Renault-Seguin la fin von Cécile Decugis

Il Cinema Ritrovato 2018: Ein zu kurzes Gespräch über Cécile Decugis

Andrey Arnold: Eine span­nen­de Pro­gramm­schie­ne des dies­jäh­ri­gen Fes­ti­vals droht hier fast unter­zu­ge­hen zwi­schen alle den gro­ßen (Wieder-)Entdeckungen, Retro­spek­ti­ven und Meis­ter­wer­ken: Jene zu den Fil­men von Céci­le Decu­gis. Caro­lin, du hast den ers­ten Teil der Werk­schau ent­deckt und Sebas­ti­an und mich dar­auf auf­merk­sam gemacht. Nun haben wir alle gemein­sam den zwei­ten gese­hen. Könn­test du kurz erzäh­len, wer Céci­le Decu­gis ist und war­um dich ihre Fil­me ange­spro­chen haben?

Caro­lin Weid­ner: Ich kann nur ahnen, wer Céci­le Decu­gis war, die, wie Sebas­ti­an eben her­aus­ge­fun­den hat, ver­gan­ge­nen Som­mer ver­stor­ben ist. Die zwei Pro­gram­me, ins­ge­samt acht Fil­me, umfas­sen – zumin­dest habe ich das so ver­stan­den – Decu­gis‘ kom­plet­tes fil­mi­sches Werk als Regis­seu­rin. Man kennt sie für die­se Fil­me nicht. Man kennt aber die Fil­me, die sie geschnit­ten hat. Vie­le für Éric Roh­mer, aber auch für ande­re Prot­ago­nis­ten der Nou­vel­le Vague. Roh­mer spürt man auch in ihren Kurz­fil­men, vor allem denen aus den 80ern. Ich lie­be die­sen Ton ja. Könn­te ich mir stun­den­lang anse­hen. Andrey und Sebas­ti­an, ihr habt nun nur einen die­ser „Reprä­sen­tan­ten“ geschaut: Edwi­ge et l’amour. Habt ihr eine Idee, was mir so sehr an die­ser Art Film gefal­len könn­te? Ich weiß es näm­lich selbst nicht recht…

Sebas­ti­an Bobik: Von den Fil­men, die wir im heu­ti­gen Pro­gramm gese­hen haben, hat mir die­ser am meis­ten gefal­len. Er ist defi­ni­tiv und erkenn­bar von Roh­mer beein­flusst. Was ist dar­an so schön? Gute Fra­ge… Ich kann nur sagen, was mich dar­an so erfreut hat. Einer­seits war das natür­lich die schnel­le und sehr ein­fühl­sa­me Art, Figu­ren zu zeich­nen. Wir bekom­men doch recht schnell eine Ahnung, wer die­se Men­schen im Film sind, obwohl wir ihnen nur bei einem Gespräch wäh­rend des Abend­essens zuhö­ren. Ganz kurz gesagt fängt die­ser Film mit einer Frau an, die einen Mann zum Abend­essen in einem Restau­rant trifft. Sie erzählt etwas von ihrem Leben, wäh­rend er sie immer wie­der mit Bal­zac-Zita­ten bom­bar­diert (ein Ver­such sie zu beein­dru­cken). Auf jeden Fall gibt es die­sen wun­der­ba­ren Moment, wo der Film das Gespräch ver­lässt und sich plötz­lich klei­nen Gesprächs­fet­zen an ande­ren Tischen wid­met, oder eini­ge Kell­ner bei ihrer Tätig­keit ver­folgt, bevor er sich wie­der der Prot­ago­nis­tin wid­met und wei­ter­macht. Die­se leicht­fü­ßi­ge Frei­heit – ein­fach mal ande­re Men­schen beim Exis­tie­ren ein­zu­fan­gen – hat etwas unglaub­lich Schö­nes und war defi­ni­tiv ein Aspekt, der mich total begeis­tert hat.

