Die seltsamen Bilder von Jia Zhang-ke

Jia Zhang-ke ist ein rät­sel­haf­ter Fil­me­ma­cher. Unlängst ver­öf­fent­lich­te er ein Video für See­dance 2.0 von Byte­Dance, das KI-Sys­tem eines chi­ne­si­schen Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mens. Unter dem Titel Jia Zhang-ke’s Dance sieht man dabei eine von KI gene­rier­te jün­ge­re und eine eben­so aus dem Text-zu-Bild-Modell ent­stan­de­ne heu­ti­ge Ver­si­on des Fil­me­ma­chers durch die Sze­ne­rien sei­ner eige­nen Fil­me wie Still Life oder Plat­form gehen und tan­zen. Dabei ent­steht ein selt­sa­mes Bild der Erin­ne­rung, als wür­de der Fil­me­ma­cher ähn­lich wie Vic­tor Sjö­ström in Berg­mans Smul­tron­stäl­let sein bis­he­ri­ges Werk durchwandern. 

Obwohl alles so aus­sieht, als wäre es tat­säch­lich gedreht wor­den, wirkt es unge­heu­er tot. Freud­los die Bewe­gun­gen, die Schrit­te immer so gesetzt, als wäre er in einem Stu­dio und nicht an den Orten, an denen gedreht wur­de. Der für das Kino so bedeut­sa­me Wind in den Bäu­men ist kei­ne Fra­ge eines Text­be­fehls, die Bewe­gung des rascheln­den Laubs lässt sich nicht berech­nen. Aber wer ach­tet schon auf Laub? Trotz­dem wirkt das Video wie ein Schritt in eine weni­ger höl­zer­ne Rich­tung die­ser Tech­nik. Es ver­brei­te­te sich jeden­falls rasch und mil­lio­nen­fach als Demons­tra­ti­on unheim­li­cher und unheim­li­cher wer­den­den Mög­lich­kei­ten. «Wow» schrie­ben tau­sen­de Men­schen in den Kom­men­ta­ren auf You­tube. Das liegt auch dar­an, dass das Video mit einem Twist auf­war­tet, denn lan­ge Zeit glaubt man, die jün­ge­re Ver­si­on des Fil­me­ma­chers wäre von KI gene­riert, die älte­re aber nicht. Erst spät wird klar, dass der Fil­me­ma­cher selbst über­haupt nicht vor die Kame­ra getre­ten ist für die­sen Clip. Bis auf am Über­gang zwi­schen Son­nen­bril­len­bü­gel und Ohr lässt sich kaum erken­nen, dass es sich nicht um einen ech­ten Men­schen handelt. 

Er wol­le ein­fach sehen, was mög­lich sei, argu­men­tiert der Regis­seur die­sen Ver­such. Kei­ne Ahnung, ob er das selbst gesagt hat oder eine Maschi­ne. Es ist nicht nicht das ers­te Mal, dass sich Zhang-ke (nach Rolex oder Pra­da) mit eher frag­wür­di­gen Fir­men zusam­men­tut, um sein fil­mi­sches Werk ganz wort­wört­lich zu ver­kau­fen. Denn wie in sei­nem KI-Video sind es immer Sze­nen sei­ner eige­nen Fil­me, die Zhang-ke in neue Kon­tex­te bringt, für eine Mar­ke dis­ku­tiert oder für die Wer­bung öff­net. Anders als ande­re Fil­me­ma­cher dreht er nicht ein­fach Wer­bun­gen, er tritt für Fir­men und deren Pro­duk­te ein mit sei­nen eige­nen, bereits rea­li­sier­ten Fil­men. Das ist ins­be­son­de­re des­halb erstaun­lich – Micha­el Ber­ry hat davon jüngst in der LA Review of Books geschrie­ben –, da sei­ne Fil­me sich zumin­dest impli­zit kri­tisch mit den Fol­gen einer tech­no­lo­gi­schen und kapi­ta­lis­ti­schen Auf­rüs­tung beschäf­ti­gen. Viel­mehr als eine Hal­tungs­fra­ge an den dies­be­züg­lich wan­kel­mü­ti­gen Fil­me­ma­cher zu stel­len, fra­ge ich mich, was für ein Ver­hält­nis sei­ne Bil­der zur Wirk­lich­keit haben, wenn man davon über­haupt noch spre­chen kann. 

