Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der Freeze-Frame bei Léaud und Van Persie

Die kine­ma­to­gra­phi­sche Qua­li­tät der gro­ßen Fuß­ball­dra­men ist kei­ne beson­de­re Erkennt­nis und all­ge­mein soll­te man das Kino immer und über­all sehen, füh­len, den­ken und machen. Wer am gest­ri­gen Abend das Vier­tel­fi­nal­spiel der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft zwi­schen den Nie­der­lan­den und Cos­ta Rica ver­folg­te, hat neben einer klas­si­schen Under­dog-Dra­ma­tur­gie auch auf for­mel­ler Ebe­ne eini­ge inter­es­san­te Aspek­te ent­de­cken kön­nen. Sehr augen­fäl­lig erscheint für mich die Ver­wen­dung des Free­ze-Frames im Fuß­ball im Ver­gleich zum Film. Da die Nie­der­län­der ein ums ande­re Mal ins Abseits lie­fen, kam das ein­ge­fro­re­ne Bild auch dem­entspre­chend häu­fig zum Ein­satz. Dabei geht es inner­halb der TV-Über­tra­gung um Evi­denz. Durch das ange­hal­te­ne Bild ver­mag man wie bei der neu-ein­ge­führ­ten Tor­li­ni­en­tech­nik einen Moment aus der Zeit her­aus­grei­fen und erken­nen, ob sich ein Spie­ler im Moment der Ball­ab­ga­be im Abseits befin­det oder eben nicht. Dabei wird dem Zuse­her ein Erschlie­ßen von Gleich­zei­tig­keit ermög­licht, indem er erst über­prü­fen kann, ob es sich tat­säch­lich um den Moment der Ball­ab­ga­be han­delt (dies set­zen die meis­ten Fuß­ball­zu­se­her vor­aus, es gibt recht gro­ßes Ver­trau­en in die Fähig­kei­ten und das Ver­ständ­nis der TV-Regis­seu­re) und ob der betref­fen­de Spie­ler sich in einer Abseits­po­si­ti­on befin­det. Es ist ein Beweis, der die Ent­schei­dun­gen als falsch ent­larvt oder als rich­tig unter­stützt. Ange­hal­ten kön­nen wir die Bil­der erst wirk­lich erken­nen. Die Infor­ma­ti­on scheint Sache des Stand­bil­des, die Emo­ti­on Sache des Bewegt­bil­des zu sein im Fuß­ball. Die­se in Wie­der­ho­lun­gen ange­hal­te­nen Momen­te eines Spiels gestal­ten sich für den Fuß­ball­freund meist in Form einer erhöh­ten Auf­merk­sam­keit, einer ana­ly­ti­schen Ruhe, die das Bild ange­strengt liest. Es ist inter­es­sant, dass ver­gan­ge­ne Momen­te im Fuß­ball häu­fig einen inten­si­ve­ren Schau­wert besit­zen als die Gegen­wär­tig­keit des lau­fen­den Spiels. In der Wie­der­ho­lung-so sagt man- sieht man erst rich­tig. Betrach­tet man die über­in­tel­lek­tua­li­sier­ten Ana­ly­sen nach Spie­len wird die­ses Sys­tem mit in die Free­ze-Frames ani­mier­ten Hilfs­mit­teln auf die Spit­ze getrie­ben. Feh­ler, die in Bewe­gung pas­sie­ren, wer­den ent­larvt, der Free­ze-Frame ist wie eine Lupe, die uns klar­macht, dass wir nichts gese­hen haben im lau­fen­den Spiel. Ähn­li­ches gilt natür­lich in abge­schwäch­ter Form für die Zeit­lu­pe, deren ulti­ma­ti­ve und weni­ger effek­ti­ve Form der Free­ze-Frame in einer Fuß­ball­über­tra­gung ist.