AA: Ich habe noch zu weni­ge Fil­me von Roh­mer gese­hen, um den Ver­gleich kom­men­tie­ren zu kön­nen. Und das ist viel­leicht auch gut so, weil ich die Freu­de, die mir die­ser kur­ze, unschein­ba­re, aber enorm reich­hal­ti­ge Film berei­tet hat, so nicht unter irgend­wel­che Schef­fel stel­len muss. Etwas, was Céci­le Decu­gis selbst recht oft getan hat, wenn man dem Kata­log­text und der Ein­füh­rung unse­res Scree­nings von Jackie Ray­nal und Ber­nard Eisen­s­chitz glau­ben darf. Was ich an Edwi­ge et l’amour moch­te, ist die Mischung aus Leich­tig­keit und Genau­ig­keit, Här­te und Zärt­lich­keit, mit der sie in sehr kur­zer Zeit sehr viel erzählt, ohne viel Auf­he­bens dar­um zu machen. Ein Tele­fo­nat. Ein Besuch in einem Restau­rant. Ein Gespräch der Haupt­fi­gur mit ihrem Freund. Das war’s – und trotz­dem erfah­re ich sehr viel dar­aus. Bei­spiels­wei­se, das hat Sebas­ti­an schon ange­spro­chen, wie Bil­dung als Impo­nier­in­stru­ment genutzt wird. Wobei sich das nicht nur in den Bal­zac-Refe­ren­zen von Edwi­ges Date erschöpft, son­dern aus­ge­wei­tet wird auf ande­re Gäs­te des Lokals – etwa einen Mann, der eine Frau, die an einem ande­ren Tisch sitzt, mit einem Renoir-Gemäl­de ver­gleicht. Der Film führt ihn dadurch aber nicht bloß vor, weil wir die Frau auch zu sehen bekom­men – und er irgend­wie auch Recht hat. Und die Frau­en schei­nen die­ses Impo­nier­ge­ha­be zu durch­schau­en, freu­en sich aber auch irgend­wie dran, was der Film nicht ver­ur­teilt. Neben­her ist auch noch Zeit, sich zu erfreu­en an der irgend­wie ulki­gen, eif­rig-eil­fer­ti­gen Art, mit der die Kell­ner des Restau­rants die Trep­pe auf- und ablau­fen oder zere­mo­ni­ös den Wein ein­schen­ken (erst dem Mann zum Vor­kos­ten, ver­steht sich!), der in einem klei­nen, pre­ziö­sen Körb­chen liegt. Das und noch mehr packt der Film, der sehr prä­zi­se geschnit­ten ist, mühe- und zwang­los in ein paar Minu­ten. Konn­ten wir dir als Män­ner jetzt zurei­chend erklä­ren, war­um dir der Film gefal­len hat, Carolin?

CW: Den Beob­ach­tun­gen kann ich mich zumin­dest anschlie­ßen und sie haben mich eben­so erfreut. Ich bedan­ke mich für eure Mühen!

SB: Ich glau­be, wir könn­ten noch län­ge­re Zeit dar­über reden, was für wun­der­bar sub­ti­le Klei­nig­kei­ten in den Film ver­packt sind und wie er (den­ke ich) die Per­spek­ti­ve einer Frau erfri­schend tref­fend ein­fängt, eben, weil er von einer gemacht wur­de. Trotz­dem fän­de ich, wir wür­den den ande­ren Fil­men im Pro­gramm unrecht tun, wenn wir sie hier aus­klam­mern. Die rest­li­chen Fil­me im zwei­ten Pro­gramm waren nicht fik­tio­nal, son­dern beweg­ten sich zwi­schen Zeit­do­ku­ment, Essay­film und Doku­men­tar­film. Ich wür­de recht ger­ne über Paris hiver 1986–1987 und La Grè­ve de la bat­tel­le­rie, Paris, été 1985 reden. Bei­des sind Fil­me unter zehn Minu­ten, in denen Decu­gis ganz bestimm­te Momen­te in Paris ein­fängt. Einer­seits einen Win­ter, ande­rer­seits einen Streik. Es sind zwei recht unschein­ba­re Fil­me, im Pro­gramm wur­den sie von weit­aus län­ge­ren ein­ge­klam­mert. Den­noch war ich über­rascht, wie kurz­wei­lig sie waren – und ich mei­ne das auf eine gute Art und Wei­se. Schließ­lich könn­te man doch mei­nen, dass Win­ter­auf­nah­men aus Paris, die nicht wirk­lich etwas erzäh­len und acht Minu­ten lang lau­fen, etwas lang­wei­lig sein könn­ten. Ich den­ke, in die­sen Fil­men beweist Decu­gis auch, wie wahn­sin­nig gut sie mit Mon­ta­ge umge­hen kann. Es war auch fas­zi­nie­rend zu sehen, wie sie zum Bei­spiel Ton und Musik ein­setzt. Bei­des sind Ele­men­te, die sie in die­sen Fil­men sehr gezielt ein­setzt. Im Film über den Pari­ser Win­ter setzt etwa erst nach eini­gen Minu­ten Musik ein. Sie dau­ert nicht sehr lan­ge, unter­malt aber eini­ge Momen­te und macht sie dadurch beson­ders. Eben­so fängt sie in den letz­ten Sze­nen plötz­lich einen klei­nen Dia­log ein. Ich fand sol­che Klei­nig­kei­ten faszinierend…

AA: Konn­test du mit dem zwei­ten Teil unse­res Pro­gramms etwas anfan­gen, Caro­lin? Du wur­dest ja qua­si ange­fixt von Decu­gis‘ All­tags- und Bezie­hungs­mi­nia­tu­ren, und mit denen hat­ten die Essay­fil­me nur sehr wenig zu tun. Oder doch?

