The World von Jia Zhang-ke

Der melodramatische Reigen in einem Freizeitpark: Der Welt-Park in Peking, man muss nicht reisen, um die ganze Welt zu sehen. Das ist wie im Kino. Nur politisch fragwürdiger. In „The World“ (2004) blickt Jia Zhang-ke in seinem ersten staatlich autorisierten, aber nicht weniger gefährlichen Film auf die Liebesgeschichten von Mitarbeitern des real existierenden Freizeitparks in Peking, der einen mit einer Schwebebahn in nur wenigen Minuten um die ganze Welt schickt. Die Künstlichkeit dieser Welt, droht die Protagonisten zu verschlucken, die Menschen wirken gefangen, weil Jia Zhang-ke die Absurdität des Eifelturms oder der Tower-Bridge in Peking in weitwinkligen Porträtaufnahmen unterstützt und dabei von einer Isolation und Fehlkommunikation erzählt. Dabei reden wir aber nur selten von Wes Anderson Postkarten-Chic, sondern meist von einem tatsächlichen Leben in und zwischen den absurden Gebäuden. Tao, eine Performerin im Park, die in einer bemerkenswerten Eröffnungssequenz nach einem Pflaster schreit und begleitet von der Kamera, die stets den unverstellten Blick sucht, durch die Back-Stage Bereiche eines riesigen Show-Areals marschiert, energievoll und eigenwillig, ist in einer Beziehung mit Taisheng, einem Security-Mann auf dem Gelände. Die Arbeiter kommen aus der Provinz oder gar aus Russland.

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Es entfaltet sich ein präzise beobachtetes Beziehungsgeflecht bei dem die Frage nach Vertrauen mindestens genauso wichtig ist wie jede kleine Regung dazwischen. Jia Zhang-ke schafft es immer wieder, den toten Moment in der Kommunikation zwischen Mann und Frau zu finden. Es ist in diesen Augenblicken, wenn Peinlichkeit und Anziehung, Angst und Erregung zu einem Gefühl verschmelzen. Damit bewegt er sich immer an der Grenze zum Klischee, aber geht jederzeit Meilen darüber hinaus, weil er sich gerade für die Ausbreitung eines Klischees in der Zeit interessiert. So versucht Taisheng Tao in einem Hotelzimmer dazu zu bringen, sich mit ihm aufs Bett zu legen. Die Bewegungen, die Scham und die Anziehung passieren vor uns, sie sind echt. Sie will nicht, er zieht sie zu sich und als er versucht mit ihr zu schlafen, weicht sie zurück. Später wird Taisheng mit einer anderen Frau ähnliches erleben. Die Unbeholfenheit von Mann und Frau sah noch nie ungezwungener aus. Die Szene beginnt wie ein Kinotraum. Taisheng kommt im Atelier der Modedesignerin Qun an und dort tanzt sie gerade mit ihren zwei Cousinen zu einem Lied. Sofort übernimmt Taisheng das Kommando und tanzt mit der jungen Frau, die er von nur einer anderen Begegnung kennt, die ihn aber zu sich eingeladen hat. Die Kamera bewegt sich leicht und schwer zugleich, sie tanzt mit den Emotionen und Bewegungen der Figuren. Die Cousinen verschwinden. Ein peinlicher Moment, denn bisher war es ein Tanz als Performance, jetzt beginnen sie den Atem des jeweils anderen zu spüren und wir im Kino mit ihnen. Sie setzen sich auf ein Sofa als die Musik langsam leiser wird. Taisheng, der die Gunst der Nähe vollenden möchte, versucht Qun zu küssen. Sie verweigert sich und nimmt seinen Arm von ihrer Schulter. Sie sitzen auf dem Sofa, sehen sich an. Einer dieser poetischen toten Momente, die Jia Zhang-ke immer wieder bedient. Plötzlich gibt es eine entscheidende Bewegung in der Szene, denn die beiden beginnen sich über ihre jeweiligen Beziehungen zu unterhalten. Fast jede Szene führt an ein Gefühl, dass man am Anfang der Szene nicht erahnen konnte. Die scheinbare Ruhe täuscht nur den unaufmerksamen Zuseher. Jia Zhangke gibt uns die Freiheit, Menschen wirklich zu sehen. Meist steht die Kamera dann ruhig und lässt das Geschehen in detaillierten Tableaus, die an Yasujirō Ozu und demnach auch Hou Hsiao-hsien erinnern, in all seinen Facetten entstehen. Häufig bedient er sich auch langsamer Schwenks, die ein aufregendes Spiel zwischen On- und Off-Screen entfachen, indem ein Blick entscheidend sein kann und man sich der Limitierung seines eigenen Sehens bewusst wird. Zudem erreichen die Schwenks zusammen mit den langsamen Zufahrten durch die engen Korridore im Film eine fließende Wirkung, die einen in die Fatalität der Liebesgeschichte einladen. Eine Sucht entwickelt sich, die vor allem von der scheinbaren Autonomie der Kamera ausgeht. Wie der Geist eines Autors schwebt sie durch die Innenräume als die Seele eines schlechten Gewissens, das jederzeit einen Effekt bewirkt, der mir sagt, dass die Welt im Kino ein Fenster ist.

Jia Zhang-ke betreibt ein Wechselspiel aus formaler Strenge und völliger Verspieltheit. So verwandelt sich das Bild bei jeder ankommenden SMS für einige Momente in einen Comic. Am bemerkenswertesten ist der Einsatz dieser Ästhetik als eine Blüte durch einen Schacht in das Gebäude fliegt, in dem Taisheng auf Qun treffen wird…der Einfluss westlicher Kultur und Lebensweisen kracht subtil mit den traditionellen Vorstellungen und Merkmalen der Figuren aufeinander. Ehrgeiz ist hier immer eine Frage der Perspektive, denn er ist eingebettet in ein System. Die Figuren träumen nicht. Vielleicht weil sie nicht leben: You are a fugitive but you don’t know what you are running from… Neben den animierten Sequenzen gibt es dokumentarisches Material von Auftritten im Welt-Park, Tanzsequenzen, auf Mauern erscheinende Schriften, Truffaut-Zitate und Lieder. Es ist einfach erstaunlich wie Jia Zhang-ke ein unheimliches Gefühl für die Wahrheit der Dinge mit einer surrealistischen Nonchalance verbindet. In „Still Life“, der kurz darauf entstand, sollte er diesen Hang perfektionieren.

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Die Welt ist ein Fenster, die Welt ist eine Illusion. Die Illusion könnte sich im Blick auf ein vorbeifliegendes Flugzeug offenbaren und der Frage, wer eigentlich in diesen Flugzeugen fliegt. Die Geschichte und Politik Chinas ist hier nicht Thema sondern schlicht ein Teil der Existenz. Erst dadurch vermögen diese Aspekte jenseits intellektueller Interpretationen zu berühren. Sie sind unübersehbar, aber keiner der Schauspieler spielt sie mit. Aber die Welt ist immer noch eine Illusion und ähnlich wie Tsai Ming-liang oder Apichatpong Weerasethakul ist es die Schönheit des Anderen, des Fremden, des vielleicht Nicht-Existierenden, die sich in der Dauer der Momente entblößt. Die Traurigkeit eines Rhythmus zwischen nächtlichen Autofahrten und einer Fontäne vor dem Triumphbogen, die Eifersucht als einziger Kanal der Unzufriedenheit. „The World“ berührt jederzeit in einer Art, die man nicht kennt: Unknown Pleasures.

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