»Wozu ins Kino gehen, wenn sich die sel­ben Fil­me auch zu Hau­se strea­men las­sen?« Bei After­sun han­del­te es sich um einen Film, der, aus­ge­zeich­net von eini­gen Fes­ti­vals, in eher schlecht besuch­te Pro­gramm­ki­nos wan­der­te, wo er erst all­mäh­lich zu sei­nem Publi­kum fand. Nun ist er auf MUBI zu sehen und die Fra­ge, für wen die­ser Film ist oder sein könn­te, stellt sich nicht mehr wirk­lich. Denn dort geht er auf, kein ande­rer Film ent­spricht womög­lich bes­ser dem, was sich MUBI unter Film – nicht Kino – vor­stellt. Man sucht nach dem ganz beson­de­ren, ein­ma­li­gen – aber stän­dig wie­der­hol­ba­ren – Erleb­nis, des­sen Aus­gang schon zu Beginn klar ist. Mit der glän­zen­den, selbst­ver­lieb­ten Ober­flä­che lässt sich zwar in einen Spie­gel schau­en, aber kei­ne Erfah­rung mit etwas Ande­rem machen.

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Leicht dahin­ge­re­det heißt es gele­gent­lich, ein Film wäre »relata­ble«. Doch was soll damit gesagt sein? Der Angli­zis­mus gibt sich ver­meint­lich unver­bind­lich. Es lässt sich dabei ver­mu­ten, man kön­ne etwas nach­voll­zie­hen oder sich mit dem Gese­he­nen iden­ti­fi­zie­ren. Wahr­schein­lich bedeu­tet es aber viel eher, man will etwas auf sich bezie­hen, womit in aller Regel nicht die gan­ze Erfah­rung gemeint ist, denn genau dar­an wür­de es schei­tern, son­dern ein eklek­ti­scher Teil, der sich eini­ger­ma­ßen schmerz­frei ins eige­ne Gesamt­bild fügt. Es wird ein Bild aus­ge­sucht, das schön aus­sieht, kei­ne Angst macht, – eigent­lich ist es leer – und sich mit den eige­nen Gefüh­len anfül­len lässt. Zu einem Film zu »rela­ten« klingt mutig, zeigt aber nur eine Feig­heit an, zwei wider­sprüch­li­che Bil­der neben­ein­an­der ste­hen zu las­sen. Das eige­ne und das des Films. Statt­des­sen wird jedes Detail auf­ge­la­den, mit dem krampf­haf­ten Ver­such, etwas ver­ste­hen zu wol­len, was sich letzt­lich nicht ver­ste­hen lässt.

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After­sun beglei­tet zwei Men­schen, den jun­gen Vater Calum mit sei­ner Toch­ter Sophie, die an einem para­die­si­schen Ort wie Gestran­de­te lan­den. Sie pas­sen nicht hin­ein und fra­gen sich unaus­ge­spro­chen, wo und war­um sie sich über­haupt hier befin­den. Der Film zeigt über eini­ge Tage die ver­ge­hen­de Zeit und Lan­ge­wei­le in einem tür­ki­schen Feri­en­res­sort. Gera­de so scheint das Geld zu rei­chen. Vater und Mut­ter leben getrennt, die geteil­te Zeit zwi­schen Toch­ter und Vater steht also unter einem gewis­sen Druck. Bei­de Men­schen ste­hen an einer Schwel­le in ihrem Leben. Die Toch­ter, nicht mehr ganz Kind, trotz­dem noch nicht ado­les­zent. Der Vater, nicht ganz erwach­sen, immer noch unzu­gäng­lich jun­gen­haft. Bei­de fin­den in der sorg­lo­sen Welt des Urlaubs­pa­ra­die­ses kei­nen rich­ti­gen Platz. Aber statt anzu­ecken, auf­zu­be­geh­ren, die Mas­ke her­un­ter­zu­rei­ßen, geht die gemein­sa­me Zeit dahin. Zwar ver­sucht jeder für sich allein in zwi­schen­mensch­li­chen Begeg­nun­gen davon zu schwim­men, doch am Ende wer­den sie wie­der auf­ein­an­der zurückgeworfen.

