Filmfest München 2019: Kyrgios VS Nadal

Zufäl­lig vor dem Fern­seh­ge­rät statt im Kino gelan­det. Konn­te mich nicht mehr lösen. Dort zu sehen das Wim­ble­don-Zweit­run­den­spiel zwi­schen Rafa­el Nadal und Nick Kyr­gi­os. Die bei­den Kon­tra­hen­ten, zwei Sei­ten nicht mal der glei­chen Medail­le, haben eine Geschich­te. Wie vie­le Geschich­ten im Sport ist sie eine der Gegen­sät­ze, die in die­sem son­ni­gen Don­ners­tag­abend in Lon­don ihre wür­di­ge oder unwür­di­ge Fort­set­zung bekom­men soll­te. Kyr­gi­os, der unkon­ven­tio­nells­te Spie­ler sei­nes Talents, hat­te Nadal 2014 völ­lig über­ra­schend aus eben­die­sem Tur­nier gewor­fen. Sei­ne Spiel­wei­se, die jeder klas­si­schen Beschrei­bung die­ses klas­si­schen Sports spot­tet, ver­mag den bis­wei­len bewun­derns­wert maschi­nell agie­ren­den Nadal zu bre­chen. Nadal, des­sen Spiel­wei­se einer Uhr gleicht, wirkt im Ange­sicht von Kyr­gi­os wie ein Queen’s Guard, dem nicht erlaubt wird sich zu bewe­gen, wäh­rend ihm eine wild­ge­wor­de­ne Wes­pe um die Nase fliegt. Wenn Ten­nis, wie man bei Ser­ge Daney lesen oder in Juli­en Farauts L’Empire de la Per­fec­tion sehen kann, etwas mit der Beherr­schung der Zeit im Raum zu tun hat, dann ver­hin­dert die­ser Kyr­gi­os mit sei­nen Ein­la­gen, Mätz­chen und Extra­va­gan­zen, dass der spa­ni­sche Mata­dor, sei­nes Zei­chens einer der größ­ten Herr­scher über Raum und Zeit, die­se Kon­trol­le behält.

Das Vor­spiel zum bemer­kens­wer­ten Duell auf dem hei­li­gen Rasen lie­fer­te ein Auf­ein­an­der­tref­fen in Aca­pul­co. Dort besieg­te der Aus­tra­li­er Kyr­gi­os Nadal in drei Sät­zen und ver­un­si­cher­te die­sen vor allem mit wie­der­hol­ten Auf­schlä­gen „von unten“. Also nicht der gewohn­te Schwung über den Kopf, son­dern die geschau­fel­te Vari­an­te, die zwar erlaubt ist, aber als respekt­los gilt. Legen­där ist ein sol­cher Auf­schlag von Micha­el Chang gegen Ivan Lendl 1989 in Paris gewor­den. Mit Krämp­fen kämp­fend ver­un­si­cher­te der US-Ame­ri­ka­ner den Rhyth­mus sei­nes tsche­chi­schen Kon­tra­hen­ten. In einem French Open Fina­le der Damen ern­te­te die Schwei­ze­rin Mar­ti­na Hin­gis für zwei sol­che, in ihrer Lan­des­spra­che „uneu­fe“ genann­te, Auf­schlä­ge Pfif­fe und Buh­ru­fe. Die­se Schlä­ge sind wie eine men­ta­le Unter­bre­chung des Spiels, indem sie an das Spiel (den nichts ande­res ist Ten­nis) erin­nern, auf dem die schein­ba­re Rea­li­tät (denn nichts ande­res ist Ten­nis) die­ses Hin-und-Hers grün­det. Gegen Nadal, der für gewöhn­lich weit hin­ter der Grund­li­nie ste­hend auf sei­nen Ein­satz war­tet, ist das ein pro­ba­tes Mit­tel, aber es kommt eben im von aris­to­kra­tisch ver­seuch­ten Ethik­prin­zi­pi­en im Ten­nis einer Majes­täts­be­lei­di­gung gleich. Nadal beschwer­te sich im Nach­klang des Spiels über die Respekt­lo­sig­keit sei­nes Kon­tra­hen­ten. Es kam zu eini­gen Wort­ge­fech­ten. Wenn es nur die­se Auf­schlä­ge wären, könn­te man bei­na­he unein­ge­schränkt auf der Sei­te von Kyr­gi­os stehen.

