Vor ein paar Wochen, bat ich mei­ne Eltern mir ein paar der Video­kas­set­ten zu schi­cken, von denen ich wuss­te, dass sie schon seit vie­len Jah­ren unge­se­hen und ver­staubt in irgend­ei­nem Kar­ton dar­auf war­te­ten, gänz­lich ver­ges­sen zu wer­den. Mei­ne Eltern waren etwas über­rum­pelt davon und frag­ten skep­tisch, was ich damit vor­ha­be. Weni­ge Tage spä­ter bekam ich ein klei­nes Paket zuge­sandt, in dem sich zwei Video-8-Kas­set­ten befanden.

I.

Video hat­te mich als Kind und Jugend­li­cher schon immer ange­zo­gen. Ich bin mir aller­dings nie wirk­lich klar gewor­den, war­um über­haupt. Zwar könn­te ich behaup­ten, dass die Tech­nik wie ein Spiel­zeug für mich war, wie ich damals wohl selbst glaub­te, jedoch war ich nie wirk­lich vir­tu­os. Die Welt durch die Kame­ra zu beob­ach­ten war womög­lich auf­re­gen­der. Men­schen ver­hiel­ten sich plötz­lich anders, wenn sie bemerk­ten, dass sie gefilmt wur­den. Jener Ein­druck ist schwer zu fas­sen, für einen Moment schien das Gese­he­ne erst wirk­lich prä­sent zu wer­den – das Bild ver­wi­ckel­te sich ins Gesche­hen. Selt­sa­mer­wei­se hat die­se Fas­zi­na­ti­on im zuneh­men­den Alter nach­ge­las­sen. So etwas wie eine Scham vor den Bil­dern beschlich mich. Vor allem Bil­der, die nichts mehr mit mir und wie ich mich selbst sah zu tun hat­ten. Aber von einer eben­so unkla­ren Anzie­hungs­kraft war seit ein paar Mona­ten wie­der mein Inter­es­se dar­an geweckt. Doch ging die­se nicht mehr wie frü­her von einer gewis­sen Nai­vi­tät mit der Tech­nik aus. Es war die Fra­ge, was sich in die­sen Vide­os fin­den lässt und war­um die­se ent­ste­hen. Nebu­lös hin­gen mir die Umris­se der Bil­der noch im Gedächt­nis, doch ein ein­deu­ti­ges Motiv ließ sich nicht festmachen.

Da lagen sie schließ­lich vor mir. Zwei Kas­set­ten, bei­de weit über 20 Jah­re alt, mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit hat­te in die­ser Zeit auch nie­mand ihren Inhalt gese­hen. Sie waren mit eini­gen sorg­fäl­tig geschrie­be­nen Wort­fet­zen ver­se­hen. Mir fiel es immer schwer, die Schrift mei­ner Eltern zu ent­zif­fern. Sie war weder schnör­ke­lig noch unge­nau, aber sie war mit einer Stren­ge und nüch­ter­nen Makel­lo­sig­keit ver­se­hen, die mir fremd schien. Mei­ner Mut­ter hat­te mir noch bevor sie das Paket ver­schick­te, berich­tet, dass es sich dabei wohl um Auf­nah­men aus der Kind­heit mei­ner Schwes­ter und mir han­del­te. Ich wuss­te dabei nicht recht, was sie damit mein­te und ver­such­te mich zu erin­nern, wel­che Rol­le Video in unse­re Fami­lie spiel­te. Ein wich­ti­ges, für mich immer geheim­nis­vol­les Gepäck­stück, gemein­sa­mer Fami­li­en­ur­lau­be mit den Geschwis­tern mei­ner Mut­ter, waren Taschen, in denen Foto­ap­pa­ra­te und Video­ka­me­ras trans­por­tiert wur­den. Irgend­wann ver­schwan­den sie. Erleb­nis­se wur­den fest­ge­hal­ten, doch wie mein Bezug zu ihnen, ver­lo­ren sie all­mäh­lich den Wert gese­hen zu wer­den. Ein­zig Geschich­ten und immer rei­cher an Aus­schmü­ckun­gen wer­den­de Anek­do­ten blie­ben, aber die Vide­os selbst als Beweis­stü­cke ver­staub­ten in den Wohn­zim­mer­gar­ni­tu­ren nebst den ande­ren unbe­nutz­ten Geräten.

