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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Eine Stippvisite beim Filmfest München

Ich war heu­er beim Film­fest Mün­chen. Genau­er gesagt: Ich habe mir heu­er einen Film beim Film­fest Mün­chen ange­schaut – einen ein­zi­gen. Stimmt nicht ganz, einen Vor­film gab es auch – aber es war nur ein ein­zi­ges Film­pro­gramm. Besucht habe ich das FFM, um ein paar Inter­views zu füh­ren. Neben­her, so mei­ne Hoff­nung, wür­de ich viel­leicht auch ein biss­chen ins Fes­ti­val rein­schnup­pern kön­nen und mir einen kur­so­ri­schen Ein­blick ins ört­li­che Ambi­en­te ver­schaf­fen. Lei­der wur­de aus die­sem Vor­ha­ben nichts, unin­ter­es­san­ter Grün­de hal­ber. Bezie­hungs­wei­se wur­de schon was draus, aber eben nur die­se eine Vor­stel­lung. Zumal von einem Film, den ich ohne­hin schon kann­te: Zama von Lucre­cia Martel.

Kann man von einer ein­zi­gen Film­vor­füh­rung auf ein gan­zes Fes­ti­val schlie­ßen? Wahr­schein­lich nicht. Trotz­dem wage ich hier die­se unan­ge­mes­se­ne Extra­po­la­ti­on, im Guten wie im Schlech­ten: Schließ­lich wur­de mir für die Zama-Vor­stel­lung eine Pres­se­kar­te gewährt, und ich emp­fin­de dar­ob eine mode­ra­te Textbringschuld.

Was mir noch vor Film­be­ginn auf­fiel, war die Stim­mung im Kino. Jedes Film­fes­ti­val hat eine Grund­stim­mung, die dem Groß­teil sei­ner Vor­füh­run­gen eig­net. In Can­nes ist die­se fei­er­lich, ange­spannt und dabei trotz­dem auf eine erschöpf­te Art aus­ge­las­sen. Bei der Vien­na­le befin­det sie sich meist auf der Schwel­le zwi­schen Gemüt­lich­keit und Pie­tät. In Bolo­gna wirkt sie in ers­ter Linie ange­nehm. In Ber­lin eher gestresst. Hier in Mün­chen, nament­lich in einem klei­nen, voll­ge­pack­ten Saal der City Kinos gegen 19:30, hat sie etwas Hei­me­li­ges, woh­lig Auf­ge­reg­tes – schön, wir sehen jetzt einen Film!

Was gleich klar ist, als die bei­den Mode­ra­to­ren auf­tre­ten: Ein cine­phi­les Pri­va­tis­si­mum wird das hier nicht. Die kur­zen Ein­füh­run­gen sind nie­der­schwel­lig, ein biss­chen schwär­me­risch, wei­sen das Publi­kum sach­te dar­auf hin, doch bit­te etwas genau­er als womög­lich üblich auf Bild­spra­che und Sound­de­sign zu ach­ten – als wür­den sie im Wohn­zim­mer den Freun­den erst­mals ihren etwas exzen­tri­schen Lieb­lings­film zei­gen. Im Zuschau­er­raum sitzt, so scheint es mir zumin­dest, viel Lauf­kund­schaft, nicht nur Pres­se­ver­tre­ter und Fes­ti­val­rou­ti­niers. Ob sie ahnen, was auf sie zukommt?

Gehen tut jeden­falls kaum jemand. Ob sich wer lang­weilt, kann ich nur bedingt beur­tei­len. Hie und da schei­nen Leu­te jeden­falls mit dem Film mit­zu­ge­hen, lachen auch stel­len­wei­se oder geben ein nach­denk­li­ches „Hm!“ von sich. Als die Vor­stel­lung dann zu Ende ist – bzw. eben noch nicht ganz zu Ende – erst­mal ein klei­ner Schock: Kei­ne zwei Sekun­den nach Beginn des Abspanns (und der Zama-Abspann ist kein japa­ni­scher Schluss-Aus-Rock­mu­sik-Abspann, son­dern ein behut­sam von der lan­gen, musi­ka­lisch ver­träum­ten Ein­stel­lung eines lang­sam aus dem Bild drif­ten­den Kanus zum Aus­klang über­lei­ten­der, farb­lich aus­ge­stal­te­ter Hier-Ein-Name-Nach-Dem-Andern-Abspann) wird der Ton abrupt gekappt, und Flo­ri­an Borchmey­er, Lei­ter des inter­na­tio­na­len FFM-Pro­gramms und einer der bereits erwähn­ten Mode­ra­to­ren, läuft vor die Lein­wand und ins wei­ter­strah­len­de Pro­jek­torlicht, um sicht­lich erfreut bekannt­zu­ge­ben, dass die Regis­seu­rin wider Erwar­ten zuge­gen ist und sich zu einem Publi­kums­ge­spräch bereit erklärt hat.

