Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Leos Carax.Regisseur

Man soll­te die Augen öff­nen und sich ein­fach von den Emo­tio­nen lei­ten las­sen. Sag eine Num­mer: 1,2,3!

Boy meets girl
Boy meets Girl

Das Kino von Leos Car­ax ist kei­nes durch das man lang­sam glei­tet, kei­nes das sich zusam­men­hän­gend erschließt. Ich weiß noch als ich zum ers­ten Mal einen Film von Leos Car­ax gese­hen habe, war ich mit offe­nem Mund da geses­sen und wuss­te nicht mehr, was ich füh­len soll. Die­ser Film war „Les Amants du Pont-Neuf“ und man hat­te mich auf ein beson­de­res Erleb­nis ein­ge­stellt, aber nicht dar­auf. Magie. Kino ist Magie bei Car­ax. Die Lich­ter spie­geln sich auf dem Was­ser und die nack­te Fata­li­tät der Figu­ren scheint sich in die fil­mi­sche Spra­che selbst ver­wan­delt zu haben. Immer wie­der gibt es wahn­sin­nig schnel­le Par­al­lel­fahr­ten bei Car­ax und man hat das Gefühl, dass Cha­rak­te­re und Kame­ra aus den Fil­men flüch­ten wol­len. Bis zu des­sen Tod arbei­te­te Car­ax, des­sen Name eine Art Ana­gramm aus sei­nem tat­säch­li­chen Namen Alex­and­re Oscar Dupont ist, mit Kame­ra­mann Jean-Yves Escof­fier zusam­men und bei ihnen ist jedes Bild ein Pla­kat­mo­tiv. Die Flucht vor der Film­welt, vor den Ober­flä­chen und letzt­lich der Mate­ria­li­tät fin­det sich immer bei Car­ax. Es ist als wären sei­ne Figu­ren ein­ge­sperrt im Rah­men des Bil­des und so reibt Alex, der meist so heißt und meist von Denis Lavant gespielt wird in „Les Amants du Pont-Neuf“ sei­nen Kopf gegen den Asphalt als woll­te er ent­we­der die­sen oder sich selbst auf­lö­sen, wie wenn Lavant in den Punk­ten des Moti­on Cap­tu­re Sys­tems in „Holy Motors“ ver­schwin­det oder wie Juli­et­te Bino­che sei­nen Bli­cken in „Mau­vais Sang“ als eine tat­säch­lich gefilm­te Gän­se­haut ent­glei­tet und doch in ihm bleibt, das damp­fen­de Bad in „Pola X“, die Ster­ne in „Boy meets Girl“:

