Un homme marche dans la ville von Marcello Pagliero

Il Cinema Ritrovato 2018: Im Hafen mit Marcello Pagliero

Andrey Arnold: Eine der Ent­de­ckun­gen des dies­jäh­ri­gen Il Cine­ma Ritro­va­to, die die­sen Namen wirk­lich ver­dient hat, ist der Wel­ten– oder zumin­dest Euro­pabumm­ler Mar­cel­lo Paglie­ro. Zwei sei­ner fran­zö­si­schen Fil­me, die wir bei­de hier gese­hen haben, zeich­nen unter­schied­li­che film­his­to­ri­sche Tra­di­ti­ons­li­ni­en wei­ter, knüp­fen aber etwas sehr Eigen­stän­di­ges aus ihnen. Kannst du kurz beschrei­ben, was Sie für dich beson­ders macht?

Lukas Foers­ter: Vor allem Un hom­me mar­che dans la ville hat mich ziem­lich umge­hau­en, das stimmt. Was mir an den Fil­men am bes­ten gefällt, und das ist auch etwas, das sie bei­de mit­ein­an­der ver­bin­det (bei allen Unter­schie­den, die es sonst durch­aus gibt), ist, dass sie eine Viel­zahl an Schick­sa­len und Erfah­rungs­wel­ten, Gesich­tern und Räu­men aus­brei­ten. Und zwar ohne, dass das irgend­wie ange­strengt oder kon­stru­iert wirkt. Die Fil­me sind schon von der Erzäh­lung her gedacht, aber gleich­zei­tig gibt es vie­le Gele­gen­hei­ten für Sei­ten­bli­cke. Und vor allem in Un hom­me mar­che dans la ville ist die fil­mi­sche Erfah­rungs­welt der­art dicht, dass man zwi­schen Erzäh­lung und Sei­ten­blick eigent­lich gar nicht mehr unter­schei­den kann.

Das ent­schei­den­de Bild dafür sind für mich die Trink­sze­nen in Knei­pen und Bars, die in Un hom­me und auch in Paglie­ros ers­tem Film Roma Cit­tà Libe­ra, der hier auch gezeigt wur­de, eine ent­schei­den­de Rol­le spie­len. Am Tre­sen ver­sucht man in einem Moment, sei­ne Sor­gen zu erträn­ken, im nächs­ten ban­delt man mit einer The­ken­schön­heit an und im über­nächs­ten wird man in eine wüs­te Schlä­ge­rei ver­wi­ckelt. Paglie­ro hat als Regis­seur selbst etwas von einem Bar­kee­per: ent­schei­dend ist nicht, dass das Pro­blem der Stun­de gelöst wird, son­dern dass das Gespräch am Lau­fen gehal­ten wird. Ich muss aller­dings gleich dazu sagen, dass das alles, bei nähe­rer Über­le­gung, auf den ein Jahr spä­ter ver­öf­fent­lich­ten Les amants de Bras­mort viel­leicht doch nicht mehr so gut passt. Wie wür­dest Du denn das Ver­hält­nis der bei­den Fil­me zuein­an­der beschreiben?

Un homme marche dans la ville von Marcello Pagliero

AA: Weil bei­des Hafen(arbeiter)filme sind, ver­grei­fe ich mich jetzt ein­fach mal an bil­li­gen mari­ti­men Meta­phern und sage: Un hom­me mar­che dans la ville ist der unab­wend­ba­re Unter­gang eines ein­sa­men, ver­wahr­los­ten Kut­ters auf offe­ner See, Les amants de Bras­mort hin­ge­gen die Irr­fahrt eines Schlepp­kahns auf der Suche nach einem siche­ren Hafen. Ers­te­rer ist, unge­ach­tet sei­ner mensch­li­chen Reich­hal­tig­keit, unfass­bar hart. Im Kata­log steht, Paglie­ro habe in sei­nem Werk eine Brü­cke geschla­gen zwi­schen Neo­rea­lis­mus, Exis­ten­zia­lis­mus (er und Sart­re hat­ten ein Nahe­ver­hält­nis) und poe­ti­schem Rea­lis­mus. Un hom­me häm­mert mit Vehe­menz in die mitt­le­rer Kerbe.

