Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der Actionstar als Märtyrer

Text: Leo­nard Geisler

Es beginnt mit einer bri­ti­schen Fern­seh­do­ku über Bus­ter Kea­ton. Ich ler­ne, dass es den Kame­ra­män­nern Kea­tons strikt ver­bo­ten war, eine Ein­stel­lung ohne sein aus­drück­li­ches „Cut!“ zu been­den. Das Schief­ge­hen der Ein­stel­lung ver­heißt schließ­lich eben die Über­ra­schung, das Auf­rei­ßen des Rea­len, das der Slap­stick durch klein­tei­li­ge Kal­ku­la­ti­on zu erschwit­zen sucht. In einem inzwi­schen welt­be­rühm­ten Gag aus The Three Ages klappt Kea­ton den höl­zer­nen Ver­schluss einer Dach­lu­ke um, sodass die­se über den Rand der Haus­fas­sa­de ragt und er sie als Sprung­brett nut­zen kann, um auf das gegen­über­lie­gen­de Dach zu gelan­gen. Der Film doku­men­tiert die win­zi­gen Pas­san­ten im Hin­ter­grund der Sze­ne­rie, alt­mo­di­sche Autos auf der nicht geblock­ten Stra­ße, die Kür­ze von Kea­tons Sprung, sein Auf­schla­gen an der gegen­über­lie­gen­den Haus­fas­sa­de, sei­nen feh­len­den Halt, sei­nen Sturz in den Abgrund, hin­aus aus dem Bild­rah­men – hin­ein in das im Off auf­ge­spann­te Sicherheitsnetz.

Kea­ton inte­grier­te den geschei­ter­ten Sprung in sei­nen Film und schrieb das Dreh­buch um. In der fil­mi­schen Erzäh­lung erreicht sei­ne Figur das gegen­über­lie­gen­de Dach nie. Statt­des­sen fol­gen wir ihrem Fall, dem Schief­ge­hen der Ein­stel­lung, und den dar­aus abge­lei­te­ten Kurio­si­tä­ten. Komö­die bedeu­te­te für Kea­ton: phy­si­sche Akti­on, die Wun­der der Kau­sa­li­tät. Ein wei­te­res Bei­spiel für sein Insis­tie­ren auf die bestän­di­ge und doku­men­ta­risch fest­ge­hal­te­ne Rei­bung des pro­duk­ti­ons­tech­ni­schen Plans mit dem Roh­ma­te­ri­al der Wirk­lich­keit fin­det sich in The Gene­ral. Kea­tons Figur stürzt in den Tru­ckee River und wird von den Strom­schnel­len fort­ge­ris­sen. Für die­sen Stunt war ein Draht an sei­nem Rücken befes­tigt – zu sei­ner eige­nen Sicher­heit und um sei­ne Geschwin­dig­keit für die Kame­ra­schwenks zu regu­lie­ren. Der Film doku­men­tiert das Rei­ßen des Drahts, das plötz­li­che Fort­ge­spült­wer­den des Kör­pers ent­lang der empor­ra­gen­den Fel­sen, die Ahnung von Panik in Kea­tons Mimik, das Rascheln der Blät­ter und den Gleich­mut der Natur ange­sichts indi­vi­du­el­ler Tragödien.

Kea­tons Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rat war dar­auf aus­ge­legt, für den Gewinn eines flüch­ti­gen Blicks auf die Wirk­lich­keit, eine Wet­te auf die Ver­sehrt­heit sei­nes Köpers abzu­schlie­ßen. Daher konn­te nur Kea­ton selbst der Haupt­dar­stel­ler sei­ner Fil­me sein. Ein Leben lässt sich nur her­schen­ken, nie­mals ein­for­dern. In der bri­ti­schen Doku­men­ta­ti­on berich­tet ein Weg­ge­fähr­te Kea­tons, wie er ihn frag­te: „But weren’t you ever hurt in any of the­se things?“ Kea­tons Ant­wort: „Oh, all the time. You see this thing here at the top of my head? Well, I got that from Seven Chan­ces. [zieht die Hose hoch] You see this thing on my leg, you see this scar here? You know I got that one from Sher­lock Jr. You see this one here? [zieht das Hemd hoch] Well, I got that from Batt­ling Buttler. It was some­thing from every film on his body.”

