Die Sehnsucht nach Bewegungslosigkeit im Kino

Ein Text, der von der Bewe­gungs­lo­sig­keit des Kinos spre­chen will, muss natür­lich vol­ler Wider­sprü­che sein. Denn nicht zuletzt onto­lo­gisch betrach­tet, besteht das Kino aus Bewe­gung: Bewe­gung des Films, Illu­si­on der Bewe­gung auf der Lein­wand, Bewe­gung in unse­ren Her­zen. Ser­ge Daney hat Film mit dem vor­bei­zie­hen­den Him­mel ver­gli­chen: Die Wol­ken sind die Figu­ren, die vom Off-Screen beleuch­tet wer­den. Selbst wenn man im digi­ta­len Zeit­al­ter durch­aus einen Unter­schied fest­stel­len muss, so bleibt doch die­ser unend­li­che Drang nach Bewe­gung, die Idee, im Dunk­len sit­zend die Welt zu umrei­sen. Nicht zuletzt arbei­ten tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen wie 3D genau an die­ser Illu­si­on. Aber in der eige­nen Bewe­gungs­lo­sig­keit einen sich bewe­gen­den Spie­gel zu suchen, ist bereits ein Para­dox. Dar­in liegt die Illu­si­on begrün­det, eine Lüge, aber auch eine Hin­ga­be, bei der man gibt, indem man ver­traut. Und es ist auch nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass man sich selbst beim Betrach­ten eines Stand­bil­des oder einer Foto­gra­fie emo­tio­nal bewegt, dann fließt man nicht mit dem Strom einer Fol­ge von Bil­dern, son­dern kann sich tief im Bild ver­lie­ren, an den Rän­dern suchen, in den Tex­tu­ren schwim­mend, alles bleibt eine Bewe­gung. Und genau das ist eine Sehn­sucht vie­ler gro­ßer Fil­me­ma­cher. Denn sie wol­len ihre Bil­der fest­hal­ten, die Zeit fest­hal­ten, nicht ver­lie­ren, was eigent­lich zur Flüch­tig­keit ver­dammt ist. Min­des­tens soll aber die Dau­er mani­fest wer­den. Zum einen kann etwas immer wie­der­keh­ren, wenn es ein­mal gefilmt ist (so der Legen­de nach die Inspi­ra­ti­on von Ste­ven Spiel­berg, der einen Crash zwei­er Modell­ei­sen­bah­nen als Kind fest­hal­ten woll­te, damit er es immer wie­der sehen kann), zum ande­ren kann es sich unend­lich in der Zeit ent­fal­ten. Es geht hier also um eine im Pro­jek­tor, in den Pixeln und im Kopf beweg­te Bewegungslosigkeit.

L'Avventura Antonioni
L’Av­ven­tura von Michel­an­ge­lo Antonioni

Und dann beginnt ein Kampf gegen die Flüch­tig­keit der Bil­der, der Erin­ne­rung, die­ser ewi­ge Drang der nächs­ten Ein­stel­lung, die im Kino lau­ert, die oft erst die Poe­sie oder Bedeu­tung gene­rie­ren kann: Das nächs­te Bild, ein unbe­kann­tes Bild, das bei sei­ner Geburt logisch oder irri­tie­rend wir­ken kann, aber immer am vor­he­ri­gen Bild arbei­tet, obwohl es selbst schon lan­ge heim­ge­sucht wird von einem wei­te­ren nächs­ten Bild. Wenn man jeden Tag an Fil­men arbei­tet, dann spürt man womög­lich eine Erschöp­fung der Bil­der, gleich der erschöpf­ten Lie­ben­den, die nur mehr in ihrer umschlun­ge­nen Hal­tung ver­har­ren kön­nen, eine Bewe­gungs­lo­sig­keit, die man im Kino fast nie sieht, aber die in den Rhyth­mus der Bil­der ein­ge­schrie­ben ist. Ein Durch­at­men, ein erschlaf­fen, gemein­sam zwi­schen Auge und Bild.