Mit ein wenig Recher­che konn­te ich her­aus­fin­den, wie man die Vide­os über einen Com­pu­ter digi­ta­li­sie­ren kann. Auf You­Tube und in eini­gen Foren stieß ich schnell auf eine klei­ne ein­ge­schweiß­te Gemein­de. Meist Men­schen zwi­schen 30 und 40, die bereits eine Fami­lie gegrün­det hat­ten. Sie waren dabei nur sel­ten von einer erkenn­ba­ren Neu­gier­de getrie­ben, eher könn­te man mei­nen, dass vie­le von einer gewis­sen Sehn­sucht heim­ge­sucht wur­den. Sie schie­nen zu wis­sen, was sie taten. Die Bil­der hiel­ten für sie kei­ne Über­ra­schun­gen bereit. Das, was sie sahen, glich einem end­lo­sen Sta­pel von Erin­ne­run­gen, den es in sto­isch-beamti­scher Pedan­te­rie zu bear­bei­ten galt. So fand auch ich mich wie­der, wie ich Kabel in Buch­sen stöp­sel­te, ver­zwei­felt stun­den­lang nach geeig­ne­ter Soft­ware such­te und dabei ganz ver­ges­sen hat­te, war­um ich das über­haupt tat. Erst als ich merk­te, dass ich nicht zu einem Ergeb­nis kam, begriff ich, wie beses­sen ich in der Tech­nik ver­sank. Frus­triert und auch ein wenig über­rascht von mir selbst, ließ ich die Din­ge ruhen, setz­te einen Kaf­fee auf, rauch­te und ging nach draußen.

Spä­ter am Tag: ein kur­zes Tele­fo­nat mit mei­nem Onkel. Die Wor­te herz­lich aber knapp, lan­ge Zeit hat­te wir kei­nen Kon­takt. Auf ein­mal sehe ich end­lich ein ers­tes Bild des Video­ma­te­ri­als, dank sei­ner Hil­fe. Für einen Moment ver­stum­me ich – bin aus dem Gespräch und mei­nen Gedan­ken geris­sen. Ich bedan­ke mich etwas ver­le­gen, ver­spre­che ein bal­di­ges Wie­der­se­hen und lege auf. Lei­se sur­ren die Gerä­te mono­ton vor sich hin. So ver­ge­hen 4 Stun­den, in denen bei­de Kas­set­ten nach­ein­an­der über­spielt werden.

II.

Ein ers­tes Bild: Am unte­ren rech­ten Bild­rand über­deckt ein Datum das Motiv. Ein Kind – mei­ne Schwes­ter – sitzt in der Küche auf einem Stuhl. Es ist gespens­tisch still. Im Hin­ter­grund ist ein Radio kaum wahr­nehm­bar zu hören, das den Raum mit weih­nacht­li­cher Musik bespielt. Eine Frau­en­stim­me flüs­tert lei­se. Es muss mei­ne Mut­ter sein, doch ihre Stimm­far­be ist mir selt­sam unbe­kannt. Die Har­mo­nie der Sze­ne ver­brei­tet einen gera­de­zu ele­gi­schen Dunst, aus­ge­löst von der unbe­küm­mer­ter Sim­pli­zi­tät, sogleich wirkt sie beklem­mend. Es gibt nur zwei Prot­ago­nis­ten im Raum – das Kind und die Kame­ra. Die Sze­ne, nur ein vor­über­ge­hen­der Moment, deren Ver­lauf nicht vor­her­seh­bar scheint. Sie steht wie ein gehäu­se­lo­ses Diora­ma für sich, sie kennt weder Anfang noch Ende. Ganz unver­mit­telt: ein Schnitt – mei­ne Schwes­ter sprach eines ihre ers­ten Wor­te. Sofort ver­sucht mein Vater aus ihr die Wor­te, zur Bewah­rung eines Bewei­ses, noch­mals her­vor zu brin­gen. Es ist merk­wür­dig: nie wird ein Kind in die­sem Moment ver­ste­hen, was hier gera­de pas­siert und doch ist man jenem dabei nicht fern. Die sprung­haf­te Auf­merk­sam­keit des Kin­des gleicht der Kame­ra, die ihr gegen­über ist. Alles ist ver­lo­ckend, jede Erfah­rung neu, nichts ver­stellt den Blick. Eine Ker­ze auf dem Tisch weckt die Auf­merk­sam­keit des Kin­des. In den Augen leuch­tet Fas­zi­na­ti­on, die augen­blick­lich in der Erfah­rung des bren­nen­den Schmer­zes durch die Hit­ze auf der Hand­flä­che erlischt. Regungs­los blickt die Kame­ra dar­auf. Eigen­tüm­lich ver­kör­pert sich die glei­che Fas­zi­na­ti­on des Kin­des im Bild der Kame­ra. Mei­ne Mut­ter nimmt die Hand mei­ner Schwes­ter, ver­sorgt spie­le­risch den Schmerz. Spä­ter wird sie zustim­mend flüs­tern als mei­ne Schwes­ter suchend direkt in die Kame­ra blickt: „Papa mach’ aus, wir wol­len nicht gefilmt werden!“.