Der Auteur von heu­te ist längst zum Ver­wal­ter immer­glei­cher Bil­der und Stim­mun­gen gewor­den. Den Bil­dern ist nicht mehr zu trau­en. Wenn man es doch tut, spielt man nur ein Spiel. Man schaut so, als ob es noch etwas zu sehen gäbe. Die­je­ni­gen, die sich begeis­tern las­sen, schme­cken auch die Oran­ge aus der Fan­ta her­aus. Arme See­len. Zhang-ke braut die sel­ben Erfri­schungs­ge­trän­ke wie die Hälf­te aller Fil­me­ma­cher, die regel­mä­ßig nach Can­nes ein­ge­la­den wer­den. Von Hol­ly­wood muss man gar nicht mehr reden. Sie alle haben kein Bild von Wirk­lich­keit mehr, sie haben nur noch Bil­der ihrer eige­nen Bil­der. Bil­der, die sie in ähn­li­chen Zeit­fens­tern ver­än­dern wie gro­ße Fir­men ihre Wer­be­sprü­che. Hier eine Anpas­sung, da eine iro­ni­sche Bre­chung, hier eine Umkehr. Das Bild als Pro­dukt trägt kein Gewicht mehr, sein Wert steigt, je weni­ger es wiegt. Die Tech­nik macht das Bild form­bar. Vom Dreh bis zum Grading. 

Beim Sehen der Fil­me bemerkt man das, aber wir haben noch nicht gelernt, damit umzu­ge­hen. Zumin­dest wird über die Fil­me noch immer so gespro­chen und geschrie­ben, als wür­den sie einen Bezug zur Wirk­lich­keit auf­wei­sen. Es müss­te wohl eine Kri­tik ent­ste­hen, die sich rein auf den Ober­flä­chen bewegt, die in den schwer zu grei­fen­den Kipp­be­we­gun­gen zwi­schen den Fil­men Tem­pe­ra­tu­ren misst, die jene Punk­te in den Bil­dern fin­det, die bis­lang noch ver­bor­gen lagen. Mit wel­cher Tech­nik das Wie­der­ge­käu­te her­ge­stellt wird, scheint erst­mal egal. Fil­me sind zuneh­mend atmo­sphä­ri­sche Räu­me, in denen die Wie­der­erkenn­bar­keit den for­ma­len- und auch den Hand­lungs­rah­men fest­legt. Ein biss­chen wie Hin­ter­grund­mu­sik. Sie erzäh­len Geschich­ten, aber sie zei­gen nichts, weil nie­mand etwas gese­hen hat. 

Zhang-ke ver­folgt die­ses Re-Cycling und Wie­der-Bele­ben (bezie­hungs­wei­se tech­ni­sche Tot­stel­len eigent­lich ein­mal leben­dig gewe­se­ner Bil­der) mit am kon­se­quen­tes­ten. Er lässt die Bil­der nicht los, die er ein­mal gefun­den hat, als kön­ne er sich in Zei­ten der Bil­der­flut dar­an fest­klam­mern, als wür­de er bewei­sen wol­len, dass sei­ne Bil­der rela­tiv sei­en, flü­ßig fast, sodass sie sich ihrer jewei­li­gen Umge­bung anpas­sen kön­nen. Sich an Flü­ßi­gem fest­klam­mern, so lässt sich die­se Pra­xis beschrei­ben. In den Bil­dern trei­ben. Eine ein­mal in einen Film mon­tier­te Ein­stel­lung ist nicht mehr sicher. Sie wird zu einer neu­en Sze­ne, so wie ein Satz in einer Cut-Out-Col­la­ge. Es sind Bil­der ohne Boden. 

