Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Histoire de Cul: La maman et la putain von Jean Eustache

„Per­mets-moi, je t’en prie, Marie. Per­mets-moi pour une sombre his­toire de cul…”

Bei Jean Eusta­che und sei­nem La maman et la putain besteht die Lie­be aus Leid. Kaum ein lächeln­des Gesicht über 3,5 Stun­den. Mit Ver­ach­tung spre­chen die Cha­rak­te­re von Sex und Gefüh­len; Mit blin­der Lei­den­schaft fol­gen sie ihren Bedürf­nis­sen fast wie Tie­re. Es ist ein anti-roman­ti­scher Ansatz bei dem Kör­per mit Gar­ten­an­la­gen ver­gli­chen wer­den und Betrug zum All­tag gehört. Es war, wie man hört, ein auf­rich­ti­ger und per­sön­li­cher Film, der den häu­fig über­gan­ge­nen Fil­me­ma­cher an sei­ne per­sön­li­chen Gren­zen brach­te. Es ist, man mag mir die­sen emo­tio­na­len Aus­bruch ver­zei­hen, einer der bes­ten Fil­me, die je gedreht wur­den. Das liegt in mei­nen Augen haupt­säch­lich an drei Dingen:
Aufrichtigkeit+Verortung+Alltäglichkeit 
Dabei soll nicht ver­ges­sen wer­den, dass der Film gewis­ser­ma­ßen ein reflek­tie­ren­der Höhe­punkt der Nou­vel­le Vague ist, der sie zur glei­chen Zeit denun­ziert und auf ein neu­es Level hebt, der sie ver­göt­tert und ablehnt. Mit einem Cast bestehend aus Jean-Pierre Léaud, Isa­bel­le Wein­gar­ten, der kürz­lich ver­stor­be­nen Ber­na­dette Lafont und Fran­çoi­se Lebrun zeigt sich der Film in sei­ner schwarz-wei­ßen, ver­rauch­ten, Paris-Atmo­sphä­re schon ober­fläch­lich als spä­ter Ver­tre­ter einer gewis­sen neu­en Ten­denz im fran­zö­si­schen Kino der 50er, vor allem 60er und manch­mal 70er Jah­re. Jean Eusta­che, der sich im Alter von 42 Jah­ren erschoss, zählt nicht umsonst zu den ers­ten Ver­tre­tern einer neu­en Gene­ra­ti­on im fran­zö­si­schen Kino, der er zusam­men mit Mau­rice Pia­lat die Kro­ne auf­setz­te, ohne jemals die Wert­schät­zung sei­ner Vor­fah­ren zu errei­chen. Es ist ein Kino, indem das Zitat zitiert wird, indem die Cha­rak­te­re in einer Kino­kul­tur und Pop­kul­tur leben. Es ist die Geschich­te von Alex­and­re, der frisch von sei­ner Lie­be Gil­ber­te getrennt ist und mit Marie zusam­men­lebt. Alex­and­re ist finan­zi­ell von Marie abhän­gig und lebt bei ihr und mit ihr in einer offe­nen Bezie­hung. Er lernt jedoch in einem Café Vero­ni­ka ken­nen und beginnt eine Affä­re.  Das Wort „Lie­be“ wird ähn­lich wie bei Lou­is Mal­les Les amants oder ähn­lich pre­kä­ren Melo­dra­men zu häu­fig benutzt, als das es wahr wäre. Aber von Gefüh­len oder einem Melo­dram ist der Film trotz sei­ner Drei­ecks­kon­stel­la­ti­on him­mel­weit ent­fernt. Es ist viel­mehr ein Por­trait von nar­ziss­ti­schen Intel­lek­tu­el­len, die Zeich­nung einer Gene­ra­ti­on, die man als 68er oder Post-68er bezeich­nen könn­te, die sich mit einer Geschlechterpro­ble­ma­tik aus­ein­an­der­setzt und dar­an zwei­felt. Wer könn­te da geeig­ne­ter sein als Jean-Pierre Léaud, jener von Truf­f­aut gebo­re­ne Antoine Doi­n­el, den man kennt als einen jun­gen Mann, der vor dem Spie­gel steht und sei­nen Namen wie­der­holt und wie­der­holt und wie­der­holt, der zwi­schen mas­ku­lin und femi­nin oszil­liert und immer gleich­zei­tig für sich selbst, den Film, sei­ne Schau­spiel­part­ne­rin und den Zuse­her zu spie­len scheint. Er ist ein Ver­tre­ter der Nou­vel­le Vague, der sie gleich­zei­tig von außen ansieht. Wenn man sich fragt, ob Cha­rak­te­re im Kino reflek­tie­ren soll­ten, dann kann man mit die­sem Film-trotz sei­ner Roman­haf­tig­keit-mit einem kla­ren „Ja“ ant­wor­ten. Roman­haft ist nicht nur das thea­tra­le Spiel von Léaud (das wür­de ich sogar als unbe­dingt fil­misch betrach­ten), son­dern  auch die Künst­lich­keit der Wör­ter; so ver­wen­det Alex­and­re die Sie-Form bei sei­ner Geliebten.

