Ein Jahr nach sei­nem Able­ben erin­nert das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um mit einem In-Memo­ri­an-Scree­ning von Carl Theo­dor Drey­ers Ordet an Har­ry Tomic­ek. Tomic­ek schrieb jahr­zehn­te­lang Tex­te für das Film­mu­se­um und anders­wo. Der Film könn­te bes­ser nicht gewählt sein, denn es ist tat­säch­lich das Wort, das die Toten erweckt. Ich habe mich vor fünf Jah­ren anläss­lich einer Publi­ka­ti­on der Schrif­ten Tomic­eks beim Kle­ver Ver­lag im Film­dienst (Link) mit Tomic­eks Schrei­ben aus­ein­an­der­ge­setzt. Kei­ner hat je so über das Kino geschrie­ben. Im Text drü­cke ich mei­ne abso­lu­te Bewun­de­rung aus, rin­ge aber auch mit der Sprach­ver­liebt­heit des Autors. In Öster­reich habe ich öfter die Erfah­rung gemacht, dass ein offe­ner Umgang mit den Zwei­feln, die man an eine Arbeit her­an­trägt, nicht wert­ge­schätzt wird, obwohl sich in mei­ner Wahr­neh­mung genau dar­in die Ernst­haf­tig­keit und Zunei­gung aus­drückt, die eine Aus­ein­an­der­set­zung erfor­dert. Jeden­falls war die­ses mein Hadern mit Tomic­eks «poe­tisch wuchern­den Idio­syn­kra­si­en, (die) sich hie und da sogar über die Fil­me (stel­len), die in einem Wulst an Wor­ten ertränkt wer­den» nie ein Grund für mich, sei­ne Tex­te nicht mit gro­ßer Sin­nes­freu­de und Gewinn zu lesen. Wir haben uns nicht per­sön­lich gekannt, nur ab und an stumm gegrüßt (wenn er das woll­te), was ich sehr bedau­re, denn sein film­be­zo­ge­nes Schrei­ben hat mich sehr viel gelehrt.

Hier soll es aber weni­ger um sein unbe­dingt zu bewah­ren­des, unbe­dingt zu leh­ren­des Schrei­ben als um eini­ge ande­re Ein­drü­cke gehen, Bil­der, die mir geblie­ben sind. Mei­ne letz­te Begeg­nung mit Tomic­ek etwa, das war in einem Copy-Shop im 18. Bezirk in Wien. Ich muss­te einen grö­ße­ren Text aus­dru­cken und er dis­ku­tier­te gera­de mit dem Besit­zer des Ladens über die Ver­grö­ße­rung von Abbil­dun­gen, die er aus einem Buch haben woll­te. Er saß dann unbe­wegt in einer Ecke über die­sen Bil­dern gebeugt, die er unter­such­te wie unter einem Mikro­skop. Sei­ne Kon­zen­tra­ti­on war so spür­bar, dass ich nur mehr flüs­ter­te über mei­nen Aus­druck. Tomic­ek war einer der letz­ten, die sich mit Bil­dern befass­ten, der dabei eine Aura hat­te. Wenn man ihn im Kino sah, wuss­te man, dass es um etwas ging. Wenn er im Kino war, frag­te ich mich immer auch, was er wohl vom Film hal­ten wür­de. Was hat er von den Ent­wick­lun­gen des Kinos und «sei­nes» Film­mu­se­ums gehal­ten? Am stärks­ten war das, als wir neben­ein­an­der im Gar­ten­bau­ki­no saßen, um uns Micha­el Manns Fer­ra­ri auf der Vien­na­le anzu­se­hen. Aus dem Augen­win­kel ver­such­te ich in sei­nem Gesicht zu erken­nen, was er vom Film hielt, aber nichts rühr­te sich. Er saß ganz still mit schwar­zer Leder­ja­cke (glau­be ich) und nach­denk­li­chem Aus­druck. Ich erin­ne­re eine Podi­ums­dis­kus­si­on im Film­mu­se­um zu Stan Brak­ha­ge. Als dort mehr­fach der Begriff der Aktua­li­tät von Brak­ha­ges Werk fiel, hielt Tomic­ek es nicht mehr aus. Er stand auf und frag­te die Dis­ku­tie­ren­den, was das denn sein soll­te in Bezug zu einem Film, «Aktua­li­tät»?

Sei­ne Fra­gen in Publi­kums­ge­sprä­chen zogen sich oft­mals über meh­re­re Minu­ten. Es waren kei­ne wirk­li­chen Fra­gen, es war eine osten­ta­ti­ve Suche nach Wor­ten für das, was er gese­hen hat­te. Er beherrsch­te die Kunst des aus­wu­chern­den Spre­chens, die­se mani­sche Form des Nach-dem-Film-Seins, von der man­che berich­ten, sie wäre in den cine­phi­len Glanz­ta­gen in Paris oder Bogo­tá Merk­mal jener gewe­sen, deren Stim­men bis heu­te nach­hal­len. Irgend­wann wäh­rend mei­ner ers­ten Mona­te in Wien hat­te ich mal gehört, dass die­ser Tomic­ek mit Rivet­te und Godard in der Ciné­ma­t­hè­que fran­çai­se geses­sen wäre. Für mich war das damals, als wäre er ein Hei­li­ger, als hät­te er Din­ge gese­hen, die ich nie wür­de sehen kön­nen (die Ten­denz zur Hei­li­gen­ver­eh­rung jun­ger männ­li­che Cine­phi­ler ist ein eige­nes Kapi­tel). Ich erin­ne­re, wie James Ben­ning eine sol­che aus­ufern­de Wort­mel­dung Tomic­eks mit einem ein­fa­chen «No» kon­ter­te. Das Kino lach­te, mir aber wur­de damals bewusst, dass mir die Sei­te des­je­ni­gen, der mit der eige­nen Wahr­neh­mung ringt, näher ist, als jene, die sich schein­bar abge­klärt damit begnügt, dass die Din­ge so sind wie sie sind. Zumal das Schwei­gen auch für Tomic­ek eine gro­ße Rol­le spiel­te, sein famo­ser Text zu Hitch­cocks Ver­ti­go, in dem er sein fas­sungs­lo­ses Schwei­gen sicht­bar macht, berich­tet davon.

Da wir anschei­nend einen ähn­li­chen Weg ins Zen­trum der Stadt zurück­le­gen muss­ten, sah ich ihn jedes Jahr auf den Wegen in die Kinos der Vien­na­le. Mal stand er in einer U‑Bahn, mal schlen­der­te er durch die Gas­sen. Das war immer so für mich, als wür­de das Kino bereits begin­nen, als wür­de der Weg ins Kino bereits das mit­prä­gen, was ich sehen wür­de. So war es dann auch. Ich gehe nicht mehr so oft ins Kino, wenn ich aber gehe, ver­su­che ich immer noch so zu gehen, als wäre Tomic­ek da.