Aber dann sieht man ihm im Fern­seh­bild. Umher­ti­gernd, mit gebeug­ter Hal­tung, bei­na­he an Qua­si­mo­do erin­nernd, sein Hand­tuch hält er wie ein Hund in sei­nem Mund. Böse fla­ckert das Licht einer Unbe­re­chen­bar­keit in sei­nen Augen, man hat das Gefühl, dass das grü­ne Gras unter sei­nen Füßen braun wird. Sei­nen Kra­gen hoch­ge­stellt, lässt er immer wie­der läs­sig den Schlä­ger um sei­ne Fin­ger krei­sen wie ein Revol­ver­held. Zwei Ohr­rin­ge glän­zen an sei­nem lin­ken Ohr. Am Vor­abend, so berich­tet man, war er am spä­ten Abend noch in einem Pub und Bur­ger-Restau­rant gesich­tet wor­den. Nadal ver­sucht nicht hin­zu­se­hen. Er ver­sucht sei­nen Ritua­len zu fol­gen. Was­ser, Bana­ne, Elek­tro­ly­te. Im Lauf­schritt betritt er zu spät das Feld. Vor sei­nem Auf­schlag tippt er den Ball zig­fach auf den Boden, wischt an allen erdenk­li­chen Stel­len den Schweiß aus sei­nem Gesicht, von sei­nen Armen und Fin­gern. Immer wie­der greift er zum Hand­tuch, die Mund­win­kel ver­zo­gen, die Augen eine ein­zi­ge Fal­te der Anspan­nung. Am Vor­abend, so weißt man, ist er früh ins Bett gegangen.

Im ers­ten Satz wirkt es noch so, als wür­de sich der stoi­sche Nadal nicht beir­ren las­sen. Früh legt er ein Break vor und lässt sein Uhr­werk rat­tern. In die­sem Spiel, das war allen vor­her klar, wür­de es dar­um gehen, ob die Uhren von Nadal aus der Zeit flie­gen oder ob er sie in die­ser hal­ten kann. Kyr­gi­os, über den der Kom­men­ta­tor spä­ter sagen wird, dass er alles und nichts kön­ne, besitzt einen gan­zen Beu­tel vol­ler Stö­run­gen, die er nach und nach in das Spiel wirft. So tanzt er wie ein beschwips­ter Gene Kel­ly auf dem Rasen bevor Nadal ser­viert, links und rechts, hoch und run­ter, sodass sich vor Nadal kein fes­tes Bild auf­bau­en kann. Natür­lich wagt er auch mit Erfolg den Auf­schlag von unten. Er spuckt sicht­bar sei­nen Spei­chel in die Lon­do­ner Abend­luft, führt lamen­tie­ren­de Mono­lo­ge und schließ­lich ent­deckt er so etwas wie die Mut­ter­zel­le des spa­ni­schen Rhyth­mus’. Denn Nadal, man kennt es, lässt sich unheim­lich viel Zeit. Er lässt sei­ne Kon­tra­hen­ten war­ten, wäh­rend er unbe­irr­bar sei­nen Ritua­len folgt. Kyr­gi­os beginnt sich dar­über zu beschwe­ren. Er dis­ku­tiert die ers­ten zwei Sät­ze prak­tisch in jeder Unter­bre­chung laut mit dem Unpar­tei­ischen. Man weiß nicht, ob er es wie John McEn­roe für sich selbst tut oder ob er nur Nadal bre­chen will. Nadal schlägt so gute ers­te Auf­schlä­ge in die­sem Spiel wie ganz sel­ten. Auf Rasen und gegen jene, die den Rhyth­mus bre­chen wol­len, ist ein guter ers­ter Auf­schlag das bes­te Mit­tel. Für die Qua­li­tät die­ses ent­schei­den­den Schla­ges fin­det die Vor­be­rei­tung sozu­sa­gen außer­halb des eigent­li­chen Spiels statt. Es sind die offi­zi­ell 25 Sekun­den, die der vor Schweiß trop­fen­de Nadal Zeit hat, um auf­zu­schla­gen. Er über­spannt den Bogen immer wie­der sanft. Der Schieds­rich­ter lässt ihn gewäh­ren, Kyr­gi­os nicht. Ein ähn­li­ches Bild bei Auf­schlag des Aus­tra­li­ers. Die­ser will ein­fach schla­gen, aber Nadal ist noch nicht so weit. Ein ent­setz­tes Schul­ter­zu­cken, ein Kom­men­tar in Rich­tung des Schieds­rich­ters, irgend­wann muss Nadal es hören.