Eini­ge Minu­ten spä­ter auf dem Band: Mei­ne Schwes­ter steht im Wohn­zim­mer, ihr Gesicht dicht vor der Kame­ra, sie deu­tet auf die Lin­se und bemerkt einen piep­sen­den Ton. Im Hin­ter­grund sind die Töne einer lau­fen­den Fern­seh­sen­dung zu hören, der Tisch ist gedeckt. Mei­ne Schwes­ter ver­schwin­det kur­zer­hand aus dem Bild. Mei­ne Mut­ter lehnt sich ent­spannt am Boden sit­zend über die Sei­te des Ses­sels, wäh­rend sie auf den Fern­se­her blickt. Für einen klei­nen Moment beob­ach­tet die Kame­ra sie unbe­merkt. Dann wen­det sie den Kopf über die Schul­ter und lächelt ver­schmitzt. Der Blick durch­dringt die Kame­ra, er scheint etwas erkannt zu haben, das sich unse­rer Auf­merk­sam­keit ent­zieht. Flucht­ar­tig wen­det sie ihren Kopf leicht beschämt zurück, als wäre ein Geheim­nis ent­deckt worden.

Das zwei­te Band, dies­mal auf einem Cam­ping­platz im Mai, gemein­sa­mer Fami­li­en­ur­laub. Die Fami­lie sitzt zusam­men wäh­rend eines lau­en Abends auf Klapp­stüh­len rings um Tische. Die Kin­der spie­len, Erwach­se­ne tau­schen Geschich­ten aus, pla­nen den nächs­ten Tag. Schnitt. Die Kame­ra befin­det sich gegen­über mei­ner Mut­ter, sie wirkt müde. Zoom. Mei­ner Mut­ter schaut wie­der ver­le­gen in die Kame­ra, sie lächelt. Für einen kur­zen Moment herrscht Stil­le, bis das Gespräch um sie her­um fort­ge­setzt wird. Ihr Augen ver­lie­ren die Kame­ra. Die Kame­ra schwenkt zu ihrer lesen­den Sitz­nach­ba­rin. Schnitt. Mein älte­rer Cou­sin hält mich in den Armen. Wir bei­de schau­en gemein­sam in die Kame­ra. Mein Vater kom­men­tiert dies kichernd mit einem Phra­se, die ich so nur von ihm ken­ne. Er filmt uns.

Wie­der eini­ge Minu­ten spä­ter auf dem zwei­ten Band, es ist ein Sil­ves­ter­abend. Im Wohn­zim­mer sitzt ein befreun­de­tes Paar mei­ner Eltern auf dem Sofa, mei­ne Mut­ter zwi­schen ihnen. Die Kame­ra befin­det sich vom Gesche­hen unbe­tei­ligt mit­ten im Raum. Aber­mals zoomt die Kame­ra auf das Gesicht mei­ner Mut­ter. Sie wirkt irri­tiert, ver­sucht den Augen­blick zu über­spie­len, ver­ge­wis­sert sich, was geschieht. Wie­der nur ein Aus­schnitt, des­sen Ein­bet­tung nicht nach­voll­zieh­bar scheint. Die offen­ba­re Will­kür des fil­mi­schen Ein­griffs über­schat­tet die Zeit davor und danach. Anders als bei einer Foto­gra­fie, die sich zwar als Abge­schlos­sen prä­sen­tiert, aber erst in sich die Her­vor­brin­gung eines Moment birgt, der stets unab­ge­schlos­sen ist, bleibt das Video selt­sam pas­siv. Sei­ne mut­maß­li­che Rea­li­tät steht nicht in Fra­ge, denn sie legi­ti­miert sich durch die Bewe­gung. Es ragen jedoch aus die­sem ste­ten Fluss der Evi­denz Irri­ta­tio­nen her­aus. Bil­der und Töne, die klan­des­tin, den Lauf der Din­ge still stel­len. Sie erstre­cken sich über den Hori­zont des Visuellen.

III.