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Das ers­te Bild in After­sun lässt zunächst nicht viel erken­nen, es mutet rät­sel­haft an. Wacke­li­ge Cam­cor­der-Auf­nah­me, schlie­rig und mosa­ik­haft. Die Stim­men der bei­den Prot­ago­nis­ten sind zu hören. Dann ist Calum vor dem Bal­kon­fens­ter im Hotel­zim­mer zu sehen. Im Gespräch dreht es sich um den bevor­ste­hen­den Geburts­tag des Vaters. Das Bild stoppt und gibt sich als Bild­schirm zu erken­nen, in dem sich eine Per­son spie­gelt. Durch Vor­spu­len wer­den ande­re Auf­nah­men des Urlaubs sicht­bar, dazwi­schen fla­ckern dunk­le Bil­der einer Tanz­flä­che auf. Getrennt und ver­bun­den durch zwei Groß­auf­nah­men ist Sophie erst als erwach­se­ne Frau zu sehen und schließ­lich wie­der als zwölf­jäh­ri­ge Toch­ter in einem Rei­se­bus. Schon mit dem Beginn des Films wird hier der Ver­such unter­nom­men, Schich­ten – Mate­ri­al­schich­ten – inein­an­der zu verwickeln.

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Film­bil­dern lebt eine beson­de­re Stren­ge inne. Mit ihnen wird nicht nur eine Erzäh­lung – der ein­ma­li­ge Licht­ein­druck – trans­por­tiert, son­dern auch Tra­di­ti­on. Form­prin­zi­pi­en, die sich auf das hand­werk­li­che Kön­nen bezie­hen. Es mag befrei­end sein, die Regeln hin­ter sich zu las­sen und zu ver­ges­sen, um eine eige­ne Spra­che zu kre­ieren. Das könn­te hei­ßen, es ist viel­leicht gar nicht not­wen­dig, die Regeln zu ken­nen, um erzäh­len zu kön­nen. Man muss sich eigent­lich nur ein­ver­stan­den zei­gen, sich ein­las­sen. Ein­ver­stan­den mit dem, was erzählt wird. Trotz­dem ent­schei­det schon die Wahl der Mit­tel und Mate­ria­li­en die Fra­ge, was gezeigt wer­den kann und was nicht. Oft wird in Hin­blick dar­auf Mate­ri­al und Mate­ria­li­tät ver­wech­selt. Wie etwas aus­sieht, lässt sich zwang­lo­ser beschrei­ben, als das, was zu sehen ist. Ent­schei­dend ist jedoch, dass für einen Film bei­des bedeut­sam ist.

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Im Lau­fe des Films ent­steht eine Span­nung zwi­schen den unter­schied­li­chen Mate­ri­al­schich­ten. Die Video­bil­der ent­spre­chen Erin­ne­run­gen an die zurück­lie­gen­de Zeit der Bezie­hung zwi­schen Vater und Toch­ter. Die zwölf­jäh­ri­ge Toch­ter ist als Beob­ach­te­rin der Bil­der erwach­sen gewor­den. Womög­lich steht sie auf der­sel­ben Schwel­le in ihrem Leben, an der sich ihr Vater im Urlaub einst befand. Ver­rät­selt drängt sich die Fra­ge in den Vor­der­grund, was in der Zwi­schen­zeit gesche­hen ist. Es blitzt eine Begeg­nung zwi­schen dem erwach­se­nen Vater und der erwach­se­nen Toch­ter auf einer Tanz­flä­che auf, gehüllt in Stro­bo­skop und Schwarz. Die Toch­ter begibt sich mit den Auf­nah­men der Video­ka­me­ra durch die Welt der Erin­ne­run­gen, hin an einen unmög­li­chen Ort, an dem ein unmög­li­ches Wie­der­se­hen statt­fin­det. Der schwe­ben­de Zustand des von Son­nen­brand gezeich­ne­tem Gleich­laufs ver­dich­te­et sich zu einem eksta­ti­schen Moment. Alles soll sich auf­klä­ren, rein wer­den. Von der mono­to­nen Dun­kel­heit ins grel­le Licht, dort wo jedoch kei­ne Son­ne mehr scheint. Irgend­was muss her­vor­ge­bracht wer­den, zu dem das ein­zel­ne Film­bild offen­bar nicht im Stan­de ist.