Nun gibt es eini­ge unhalt­ba­re Ver­su­che, die Sehn­sucht von Fil­me­ma­chern nach einer abso­lu­ten Art des Sehens (die, die sich Zeit für das eine Bild nimmt), unter gemein­sa­men Begrif­fen zu fas­sen. Einer der schlimms­ten dabei ist „Slow-Cine­ma“, weil er genau die­sen Wider­spruch zwi­schen Bewe­gung und Bewe­gungs­lo­sig­keit aus dem Kino ver­bannt und so tut, als wür­de sich das Kino lang­sa­mer bewe­gen, wenn Bil­der län­ger ste­hen. Nur, weil eine Fin­ger­be­we­gung im Kino min­des­tens genau­so viel Kraft haben kann wie eine Armee, ist die­ser Wider­spruch mög­lich. Es wird von einer Rebel­li­on gegen die immer­zu beschleu­nig­te Welt der glat­ten Ober­flä­chen gespro­chen, Kino als Ant­wort, als Leh­re des Wie­der­se­hens und Wie­der Sehen Kön­nens. Aber auch kann man von einem inne­ren Zustand spre­chen, in die­ser Zeit der Unsi­cher­hei­ten und Unklar­hei­ten, in denen Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart, Traum, Rea­li­tät, Bild und Schlaf schon lan­ge in ein ein­zi­ges Aus­set­zen ihrer Deut­lich­keit ein­ge­tre­ten sind, ein schwar­zes Loch, das nach zwei Din­gen sucht: Sicher­heit und Gefühl. Und dafür will man nur noch schau­en und trotz­dem ans Ziel kom­men. Die Bewe­gungs­lo­sig­keit ist ein Weg an die­ses Ziel, denn in ihr gibt es weni­ger Dif­fe­ren­zen. In die­sem Sinn ist das Kino also kei­ne Rebel­li­on son­der eine Deskrip­ti­on. (Eine Alter­na­ti­ve über die man auch schrei­ben könn­te, liegt in der Hyper­be­we­gung bei Phil­ip­pe Gran­drieux.) Es gibt jene Dif­fe­renz des Bli­cken­den und des Ange­blick­ten, aber es gibt auch eine bewe­gungs­lo­se Pose, die den Dar­stel­ler von sei­ner Dar­stel­lung befreit, die ihn von sich selbst befreit sogar. Wer ist man näm­lich, wenn man posiert? Wer sind die­se star­ren Gestal­ten am Ende einer Sze­ne bei Fass­bin­der? Wer sind die Lie­ben­den in Anto­nio­nis L’Avventura? Gibt es sie? Schaut man sich zum Bei­spiel den Film Now, Voy­a­ger von Irving Rap­per an, wird man fest­stel­len, dass sich der Gang, die Bewe­gung von Bet­te Davis im Lauf (im ewi­gen Lauf) des Films ver­än­dert, es ist ein Macht­ge­winn, in die­ser Bewe­gung liegt der Aus­druck und der Ein­druck ihres Selbst­be­wusst­seins. Sie lebt in einem Hier und Jetzt, das im zeit­ge­nös­si­schen Kon­text eigent­lich nur eine Illu­si­on sein kann. Wenn sich jemand nicht bewegt im Kino ist er/​sie in der Regel tot. Aber den­noch ist er/​sie prä­sent. Oft erwischt man sich, wie Bitom­sky schreibt, wie man nach der Bewe­gung der Toten im Film sucht. Das Pochen einer Hals­schlag­ader, ein leich­tes Zucken, ein sich erhe­ben­der Bauch…als wür­de uns die Bewe­gung Sicher­heit geben oder viel­mehr eine Kon­trol­le über den Film. Hier liegt eine Sehn­sucht nach Bewe­gungs­lo­sig­keit, weil wir von einer Lücke spre­chen zwi­schen der Dar­stel­lung und der Rea­li­tät. Und die­se Sehn­sucht lässt uns weit­aus genau­er bli­cken, als wir es eigent­lich tun wür­den. Dar­in ver­steckt sich womög­lich das Poten­zi­al einer Sinn­lich­keit, die damit zu tun hat, dass wir selbst leben­dig wer­den wol­len. Man muss sich nur die­sen unver­gess­li­chen Wim­pern­schlag in Chris Mar­kers La Jetée vor Augen füh­ren, jenes Erwa­chen der Bil­der, Bil­der, die nie wirk­lich leben­dig waren und nie wirk­lich tot. Hier­in liegt der Moment des Ver­lie­bens begra­ben, genau jener Impuls von der Bewe­gungs­lo­sig­keit (der Herz­schlag setzt aus, man wird vom Blitz getrof­fen, man ist blind…) zur abso­lu­ten Bewe­gung, die in sich nur wie­der ver­har­ren will (die Lie­ben­den nach dem Sex, der Kuss, die Umar­mung, die Zeit, die nie ver­ge­hen darf…). Wenn ich also in mir und auch in eini­gen ande­ren Fil­me­ma­chern den Impuls spü­re, der von der Bewe­gung zurück zur Bewe­gungs­lo­sig­keit will, dann hat das mit der Suche nach der Unschuld zu tun. Man will wie­der jene ers­te Bewe­gung sehen, die Ing­mar Berg­man in sei­ner Auto­bio­gra­phie so schön beschreibt, jenes Wun­der, jenes Ver­lie­ben, den Beginn der Zeit des Kinos. Der ers­te Mensch, der über eine Lein­wand läuft. Er kann nur aus der Bewe­gungs­lo­sig­keit stammen.