Spie­gel,

Schat­ten,

Licht,

Berüh­re mich

1. Spie­gel

Holy Motors
Holy Motors

In vie­ler­lei Hin­sicht macht Car­ax immer einen Film über das Kino. Sei es in sei­ner dada­is­ti­schen Varia­ti­on auf japa­ni­sche Hor­ror­fil­me (das wird sei­nem Bei­trag zum Omni­bus­pro­jekt „Tokyo!“ nicht mal annä­hernd gerecht…) „Mer­de“, sei­en es Bres­son-Zita­te in „Mau­vais Sang“, hun­der­te Zita­te dort und über­all, das Schau­spiel in „Holy Motors“ und vie­les mehr. Bei ihm spie­len Schau­spie­ler auch immer im Bewusst­sein ihrer bis­he­ri­gen Kar­rie­ren. Man sieht das natür­lich bei Lavant, den Car­ax in vier sei­ner fünf Lang­fil­me vor Spie­gel stell­te, aber auch bei Édith Scob oder Juli­et­te Bino­che. Bino­che ist der schöns­te Geist der Film­ge­schich­te, ein Wesen, das die Zeit anhält, jedes Mal hal­ten sei­ne Fil­me beim Blick auf sie, bewun­dernd, ängst­lich, hei­lig und erken­nen in ihr das gan­ze Kino. Kein Wun­der, dass Car­ax sich selbst vor die Kame­ra beweg­te. Zum einen am Beginn von „Holy Motors“ als schlei­chen­der Voy­eur im Kino, als ein­sa­mes Wesen hin­ter unse­ren Bli­cken und dann in sei­nem Vien­na­le-Trai­ler „My last minu­te“. Sei­ne Ein­flüs­se sind nicht zu grei­fen, weil sie nichts im Kino ver­nei­nen außer der Gewöhn­lich­keit. Jean-Luc Godard und Robert Bres­son schei­nen offen­sicht­lich, aber auch Geor­ges Méliès, Stan Brak­ha­ge, Hol­ly­wood­klas­si­ker der 40er und 50er oder Jean Coc­teau sind nicht zu weit her­ge­holt. Car­ax ist eine Film­ex­plo­si­on. Er feu­ert aus allen Roh­ren der kine­ma­to­gra­phi­schen Gram­ma­tik. Allei­ne in welch ela­bo­rier­ter Art er Auf­sicht und Unter­sicht inein­an­der wirft, wie beim ihm das Arti­fi­zi­el­le zum Rea­len wird und anders­her­um zeigt, dass Car­ax ein Mann des Kinos ist, der immer in den Spie­gel blickt, wenn er Kino macht. Und machen heißt bei ihm träumen.

Boy meets girl
Boy meets Girl

Musi­cal, Stumm­film, Action­film, Hor­ror­film, schwarz-weiß Bliss, fla­che Bil­der, tie­fe Bil­der, schnel­le Schnit­te, kei­ne Schnit­te, Sprün­ge, Juke­box- oder Orches­ter­sound, Flüs­tern, Schrei­en, ein Schwenk, ein Zoom, Found-Foo­ta­ge, Schär­fen­ver­la­ge­rung, ein Cache, alles, wirk­lich alles nur nicht dann, wenn man es erwar­tet. In der Zeit des cine­ma du look groß­ge­wor­den atmet Car­ax den Geist der Nou­vel­le Vague wei­ter, aber er ist ein Indi­vi­dua­list, jedes Label wird ihm unge­recht, eigent­lich auch jedes Wort. In der wohl her­aus­ra­gen­den Arbeit über Leos Car­ax schlecht­hin haben Adri­an Mar­tin & Cris­ti­na Álva­rez López auch auf beweg­te Bil­der zurück­ge­grif­fen, um ihre groß­ar­ti­gen Gedan­ken zu Spie­geln und Glas­flä­chen, Türen und Bil­dern im Kino von Car­ax zu unter­strei­chen und zu ergän­zen. Ich per­sön­lich habe Pro­ble­me zu wis­sen, was ein Spie­gel ist bei Car­ax. Ich traue den Spie­geln nicht, ich habe das Gefühl sie exis­tie­ren nicht, ich glau­be, dass auf der ande­ren Sei­te ein Dop­pel­gän­ger lau­ert. In „Pola X“ gibt es einen ganz kur­zen Moment, als Guil­laume Depar­dieu sei­ne Fami­lie ver­lässt und sich ganz kurz in einer Reflek­ti­on sieht. In die­sem Moment explo­diert die Glüh­bir­ne und das Licht erlischt zusam­men mit der Spie­ge­lung. In „Holy Motors“ taucht eine sol­che Spie­ge­lung kurz am Auto­fens­ter von Kylie Mino­gue auf. Dort erscheint Denis Lavant und es ist als wür­de er sich selbst den Weg zur ande­ren Per­son ver­stel­len. Inso­fern pas­sen auch die ein­gangs beschrie­be­nen Flucht­ver­su­che zu den Spie­geln bei Car­ax. Denn sie machen klar, dass auf der ande­ren Sei­te nichts ist, nur eine Illu­si­on. Man kommt nicht raus aus die­sem Rah­men, der frü­her immer eine Lein­wand war (Nost­al­gie ist nicht falsch mit Leos). Aber das ist in sich ein Spie­gel­bild, denn statt dem Zuschau­er klar­zu­ma­chen, dass er nur eine Illu­si­on sieht, macht Car­ax sei­nen Figu­ren klar, dass sie nur eine Illu­si­on sind. In „Boy meets Girl“ ver­har­ren die ster­ben­den Lie­ben­den vor einer sich spie­geln­den Glas­fas­sa­de. Sie sehen nur noch die Geis­ter ihrer Träu­me. Bowie singt und ich will mit Leos wei­nen. Bei ihm heißt das Kino betrach­ten auch immer gegen das Kino rebellieren.