Alko­hol führt dar­in zwar zu unter­schied­li­chen Din­gen, aber im End­ef­fekt zieht er die Men­schen run­ter auf eine Tie­fe, aus der man nicht mehr her­aus­kommt. Die Leu­te trin­ken auch viel mehr als in Les amants, weil die Aus­weg­lo­sig­keit ihrer Ver­hält­nis­se immer und über­all spür­bar ist. Wäh­rend sich die Aus­beu­tungs­sys­te­me der Klas­sen­ge­sell­schaft in Les amants eher in Ein­zel­fi­gu­ren mani­fes­tie­ren und daher auch über­wind­bar schei­nen, haben sie sich in Un hom­me längst in der Atmo­sphä­re fest­ge­setzt. Man merkt das etwa am Ton: Die Klän­ge des Hafens schie­nen mir in Une hom­me viel schrof­fer, viel auf­rei­ben­der – der Film beginnt und endet mit einem Geheul (viel­leicht ein Schiffs­si­gnal, viel­leicht eine Sire­ne), dass die Erin­ny­en vor Neid erblas­sen las­sen könn­te. Musik gibt es kaum, die Juke­box in der Bar wird vom Wirt aus Genervt­heit unter fal­schem Vor­wand abge­dreht, als ein Stamm­kun­de sich etwas anhö­ren will. In Les amants, auch kein weich­ge­spül­ter Film, brin­gen die Schif­fe auf der Sei­ne den Sound­track zum Sin­gen. Der Film scheint stär­ker zurück­zu­grei­fen auf die her­be Roman­tik von Car­né und Vigo – und vor­zu­grei­fen auf Car­ax. Die Lie­be ist hier (im Unter­schied zu Un hom­me) stär­ker als der Tod. Du hast vor­her im Gespräch erwähnt, der Film hät­te für dich etwas Restau­ra­ti­ves. Was meinst du damit?

Les Amants du Brasmort von Marcello Pagliero

LF: Das war gar nicht so sehr als Kri­tik gemeint. Les amants de Bras­mort hat mir auch gefal­len, vor allem auch, weil das ein äußerst schön foto­gra­fier­ter Film ist, gera­de in den Schiff­sze­nen, wenn die­se gleich­zei­tig schwer­fäl­li­gen und ele­gan­ten Boo­te anein­an­der vor­bei­glei­ten. Da sich auch die Men­schen auf den Boo­ten bewe­gen, erge­ben sich dar­aus kom­ple­xe (aber wie­der­um gar nicht auf­dring­li­che) Cho­reo­gra­phien, mit drei beweg­li­chen Ele­men­ten: Boot, Figur, Kame­ra. Das passt auch gut zu den ero­ti­schen Span­nun­gen, die in allen drei Paglier­ofil­men wich­tig sind, aber hier noch ein­mal eine ande­re, fast schon phy­si­ka­li­sche Qua­li­tät erhalten.

Aller­dings ist das halt, auch wenn nur ein Jahr zwi­schen den Fil­men liegt, nicht mehr die­sel­be Welt wie die in Un hom­me mar­che dans la ville. Es gibt wei­ter­hin eine Auf­merk­sam­keit für das Abge­häng­te, Ver­lo­re­ne, beson­ders deut­lich in einer lan­gen Pas­sa­ge durch einen Sei­ten­ka­nal, in dem alte, höl­zer­ne Fracht­schif­fe vor sich hin rot­ten. Aber das ist eben nur noch ein Sei­ten­ka­nal und nicht mehr, wie noch in Un hom­me, die gan­ze Welt. Es gibt wie­der die Mög­lich­keit, sich aus eige­ner Kraft aus dem Sumpf zu zie­hen, und mit­hil­fe der Soli­da­ri­tät der ehr­li­chen Klein­un­ter­neh­mer auch dem neu­en, slicken Kapi­ta­lis­mus etwas ent­ge­gen zu set­zen. Und dabei wird eben auch eine älte­re Vor­stel­lung von Kino wie­der in Kraft gesetzt. Les amants erin­nert mich stark an das fran­zö­si­sche Star­ki­no der 1930er. Die Räd­chen grei­fen wie­der inein­an­der und am Ende geht es zumin­dest für eini­ge Figu­ren auf in eine bes­se­re Zukunft.