Chris Marker
La Jetée von Chris Marker

In Cava­lo Din­hei­ro arbei­tet Pedro Cos­ta exakt in die­sem Zwi­schen­reich aus Bewe­gung (Leben, Erin­ne­rung, Gesell­schaft) und Bewe­gungs­lo­sig­keit (Ster­ben, Ver­ges­sen, Gesell­schaft). Er beginnt sei­nen Film mit Foto­gra­fien, die spä­ter wie das Echo einer ande­ren Welt der Bewe­gungs­lo­sig­keit wie­der­keh­ren, die uns in ihrer Star­re ver­fol­gen und mit den Mas­ken, Sta­tu­en und gefro­re­nen Ein­stel­lun­gen des Films har­mo­nie­ren. Ein­mal filmt Cos­ta eine ster­ben­de Hand, zit­ternd und kre­iert damit ein wei­te­res Echo zu Alain Res­nais Hiro­shi­ma, mon amour, einem Film, der die Bewe­gungs­lo­sig­keit und die Bewe­gung, ja die erschöpf­ten Lie­ben­den, das ulti­ma­ti­ve Ende und den Beginn der Zeit in sich trägt. Wann die­ser Film begon­nen hat und wann er endet, kann kei­ne Rol­le mehr für uns spie­len. Er beginnt mit sei­nem Ende und endet mit sei­nem Beginn. Edvard Munch hat gesagt: Ich bin ster­bend gebo­ren. Er hat­te Recht. Die Bewe­gung ist nicht echt. Zusam­men mit Alain Rob­be-Gril­let hat Res­nais auch in L’An­née der­niè­re à Mari­en­bad an die­ser Bewe­gungs­lo­sig­keit, ob dem Zwi­schen­reich der Erin­ne­rung und der Rea­li­tät gear­bei­tet, aber weit­aus sinn­li­cher und damit sehn­suchts­vol­ler ist Rob­be-Gril­let die­ser Wider­spruch in sei­nem L’immortelle gelungen.