2.Schatten

Pola X
Pola X

Car­ax ist ein Sur­rea­list. Ein Komi­ker der Schat­ten. Sei­ne Fil­me umar­men das Irra­tio­na­le. Bei ihm sprin­gen Gefüh­le wirk­lich, sie zer­sprin­gen wie die rei­fen Knos­pen an einem Spring­kraut im Früh­ling. Jedes neue Bild ist bei ihm wie­der eine neue Her­aus­for­de­rung, ein neu­es Spiel. Wer schaut wohin, war­um und was (ist) pas­siert? Für ihn ist sicher­lich der Kino-Moment wich­ti­ger als eine Geschich­te. Er sucht die per­fek­ten Bil­der, die per­fek­ten Töne für den Moment. Wenn es ihm an Kör­per­lich­keit fehlt, dann fin­det er sie, wenn es ihm an Trä­nen fehlt, dann fin­det er sie, wenn es ihm an Gewalt fehlt, dann fin­det er sie. Am ein­drück­lichs­ten zei­gen sich die­se Nei­gun­gen in den musi­ka­li­schen Eska­pis­mus-Sze­nen sei­ner Fil­me wie bei­spiels­wei­se der Modern Love Sequenz in „Mau­vais Sang“ oder dem Akkor­de­on-Zwi­schen­spiel in „Holy Motors“. Aber bei genaue­rer Betrach­tung ist eigent­lich fast jede Sze­ne eine neue Rich­tung. Die epi­so­dische Struk­tur von „Holy Motors“ ist nur das weni­ger sub­ti­le Ende die­ser Stra­ße bei Car­ax. Sei­ne schein­ba­re Will­kür in der Form dient genau die­ser Unbe­re­chen­bar­keit. Erst mit der letz­ten Ein­stel­lung erkennt man, dass alles am rich­ti­gen Platz ist. Damit will ich nicht sagen, dass in der letz­ten Ein­stel­lung irgend­wel­che Plot­de­tails ver­ra­ten wer­den, son­dern dass sie einen Erin­ne­rungs­schock aus­löst, der die zer­bro­che­nen Tei­le zu einem Bild zusam­men­fügt: Das Blut in „Boy meets Girl“, Bino­che rennt bis sie selbst zum Fli­cker­bild wird in „Mau­vais Sang“ oder eine unschar­fe Visi­on eines Wal­des in „Pola X“.