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After­sun ist ein nahe­zu unbe­weg­ter Film. Zwar gibt es eine dif­fu­se Anzie­hungs­kraft und etwas Absto­ßen­des an ihm, doch der Film ent­zieht sich und will sich vor­erst nicht ver­ständ­lich machen. Also etwas, dem man nur die schö­nen und schlech­ten Sei­ten auf­zei­gen muss, damit man eine Kri­tik schrei­ben kann. Vie­les ver­liert sich in Andeu­tun­gen. Zeit­wei­se ver­schwin­det Calum. Er geht nachts ins Meer oder balan­ciert auf der Brüs­tung des Hotel­bal­kons. Immer wie­der fin­det sich Sophie mit ihrem Vater so in merk­wür­di­gen Situa­tio­nen wie­der. Doch der Grund oder Anlass sei­nes Ver­hal­tens bleibt unbe­nannt. Eigent­lich lässt sich mit dem Film nicht abrech­nen. Zum Glück, will man sagen bis zuletzt, denn man glaub­te, dass es der Film genau dar­auf absieht. Doch der Film ver­spielt das gewon­ne­ne Ver­trau­en in die Unsprach­lich­keit des Kon­flikts zwi­schen Vater und Toch­ter. Was unklar blieb, muss nun benannt wer­den. In einer erre­gen­den Mon­ta­ge schwingt sich der Film mit dem Ende zur Lösung sei­nes zum Anfang gestell­ten Rät­sels auf, gleich­zei­tig wird damit jeder selbst­ge­setz­te Sinn mit einer tri­um­pha­len Ges­te im Gefühls­bad ertränkt.

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Von der Regis­seu­rin heißt es, für die letz­te Sze­ne habe sie sich von Chan­tal Aker­mans Film ‌La Chambre inspi­rie­ren, ja viel­leicht sogar lei­ten las­sen. Was man sieht, ist jedoch kei­ne Refe­renz, kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung, son­dern allen­falls schlech­te Mimi­kry. Es wird das Video einer Ver­ab­schie­dung am Flug­ha­fen gezeigt. Erneut sind die Stim­men der jun­gen Toch­ter und des Vaters, der die Kame­ra hält, zu hören. Das Video stoppt. Eine Ver­zö­ge­rung schleicht sich in den Lauf des Films. Dann gerät die Kame­ra in Bewe­gung, die bis­lang den Bild­schirm film­te. Aus der Bewe­gung wird nun ein Schwenk. Mit einer vol­len Umdre­hung wird der gan­ze Raum, der bis­lang im Ver­bor­ge­nen blieb, durch­mes­sen. Der objek­ti­ve und anony­me Blick ähnelt dabei mehr dem Licht eines Leucht­turms, als dem blin­den Tas­ten in einem licht­lee­ren Raum. Für einen Augen­blick ist Sophie als erwach­se­ne Frau zu sehen. Sie blickt durch die Kame­ra hin­durch, als wür­de sie etwas Dahin­ter­lie­gen­des erken­nen. Lei­se ist ein krei­schen­des Klein­kind zu hören. Die Kame­ra schwenkt wei­ter bis das Bild ganz von einer wei­ßen Wand erfüllt ist. Unbe­merkt fin­det eine Über­blen­dung statt. Der Schwenk der Kame­ra endet in einem grell aus­ge­leuch­te­tem Flug­ha­fen-Gate. Calum steht erst nah zur Kame­ra und ent­fernt sich mit dem Cam­cor­der in der Hand, bis er schließ­lich den Nicht-Ort durch eine Tür ver­lässt, die zur bereits genann­ten Tanz­flä­che führt.