Unsterb­lich­keit hängt an die­ser Bewe­gungs­lo­sig­keit, eine ein­ge­fro­re­ne Zeit als ein­zi­ge Chan­ce auf Unend­lich­keit? Doch kann man in die­sen Sta­tu­en das Licht einer Leben­dig­keit, ja sogar einer Echt­heit fin­den? Viel­mehr scheint die­ses Prin­zip der Wie­der­ho­lung, der wie­der­keh­ren­den Bil­der tief mit der Illu­si­on (und der Sinn­lich­keit die­ser Illu­si­on) ver­wur­zelt zu sein, ein Land der Träu­me, eine ticken­de Uhr, die wie­der beginnt und wie­der beginnt und wie­der beginnt. Viel­leicht ist es kein Beginn, son­dern ein stän­di­ges Auf­hö­ren, ein Aus­set­zen, ein Zwei­fel an der eige­nen Funk­tio­na­li­tät. Man hat das Gefühl, dass die Zeit hier selbst reflek­tie­ren muss. Sie ist immer wei­ter­ge­lau­fen, aber unter wel­chen Vor­zei­chen? Kann das heu­te noch rele­vant sein? Eine Erschüt­te­rung der Zeit (man sagt, dass die Zeit mit dem 2. Welt­krieg erschüt­tert wur­de und das ist auch rich­tig, aber ist sie heu­te viel­leicht sogar völ­lig über­schüt­tet?) bedeu­tet glei­cher­ma­ßen eine Erschüt­te­rung des Kinos.

Hiroshima, mon amour
Hiro­shi­ma, mon amour von Alain Resnais

Also gibt es die Bewe­gungs­lo­sig­keit nur im Ange­sicht einer aus­set­zen­den Zeit, eines Zwei­fels gegen­über der Rea­li­tät, der in den zahl­rei­chen Geis­ter- und Zwi­schen­wel­ten des moder­nen Kinos statt­fin­det? Nein, denn die Bewe­gungs­lo­sig­keit ist auch ein Schat­ten der Bana­li­tät und Erbar­mungs­lo­sig­keit der Zeit. Je, tu, il, elle von Chan­tal Aker­man und It’s Kei­ko von Sion Sono arbei­ten mit die­ser erdrü­cken­den Bewe­gungs­lo­sig­keit (Lie­gen, Star­ren, Sit­zen, Lie­gen, Star­ren, Lie­gen, Sit­zen usw.) vor dem Hin­ter­grund einer bru­ta­len Uhr, die einem nichts sagt, die nur, seit ihrem Beginn der Count­down zum Tod ist. Doch Count-Down ist ein fal­sches Wort, denn hier zählt nichts runter…vielmehr geht es immer wei­ter und man kann nur zuse­hen wie die Uhr tickt. Mit schmerz­vol­ler Sehn­sucht wie bei Aker­man oder iro­ni­scher Lee­re wie bei Sion Sono, der sei­ne Prot­ago­nis­ten fröh­lich die Zah­len einer Minu­te mehr­fach sin­gen lässt. Die Bewe­gungs­lo­sig­keit macht im Kino erst die Zeit bewusst. So auch in Berg­mans Hour of the Wolf, in der eine der weni­gen Bewe­gun­gen dem Zei­ger der Uhr gilt. Da sich die­ser Zei­ger immer bewegt, egal ob wir ihn sehen oder nicht, zeigt sich erneut, dass es kei­ne rei­ne Bewe­gungs­lo­sig­keit geben kann in einem Medi­um der Zeit. Aber es gibt ein inne­res und äuße­res Nichts, ein Pau­sie­ren, eine Flucht oder Abkehr von der Welt. Oder eben jenes War­ten, das bei Aker­man und Sion Sono zu- und nie­der­schlägt, ein War­ten, dass dann zu einer Bewe­gungs­lo­sig­keit und zugleich Hoff­nungs­lo­sig­keit wird, wie auch bei Béla Tarr oder Sharu­nas Bar­tas. Jac­ques Ran­ciè­re hat sich mit Blick auf das Kino von Tarr gefragt, wel­ches Geheim­nis in einer Minu­te (des War­tens) liegt. Er schreibt von einer Koexis­tenz der Hand­lun­gen, die unter die­ser Dau­er ablau­fen. Da ist also wie­der die Tie­fe die­ser Bewe­gungs­lo­sig­keit, die einen Raum öff­net, statt ihn bei­sei­te zu wischen. Die Bewe­gungs­lo­sig­keit wäre also auch die Zeit nach der Geschich­te und wenn Bewe­gungs­lo­sig­keit gleich einer Hoff­nungs­lo­sig­keit ist und Ran­ciè­re schreibt, dass Fil­me nicht von Hoff­nung han­del­ten, son­dern Hoff­nung sei­en, dann wird auch klar, dass Fil­me Bewe­gung sein müs­sen. Aber wohin in oder mit die­ser Hoffnungslosigkeit?