Les Amants du Pont Neuf6
Les amants du Pont-Neuf

Car­ax umarmt die­se Unschär­fe, er liebt das Unsicht­ba­re. Immer wie­der ver­schwin­den Figu­ren aus unse­rem Blick­feld, er ver­steckt sie im Rauch sei­ner Schön­heit, hin­ter Türen, in Autos. Jeder­zeit spü­ren wir trotz der Magie bei Car­ax, dass etwas nicht greif­bar ist. Unser Begeh­ren zu Schau­en wird geweckt und dann ver­neint. Er macht uns klar, dass Begeh­ren immer schei­tert, aber wir immer dafür fal­len wer­den. Auf nar­ra­ti­ver Ebe­ne wird das durch die melo­dra­ma­ti­schen Lie­bes­ge­schich­ten noch unter­stützt, denn Car­ax erzählt ganz klas­sisch von einer unmög­li­chen Lie­be gegen die Gesell­schaft, gegen die Vor­aus­set­zun­gen, gegen das Leben. Im Zen­trum ste­hen Außen­sei­ter, Neu­ro­ti­ker, ein­sa­me Drift­er. Sie sind immer­zu fremd in ihrer Welt. Das Kino von Car­ax ver­bün­det sich mit dem Frem­den, indem es das Frem­de umarmt und hul­digt. Das Außer­ge­wöhn­li­che wird zum Genuss, zur Eksta­se. Man ver­liebt sich in Neu­ro­ti­ker, man muss ein Neu­ro­ti­ker sein, um sei­ne Fil­me wirk­lich zu sehen, aber wer ist kein Neu­ro­ti­ker? Einer die­ser Frem­den ist Mon­sieur Mer­de, ein Mons­ter aus der Unter­welt, das zuerst in „Tokyo!“ vor­kommt und dann auch in „Holy Motors“ auf­kreuzt, um Eva Men­des zu ent­füh­ren. An der Ober­flä­che ist er ein Mons­ter, aber in der Unter­welt hat er sich ein klei­nes roman­ti­sches Para­dies geschaf­fen. In „Mer­de“ nutzt Car­ax die Figur noch für wil­de poli­ti­sche Alle­go­rien, in „Holy Motors“ wird sie dann selbst eine Rol­le. Jeden­falls ist die­se Per­son der Inbe­griff des Aus­ge­sto­ße­nen. Und so fühlt sich wohl auch Car­ax, der öffent­lich sei­nen eige­nen Schat­ten wahrt, häu­fig äußerst schüch­tern und wort­karg auf­tritt und meist eine Son­nen­bril­le trägt. Der Regis­seur hat um sich selbst und vor allem um sei­ne Bezie­hun­gen zu sei­nen Haupt­dar­stel­le­rin­nen ein ähn­li­ches Mys­te­ri­um errich­tet wie im zeit­ge­nös­si­schen Kino bei­spiels­wei­se auch Pedro Cos­ta. Das Mys­te­riö­se, das Unsi­che­re ist Teil ihrer Per­sön­lich­kei­ten und Teil ihres Kinos. Sie hal­ten damit ein roman­ti­sches Bild des Künst­lers auf­recht, das es heu­te eigent­lich kaum mehr geben kann. Ihr gemein­sa­mer Meis­ter: JLG. In den Fil­men wird dann kon­se­quen­ter­wei­se Blind­heit the­ma­ti­siert, die Augen wer­den in Mit­lei­den­schaft gezo­gen. In „Les Amants du Pont-Neuf“ ver­liert die Male­rin Mic­hè­le lang­sam ihr Augen­licht. Als eine Behand­lung der Krank­heit mög­lich wird, will Alex nicht, dass das pas­siert, denn das feh­len­de Augen­licht macht sie zu einer Außen­sei­te­rin ganz so wie er ein Außen­sei­ter ist und nur so ist ihre unmög­li­che Lie­be auf der Brü­cke, unter der Brü­cke und über der Brü­cke mög­lich. Aber das feh­len­de Augen­licht ist auch eine Ver­nei­nung des­sen, um was es im Kino geht: Das Sehen. Der wei­ße, tote Aug­ap­fel von Mon­sieur Mer­de und sei­nem Anwalt in „Mer­de“, die Hän­de von Lavant über den Augen von Julie Del­py in „Mau­vais Sang“, die Mas­ke in „Holy Motors“. Car­ax will alles sehen und nichts sehen. Und so trennt er ver­schie­de­ne Ein­stel­lun­gen mit einem kur­zen schwar­zen Bild, ein Augen­zwin­kern, ein Schat­ten auf den Lidern der Zuseher.