CW: Erst­mal noch zur Win­ter­mi­nia­tur: Ich kann gar nicht fas­sen, dass der Film acht Minu­ten lang ist, er kam mir viel kür­zer vor! Da bin ich durch­ge­flo­gen wie eine Schnee­flo­cke. Details, die mir gefie­len: wie die Sta­tu­en auf die ver­hüll­ten Pari­ser bli­cken. Was für schö­ne Fri­su­ren eini­ge tra­gen. Und welch mas­si­ve Pel­ze! In dem Film habe ich gemerkt, wie viel Reich­tum doch in die­ser Stadt ste­cken muss. Ein guter Kon­trast zum „Streik­film“, der mir ent­wischt ist. Und in Sachen Län­ge: da erstaunt es mich genau­so, dass die bei­den letz­ten – zwei ziem­li­che Bro­cken, wenn ich da so sagen darf – jeweils nur zwan­zig Minu­ten län­ger waren als der Schnee­film. Viel­leicht war ich von den Abend­essen im Restau­rant davor aber auch noch gut gekräf­tigt. Die mona­te­lan­ge Abriss­ar­beit (Renault-Segu­in la fin) und der ster­ben­de Vater zum Schluss (René ou le roman de mon père), puh. Toll, doch. Aber jetzt muss ich doch wie­der zurück an die Orte der Spei­se. Kommt ihr mit?

SB: Lie­bend gerne!

AA: Ich war gera­de kurz davor, zuzu­stim­men, aber jetzt will ich doch noch ein paar Wor­te zum Abriss­ar­beits­film anmer­ken. Der war schon auch für mich anstren­gend nach der rela­ti­ven Leich­tig­keit des ers­ten Films, aber schön fand ich ihn trotz­dem. Was mir an ihm ein­ge­gan­gen ist: Dass Decu­gis hier die Demon­ta­ge einer Renault-Fabrik doku­men­tiert, in deren Mau­ern sehr viel Arbeits- und Streik-Geschich­te steckt, die mit ihr ver­schwin­den wird, und die­se Geschich­te ist nur auf dem groß­teils sehr pro­sa­ischen Infor­ma­ti­ons­fließ­band der Ton­spur zu grei­fen, wäh­rend das Bild in sei­ner Abs­trakt­heit immer trau­ri­ger wird, je län­ger der Film geht: Die Abriss­krä­ne und Bag­ger wir­ken, aus der Distanz betrach­tet – und der Film blickt nur aus der Distanz, wie ein zufäl­li­ger Beob­ach­ter oder Anrai­ner (die Fabrik steht auf einer Insel, die nie betre­ten wird) – zuneh­mend wie mecha­ni­sche Hirsch­kä­fer oder Metall­osau­ri­er, die ter­mi­ten­ar­tig ein orga­ni­sches Gebäu­de aus­höh­len und nie­der­fres­sen. Es ist ein ganz spe­zi­fi­sches, ein­dring­li­ches Bild, das hier in kur­zer Zeit ent­steht, die mir aber zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch etwas lang vor­kam. Unab­hän­gig davon tut es mir doch sehr leid, dass ich das ers­te Pro­gramm ver­säumt habe.

CW: Als die Metall­osau­ri­er ins Spiel kamen, konn­te sich die Ener­gie kurz auf mich über­tra­gen. Wie sich die­se fie­sen, klei­nen und gie­ri­gen Köp­fe in die­se nun­mehr Schrottske­let­te ver­bei­ßen, da steh ich drauf. Könn­te ich mir genau­so als Loop anschau­en. Mir fällt auf, dass ich immer wie­der auf die­se Kate­go­rie sto­ße: ob ich mir etwas lan­ge anse­hen könn­te. Weiß ich auch nicht, was ich davon hal­ten soll. Im ers­ten Pro­gramm gab es der­ar­ti­ge Situa­tio­nen aber auch: in Ita­lie aller retour beob­ach­tet man zwei Men­schen im Urlaub, wobei sich der Mann als ziem­lich betrüb­li­cher Klotz ent­puppt. Das ist so eine schreck­li­che Situa­ti­on zwi­schen den bei­den, viel­leicht erleich­tert mich es, das auf der Lein­wand zu sehen. Die miss­li­chen, lang­wei­li­gen, blö­den Sachen, die dann letzt­lich doch alle glei­cher­ma­ßen erfah­ren müs­sen. Zumin­dest hof­fe ich das. Ein biss­chen gemein von mir. Céci­le Decu­gis jeden­falls ist eine inter­es­san­te Per­son, ich fin­de es scha­de, dass sie doch so unbe­kannt scheint. Hier in Bolo­gna waren auch kaum Leu­te im Kino, um sich ihre Sachen anzu­se­hen. Ich habe auch von nam­haf­ten Anwe­sen­den gehört, die das nicht aus­ge­hal­ten haben, was ihnen da Wun­der­ba­res dar­ge­bo­ten wur­de. So ist das. Ich ver­spre­che jeden­falls, den zar­ten, aber auch sprö­den, poli­ti­schen Ton von Decu­gis aus Bolo­gna zu tra­gen, wohin, weiß ich aber noch nicht genau.