In sei­nem ziem­lich fas­zi­nie­ren­den Caught by the Tides mon­tier­te er eine Nar­ra­ti­on des Ver­schwin­dens aus nicht-ver­wen­de­ten Sze­nen vor­her­ge­gan­ge­ner Fil­me. Hier ist sein Vor­gang noch ana­log, gewis­ser­ma­ßen ist es eine nach­hal­ti­ge Res­te­ver­wer­tung. In einem durch­ge­hen­den Déjà-vu ver­lie­ren sich nicht nur die Figu­ren son­dern letzt­lich auch der Blick der Kame­ra. Wäh­rend ich den Film gese­hen habe, habe ich viel über die Geschich­ten nach­ge­dacht, die nicht erzählt wer­den, obwohl sie ange­legt sind, bewusst oder unbe­wusst, in Fil­men, Tex­ten und Bil­dern. Ein Blick, der dem Schnitt zum Opfer gefal­len ist, hät­te eine Trau­er offen­bart, die so nicht mehr da ist. Ein ein­zi­ger Satz hät­te alles ver­än­dert. Was bedeu­ten die­se Ele­men­te, die sich viel­leicht unter­be­wusst noch in den Fil­men hal­ten? Gehen sie wirk­lich ver­lo­ren? Ent­lang die­ser fei­nen Lini­en arbei­tet Caught by the Tides, den man eigent­lich nur wirk­lich sehen kann, wenn man die ande­ren Fil­me von Zhang-ke kennt. 

Aber auch das ist egal. Es geht nicht wirk­lich ums Sehen. Es geht ums Glau­ben, so wie immer, wenn man mit Totem kon­fron­tiert wird. Man muss dar­an glau­ben, dass es etwas zu sehen gibt. Man muss an die Oran­ge glau­ben. Das sagen die­je­ni­gen, die die Limo­na­de ver­kau­fen. Die Oran­gen ver­fau­len anders­wo, dort wo kei­ner schaut. Caught by the Tides tritt immer­hin und ziem­lich vir­tu­os den Beweis an, dass Bil­der leben­dig sind, dass sie eine Fort­set­zung des­sen sind, was erlebt wer­den kann. Heu­te aber betritt Zhang-ke selbst die Bil­der, die er vor lan­ger Zeit gedreht hat. Es ist ihm gelun­gen, sei­ne Bil­der sind rei­ne Signi­fi­kan­ten. Es gibt nichts mehr, was sie bezeich­nen. Er schafft sich ein Muse­um aus dem, was sei­ne Leben­dig­keit aus­ge­macht hat. 

Eine Ver­for­mung fin­det statt, in der das Kino Ein­tritts­kar­ten ver­kauft, mit denen man nicht mehr das Sehen eines Films erwirbt, son­dern das Betre­ten einer form­ba­ren Welt. In einem nächs­ten Schritt wer­den sich die Bil­der ver­än­dern. Die Figu­ren wer­den ande­re Ent­schei­dun­gen tref­fen. Der eine wird doch blei­ben am Ende des Films. Die ande­re wird doch nicht ster­ben. Alle bekom­men das Hap­py End, das sie sich wün­schen. Die Kame­ra wird Neu­es ent­de­cken in den Bil­dern. Figu­ren, die eigent­lich nicht da waren, wer­den alles ver­än­dern. Die Fil­me wer­den ganz und gar flü­ßig, sie legen nur noch einen mehr oder weni­ger sinn­li­chen Rah­men vor, in dem sich jedes Bild immer neu aus­brei­ten kann. 

Ich wer­de dann längst nicht mehr im Kino sein, wir wer­den alle nicht mehr kom­men. Wozu auch? Die Fil­men waren anders­wo. Sie waren nicht auf der Lein­wand, sie waren nie auf der Lein­wand. Sie waren immer zwi­schen dem Blick und der Welt. Aber das ist ein ana­chro­nis­ti­scher Gedan­ke. So wie die Alten irgend­wann nicht mehr mit den tech­no­lo­gi­schen Neue­run­gen mit­ge­kom­men sind, wer­den wir einen Spalt bemer­ken, wenn wir ein Bild vor uns haben. Die einen wer­den naiv an das Bild glau­ben, die ande­ren wer­den das Bild als Fort­set­zung ihrer selbst begrei­fen. Mal abge­se­hen davon, dass die­ses Vor­ge­hen jeg­li­che Ver­ant­wor­tung aus der Arbeit des Fil­me­ma­chers tilgt (ohne Bezug zu einer Wirk­lich­keit und einer End­gül­tig­keit gibt es auch kei­ne wirk­li­che Ver­ant­wor­tung), wird sie eben jenen Fil­me­ma­cher, so ent­spannt er oder es hier auch durch sei­ne eige­nen Fil­me tanzt, abschaf­fen, wie­wohl er sich damit wird trös­ten kön­nen, Impul­se zu geben mit einem Look, einer Tem­pe­ra­tur, die er für gutes Geld wird ver­kau­fen kön­nen. Da das Geld kein Bild ist, bleibt es vor­erst fest.