3.Licht

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Pola X

Was wir sehen im Kino von Car­ax sind Frau­en. Außer viel­leicht bei Ing­mar Berg­man kann man sol­che Frau­en nicht fin­den. Solch eine Hin­ga­be zur Poe­sie des Blicks, die Frau­en auf der einen Sei­te zu Müt­tern, Huren und Hei­li­gen sti­li­siert und auf der ande­ren Sei­te ihre Indi­vi­dua­li­tät fei­ert, sie völ­lig frei in die Augen flu­ten lässt. Er hat ein Auge für frag­men­tier­te Schön­heit, wie­der sind es Momen­te, dies­mal jene der Frau­en. In der 700.Ausgabe der Cahiers du Ciné­ma hat­te Car­ax auf die Fra­ge nach Emo­tio­nen im Kino mit dem gefilm­ten Nacken von Frau­en geant­wor­tet. So wie jener Nacken von Bino­che in „Mau­vais Sang“, in dem sich das Bild völ­lig ver­liert, wie­der filmt Car­ax Gän­se­haut. In jun­gen Jah­ren hat­te er mal gesagt, dass er Fil­me­ma­cher gewor­den sei, um mit sei­nen Haupt­dar­stel­le­rin­nen zu schla­fen. Soweit ich es beur­tei­len kann, ist ihm das gelun­gen. Aber das spielt kei­ne so gro­ße Rol­le, denn sei­ne Kame­ra, sein Mikro­fon, sein fil­mi­sches Gewis­sen schläft mit jeder Frau in sei­nen Fil­men. Car­ax fil­tert jedes Bild nach sei­ner schöns­ten Regung. Er fokus­siert mal die Haut, in leich­tem ster­ben­den Licht, dann den Nacken, pul­sie­rend, oft die Augen, die wie das Glas oder die Spie­gel leuch­ten, die oft wei­nen, manch­mal lachen, die krank sind oder sich wei­gern wei­ter zu sehen. Er kon­zen­triert sich auf die Füße, auf die Kör­per­lich­keit, ele­gan­te Schrit­te, ein Schwe­ben, Haa­re, die im Wind wehen. Die Fil­me von Car­ax sind Lie­bes­brie­fe an die Lie­be. Dabei spielt auch immer der Blick selbst eine Rol­le im Licht der Frau­en. Der Voy­eu­ris­mus des Kinos ist mit Car­ax sei­ne größ­te Stär­ke. Lavant beob­ach­tet immer wie­der die Frau­en, steht am Rand, wenn sie mit ihren eigent­li­chen Part­nern zusam­men sind, blickt durch Fens­ter, so wie Car­ax selbst im Kino lau­ert. „Boy meets Girl“ ist so ein „Boy looks at Girl“ und die Unschuld dar­in liegt in der offen­sicht­li­chen Schuld. Hier blickt jemand, weil er nicht anders kann. Dabei spie­len Kör­per und ihre Bewe­gung eine essen­ti­el­le Rol­le. Ins­be­son­de­re die Kör­per­lich­keit von Denis Lavant wird zu einer Spiel­flä­che der Emo­tio­nen bei Car­ax. Immer wie­der wirft Car­ax kör­per­li­che Sze­nen und Stunts in sei­ne Fil­me, die eher meta­pho­risch mit dem Rest des Films zusam­men­hän­gen, aber viel­leicht auch der wah­re Kern, der Herz­schlag von Car­ax sind: Fall­schirm­sprün­ge, Was­ser­ski­ein­la­gen samt Feu­er­werk, wil­des Ren­nen, Tan­zen in Ein­sam­keit, ein Aus­ritt auf dem Pferd, Akkor­de­on­mu­si­cal­sze­nen. Es sind ath­le­tisch-kör­per­li­che Akte, es sind Her­aus­for­de­run­gen für die Kör­per, die in ihrer Unbe­re­chen­bar­keit und Schön­heit von Car­ax erforscht wer­den. Er sagt, dass er die­se Sze­nen pro­ben wür­de, die „nor­ma­len“ Sze­nen nicht.

