen. So rollt eine Fla­sche unter dem Bett her­vor und Wick ver­sucht sie vor Helen zu ver­ste­cken oder Don möch­te nicht von den Eltern von Helen gese­hen wer­den. Da die Wahr­heit immer wie­der her­vor­kriecht im Film gibt es kein Ver­ste­cken. Weder für Don noch für den Zuschauer.

The Lost Weekend

Man beginnt, Krei­se zu sehen im Deli­ri­um der Nacht. „The Lost Weekend“ tut etwas (er ist damit sicher nicht der ein­zi­ge Film, aber ein sehr ein­drück­li­ches Bei­spiel), was man sel­ten über Film, Fil­me­ma­cher und Kri­ti­ker hört: Er lässt einen die Angst vor dem mensch­li­chen, beruf­li­chen und künst­le­ri­schen Schei­tern spü­ren. Ich mei­ne damit nicht den so wun­der­bar in den Bli­cken von Xavier Dolan sum­mier­ten Hips­ter-Chic des Lei­dens son­dern wirk­li­che Schmer­zen. „The Lost Weekend“ for­mu­liert sie sehr klar und dar­in liegt sei­ne Bru­ta­li­tät Wenn man Blog­ein­trä­ge liest wie die­sen oder auf die­ser Sei­te mei­ne Pro­jekt­be­schrei­bun­gen von Fil­men, die ich gedreht habe, wenn man die Web­sites oder Face­book­sei­ten von Film­kri­ti­kern, Fil­me­ma­chern oder sonst wem besucht, wenn man Making-Ofs schaut oder Inter­views liest, wird man in der Welt des Films immer das Gefühl bekom­men, dass etwas pas­siert, das etwas wei­ter­geht, dass es gut geht. Vita­li­tät und Krea­ti­vi­tät wer­den nur so um sich gewor­fen, eine unmensch­li­che Sicher­heit aus­ge­strahlt (man MUSS sich ja ver­kau­fen) und kei­ner spricht von der Lüge, die dahin­ter lau­ert (Natür­lich wür­de jeder zuge­ben, dass es hart war und schwie­rig und zwi­schen­zeit­lich war dies und das, aber am Ende hat schein­bar jeder sei­ne Schreib­ma­schi­ne wie­der gefun­den und ist jetzt sowie­so end­lich glück­lich). Wie das Ziel zum Hin­der­nis wur­de, dar­über spre­chen weni­ge Men­schen. Pedro Cos­ta hat es auf der Press­kon­fe­renz zu sei­nem „Cava­lo Din­hei­ro“ in Locar­no gemacht, Char­lie Kauf­man hat es auf einer Mas­ter­class gemacht, vie­le machen es sicher­lich pri­vat. Und Bil­ly Wil­der hat es fil­misch getan. Als hät­te er mir gesagt, dass im Kino kein Platz mehr ist, als hät­te er mit gesagt, dass die Kino­in­sel, von der Leos Car­ax so ger­ne spricht, ein Mythos ist. Man kann nicht stark sein. Viel­leicht sehe ich es mor­gen anders, aber heu­te glau­be ich ihm. Ich schä­me mich.

(Wer aus dem Ende des Films Hoff­nung gewinnt, möge mir ver­zei­hen. Immer­hin habe ich die­sen Text geschrieben.)