Offside

Aber eigent­lich zer­stört der Free­ze-Frame den Bewe­gungs­fluss des Spiels. Im gest­ri­gen Spiel war es ein ums ande­re Mal der nie­der­län­di­sche Star Robin Van Per­sie, der in sei­nen Bewe­gun­gen ver­hin­dert wur­de. Das ist inso­fern span­nend, da die­ser Van Per­sie schon bei sei­nem spek­ta­ku­lä­ren Tor­er­folg im ers­ten Spiel gegen Spa­ni­en in der Bewe­gung ange­hal­ten wur­de. Dabei flog er durch die Luft, um per Kopf­ball zu tref­fen. Stand­bil­der sei­nes Flu­ges gin­gen um die Welt. Damit ver­si­chert man sich gewis­ser­ma­ßen der kör­per­lich-tech­ni­schen Fähig­kei­ten des Spie­lers, man ver­stärkt den Effekt des Über­mensch­li­chen, der so wich­tig ist für die reli­giö­sen Ritua­le des Sports. Aber bei den Abseits­ent­schei­dun­gen gegen Van Per­sie ken­nen wir den Aus­gang schon. Es ist als wür­den wir ihn im Moment einer unnö­ti­gen Bewe­gung anhal­ten. Im Film gestal­tet sich ein Free­ze-Frame häu­fig genau gegen­tei­lig. Als Mus­ter­bei­spiel wird ja ger­ne das Schluss­bild aus Fran­çois Truf­f­auts „Les quat­re cents coups“ her­ge­nom­men: Der jun­ge Antoine Doi­n­el (Jean-Pierre Léaud) läuft über den Strand aufs Meer zu. Die Kame­ra kommt ihm nahe und friert ein. Schluss. Sein Blick geht wohin? In die Zukunft oder die Ver­gan­gen­heit. Jeden­falls ist es ein ver­un­si­chern­des Bild. Ver­un­si­chernd, weil die Bewe­gung des Kinos unter­bro­chen wird, ver­un­si­chernd, weil es eine Unge­wiss­heit im Prot­ago­nis­ten aus­drückt. Statt Evi­denz wird dabei eher die Mani­pu­la­ti­on des fil­mi­schen Bil­des unter­stri­chen. Eine Ver­än­de­rung der ticken­den Zeit, ihr Anhal­ten. Die Bedeu­tung und Wir­kung auf den Zuse­her ist also grund­ver­schie­den von der im Fuß­ball. Aber so ein wenig wird Van Per­sie dann doch zu Léaud, denn auch sein Ren­nen kommt zu einem Halt, es ist fast noch gna­den­lo­ser, denn die Unge­wiss­heit des jun­gen Doi­n­el trägt noch so etwas wie Hoff­nung in sich wäh­rend jene von Van Per­sie schon lan­ge vor­be­stimmt ist. Es sei denn wir wis­sen, dass er tref­fen wird und der Schieds­rich­ter das Tor gel­ten lässt. Dann wird der Free­ze-Frame zur letz­ten Sekun­de vor der Erup­ti­on eines Vul­kans der Emo­tio­nen. Hier wuss­te er noch nichts von sei­nem Glück oder doch?

Ansons­ten kennt man das gefro­re­ne Bild im Film vor allem aus sti­li­sier­ten Action­fil­men. Wie sieht es mit der Ästhe­tik aus? Im Fuß­ball wird die­ser Effekt auf die soge­nann­ten Super-Zeit­lu­pen ver­legt. Im HD-Zeit­al­ter gibt es min­des­tens ein­mal pro Spiel eine Mon­ta­ge­se­quenz mit emo­tio­na­len Ges­ten, Gesich­tern und Bewe­gun­gen, die in extre­mer Ver­lang­sa­mung ein ästhe­ti­sier­tes Dra­ma erzäh­len. Man den­ke bei der der­zei­ti­gen Welt­meis­ter­schaft an die Auf­nah­men der aus­ge­mer­gel­ten Gesich­ter von Cris­tia­no Ronal­do oder Xavi. Ver­lie­rer des Tur­niers, die wir in einer ver­lang­sam­ten Erkennt­nis des Schmer­zes erle­ben. Der sti­li­sier­te Free­ze-Frame benö­tigt jedoch einen Cut, um nicht ana­ly­tisch zu wer­den. Und das wider­spricht der not­wen­di­gen Nach­voll­zieh­bar­keit der Abläu­fe. Ich wür­de anre­gen gro­ßen Regis­seu­ren, mal die Regie bei einem Fuß­ball­spiel zu über­las­sen. Die nor­mier­ten Schnitt­ab­fol­gen könn­ten gebro­chen wer­den. Ich träu­me von vier Minu­ten lan­gen Ein­stel­lun­gen auf den Schieds­rich­ter­as­sis­ten­ten, die Hän­de des Trai­ners, das Flut­licht im Regen, das Gesicht eines Ord­ners, der abge­wandt vom Platz die Zuse­her beob­ach­tet und eben Free­ze-Frames als schnel­le Schnit­te oder gar als mar­ke­res­quer Foto­ro­man. Dann wird das Ergeb­nis zur Nebensache.

