Delirium is a Disease of the Night: The Lost Weekend von Billy Wilder

In “The Lost Weekend” von Billy Wilder schäme ich mich.

Der Autor Don Birnam ist dem Alkohol verfallen. Seit langer Zeit kämpft er schon erfolglos gegen seine Sucht. Einzig seine Liebe, Helen, eine von Lichtspitzen gesegnete Engelsfigur und sein herzenswarmer Bruder Wick halten ihn am Leben. Suizidale Gedanken, immer größere werdender Exzess und das Nichts eines scheiternden künstlerischen Lebens drücken auf die Existenz des Mannes, der in atemberaubender Intensität von einem ernüchtert panischen Ray Milland verkörpert wird. Billy Wilder arbeitet mit einer strengen Motivik. Da wären zum einen die wiederkehrenden Kreisformen. Sie beginnen an der Jalousie des Zimmers und verweisen auf die am Fenster versteckte Whiskey-Flasche, gehen über in die Abdrücke nasser Gläser, über die Don bemerkt, dass sie keinen Anfang und kein Ende hätten, die perfekte Form, sie finden sich im Straßenverkehr, auf Laternen, die Uhren sind rund, eine Nahaufnahme der nach Flüssigkeit lechzenden und runden Pupillen, das Licht im Haus, alles beginnt hier und endet nicht, es endet immer schon wo es beginnt. Ein runder Spiegel wird Don vielleicht das Leben retten. Dramaturgisch wird diese Motivik glanzvoll von einem kreisenden Rahmen unterstützt, denn das erste und das letzte Bild entsprechen sich, Anfang und Ende sind filmisch nicht zu unterschieden. Don schreibt den Film, den wir gerade sehen. Dabei verdursten seine Augen in Selbsthass, sein Kampf ist einer Bitterkeit gewichen, die derart ansteckt, dass die wichtigen Hoffnungsschimmer im Film mich nicht erreichen.

The Lost Weekend2

Dabei erlangt das Drehbuchprinzip der eindeutigen Charaktermotivation einen paradoxen und unumstößlichen Höhepunkt: Wilder findet zig Sequenzen voller Leiden, Drama, Spannung und auch Humor, in denen Don nur eines will: Trinken. Es ist eine Lehrstunde in Sachen Ziel, Hindernis und Handlung. Nur, dass Wilder das Ziel zum Hindernis macht und damit Welten über den grenzdebilen „So schreibt man ein erfolgreiches Drehbuch“-Aposteln fliegt. Es ist dies ein Film aus einer Zeit, in der ein Streben nach Identifikation nichts mit filmischer Einfallslosigkeit zu tun hatte und mit möglichst einfachen Zugängen, sondern mit der Aufrichtigkeit und Wahrheit der Darstellung. Don ist ein 1940er Anti-Held. Die für Hollywood so essentielle Identifikation gelingt über das Erkennen der eigenen Schwächen in dieser Figur. Die Zerbrechlichkeit von Träumen, der fehlende Glaube an die eigene Person, das Nicht-Verstanden werden wollen, die Flucht vor der Verantwortung. Sie sind nicht reine Drehbuchideen, sondern sie spiegeln und brechen sich auch an der Form des Films. In untersichtigen Aufnahmen folgt Wilder dem Geschehen meist in klassischen Dialogszenen, mit Schuss/Gegenschuss und einem souveränen Umgang mit Raum und Zeit. Aber die Schatten werden größer im Laufe des Films, sie zeichnen sich ab an den weißen Wänden und in der Entzugsklinik, einmal betrachten wir Don fast wie bei Antonioni durch ein Gitter. Wilder macht einige ängstliche Achsensprünge, er verharrt in kurzen Überblendungen und lässt das filmische Gerüst fast unmerklich mit dem Protagonisten wanken. Besondere Aufmerksamkeit verdient auch der offensive und ebenfalls motivische Musikeinsatz. Dabei gibt es ein Theremin-Geister-Thema für den Alkohol, das wirkt wie aus einem Horror-B-Movie und einen dennoch süchtig macht. Außerdem gibt es immer wieder präzise inszenierte 2er-Einstellungen, die sich mit dem Sehen und Nicht-Sehen von Figuren oder ihren Lastern beschäftigen. So rollt eine Flasche unter dem Bett hervor und Wick versucht sie vor Helen zu verstecken oder Don möchte nicht von den Eltern von Helen gesehen werden. Da die Wahrheit immer wieder hervorkriecht im Film gibt es kein Verstecken. Weder für Don noch für den Zuschauer.

The Lost Weekend

Man beginnt, Kreise zu sehen im Delirium der Nacht. „The Lost Weekend“ tut etwas (er ist damit sicher nicht der einzige Film, aber ein sehr eindrückliches Beispiel), was man selten über Film, Filmemacher und Kritiker hört: Er lässt einen die Angst vor dem menschlichen, beruflichen und künstlerischen Scheitern spüren. Ich meine damit nicht den so wunderbar in den Blicken von Xavier Dolan summierten Hipster-Chic des Leidens sondern wirkliche Schmerzen. „The Lost Weekend“ formuliert sie sehr klar und darin liegt seine Brutalität Wenn man Blogeinträge liest wie diesen oder auf dieser Seite meine Projektbeschreibungen von Filmen, die ich gedreht habe, wenn man die Websites oder Facebookseiten von Filmkritikern, Filmemachern oder sonst wem besucht, wenn man Making-Ofs schaut oder Interviews liest, wird man in der Welt des Films immer das Gefühl bekommen, dass etwas passiert, das etwas weitergeht, dass es gut geht. Vitalität und Kreativität werden nur so um sich geworfen, eine unmenschliche Sicherheit ausgestrahlt (man MUSS sich ja verkaufen) und keiner spricht von der Lüge, die dahinter lauert (Natürlich würde jeder zugeben, dass es hart war und schwierig und zwischenzeitlich war dies und das, aber am Ende hat scheinbar jeder seine Schreibmaschine wieder gefunden und ist jetzt sowieso endlich glücklich). Wie das Ziel zum Hindernis wurde, darüber sprechen wenige Menschen. Pedro Costa hat es auf der Presskonferenz zu seinem „Cavalo Dinheiro“ in Locarno gemacht, Charlie Kaufman hat es auf einer Masterclass gemacht, viele machen es sicherlich privat. Und Billy Wilder hat es filmisch getan. Als hätte er mir gesagt, dass im Kino kein Platz mehr ist, als hätte er mit gesagt, dass die Kinoinsel, von der Leos Carax so gerne spricht, ein Mythos ist. Man kann nicht stark sein. Vielleicht sehe ich es morgen anders, aber heute glaube ich ihm. Ich schäme mich.

(Wer aus dem Ende des Films Hoffnung gewinnt, möge mir verzeihen. Immerhin habe ich diesen Text geschrieben.)

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