Wo ist die­ser Traum von einem Film? An einem Mor­gen erwacht eine jun­ge Frau wie eine Kame­ra. Sie hat ver­ge­ben­de Augen wie das Licht. Wir sind noch unsi­cher, ob wir sie betrach­ten dür­fen, wir blin­zeln ver­le­gen, erha­schen Bli­cke. Sie ist in wei­ße Tücher gewi­ckelt und streckt ihre wei­chen Arme in den Him­mel. Die Kame­ra schwenkt mit ihrem Blick, mit ihren Armen zur Decke. Oben befin­det sich eine ande­re Zeit. Wir legen uns zu ihr, wir spü­ren eine Wär­me, die Wär­me einer ver­gan­ge­nen Nacht. Sie wird sich einen Kaf­fee machen mit ihrer Kame­ra, mit ihren Augen, um zu erwa­chen, die Blen­de öff­net sich, vor ihrem Fens­ter beginnt der Lärm.

Wer sagt ihr, wann sie sich bewe­gen muss? Jemand wirft eine Nebel­ma­schi­ne an. Der Duft eines Trau­mes dringt durch die Roh­re ins Zim­mer. Die Frau, ihren Kopf im Nacken, zieht sich aus. Wer zahlt das? Man hört die Dusche, aber schwenkt durch das Zim­mer, ein trau­ri­ges Zim­mer, mit dem Ver­we­sungs­ge­ruch alter Pla­ka­te, zer­ris­se­ner Hül­len jener ande­ren Zeit, die wie Schreie von der Decke tropft. Die Kame­ra bewegt sich als das kal­te Was­ser über den Moni­tor rinnt. Jemand weint, weil er etwas Schö­nes sieht. Jemand sieht einen Spie­gel. Die Frau zer­stört ihn und muss mit ihren blu­ti­gen Fin­gern lachen. Wer zahlt das?

Die­se Frau, die wir betrach­ten, hört Musik. Sie tanzt und es blinkt. Unse­re Bei­ne wip­pen hin­ter den Melo­dien und Jalou­sien, sie sperrt den Tag aus, es bleibt eine Nacht. Ein wei­te­rer Kuss, die Kame­ra wird ganz rot, sie schwärmt und beginnt zu schwe­ben. Wir kom­men der Haut näher und sehen Per­len auf ihr, wir kön­nen durch die­se Per­len hin­durch etwas sehen, aber was ist es? Sie schminkt sich mit blau­en Lich­tern, jemand legt eine grü­ne Folie auf ihre Augen, die Kame­ra dreht sich. Es ist ein klei­ner Mor­gen und jemand muss den Traum unterdrücken.

O sangue
O San­gue von Pedro Costa
Boy meets Girl Carax
Boy meets Girl von Leos Carax

Wir bli­cken wie­der aus der Fer­ne, sehen aber immer noch ihre Wim­pern zucken. Jetzt ver­rät sie die Hal­tung ihres Kör­pers. Wo will sie hin, wo geht sie hin? Sie blen­det in ein Bild der Son­ne, die Son­ne kommt aus ihr. Wir sehen es mit einem offe­nen Mund. Der Spei­chel vibriert in den Öfen der Kame­ra, allei­ne und schla­gend wie ein Puls, sie sieht das Atmen der Kame­ra, aber kann uns nicht hören. Sie zieht sich an, ihr grau­er Man­tel, dar­un­ter nichts, wir haben es gese­hen. Ein leich­tes Lächeln, sie tän­zelt um unser Gesicht. Sie kann die Tür nicht schlie­ßen, also fol­gen wir ihr.

Ein schma­ler Gang, sie wohnt bei Num­mer 13. Die Kame­ra fängt das Feu­er ihrer Schrit­te, klei­ne Flam­men erhel­len den Raum bei jedem Schritt. Sie nimmt den Auf­zug, eine Spie­ge­lung in der Tür. Pass auf, sie darf uns nicht sehen, sie darf sich nicht sehen, nie­mand darf sehen. Sie dreht sich um sich selbst, die Kame­ra lau­ert, ein schrei­en­der Leo­pard in einem Käfig aus Holz, sie trei­ben über einen Fluss und schrei­en nach dem nächs­ten Schnitt. Kannst du nicht füh­len, wann du schnei­den musst? Wir hal­ten uns zurück, um etwas zu fühlen.

Sie ver­wei­gert den Blick, ihre Far­ben wei­chen Trä­nen, ihre Trä­nen sind grau wie Asche. Es riecht nach Koh­le auf mei­ner Lin­se, jemand muss sie rei­ni­gen, mit ihren wei­ßen Tüchern. Jemand trinkt Milch auf der Stra­ße, ein Alli­ga­tor kriecht unter dem Sta­tiv, der Kame­ra­mann (ein Zir­kus­clown) springt ner­vös um das Tier her­um. Es ist eine ande­re Zeit jetzt. Ihr Man­tel weht über ihrer Haut, Stra­ßen­bah­nen erzäh­len ihr die Geschich­te des Mor­gens. Es gibt zwei Son­nen, die Kame­ra schwenkt und sieht nur Licht zwi­schen den Son­nen, zwi­schen ihren Lip­pen sehen wir das Meer.

O Sangue Costa
O San­gue von Pedro Costa
Boy meets Girl9
Boy meets Girl von Leos Carax

Wel­len bre­chen gegen die glit­schi­gen Glei­se. Wohin geht sie? Wir dro­hen die Balan­ce zu ver­lie­ren, die Kame­ra zit­tert, hat sie uns ange­se­hen? Die Alli­ga­to­ren fah­ren mit der Stra­ßen­bahn. Wer zahlt das? Wenn eine Kame­ra atmet, dann weil man atmen muss, wenn man die­se Din­ge sieht. Über­all sind Spie­gel auf der letz­ten Stra­ße, sie folgt ihr, wir fol­gen ihr, wir fol­gen uns zu ihr, wir erwi­schen uns nicht mehr, wel­che Zeit könn­te es sein?

Sie läuft auf ein Haus zu, der Him­mel wird rot. Der Puls unse­rer Bli­cke kann füh­len, man kann ihn füh­len, wenn man die Flam­men berührt. Sie geht durch den Nebel einer Tür. Für einen Frame sehen wir nichts, sie wird unscharf, wir sehen ihren Umriss, sie zün­det sich eine Ziga­ret­te an. Zu spät, es ist zu spät, die Vor­stel­lung hat bereits begon­nen. Jemand trinkt das Kino aus einem Becher. Wer zahlt das? Jetzt trifft mich ihr Blick, sie sieht durch die Kame­ra in den gan­zen Raum, sie friert, obwohl sie warm scheint, sie zer­fließt in mir, weil sie in der Kame­ra war. Ihre Augen sind wie ein Meer. Es piepst wie wild. Der Akku ist leer, der Tag beginnt.