L'immortelle von Alain Robbe-Grillet
L’immor­tel­le von Alain Robbe-Grillet

Eine inter­es­san­te Lösung im Zeit­al­ter der Geis­ter, die bereits zu Phan­to­men ihres gespens­ti­schen Mythos gewor­den sind, ist die Kreis­be­we­gung, ja die Wie­der­kehr. Sogar das Block­bus­ter­ki­no hat die­se Wie­der­kehr ent­deckt, sei es die bana­le Fest­stel­lung in Geor­ge Mil­lers Mad Max: Fury Road, dass man nicht immer wei­ter sinn­los in die Hoff­nung fah­ren soll­te, son­dern lie­ber zurück­fah­ren soll­te oder sei es in Doug Limans Edge of Tomor­row das stän­di­ge Durch­ex­er­zie­ren einer vor­be­stimm­ten Zukunft, die nur durch eine immer­wäh­ren­de Wie­der­kehr ver­än­dert wer­den kann (man den­ke in die­sem Zusam­men­hang auch an Chris­to­pher Nolans Incep­ti­on und Inter­stel­lar). Ist die rück­wär­ti­ge Bewe­gung also ein Ver­such der fil­mi­schen Spra­che, gegen die Bewe­gungs­lo­sig­keit zu kämp­fen? Es gibt kein Ziel außer das Über­win­den der Bewe­gungs­lo­sig­keit, die in bei­den Fil­men mit einer rasen­den Geschwin­dig­keit offen­bart wird, als wäre Sisy­phos auf Speed. Oder sind es etwa die Bli­cke bei Fil­me­ma­chern wie Bar­tas, Cos­ta, Hitch­cock (der hat sich hier nicht ver­irrt, son­dern der ist hier gebo­ren) oder Clai­re Denis, die eine Bewe­gung in der Sehn­sucht bewe­gungs­lo­ser Augen fin­den? Schließ­lich braucht man Bewe­gungs­lo­sig­keit, um Bewe­gung sicht­bar zu machen. (man den­ke an die Wol­ken in The Avia­tor von Mar­tin Scor­se­se). Erst der ein­ge­fro­re­ne Kör­per lässt uns die Schön­heit sei­ner Bewe­gung erah­nen, weil die Bewe­gung sich stän­dig selbst ver­flüch­tigt. Denkt man an die wider­keh­ren­den Bil­der bei Rob­be-Gril­let erahnt man ihre Ver­bin­dung zu die­ser Frus­tra­ti­on der Bewe­gung. Immer wie­der in L’immor­tel­le sehen wir eine Ein­stel­lung vom Mee­res­ufer in Istan­bul. Und den­noch zeigt sich in der Wie­der­kehr die­ser Ein­stel­lun­gen, in den Bil­dern, die wir öfter sehen ein gewis­ses Miss­trau­en, wir zwei­feln, wir erhö­hen unse­re Kon­zen­tra­ti­on, denn wir sind trai­niert und dumm: Wenn wir ein Bild öfter sehen, dann hat es eine beson­de­re Bedeu­tung, glau­ben wir und ver­ste­hen ganz auto­ma­tisch Kino als Nar­ra­ti­on statt als Leben. Rob­be-Gril­let hat gesagt, dass genau das Gegen­teil der Fall wäre. Wenn man etwas öfter sehen wür­de, wür­de es an Bedeu­tung verlieren.