Jean Eusta­che ist bekannt dafür, dass er sei­ne Dreh­bü­cher und Dia­lo­ge wort­wört­lich nahm. Schau­spie­ler durf­ten nicht ein Wort abän­dern, alles muss­te exakt so auf­ge­sagt wer­den wie er es sich aus­ge­dacht hat­te. Dabei errei­chen sei­ne Dia­lo­ge, trotz aller arti­fi­zi­el­len Ten­den­zen manch­mal die Echt­heit und Direkt­heit einer Impro­vi­sa­ti­on. Damit ähnelt er John Cas­sa­ve­tes, der zum Bei­spiel in A woman under the influence einen ähn­li­chen Effekt erziel­te. Eusta­che the­ma­ti­siert nicht nur inhalt­lich immer wie­der das Kino selbst und macht sich damit-ins­be­son­de­re, weil er viel ame­ri­ka­ni­sches Kino zitiert- zu einem Teil der Nou­vel­le Vague, gleich­zei­tig aber scheint ein kri­ti­sches Bewusst­sein des jün­ge­ren fran­zö­si­schen Kinos in sei­nem Werk mitzuschwingen.

Trotz der durch­ge­hen­den Reflek­ti­on, der Län­ge und der Wort­be­zo­gen­heit des Films, die in Can­nes sei­ner­zeit zur wüten­den Nach­fra­ge auf der Pres­se­kon­fe­renz führ­te, war­um Eusta­che denn nicht ein Buch geschrie­ben habe, ist La maman et la putain ein zutiefst fil­mi­sches Werk. Einer der Grün­de dafür ist, dass die Wor­te und das Den­ken im Film nur Vor­wand vor dem Gefühl sind. Hin­ter die­ser Anti-Roman­tik, die in offe­nen Bezie­hung Affä­ren als nor­mal titu­liert und sie in den All­tag ein­bin­det, die kei­ne Lüge und kei­ne gro­ßen Geheim­nis­se kennt, son­dern ein­fach nur blo­ße Exis­tenz schwin­gen eben doch auch gefühls­be­ton­te Abhän­gig­kei­ten, ja ein Drang zur Selbst­zer­stö­rung mit. Ein­mal visua­li­siert Eusta­che das fast schon pla­ka­tiv, als Alex­and­re mit einem Buch im Café sitzt und liest, aber kaum damit beginnt, weil er stän­dig eifer­süch­tig zu Vero­ni­ka sieht, die sich mit zwei Män­nern unter­hält. Was in die­sem Film pas­siert, wird eben kaum aus­ge­spro­chen. In den lan­gen und häu­fi­gen Schwarz­blen­den gewährt Eusta­che einen Nach­denk­pro­zess. Im Dun­kel des Kino­saals kann man wirk­li­cher nach­den­ken, als im phi­lo­so­phi­schen Dis­kurs von Alex­and­re, der Teil einer vom Exis­ten­zia­lis­mus getränk­ten Café-Gesell­schaft ist, die aus Mücken Ele­fan­ten macht, aber aus Ele­fan­ten auch Mücken.
“Pour moi, il n’y a pas de putes. Pour moi, une fil­le qui se fait bai­ser par n’im­por­te qui, qui se fait bai­ser n’im­por­te com­ment, n’est pas une pute. Pour moi il n’y a pas de putes, c’est tout. Tu peux sucer n’im­por­te qui, tu peux te fai­re bai­ser par n’im­por­te qui, tu n’est pas une pute.”