An die­sem Punkt wären bei mir nor­ma­ler­wei­se schon die Luken dicht. So bru­tal in eine Sich­tung rein­zu­schnei­en, bei der sich noch kei­ner­lei Auf­bruchs­stim­mung breit­ge­macht hat, und damit die Inte­gri­tät des Films zu unter­höh­len, tut in mei­nen Augen kei­nem Fes­ti­val gut. Aber ok: Dass Mar­tel da ist, weiß hier ja noch nie­mand, und wenn man nicht gleich Bescheid gibt, sind am Ende wirk­lich alle weg. Außer­dem scheint sich die Fil­me­ma­che­rin selbst, die auch schon vor­ne steht (und bei der man dann doch annimmt, dass sie das Kino als Kunst­form ernst nimmt), in keins­ter Wei­se am Pro­ze­de­re zu stö­ren. Viel­leicht ist mein Schre­ck­im­puls ja über­haupt nur cine­phi­le Eitel­keit. Also mal schauen.

Tat­säch­lich blei­ben jetzt nicht alle, aber doch vie­le Men­schen, um Mar­tel zuzu­hö­ren und ihr Fra­gen zu stel­len. Sie, die in etwa­igen Video­in­ter­views einen etwas eigen­bröt­le­ri­schen Ein­druck auf mich gemacht hat, wirkt hier in per­so­na gar nicht so, son­dern sehr umgäng­lich, locker und gut auf­ge­legt, mit Men­schen zu reden – auch mit sol­chen, die mit ihrer Art von Kino viel­leicht kaum was am Hut haben. Zwar sagt sie dann schon Sachen wie: Ein Film muss erst­mal gar nichts. Aber das klingt aus ihrem Mund weder her­ab­las­send noch ein­ge­bil­det noch apo­dik­tisch. Son­dern genau­so, wie es klin­gen soll­te – nach Wahr­heit. Sie holt auch wei­ter aus, erzählt (mit Über­set­zung von Borchmey­er) von der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Films, der Inspi­ra­ti­on durch eine Odys­see gegen die Strö­mung des Paraná-Flus­ses (das Boot kam nur so lang­sam vor­wärts, dass sie auch zu Fuß hät­te gehen kön­nen, scherzt Mar­tel), der unge­wöhn­li­chen Musik­aus­wahl – und mit weni­gen Aus­nah­men, die irgend­wann den Saal ver­las­sen, schei­nen die Zuschau­er dank­bar für ihre Ausführungen.

Als ich dann hin­aus­tre­te in den Gast­gar­ten der City Kinos, einer lau­schi­gen Bobo-Enkla­ve im sonst eher lebens­s­att unge­bär­di­gen Bahn­hofs­vier­tel Mün­chens, den­ke ich mir: War doch eigent­lich ganz nett. Hier haben eben gar nicht mal so weni­ge Men­schen, die, wie ich anzu­neh­men wage, nicht all­zu oft ins Kino gehen und dort nur sel­ten etwas vor­ge­setzt bekom­men, was sie wirk­lich her­aus­for­dert, mehr oder weni­ger auf­merk­sam und enthu­si­as­tisch einen Film gese­hen, der zwar zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht ganz so „schwie­rig“ war, wie ich ihn ursprüng­lich in Erin­ne­rung hat­te, aber doch in jeder Hin­sicht unge­wöhn­lich und von klas­si­schen Erzähl­ki­no­mus­tern mei­len­weit ent­fernt. Die­se Men­schen sind mehr­heit­lich gebannt bis zum Ende geblie­ben und haben ihre hof­fent­lich span­nen­de und/​oder sin­nes­er­wei­tern­de Erfah­rung über­dies per Augen­hö­hen­be­geg­nung mit der Fil­me­ma­che­rin abgerundet/​konsolidiert und inso­fern im Ide­al­fall als posi­tiv und wie­der­ho­lens­wert abge­spei­chert. Das kann (nicht nur, aber heut­zu­ta­ge vor allem) ein Film­fes­ti­val leis­ten, und viel­leicht ist eine ein­la­den­de, „Ach­tung, Kunst!“-Barrieren abbau­en­de „Net­tig­keit“, die ich im fil­mi­schen Mehr­heits­be­spa­ßungs­event­kon­text sonst eher ableh­nen wür­de, ganz ein­fach not­wen­dig für die­se Leistung.

Aber dann fällt mir der Arti­kel aus einer FFM-Bei­la­ge der Süd­deut­schen Zei­tung wie­der ein, den ich vor Zama gele­sen habe, und in dem steht, dass das Film­fest bald bud­ge­tär auf­ge­stockt und „zum Medi­en­fes­ti­val umge­baut“ wer­den soll. Dann sol­len hier „neben Fil­men und Seri­en“ auch „Games, Ani­ma­ti­on und Vir­tu­al Rea­li­ty“ eine Rol­le spie­len. Kei­ne Sor­ge: „Film bleibt der Nukle­us“, zitiert der Text Fes­ti­val­di­rek­to­rin Dia­na Ilji­ne, um dann eupho­risch zu schlie­ßen: „Das Film­fest macht sich fit für die Zukunft – und nur die Pes­si­mis­ten und Ver­wei­ge­rer sagen viel­leicht noch: ‚Braucht’s das?‘“ Auch das ist ein Resul­tat besag­ter Net­tig­keit, die sich hier als Anpas­sungs­be­reit­schaft an Gege­ben­hei­ten äußert, die die Spe­zi­fi­tät der Kino­er­fah­rung ver­leug­nen. Und plötz­lich bin ich mir doch nicht mehr so sicher, ob es wirk­lich sinn­voll ist, von einer ein­zi­gen Film­vor­füh­rung auf ein gan­zes Fes­ti­val zu schließen.