Nicht viel spä­ter schaue ich ein Video von Jackie Chan in einer Talk­show. Er begrüßt die Inter­viewe­rin, macht etwas Small­talk, zeigt ein, zwei Kampf­sport­ges­ten. Schließ­lich wird ein Ske­lett auf Rol­len ins Bild gezo­gen. Etwa ein Dut­zend Stü­cke pink­far­be­nes Tape mar­kie­ren dort die major inju­ries sei­ner Film­kar­rie­re. Chan begut­ach­tet das Ske­lett und kor­ri­giert die Ver­or­tung eines schwe­ren Kno­chen­bruchs, den er sich nicht auf der lin­ken, son­dern der rech­ten Schä­del­sei­te zuge­zo­gen habe. Eini­ge Jah­re spä­ter for­dert Chan den Talk­show-Mode­ra­tor Conan O’Brien auf, eben die­ses Loch in sei­nem Kopf zu berüh­ren, das er sich in Jugo­sla­wi­en beim Dreh von Armour of God zuzog. Der Ast eines Baums brach durch, Chan stürz­te fünf Meter in die Tie­fe, schlug mit dem Kopf auf einem Stein auf und ein Stück­chen Kno­chen bohr­te sich in sei­ne Hirnmasse.

In den Film­cre­dits fin­det sich, wie in zahl­rei­chen Fil­men Chans, das Bild­ma­te­ri­al sei­ner schief­ge­gan­ge­nen Stunts. Der Film doku­men­tiert Chans Sprung, das Durch­bre­chen zwei­er Äste, die strah­len­de Son­ne, sein Fal­len, den Schreck des Kame­ra­manns, der das Objek­tiv ruck­ar­tig zum Wald­bo­den neigt und davon­eilt. Es fol­gen doku­men­ta­ri­sche Bil­der von Chan im Halb-Bewusst­sein auf einer Bah­re, einen wei­ßen Ver­band ans rech­te Ohr gedrückt, um das Aus­tre­ten des Blu­tes zu stop­pen, die besorg­ten Gesich­ter sei­ner Crew. Dann wie­der Chan, regungs­los, die Augen geschlos­sen, nun durch das ver­dun­kel­te Fens­ter­glas eines davon­fah­ren­den Vans, ein biss­chen wie bei Schnee­witt­chen. Der Mensch, der die Bil­der doku­men­tier­te, nahm in Kauf, einen Ster­ben­den zu fil­men, eben­so wie die Kame­ra­män­ner es taten, als sie 60 Jah­re zuvor den davon­trei­ben­den Kea­ton im Tru­ckee River auf­zeich­ne­ten. Als Chan 2016 den Ehren­os­car für sein Lebens­werk ent­ge­gen­nimmt, schließt er sei­ne Dan­kes­re­de mit fol­gen­den Wor­ten: „After 56 years of film­in­dus­try, making more than 200 films – I break so many bones – final­ly, this is mine.“

Ich erin­ne­re mich an einen wei­te­ren Talk­show-Auf­tritt: Tom Crui­se, Rebec­ca Fer­gu­son, Hen­ry Cavill und Simon Pegg wer­ben für Mis­si­on: Impos­si­ble – Fall­out. Das Gespräch beginnt damit, dass Crui­se erklärt, sein rech­tes Fuß­ge­lenk sei noch immer gebro­chen, aber dass er den­noch, trotz des Arbeits­un­falls, sto­isch wei­ter­dre­he: „We have a release date, so we got­ta keep going.“ Anschlie­ßend wird der schief­ge­gan­ge­ne Stunt aus drei Kame­ra­per­spek­ti­ven auf den Moni­to­ren des Talk­show-Stu­di­os abge­spielt. Zuerst eine Kame­ra­fahrt, die Crui­se dabei folgt, über das Dach eines sich im Bau befind­li­chen Hoch­hau­ses zu ren­nen, über einen Abgrund auf das gegen­über­lie­gen­de Häu­ser­dach zu sprin­gen und mit dem Ober­kör­per an der Kan­te des Dachs auf­zu­schla­gen. Das Publi­kum im Stu­dio stöhnt auf, als es sich der Höhe des Sprungs gewahr wird. Die zwei­te Ein­stel­lung, eine Tota­le, zeigt den­sel­ben Stunt im Pro­fil. Als Crui­se aus die­ser Per­spek­ti­ve auf der Dach­kan­te auf­schlägt, ist das Krei­schen etwas schril­ler. Dar­auf­hin warnt der Mode­ra­tor das Publi­kum, dass das fol­gen­de Mate­ri­al nichts für schwa­che Gemü­ter sei: „I mean a bone doesn’t pop out, but it’s an odd ang­le for anyone’s foot to be in.” Es han­delt sich um einen ver­grö­ßer­ten Bild­aus­schnitt der Tota­len, die sto­ckend – Bild für Bild – zeigt, wie Crui­ses rech­ter Fuß voll­stän­dig an der Haus­wand auf­setzt als wäre sie der Bür­ger­steig, das Gewicht sei­nes Kör­pers sei­nen Fuß an die Wand drückt und das Gelenk über­dehnt, sodass sei­ne Fuß­spit­ze bei­nah sein Schien­bein berührt.