1.Aufrichtigkeit
Viel kann man lesen über die auto­bio­gra­fi­schen Bezü­ge des Films. Eusta­che, der eine ähn­lich fata­le Drei­ecks­be­zie­hung führ­te, sei­ne Bezie­hung zu Fran­çoi­se Lebrun im ech­ten Leben, der Selbst­mord jener Frau, auf der der Cha­rak­ter von Ber­na­dette Lafont basier­te, die The­ma­ti­sie­rung von Selbst­mord, den auch Eusta­che mit 42 Jah­ren beging. Fran­çois Truf­f­aut hat ein­mal gesagt, dass er nur des­halb Fil­me über Kin­der gemacht habe, weil er sonst nichts gekannt habe außer dem Kino. Und man müs­se Fil­me über Din­ge machen, die man aus dem Leben ken­ne. Dies ist schließ­lich auch der Grund, war­um vie­le Aus­bil­dungs­stät­ten für Film­schaf­fen­de ein beson­de­res Augen­merk auf den Lebens­lauf der poten­zi­el­len Stu­den­ten legen. Was dar­an fatal und falsch sein könn­te, zei­gen eben Truf­f­aut und Eusta­che. Per­sön­li­che und ech­te Geschich­ten zu erzäh­len ist näm­lich kei­ne Sache des beson­de­ren Lebens­laufs, son­dern der Fähig­keit das Beson­de­re im eige­nen Lebens­lauf ver­ar­bei­ten zu kön­nen. Denn im Kern ist jedes Leben vol­ler Fil­me. Was La maman et la putain also zu einem so auf­rich­ti­gen Film macht, sind nicht zwangs­läu­fig die auto­bio­gra­fi­schen Bezü­ge, son­dern viel­mehr die Offen­heit, Ehr­lich­keit und Schlicht­heit, in der sie Eusta­che sicht- und hör­bar macht. Sei­ne Auf­lö­sung ist ein­fach, sta­tisch und auf den Kern fokus­siert. Er hat die Rol­le mit Léaud im Kopf geschrie­ben, aber er hat sie mit sei­nen Gedan­ken und sei­nem Leben gefüllt. Mehr braucht der Film nicht. Hier wird kei­ne kino­äs­the­ti­sche Schlacht im Stil von Jean-Luc Godard geschla­gen, kei­ne kine­ma­to­gra­phi­sche Ent­frem­dung in archi­tek­to­ni­schen For­men wie bei Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni auf­ge­baut, son­dern die Wahr­heit und die Fixie­rung der Zeit lie­gen bei Eusta­che im Ver­ge­hen von jener Zeit und in den Dialogen/​Monologen. Die Kon­se­quenz der Län­ge des Films ist pure Logik. Ähn­lich wie beim dies­jäh­ri­gen Can­nes-Gewin­ner La vie d’Adèle kommt erst dadurch das Leben hin­ter den Figu­ren zum Vor­schein. Man scheint etwas nur lan­ge genug betrach­ten zu müs­sen, um tie­fer ein­zu­tau­chen. Allei­ne das wür­de schon das fil­mi­sche Poten­zi­al von La maman et la putain recht­fer­ti­gen, aber die Ver­or­tung im Kino ist auch des­halb not­wen­dig, weil die Cha­rak­te­re in einer Kino­welt leben. Immer wie­der macht Alex­and­re Quer­ver­wei­se auf Fil­me von Chap­lin, über Elio Petri bis zu Bres­son; ein gro­ßes The­ma im Film ist das Rol­len­spiel. Alex­and­re ist damit beschäf­tig so zu spre­chen wie ande­re spre­chen, die Stim­mun­gen schwin­gen unheim­lich schnell um. Es geht dar­um, dass jeder eine Rol­le spie­len will, aber die Kame­ra ist uner­bitt­lich und weil sie ein­fach nicht weg­ge­hen will, kann der Zuse­her irgend­wann tat­säch­lich hin­ter die Mas­ken bli­cken. Eusta­che bleibt so lan­ge auf der Falsch­heit bis sie echt wird. Er ist ein gro­ßer Künst­ler des Kinos. Die Rol­le einer auf­ge­klär­ten und sexu­ell befrei­ten Kul­tur? Nicht umsonst lös­te der Film einen Skan­dal in Frank­reich aus, denn die Gesell­schaft, die er zeigt, ist kaputt. In wel­chem ande­ren Medi­um hät­te Eusta­che sei­ne Idee vom Leben zei­gen kön­nen? In kei­nem, weil er ein Kind des Kinos ist und weil Kino durch jedes sei­ner Bil­der und Wor­te spricht. Wenn man in einem Roman wie High Fide­li­ty das Gefühl hat, dass das Buch eigent­lich bes­ser eine Schall­plat­te wäre, dann macht das Spaß, führt aber zu kei­nem tie­fe­ren Erleb­nis. Bei Eusta­che sind Künst­ler und Medi­um eine Ein­heit und das soll­te man dann auch nicht ver­ges­sen, wenn Lebens­läu­fe in Film­schu­len wich­ti­ger zu sein schei­nen, als die Bezie­hung zum Kino. Denn auch bei Truf­f­aut sind Kin­der nur ein Mit­tel, um sei­ne Lie­be zum Medi­um aus­zu­drü­cken. Bei Eusta­che ist die­se Lie­be aber Leid.