Un hom­me ist für mich dage­gen ein Film, der einen Fluch in die Gesell­schaft hin­ein­trägt. Tat­säch­lich ist das für mich, unter­halb des mani­fes­ten Plots, der eigent­li­che Kern des Films: Es geht um die Über­tra­gung und Pro­li­fe­ra­ti­on einer schuld­haf­ten Ver­stri­ckung, die in dem Kri­mi­nal­fall, um den es vor­der­hand geht, nur einen zufäl­li­gen Anlass fin­det. Eine Sache, die mir noch auf­ge­fal­len ist: In Paglier­ofil­men gibt es zwar eh kaum jemand, der eine gesi­cher­te, sor­gen­freie Exis­tenz führt, aber Frau­en haben es trotz­dem noch ein­mal schwe­rer. Siehst Du das auch so?

AA: Jeden­falls schei­nen sie die zu sein, auf denen am Ende am meis­ten abge­la­den wird. Viel­leicht, weil ihre Sehn­süch­te in die­ser archai­schen Welt nicht wirk­lich gel­ten, immer wie­der an allem Mög­li­chen abpral­len und sich schließ­lich gegen sie selbst wen­den. Wenn man sich die schuld­haf­te Ver­stri­ckung, von der du sprichst, als dunk­len Blitz denkt, so sind die Män­ner die Ablei­ter und die Frau­en sei­ne Erdung. Und sie sind dann eben ent­we­der stark genug oder nicht. In Un hom­me wird die von Ginet­te Leclerc gespiel­te weib­li­che Haupt­fi­gur – auch, weil sie so beses­sen ist von dem Gedan­ken, der unter den gege­be­nen Umstän­den irgend­wie recht­schaf­fe­ne, aber eben nicht makel­lo­se Prot­ago­nist sei ihre ein­zi­ge Ret­tung – so lan­ge igno­riert und her­um­ge­schubst, bis sie ver­zwei­felt und halb­her­zig zurück­schlägt, aber da ist es dann schon zu spät. Die Art, wie ihr der Film dann in einer ein­zel­nen, ver­knapp­ten Ein­stel­lung ein Ende berei­tet, ist von bres­so­nia­ni­scher Brutalität.

Ein Echo die­ses Schre­ckens fin­det sich in Les amants in der Mut­ter, die sich aus Angst, von allen allein­ge­las­sen zu wer­den, ins Was­ser stürzt. Für einen Augen­blick dach­te ich (womög­lich auch, weil ich Un hom­me vor­her gese­hen habe), sie wür­de nicht wie­der auf­tau­chen. Aber weil der Film einem ande­ren – restau­ra­ti­ven – Impe­tus folgt, wird sie raus­ge­fischt und kommt wie­der zu sich. Und die von Moni­que Levers gespiel­te Hel­din in Les amants hat allen erlit­te­nen Demü­ti­gun­gen zum Trotz genug Strahl­kraft in ihrem hel­len Gesicht, um den Män­nern ihre Wat­schen auch zurück­zu­wer­fen, um aktiv zu wer­den, die Machen­schaf­ten ihres auto­ri­tä­ren Papas zu sabo­tie­ren etc. Sie hat sich das Schwim­men bei­gebracht. Gene­rell wird in Les amants mehr geschwom­men, zumin­dest auf Schif­fen; viel­leicht ist das der wesent­li­che Unter­schied zwi­schen den bei­den Fil­men: An Land kann es kei­ne Frei­heit geben, auf dem Fluss zumin­dest eine Ahnung davon.