Ein ewiger Schatz: Die toten Fische von Michael Synek

Die gleich­na­mi­ge Ver­fil­mung einer Kurz­ge­schich­te des Fran­zo­sen Boris Vian (1920−1959), Musi­ker, Poet und Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph. Ener­ge­ti­scher Frei­beu­ter, lite­ra­ri­scher Kraft­bol­zen, der in sei­ner kur­zen Schaf­fens­pe­ri­ode den Men­schen ver­zwei­felt und lie­be­voll mit der Axt zu befrei­en such­te, inmit­ten der ihn umge­ben­den Natur und deren Sym­bo­lis­mus. Und kei­ne Lite­ra­tur­ver­fil­mung: Die toten Fische von Micha­el Synek.

Synek hat die Geschich­te um die selbst­ver­schul­de­te und vor allem selbst­ge­dul­de­te Abhän­gig­keit von Obrig­kei­ten auf ihr per­so­na­les Gerüst redu­ziert: wir sehen die Haupt­fi­gur, den Assis­ten­ten, der im damp­fen­den Sumpf die vom Chef gewünsch­ten Brief­mar­ken her­ausangelt. Wir sehen hier das Pfef­fer­mäd­chen und dieses mensch­li­che Etwas wird von einem klei­nen Kind gege­ben, das sprich­wört­lich Wun­den leckt und dann mit den Fin­gern bedeckt. 

Die toten Fische

Die täg­li­che Qual des Angelns im Sumpf wird durch den beschwer­li­chen Weg fort­ge­setzt, den der Assis­tent zurück­le­gen muss, um die begehr­ten klei­nen Märk­chen sei­nem Chef zu über­ge­ben um sein täg­li­ches Gehalt aus­ge­hän­digt zu bekom­men. Vom Sinn die­ser Tätig­keit und von der dröh­nen­den U‑Bahnfahrt, die der Chef mit gefälsch­ten Fahr­kar­ten ermög­licht, bis zum Fuß­marsch durch die Kana­li­sa­ti­on, gesäumt von ängst­li­chen wei­ßen Rat­ten. Von unend­li­chen, stei­len und scharf­kan­ti­gen Trep­pen­auf­gän­gen und dem heiß­glü­hen­den Klin­gel­knopf, den der Assis­tent betä­ti­gen muss, um Ein­lass in das Büro des Chefs zu erlan­gen. Eine ein­zi­ge über­hitz­te Schmer­zens­rei­se. Die von Jiri Stibr in kon­trast­rei­chem Schwarz­weiß foto­gra­fier­te Rei­se wird nie ihr Ende fin­den, da sie angeb­lich nur min­der­wer­ti­ge Brief­mar­ken zuta­ge för­dert. Die­se Tat­sa­che drückt selbst­ver­ständ­lich auch den Preis und so kehrt der hung­ri­ge Assis­tent in die Kana­li­sa­ti­on zurück, da der Chef ihm auf­grund die­ses kon­stru­ier­ten Sach­ver­hal­tes das Recht abspricht, in einer sau­be­ren Kam­mer des pracht­vol­len Büros zu über­nach­ten. Blut und Trä­nen, Mager­keit und der stin­ken­de Dampf, der aus dem Fluss auf­steigt, der Schau­spie­ler Erwin Leder gibt mit jedem sei­ner stak­si­gen Schrit­te den dröh­nen­den Schmerz in sei­nen Kno­chen an den Zuschau­er wei­ter. Auf sei­ner Wan­ge prangt nicht nur der glü­hen­de und ernied­ri­gen­de Fin­ger­ab­druck sei­nes Chefs, son­dern auch eine der angeb­lich feh­ler­haf­ten Brief­mar­ken. In die­se Erschöp­fung fällt völ­lig unspek­ta­ku­lär der Beschluss, dass mor­gen alles anders wer­de! Das wird es auch, aber die­ser ent­rüs­tet-wei­ner­li­che Satz des Assis­ten­ten birgt schon kei­ne Hoff­nung mehr son­dern nur noch ein aller­letz­tes Auf­be­geh­ren. Ein Sam­meln der letz­ten kör­per­li­chen und geis­ti­gen Kräf­te. Hier kann kei­ne Erlö­sung mehr nahen, son­dern nur noch das abso­lu­te Ende, das so ruhig und klar daher­kommt, dass es einen dann doch ganz leise glück­lich macht.