Et je me fais bai­ser par n’im­por­te qui et on me bai­se et je prends mon pied.
2.Verortung
La maman et la putain ist der­art fest an einem Ort und vor allem in einer Zeit ver­or­tet, dass er tat­säch­lich als Por­trait einer Gene­ra­ti­on ver­stan­den wer­den kann und zwar im doku­men­ta­ri­schen Sin­ne. Wie kann ein Fil­me­ma­cher nur sowas errei­chen? Das hat sich auch Oli­vi­er Assay­as gefragt:
„Je n’au­rais pas ima­gi­né ne pas citer La Maman et la Putain. J’ai l’im­pres­si­on de viv­re avec ce film depuis qu’il exis­te. Je me pose, com­me beau­coup de gens dans le ciné­ma, la ques­ti­on de savoir com­ment on peut refai­re quel­que cho­se com­me cela, com­ment on peut att­eind­re ce qu’Eu­sta­che a att­eint. Je crois que la répon­se est qu’on ne peut pas. Eusta­che a dans ce film résu­mé et accom­pli une idée qui était cel­le de la Nou­vel­le Vague. Il a fait le film qui avait été thé­o­ri­sé par la Nou­vel­le Vague.” 
Assay­as selbst scheint mir zumin­dest manch­mal eine moder­ne­re Ver­si­on von Jean Eusta­che mit einer guten Pri­se Hong­kong-Kino und einer sich stän­dig bewe­gen­den Kame­ra zu sein. Es geht hier um nichts gerin­ge­res, als Leben auf die Lein­wand zu ban­nen, das etwas über das eige­ne Leben aus­sagt. Und zwar indi­vi­du­ell und auf die Gesell­schaft bezo­gen. Die On-Loca­ti­on Drehs der Nou­vel­le Vague hel­fen da natür­lich unge­mein. Die Cafés und Woh­nun­gen atmen den Geruch von Paris um 1970. (Ich war nicht da, ich ken­ne ihn nur aus Fil­men, dar­über könn­te man einen wei­te­ren Blog­ein­trag ver­fas­sen…) Die The­men sind von Film- und Pop­kul­tur durch­drun­gen; Kos­tüm, Fri­su­ren, Kom­par­sen. Da ist nicht viel gestellt, da wur­de nicht viel kon­stru­iert. Film als Zeit­do­ku­ment. Heut­zu­ta­ge wer­den die­se Zeit­do­ku­men­te ande­res her­ge­stellt, sie schei­nen kon­stru­iert wer­den zu müs­sen, wie in Fight Club von David Fin­cher oder kürz­lich in Spring Brea­k­ers von Harm­o­ny Kori­ne. Der Ent­wurf und das nicht zu Ende Den­ken, ja nicht zu Ende schau­en sind hier Teil einer Gene­ra­ti­on, die es zu por­trai­tie­ren gilt. Das sind schon fast kei­ne Fil­me mehr, son­dern mon­tier­te Ein­drü­cke, die sich nicht an Cha­rak­te­ren fest­hal­ten, deren Cha­rak­te­re sich sogar auf­lö­sen. Doch kommt da Film nicht an eine merk­wür­di­ge Gren­ze? Wenn man die Stim­mung einer Gene­ra­ti­on nur mit MTV-Ästhe­tik ein­fan­gen kann, kann man sie dann noch mit Fil­men ein­fan­gen? Oder wäre die Rol­le von Fil­men nicht eine gänz­lich ande­re, eine die nach Wahr­heit unter der Ober­flä­che sucht, statt die Ober­flä­che zur Wahr­heit zu ver­klä­ren? Was sowohl Kori­ne als auch Fin­cher ver­säumt haben im Ver­gleich zu Eusta­che ist einen ech­ten, glaub­haf­ten Cha­rak­ter ins Zen­trum ihrer Gesell­schafts­ana­ly­sen zu stel­len. Denn genau die­ser Alex­and­re, der in sei­nem Macho-Nar­ziss­mus ver­sucht ein mon­dä­nes Intel­lekt erschei­nen zu las­sen, ist der Grund war­um der Film auch 2013 noch genau so funk­tio­niert wie vor 40 Jah­ren.  