Die beschrie­be­nen Bil­der mögen banal sein, denn sie sind all­ge­mein bekannt. Wenn nicht in der eige­nen Fami­lie, dann sind sie durch das Fern­se­hen und die Unter­hal­tungs­in­dus­trie seit den 1980er Jah­ren per­p­etu­iert wor­den. Das Bewegt­bild scheint sich dabei in eine rei­ne Gebrauchs­form als Doku­ment des All­täg­li­chen zu ver­wan­deln. Film­ana­ly­tisch wäre zwar auch die­sen Bil­dern bei­zu­kom­men, doch bleibt dabei etwas unscharf. Die Nai­vi­tät lässt sich nicht beschrei­ben, sie liegt viel mehr zwi­schen den Bil­dern. So sind die Auf­nah­men einer­seits von einer aukt­oria­len Inten­ti­on geprägt, ande­rer­seits ver­lie­ren sie ihre Auf­merk­sam­keit für das fil­mi­sche Motiv, sobald sie selbst Teil der Sze­ne wer­den. Wie Sand, der durch Hän­de rinnt, muten die­sen Bil­der an, ohne Anfang und Ende. Die Bil­der sind nicht mon­tiert, fol­gen kei­ner Hand­lung, aber kei­nes ist über­flüs­sig oder red­un­dant. Refle­xio­nen über das home movie sind nicht neu, sie sind ver­mut­lich eben­so alt, wie das das Medi­um selbst. Gleich­wohl wei­sen sie stets eine gewis­se Aktua­li­tät auf: so wie Anfang und Ende, ist dem Video Ver­gan­gen­heit und Zukunft vor­geb­lich unbe­kannt. Man könn­te mei­nen, das Video sei in gewis­ser Hin­sicht Aus­druck des Gegen­wär­ti­gen, nichts Uto­pi­sches oder Unbe­re­chen­ba­res lie­ße sich dar­in ent­de­cken, indem es sich der Zeit unwi­der­spro­chen – kon­for­mis­tisch – andiene.

Video zeich­net sich in beson­de­rem Maße als Zen­tri­fu­ge des Fami­liä­ren aus. So bil­det das Fern­seh­ge­rät ein Epi­zen­trum des mit­tel­stän­di­schen Wohn­zim­mers, um wel­ches sich her­um die Sitz­ord­nung auf­löst. Unver­rück­bar steht es im Raum wie eine Tro­phäe des beschei­de­nen Wohl­stands. Welt­um­span­nen­de Ereig­nis­se kon­zen­triert auf sei­ne Flä­che. Wo im Kino Abkap­se­lung herrscht, erfor­dert das Fern­se­hen Teil­ha­be. Das mas­sen­fä­hig gewor­de­ne Video steht dahin­ge­hend für die Kehr­sei­te. Inti­me Erleb­nis­se, fest­ge­hal­ten auf Video, bil­den nur eine Ober­flä­che von einer Not­wen­dig­keit, die die­ser Bil­der her­vor­bringt – sie erzwingt. Sie sind dabei untrenn­bar mit ihrer Geschich­te ver­bun­den. Trotz ihrer unbe­deu­ten­den, all­täg­li­chen Bana­li­tät kön­nen sie nicht vor der archi­va­ri­schen Ein­ord­nung flie­hen. Mit gestem­pel­tem Datum untrenn­bar ver­se­hen, ist es als wür­den sich die Bil­der aus der Zeit­ge­schich­te spei­sen, sie gera­de­zu sub­li­mie­ren, Zeu­gen­schaft ablegen.

Ein Bild der eige­nen Fami­lie zu sehen, wirkt über­ra­schen­der­wei­se ungleich befrem­dend. Die Erin­ne­rung, auf­ge­la­den von eige­nen Roman­ti­sie­run­gen und Wün­schen, trifft auf ein nicht zu leug­nen­des Bild ver­gan­ge­ner Wirk­lich­keit. Kei­nes­falls sind die abge­bil­de­ten Men­schen nicht zu iden­ti­fi­zie­ren, im Gegen­teil: es ver­wun­dert wie nah sie der eige­nen Vor­stel­lung kom­men. Viel eher ist es die­se unmerk­li­che Dis­rup­ti­on, durch die nar­ziss­ti­sche Nai­vi­tät der Kame­ra, wel­che die eige­ne Wahr­neh­mung infra­ge stellt. Etwas über die Ver­gan­gen­heit zu erfah­ren, die in die­sen Bil­dern begra­ben liegt, ist somit ver­geb­lich, denn sie sind nur ein trü­ge­ri­sches Doku­ment, obgleich ihrer anmu­ten­den Glaub­wür­dig­keit. Es ist, als die­ne jedes Bild nur dazu, die neue Fik­ti­on einer Fami­lie zu bil­den. Das Video gibt sich in die­ser tau­to­lo­gi­schen Form selbst recht: „Ich fil­me, also bin ich.“ An die­ser Feti­schi­sie­rung des Bli­ckes, der sich unbe­tei­ligt wähnt, aber den­noch par­ti­zi­piert, wird bei genaue­rer Betrach­tung deut­lich, dass sich das Video nicht recht gibt, son­dern sich selbst überführt.