Mauvais sang
Mau­vais Sang

Die Bewe­gung ist auch eine Sache der Fahr­zeu­ge bei Car­ax. Motor­boo­te, Motor­rä­der, Flug­zeu­ge, Limou­si­nen. Bei Car­ax gibt sich alles dem Rausch einer end­lo­sen Bewe­gung hin, sei­ne Kame­ra ist nicht gedul­dig, sie fährt nach vor­ne und hin­ten, sie sucht in jedem Bild die Schön­heit, man hat jeder­zeit das Gefühl, dass sie sich bewe­gen möch­te, selbst wenn sie steht. Dazu träu­men David Bowie oder Scott Wal­ker und man ahnt, dass es sich nur um Träu­me han­deln kann. Das Licht bei Car­ax ist ein Licht der Träu­me, der Wün­sche. Die Irra­tio­na­li­tät hängt mit einer Traum­lo­gik zusam­men, die manch­mal in eine Hys­te­rie kippt, die man sonst etwa von Andrzej Żuław­ski (der am sel­ben Tag wie Car­ax und einem ande­ren Hys­te­ri­ker, näm­lich Ter­ry Gil­liam Geburts­tag hat) kennt. Licht ist nicht immer natür­lich hier, son­dern Aus­druck einer Emo­ti­on. Und impres­sio­nis­ti­sche Züge wei­ßen bei Car­ax immer zurück auf die Rea­li­tät, denn sie ent­spre­chen der Wahr­heit einer Wahr­neh­mung. Die Ästhe­ti­sie­rung und Sti­li­sie­rung ist eine Reflek­ti­on des Blicks. Sie sagt etwas über den­je­ni­gen aus, der etwas sieht und sie sagen etwas über das Sehen an sich aus, denn das Sehen ist bei Car­ax immer eine Kon­struk­ti­on von Begehren.

4. Berüh­re mich

Pola x
Pola X

Car­ax dreht die letz­ten Lie­bes­fil­me des Kinos. Die Welt­sicht sei­ner Fil­me ist durch und durch von Roman­tik beseelt. Über die fata­len Bezie­hun­gen habe ich bereits geschrie­ben, aber es gibt mehr. In „Mau­vais Sang“ geht es auch um eine bedroh­li­che Krank­heit: STBO. Die­ser sicher­lich an AIDS ange­leg­te Virus befällt Teen­ager, die Lie­be machen ohne zu lie­ben. Wenn Car­ax spä­ter „Modern Love“ von Bowie spielt, dann ist das sicher­lich kein Zufall, denn moder­ne Lie­be, ihr Schei­tern und der Drang die­ses Schei­tern zu igno­rie­ren ist jede Sekun­de spür­bar. Car­ax greift nach klei­nen Licht­punk­ten am Him­mel, Ster­ne, die es nicht gibt. Er ist ein grau­sa­mer Schön­geist. In sei­nen Fil­men wir geflüs­tert und geschrien. Es geht einem durch Mark und Bein. Jede Ent­schei­dung bei Car­ax ist ein Spek­ta­kel. Damit mei­ne ich sowohl die Ent­schei­dun­gen der Figu­ren, die ihre Wel­ten und Emo­tio­nen mit jedem Schritt aufs Neue an den Abgrund manö­vrie­ren und damit mei­ne ich die Regie­ent­schei­dun­gen von Car­ax, der einen aus einem locke­ren Lächeln in eine exis­ten­tia­lis­ti­sche Kri­se bewegt und wie­der zurück. Bis Mit­ter­nacht soll­ten wir ein­mal gelacht haben. Eine sol­che Ent­schei­dung betrach­ten wir zum Bei­spiel in „Pola X“, eine Ent­schei­dung, die der Lie­be folgt, nie dem Ver­stand. Car­ax macht viel­leicht kei­ne Fil­me, son­dern Lie­be. Viel­leicht ist es auch gar kei­ne Traum­lo­gik son­dern tat­säch­lich das Para­dox einer Logik der Lie­be. Die Fol­ge ist Inten­si­tät und das Ver­lan­gen ein­fach mit dem Atmen auf­zu­hö­ren. Sei­ne Bli­cke sind meist unbe­ding­te Bli­cke, sie drü­cken mit einer Faust auf das Herz. Direkt und unver­braucht errei­chen die Fil­me Stel­len in mir, die ich nicht ken­ne. Oft klin­gen Wor­te in sei­nen Fil­men wie Lyrik. Sie zie­len nicht auf Infor­ma­ti­on, son­dern immer auf Emo­ti­on, auf das Stot­tern, den Bruch zwi­schen den Sät­zen, die Ein­sam­keit des Spre­chen­den, sein Ver­lan­gen, sei­ne Wut, sei­ne inne­re Zerrissenheit.