Vor kur­zem habe ich mir über ein Kino der Defor­ma­ti­on Gedan­ken gemacht. Auch bei Eusta­che gibt es die­se Defor­ma­ti­on, die das Film­set­ting zu einem ech­ten Set­ting macht und einen ver­zerr­ten Spie­gel vor das Gesicht des Zuse­hers hält: Sie liegt im Ver­hal­ten der Cha­rak­te­re, im Humor des Films, in den Stim­mungs­wech­seln. Die Ver­or­tung könn­te natu­ra­lis­ti­scher nicht sein und die Defor­ma­ti­on bei Eusta­che ist eine natu­ra­lis­ti­sche, denn sie obliegt nicht einer bewuss­ten Ver­än­de­rung des All­täg­li­chen, son­dern des­sen mes­ser­schar­fen Analyse.
Il ne faut bai­ser que quand on s’ai­me vraiment.
3.Alltäglichkeit
Was ist All­täg­lich­keit eigent­lich im Kino oder was kann es sein? Eine genau so vager Begriff wie Rea­lis­mus, viel­leicht ist All­täg­lich­keit der irrele­van­te Bru­der von Rea­lis­mus? In ers­ter Linie mag man, gera­de im Bezug auf La maman et la putain den­ken, dass es mit dem Ver­strei­chen von Zeit zu tun hat. Oft bleibt die Kame­ra von Eusta­che lan­ge Zeit auf den Cha­rak­te­ren, obwohl schein­bar nichts pas­siert. Die Abwe­sen­heit von Hand­lung oder einer moto­ri­schen Umset­zung des Den­kens liegt auf der Hand. Oft schei­nen Alex­and­re und vor allem auch Vero­ni­ka bezie­hungs­wei­se Marie genau das zu tun, was sie nicht tun wol­len. So ver­sucht Marie Alex­and­re zärt­lich zu berüh­ren, als die­ser mit Vero­ni­ka schläft, aber ihre Hand wird von Vero­ni­ka immer wie­der weg­ge­schla­gen.  Mehr noch scheint mir All­täg­lich­keit aber eine Fra­ge des Rhyth­mus zu sein.  Von der ers­ten Ein­stel­lung an wird Zeit nicht mani­pu­liert bei Eusta­che son­dern abge­bil­det. Selbst die Schnit­te ent­ste­hen in Form einer Blen­de daher lang­sam. La maman et la putain als Denk­pro­zess, der Viv­re sa vie noch­mal ent­schleu­nigt und vor allem sich die Zeit nimmt lose Tei­le zu ver­bin­den. Ent­frem­dung ent­steht hier nicht durch Lücken, son­dern durch deren Beto­nung. All­täg­lich­keit ist immer auch einer Aus­wahl unter­zo­gen. Es geht dar­um, nicht immer die schein­bar ent­schei­den­de Hand­lung zu zei­gen, son­dern den Moment der Zeit im Bild ein­zu­fan­gen. Nach­dem Alex­and­re und Vero­ni­ka Marie ver­las­sen, bleibt die Kame­ra gegen den Impuls der Hand­lung, die eigent­lich Alex­and­re folgt bei Marie. Sie legt eine Plat­te auf und man betrach­tet sie das gan­ze Lied ohne sie wirk­lich zu sehen, weil sie sich von der Kame­ra abwen­det. Hier ist also ein ent­schei­den­der Moment, der aber all­täg­lich ist. Es geht nicht dar­um etwas Beson­de­res zu zei­gen, son­dern dar­um, dass aus dem Bana­len etwas Beson­de­res ent­steht. Natür­lich gehört das Under­state­ment in der Kame­ra­ar­beit auch dazu. Kaum eine Ein­stel­lung wür­de man als spe­zi­ell schön oder ästhe­tisch bezeich­nen, immer steht die Kame­ra dort wo sie steht. Meist effek­tiv, aber nicht zwangs­läu­fig. Das erin­nert dann an Cas­sa­ve­tes, der Figu­ren unscharf hat­te oder aus dem Bild­ka­der ver­schwin­den ließ, oder eben moder­ne­re Fas­sun­gen eines sol­chen Kinos der All­täg­lich­keit wie die Gebrü­der Darden­ne oder den unglaub­li­chen Cris­ti Puiu.  