Tat­säch­lich wirkt er beein­druckt im zwei­ten Satz, den Kyr­gi­os recht domi­nant für sich holt. Die­se Zeit, in der gar kein Ten­nis gespielt wird, ist ent­schei­dend für die­ses Spiel. Sie ent­schei­det dar­über wie gespielt wer­den kann. Im Film fän­de sie ihr Pen­dant wohl räum­lich mit dem Off-Screen, in der Lite­ra­tur ist es womög­lich das, was zwi­schen den Zei­len geschrie­ben steht, in der Musik sind es die Pau­sen, im Leben jene Augen­bli­cke, in denen man kurz Luft holt. Was pas­sie­ren kann beim Luft­ho­len: Man bekommt Luft, man erholt sich, man kon­zen­triert sich, man hus­tet, man ver­spürt ein Krat­zen im Hals, man spürt das Gewicht der Welt oder eben man ver­schluckt eine Wes­pe. Die Geschich­te die­ses Spiels ist eine Arbeit gegen die Zeit. Die bes­se­re, weil unnach­gie­bi­ge­re Uhr hat Nadal. Er ist der kom­plet­te­re Spie­ler, was nicht heißt, dass er talen­tier­ter ist. Kyr­gi­os erin­nert auch Kraft sei­nes Namens an eine Figur aus der grie­chi­schen Mytho­lo­gie. Jemand, der unter der Erde gegen Stei­ne schlägt, damit es Beben gibt, die die Welt von ihrem Weg abbrin­gen. Nadal ist der mus­ku­lö­se, strah­len­de Held in die­ser Geschich­te, er ver­sucht die Erde auf Kurs zu hal­ten. In der Mit­te des aus­ge­gli­che­nen drit­ten Sat­zes fällt Kyr­gi­os nichts mehr ein, also schießt er Nadal mit einer Art Base­ball­schlag auf den Kör­per gezielt ab. Nadal war ans Netz gegan­gen, um einen Punkt zu machen, Kyr­gi­os, der in die­sem Spiel eini­ge außer­ge­wöhn­lich gefühl­vol­le Schlä­ge in die Land­schaft streicht, feu­ert rück­sichts­los auf sei­nen Kör­per. Die Fern­seh­bil­der zei­gen nicht, ob es eine Ent­schul­di­gung gab, aber der lan­ge, böse Blick von Nadal über sei­ne Schul­ter lässt ver­mu­ten, dass es kei­ne gab. Die­ser Akti­on folgt ein Dop­pel­feh­ler. Nadal wankt.