Les amants du point neuf
Les amants du Pont-Neuf

Die poe­ti­sche Mon­ta­ge, die ich mit dem Begriff „Mon­ta­ge der Sinn­lich­keit“ beschrei­ben wür­de, funk­tio­niert genau gleich wie die Wor­te der Figu­ren. Sie wirft einen zurück auf eine ande­re Wahr­neh­mung jen­seits aller Logik mit­ten hin­ein in das Gefühl jedes ein­zel­nen Frames. Er schnei­det oft von einem Blick auf ein Gefühl. Die ers­te Ein­stel­lung ist dabei eine Halb­na­he oder Nah­auf­nah­me auf den bli­cken­den Cha­rak­ter, aber der Gegen­schuss zeigt nicht, was die Figur sieht, son­dern was sie fühlt. So gibt es in „Les amants du Pont-Neuf“ einen die­ser plötz­li­chen Licht­wech­sel im Moment des nächt­li­chen Erken­nens als Bino­che nur noch die Sche­men von Lavant sieht. Oder in „Boy meets Girl“ als Lavant sein Gesicht mit einem Tuch ver­deckt, sodass nur mehr die Augen her­vor lugen und Mireil­le betrach­tet. Er steht dort und kün­digt sich an, er betrach­tet sie im Off, Regen­was­ser dringt durch das Dach in die Woh­nung und dann kommt der Gegen­schuss, der eben nicht Mireil­le zeigt, son­dern zunächst Schwarz, ein Aus­set­zen, ein Blin­zeln, ein Stop­pen, um sofort wie­der auf­zu­blen­den auf den nas­sen Boden und die Schu­he von Lavant, der durch die Pfüt­zen geht. Die Kame­ra schwenkt über die­se Pfüt­zen, beglei­tet vom Rau­schen des Regens und die Bewe­gung wird kon­ti­nu­ier­lich fort­ge­setzt in einer Ein­stel­lung, die das Paar umschlun­gen vor dem sich spie­geln­den Fens­ter zeigt. In der ers­ten Begeg­nung der Geschwis­ter in „Pola X“ ist es ein Blick hin­ter dem Rücken. Depar­dieu blickt sich um, aber wir erken­nen nur die Angst einer weib­li­chen Per­son, nicht ihr Gesicht.

Holy Motors2
Car­ax in Holy Motors

Bei Car­ax tropft das Blut von der Lein­wand in mei­ne Erin­ne­rung. Ein Fluss vol­ler Blut und nack­ter Kör­per, eine Wun­de in der Hand, am Kopf, in der See­le. Schlech­tes Blut dringt aus den Kanä­len und Car­ax trinkt aus den Kanä­len. Es ist Nacht bei Car­ax. Jemand ist immer allei­ne. Heu­te bin es ich, mor­gen bist es du. Nein?

Boy meets Girl

Mau­vais Sang

Les amants du Pont-Neuf

Pola X

Holy Motors