Puiu ist des­we­gen unglaub­lich, weil er wie ein Mus­ter­bei­spiel die­nen kann, um All­täg­lich­keit im Kino zu erklä­ren oder sich dem anzu­nä­hern, was es sein kann. In sei­nem Mar­fa și banii folgt er einer Grup­pe von Jugend­li­chen, die Dro­gen trans­por­tie­ren auf ihrer Fahrt nach Buka­rest. In Jump-Cuts drängt sich der Film mit lan­gen Ein­stel­lun­gen in Rich­tung der rumä­ni­schen Haupt­stadt und immer schein Puiu sich für die unbe­deu­ten­den Ereig­nis­se zu inter­es­sie­ren. Damit erschafft er eine Echt­heit, die das Kino zu sei­ner immer noch wahrs­ten Form füh­ren kön­nen: Rea­li­tät. Selbst wenn dra­ma­ti­sches pas­siert, sind nicht alle Wei­chen auf Dra­ma gestellt bei Puiu und auch bei Eusta­che. Lachen und Wei­nen, Zunei­gung und Ableh­nung, Lie­be und Ekel wech­seln sich ab. Ein absurd-exis­ten­zia­lis­ti­sches Ele­ment schwingt dabei mit. Die­se Fil­me fra­gen sich was es heißt zu leben und damit fra­gen sie auch auto­ma­tisch das Kino nach sei­nen Fähig­kei­ten. Es pas­siert unheim­lich viel, aber die Bewe­gung muss nicht immer line­ar sein. Kino hat die Mög­lich­keit ein Bild und meh­re­re Bil­der quer zu lesen, es ste­hen zu las­sen, in der Zeit auf­ge­hen zu las­sen. Der ein­zel­ne Moment kann an Bedeu­tung gewin­nen und sich in der Zeit ent­fal­ten. Die schein­ba­re Will­kür offen­bart sich sowohl bei Eusta­che als auch bei Puiu und allen ande­ren genann­ten Fil­me­ma­chern als prä­zi­ses Auge und Ohr. In den lee­ren Momen­ten liegt oft mehr Gehalt als in den hand­lungs­do­mi­nier­ten. Leben muss ja nicht unbe­dingt hei­ßen etwas zu tun. Gera­de Kino­gän­ger, die wäh­rend sie den Film sehen, sit­zen und schau­en, soll­ten wis­sen, was mög­lich ist, in einem sol­chen „lee­ren“ Moment, der mir in der aktu­el­len, von Bild­schir­men und Pas­si­vi­tät beherrsch­te Gesell­schaft umso wich­ti­ger erscheint.  In der All­täg­lich­keit ent­steht dann das, was Deleu­ze ein Zeit-Bild nann­te. Er hat das ver­bun­den mit einer Über­wäl­ti­gung, einer Macht­lo­sig­keit der Prot­ago­nis­ten, die selbst zu Zuse­hern wer­den. In La maman et la putain wer­den die Prot­ago­nis­ten sogar zu Zuse­hern ihrer eige­nen Hand­lun­gen. Ein­mal spricht Alex­and­re davon, dass er sich nicht von Men­schen tren­nen kann, weil das die Zeit sowie­so regeln wird. Er wol­le nicht den Job der Zeit über­neh­men. Grau­sam und wun­der­schön dar­an ist, dass die Zeit die­se Din­ge wirk­lich regelt.
Im Leben, im Film.