Van Persie

Aber der Fuß­ball­freund pocht zu Recht auf sein Ergeb­nis und somit Kon­ti­nui­tät. Schließ­lich gibt es beim Fuß­ball nichts Schlim­me­res als den Off-Screen, woge­gen es im Kino fast nichts Schö­ne­res gibt. Das bedeu­tet, dass im Moment des Ein­spie­lens von Free­ze-Frame Wie­der­ho­lun­gen oder ande­ren Cut-Aways, wie dem häu­fi­gen Zei­gen von Zuschau­ern oder Trai­nern wei­ter­ge­spielt wird. Es ist daher eine Pflicht für die Regie bei einem Fuß­ball­spiel Wie­der­ho­lun­gen nicht im lau­fen­den Spiel ein­zu­spie­len. Der Zuse­her wür­de es als eine Kata­stro­phe emp­fin­den, wenn er ein Spiel ansieht, aber das Tor nicht live erlebt. Dage­gen gewinnt das Kino gera­de durch das Nicht-Zei­gen, das Aus­las­sen von Raum und Zeit eine span­nungs­för­dern­de Note. Man stel­le sich vor es gäbe einen Frei­stoß und die Regie wür­de in eine Nah­auf­nah­me eines Trai­ner schnei­den. An sei­nem Gesicht wür­de man (unter­stützt zwei­fel­los vom Ton) able­sen, was pas­siert. Oder man wür­de gar aus dem Sta­di­on schnei­den und den Ver­kehr fil­men. Ja, die Welt geht wei­ter, man könn­te davon erzäh­len. Ein wenig leben die Kon­fe­renz­schal­tun­gen des Pay-TV Sen­ders Sky von die­ser Off-Screen Span­nung. Schließ­lich war­tet man gespannt auf den Tor-Schrei aus ande­ren Sta­di­en oder erlebt einen frus­trie­ren­den Sta­di­on­wech­sel in einer span­nen­den Sze­ne. Was bleibt ist die Zeit. Denn der Fuß­ball­freund begibt sich in eine Illu­si­on, wenn er die Rich­tig­keit einer Ent­schei­dung in Free­ze-Frame-Wie­der­ho­lun­gen über­prüft. Die Ent­schei­dung wird nicht revi­diert wer­den. Damit ist die neu ein­ge­führ­te Tor­li­ni­en­tech­nik ähn­lich wie das Hawk-Eye im Ten­nis ein fil­mi­sches Mit­tel, das ermög­licht die Zeit anzu­grei­fen, sie zu ver­än­dern und die­se Ver­än­de­rung der Ver­gan­gen­heit tat­säch­lich auf die Gegen­wart des Spiels zu über­tra­gen. Man denkt an Micha­el Han­ekes „Fun­ny Games“, indem die bei­den Ver­bre­cher die Zeit zurück­spu­len, um ihren Plan zu einem erbar­mungs­lo­sen Ende zu brin­gen. Nur hier wird die Evi­denz gebro­chen, beim Fuß­ball wird sie bestätigt.