Je, tu, il, elle von Chantal Akerman
Je, tu, il, elle von Chan­tal Akerman

Die Krei­se, die durch Zeit und Ort lau­fen, ver­wei­sen auf eine Naht­lo­sig­keit, die nicht den nöti­gen Wider­spruch zulässt zwi­schen Bewe­gung und Bewe­gungs­lo­sig­keit, das Poten­zi­al zur Befrei­ung schwin­det in die­ser nar­ra­ti­ven Stra­te­gie und den­noch wird das Gefühl einer Befrei­ung evo­ziert, weil man sich besinnt, weil es eine Weis­heit ist, dass man manch­mal zurück­ge­hen muss, um vor­wärts­zu­ge­hen. Aber das fil­mi­sche Pen­dant dazu, der Ver­ti­go-Effekt, erzeugt einen Schwin­del, der dar­auf ver­weist, dass man die­se Bewe­gung nicht mehr aus­hal­ten kann. Man wird ohn­mäch­tig und bewe­gungs­los. Auch Ver­ti­go spielt in einem Zwi­schen­reich. Hitch­cock ver­lei­tet das Bild und den Blick zu einer Star­re, die den Tod her­vor­zau­bert, um ihn dann als Illu­si­on und Grau­sam­keit zu entlarven.

Eine wei­te­re Lösung ist die extre­me Ver­lang­sa­mung der Bewe­gung, eine Art Kom­pro­miss wie in den Wal­ker-Fil­men von Tsai Ming-liang. In sei­nem neu­es­ten Werk No No Sleep ver­bin­det sich die­se Ent­schleu­ni­gung wie so oft mit dem Ver­lan­gen einer Ein­sam­keit. Aus die­ser Ein­sam­keit ent­steht dann Auf­merk­sam­keit. Das Licht ist in Bewe­gung, aber es ist auch still (so wie die Was­ser­ober­flä­che des Bades im Film) bezie­hungs­wei­se die Bewe­gung des Lichts wird erst durch die Stil­le des Bil­des sicht­bar. Bewe­gungs­lo­sig­keit im Kino meint also nur einen bestimm­ten Rhyth­mus der Bewe­gung. Ich habe immer jene Fil­me­ma­cher bewun­dert, bei denen man sich in die­sem Rhyth­mus wohl fühlt, die eine Prä­senz schaf­fen, eine Prä­senz, die Bewe­gungs­lo­sig­keit in tau­sen­de Regun­gen zer­fal­len las­sen kann, in denen der Drang zur Bewe­gung, zur Lie­be und zur Befrei­ung offen­bart. Wir spre­chen hier weni­ger von den­ken­den Bil­dern als von füh­len­den Bil­dern. Daher ist Kon­tem­pla­ti­on auch ein fal­scher Begriff, da hier oft kein Platz mehr ist für eine Reflek­ti­on. Es ist die Prä­senz der Bewe­gungs­lo­sig­keit. Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul ist ein Meis­ter die­ser Prä­senz, die sich vom Poten­zi­al einer Bewe­gung füt­tern lässt. Bres­son, ein gro­ßer Meis­ter der Regun­gen, Zuckun­gen und sehn­suchts­vol­len Begier­den, die aus sei­ner Bewe­gungs­lo­sig­keit eine Bewe­gung machen, schreibt: beau­tiful in all the move­ments that he does not make (could make).

Kim Novak Hitchcock
Ver­ti­go von Alfred Hitchcock

Man könn­te also sagen, dass die Sehn­sucht nach der Bewe­gungs­lo­sig­keit im Kino nichts ande­res ist, als das Ver­lan­gen nach der Wahr­heit einer Bewe­gung, der Wahr­heit des Kinos selbst, die immer zugleich Illu­si­on (der Wind) ist und Rea­li­tät (das abge­fal­le­ne Blatt, reg­los zwi­schen den Fin­gern eines toten Sol­da­ten). Hin­ter die­ser Sehn­sucht ver­steckt sich viel­leicht auch die Fra­ge: War­um bewe­gen wir uns über­haupt? (Dan­te: Love moves the sun and other stars)