Hier auf dem hei­li­gen Rasen hat der Spa­ni­er „nur“ zwei­mal gewon­nen (in Paris auf Sand hat er 12mal tri­um­phiert) und gene­rell wirkt die Spiel­flä­che, wenn er spielt, in Paris immer deut­lich grö­ßer als in Lon­don. Auf Sand beherrscht er Raum und Zeit ohne Ein­schrän­kung, woge­gen das schnel­le­re Spiel auf Rasen mit­samt der grö­ße­ren Unbe­re­chen­bar­keit ihm Schwie­rig­kei­ten berei­tet. An die­ser Stel­le ver­steht Nadal, der für gewöhn­lich einer der größ­ten Sports­män­ner in die­sem Zir­kus ist, dass er die­ses Spiel nicht allein auf dem Platz gewin­nen wird. Er muss auch die Zeit außer­halb des Spiels beherr­schen. Hier gewinnt Nadal die­ses Spiel. Er beginnt zu schrei­en, das Publi­kum zu ani­mie­ren, zu spre­chen, zu sprin­gen. Wie ange­sta­chelt wirkt er, ob der Pro­vo­ka­tio­nen sei­nes Gegen­übers. Er ret­tet sich aus der Situa­ti­on und lan­det in einem Tie-Break. Einen sol­chen hat er in sechs Duel­len mit Kyr­gi­os noch nie für sich ent­schie­den. Aber inzwi­schen ist Kyr­gi­os ver­hält­nis­mä­ßig ruhig gewor­den. Er zeigt sich beein­druckt, denn Nadal ist stär­ker geworden.

Plötz­lich steht eine ande­re Fra­ge im Raum: Kann man sei­nen Rhyth­mus ver­lie­ren, wenn man den Rhyth­mus der ande­ren bricht? Eine poli­ti­sche Fra­ge, wenn man an das offen­si­ve Vor­ge­hen man­cher Oppo­si­ti­ons­par­tei­en denkt. Die­se ewi­ge Fra­ge, ob Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­ker eines Sys­tems, eines Werks oder eben einer Regie­rung es „bes­ser“ machen könn­ten. Kön­nen aus destruk­ti­ven Impul­sen eige­ne Zeit­rech­nun­gen ent­ste­hen? Indem Nadal beginnt (zuge­ge­ben äußerst mode­rat, aber immer­hin) die­sen Impul­sen eige­ne Stö­run­gen ent­ge­gen­zu­set­zen, bricht er die Selbst­ver­ständ­lich­keit der extra­va­gan­ten Pro­test­hal­tung von Kyr­gi­os. Die­ser macht ent­schei­den­de Feh­ler. Nicht nur in die­sem drit­ten Satz, den Nadal für sich ent­schei­det, son­dern auch im fina­len vier­ten Satz, der wie­der in einem Tie-Break endet. Dort macht Kyr­gi­os die Feh­ler, die er in Nadal pro­vo­zie­ren woll­te. Er schlägt einen ein­fa­chen Ball ins Netz und kann sich davon nicht erho­len. Er ver­liert, obwohl er nicht schlech­ter war. Nadal, ein gro­ßer Cham­pi­on wie man so sagt, hat die Zeit zurück­er­obert. Er hat es geschafft, weil er sei­ne eige­nen Hand­lun­gen außer­halb der eigent­li­chen Zeit gefun­den hat. Statt nicht auf Kyr­gi­os zu reagie­ren oder ihn zu imi­tie­ren, hat Nadal eine eige­ne Spra­che in der Zeit­zo­ne des Aus­tra­li­ers gefun­den. Er hat ihm den Stolz und die Wut einer dem Spiel und sei­ner Ästhe­tik zuge­wand­ten Posi­ti­on ent­ge­gen­ge­stellt. Dadurch hat er Kyr­gi­os nicht nur ver­lie­ren las­sen, son­dern ihn auch zu einem guten Ver­lie­rer statt schlech­ten Gewin­ner gemacht. Still war er am Ende. Die ein­zi­ge wirk­li­che Stö­rung im vier­ten Satz ging von einer Bach­s­tel­ze aus, die das Spiel­feld beflog. Mit ihr flog der Schlä­ger des Aus­tra­li­ers, aber nicht weit genug, um auf der ande­ren Sei­te des Net­zes hör­bar zu sein.