Das Publi­kum stöhnt, kreischt und lacht. Rebec­ca Fer­gu­son ruft dem Mode­ra­tor zu: „Do it again.“ Die drit­te Kame­ra­per­spek­ti­ve wird schließ­lich mit den Wor­ten ange­kün­digt: „Here is why Tom Crui­se is pay­ed the big bucks.” In der Fron­tal­per­spek­ti­ve des gegen­über­lie­gen­den Dachs sehen wir, wie Crui­se auf die Kame­ra zuge­flo­gen kommt, an der Dach­kan­te auf­schlägt, kön­nen an sei­ner schmerz­ver­zerr­ten Mimik den Moment des Gelenk­bru­ches able­sen, und sehen, wie er sich den­noch aufs Dach zieht und an der Kame­ra vor­bei­hum­pelt. Der Gelenk­bruch hat es letzt­end­lich in den Film geschafft.

Das selt­sa­me Mus­ter der Ver­hal­tens­wei­sen von Kea­ton, Chan und Crui­se wirft die Fra­ge auf, wes­halb der Action­star geneigt ist, sich mit sei­ner Selbst­ver­stüm­me­lung zu brüs­ten. Die Ant­wort fin­det sich in der fil­mi­schen Funk­ti­on des Stunts, der gleich­zei­tig drei ver­schie­den­ar­ti­ge Zwe­cke ver­folgt. Ers­tens gene­riert der Stunt in sei­nem Ver­wei­sen auf die Phy­sik den Effekt des Doku­men­ta­ri­schen. Er ist für den Action­film, was der Samen­er­guss für den Por­no ist: ein Rest kör­per­li­cher Wirk­lich­keit im künst­li­chen Gan­zen. Zwei­tens recht­fer­tigt er die sozia­le Ord­nung inso­fern er belegt, dass die Film­stars auch wirk­lich arbei­ten, kör­per­lich arbei­ten, ihren Kör­per ver­pfän­den an die Indus­trie. Das gebro­che­ne Fuß­ge­lenk attes­tiert Crui­ses Recht auf die big bucks. Es erin­nert an die rumä­ni­schen Men­schen der Arbei­ter­klas­se in Radu Judes Do Not Expect Too Much from the End of the World, denen von einem öster­rei­chi­schen Unter­neh­men 500 Euro dafür in Aus­sicht gestellt wer­den, die Ver­let­zun­gen und Lang­zeit­fol­gen ihrer Arbeits­un­fäl­le für einen Auf­klä­rungs­film zur Arbeits­si­cher­heit fil­men zu las­sen. Auch der Action­star lässt die Mal­trä­tie­rung sei­nes Kör­pers für (sehr viel) Geld fil­men und reiht sich ihnen so schein­bar ein. Drit­tens zahlt das Publi­kum dem Action­star sei­ne trotz allen Anstren­gun­gen nicht weg­zu­leug­nen­de Dif­fe­renz dadurch zurück, dass es sich zumin­dest an der Sicht­bar­keit sei­ner Arbeit ergötzt. Der Action­star sieht dies ein und akzep­tiert sein Martyrium.