Bei Aker­mans dre­hen­der Kame­ra fühlt man sich an eine Auf­zäh­lung erin­nert: Alles, was sich im Raum um sie her­um befin­det, gilt es wahr­zu­neh­men. Die Wie­der­ho­lung legt eine zwei­te Schicht über den Raum. Es ste­hen nicht mehr nur die Din­ge und ihre Anord­nung im Vor­der­grund, son­dern auch wie das Bild sie ein­fängt. Char­lot­te Wells Film bedient sich zwar der Bewe­gung, doch vom Motiv will er nicht viel wis­sen. Statt mit der Bewe­gung den Still­stand auf­zu­lö­sen, drängt er nur wie beses­sen auf den erlö­sen­den Moment hin, end­lich eine Lösung für die zer­streu­ten Fäden des Films zu fin­den. Krampf­haft wird Sinn her­ge­stellt, wo eigent­lich kei­ner herrscht. Der Film fällt hin­ter sich selbst zurück und öff­net sich gefäl­li­ger Spe­ku­la­ti­on über die Aus­las­sun­gen, um das Ver­lo­re­ne ein­zu­ho­len. Doch dabei soll bloß nichts gedacht wer­den, das über die Gren­zen des Films hin­aus­geht. Die Aus­fül­lung der Leer­stel­le muss sich im Rah­men des­sen bewe­gen, was das Ende des Films vor­gibt. Viel­leicht hät­te man das Kino mit gutem Gewis­sen vor­her ver­las­sen kön­nen. Zurück bleibt statt­des­sen Ernüchterung.

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Obwohl man es After­sun nicht zwangs­läu­fig ansieht, han­delt es sich um ein auto­bio­gra­fi­sches, oder eher auto­fik­tio­na­les Werk. Was ver­än­dert das am Umstand die­ser Auf­lö­sung? Macht es den Film gegen Kri­tik immun oder trägt es gar zum Ver­ständ­nis bei? Womög­lich weder das eine, noch das ande­re. Bezeich­nend ist, dass sich eine eigen­sin­ni­ge Erzähl­per­spek­ti­ve und ein Hang zu tri­via­ler Ein­deu­tig­keit, in dem am Ende alles das­sel­be bedeu­tet, nicht aus­neh­men. Im Hin­blick dar­auf lässt sich in After­sun vor allem etwas über das gegen­wär­ti­ge Ver­hält­nis von Kino und Strea­ming erfah­ren. Strea­ming will die Fil­me ohne das Kino. Erle­ben bleibt in vor­ge­fer­tig­ten Bah­nen ver­haf­tet und die Film­be­schrei­bun­gen hal­ten, was sie ver­spre­chen. Kein zu viel, kein zu wenig. Wäre alles ande­re ver­spiel­tes Vertrauen?

Die Suche nach ver­läss­li­cher Ein­deu­tig­keit gibt den Takt an. Doch lie­ße sich nicht auch ein Ort vor­stel­len, der sich nicht den täg­li­chen Iden­ti­täts- und Exis­tenz­fra­gen aus­setzt, des­sen ein­zi­ges Ziel die sel­bi­ge Auf­lö­sung anstrebt, sei es für einen Moment, wie am Pool eines zweit­klas­si­gen Hotels? Dort, wo sich eine Andeu­tung nicht den Zwän­gen eines zu Ende gedach­ten Ziels unter­wirft. Man könn­te etwas aus dem Blick ver­lie­ren, ohne die Sor­ge es nicht mehr wie­der­zu­fin­den. Liegt man zu lang, trägt man den Schmerz und die Pein­lich­keit einer ver­brann­ten Haut davon. Das Heim­weh und der Gedan­ke an den Flug zurück, wol­len davor schüt­zen. Kino kann einer die­ser Orte sein, auch dann, wenn man bleibt, obwohl man eigent­lich hät­te gehen sollen.

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Seit 17. März kann After­sun nun über MUBI gestreamt wer­den. Mitt­ler­wei­le erlaubt die Platt­form kei­ne Screen­shots mehr und hin­ter­lässt am Ende nur noch schwar­ze Kader.