Denkt man an Video, dann spielt das Sub­jekt direkt dahin­ter sel­ten eine Rol­le. Wohl eher reizt uns das Gese­he­ne. Fah­le Far­ben, unschar­fe Gesich­ter, pixel­haf­te Struk­tu­ren, hel­le Schlie­ren, schlech­te Aus­leuch­tung, ver­zerr­ter Ton – all dies könn­ten eben­so Asso­zia­tio­nen sein. Nichts davon lässt uns dem Inhalt der Bil­der näher kom­men. Statt­des­sen gibt einen spür­ba­ren Hang in der Pop­kul­tur die­ses Objekt­haf­te im Begriff einer ‚Ästhe­tik‘ zu ver­din­gen. Ästhe­tik wird dabei zu einer Schrumpf­form im Gewand blo­ßer Äußer­lich­keit – eines soge­nann­ten „Looks“ gemacht. Wohl­wol­lend möch­te man mei­nen, so lie­ße sich Distanz zum gefühls­schwan­ge­ren Ein­heits­brei der satu­rier­ten, gesto­chen schar­fen Ado­be-Kul­tur­in­dus­trie dank Arri-Optik und Voll­for­mat-Sen­sor schaf­fen. Doch anstatt Bre­chung wird ein nar­ziss­ti­sches Sub­jekt unter Zwang im Diens­te objek­tiv-authen­ti­scher Tota­li­tät gefü­gig gemacht. In die­ser Wei­se lie­ße sich tat­säch­lich von Ästhe­tik spre­chen, einer pro­prie­tä­ren Auto-Ästhe­tik, deren eigen­sin­ni­ger Blick zum Gegen­stand gemacht wird.

Video, und dafür steht das soge­nann­te „home movie“ gera­de­zu para­dig­ma­tisch, müss­te in ers­ter Linie hin­sicht­lich sei­ner spe­zi­fi­schen Teil­ha­be begrif­fen wer­den. Es als einen neu­tra­len Gegen­stand zu betrach­ten, macht es dage­gen ledig­lich zum para­do­xen Gebrauch der eige­nen Selbst­ver­ge­wis­se­rung, Teil einer Geschich­te zu sein, deren His­to­ri­zi­tät längst ver­ding­licht ist. Eine ver­bis­se­ne Suche nach reprä­sen­ta­ti­ver ‚Wahr­heit‘ der eige­nen Ver­gan­gen­heit im Mate­ri­al wird davon beglei­tet. Die pro­prie­tä­re Auto-Ästhe­tik besitzt indes­sen dar­in ein janus­köp­fi­ge, dop­pel­te Gestalt. Im Moment der Irri­ta­ti­on und Ver­stö­rung ent­rinnt das Video eigen­sin­nig der Gewalt des Gegen­wär­ti­gen, indem es unbe­wusst eine Zukunft adres­siert. Es ist nicht ein­fach so, dass die Toten begin­nen auf ein­mal zu uns zu spre­chen, viel mehr wird unter dem Man­tel der kon­kre­ten Gleich­för­mig­keit ein Abs­trak­tum ent­hüllt, das sich nur sinn­lich erfah­ren lässt. Der Blick wen­det sich auf ein­mal gegen das Mate­ri­al. Wenn ich die Auf­nah­men anschaue, die mei­ne Eltern von mei­ner Schwes­ter und mir ange­fer­tigt haben, dann spielt das Abge­bil­de­te kei­ne Rol­le mehr. Es ist aller­dings so, als wür­de ich einen nai­ven kind­li­chen Blick erfah­ren, mit dem man immer wie­der neu sehen kann. Ich kom­me somit der Ant­wort auf die Fra­ge einen Schritt näher, wie es ist, die Gegen­wart durch das Oku­lar oder Dis­play einer Kame­ra zu begrei­fen. Dass auch nicht jedes Detail die­ses Tex­tes der Rea­li­tät des tat­säch­li­chen Mate­ri­als ent­spricht, gibt zu ver­ste­hen, wie sich die­se Erfah­rung rät­sel­haft ver­schlei­ert darstellt.