Englische Ambivalenzen in Alan Clarkes Penda’s Fen

“You see, you are like the Eng­lish lan­guage, Ste­phen. You have for­eign par­ents, too. Even Edward Elgar had … some Welsh blood.” Mit die­sen beschwich­ti­gen­den Wor­ten beich­tet in Alan Clar­kes Film Penda’s Fen Pas­tor Frank­lin sei­nem Sohn Ste­phen zum acht­zehn­ten Geburts­tag, dass er eigent­lich adop­tiert ist. Sie sit­zen im Gar­ten an einem Holz­tisch, der auf einem satt­grü­nen Rasen steht. Im Hin­ter­grund ist das vik­to­ria­ni­sche Back­stein­haus der Fami­lie zu sehen, des­sen Gar­ten­tür, ein­ge­fasst in einem mehr­sei­ti­gen Erker, geöff­net ist. Links davon sieht man eine sau­ber fas­so­nier­te Hecke und eine Baum­grup­pe. Recht­erhand wächst Efeu die Haus­mau­er empor. 

Im von Alan Clar­ke und David Rud­kin für die BBC-Serie Play for Today ent­wi­ckel­ten TV-Film ler­nen wir einen jun­gen Mann vol­ler Über­zeu­gun­gen ken­nen. Ste­phen ist ein streng­gläu­bi­ger Angli­ka­ner, des­sen tra­di­tio­nel­le Hal­tung sich vor allem bei einer Sache zeigt: dem Kin­der­krie­gen. Kin­der­lo­se Fami­li­en sind ihm suspekt. Auch will er zum Mili­tär, um dem Vater­land zu die­nen. Für ihn zählt allein der Manich­äis­mus –Gut gegen Böse. Für sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den in der pri­va­ten Ober­schichts­bu­ben­schu­le, selbst schon sehr kon­ser­va­tiv, gilt er als Fun­da­men­ta­list. Einst­wei­len zieht ihn der Milch­mann für sei­ne star­ren Ansich­ten auf, den Geschichts­leh­rer stört sei­ne sozia­le Unan­ge­passt­heit und sein libe­ra­ler Pas­to­ren­va­ter hält mit Mil­de dage­gen. Doch als Ste­phen über sei­ne Adop­ti­on auf­ge­klärt wird, wer­den sei­ne Über­zeu­gun­gen in ihren Grund­fes­ten erschüt­tert. Es folgt eine radi­ka­le Bewusstseinsveränderung. 

Aber noch­mal zurück an den Gar­ten­tisch. Inter­es­sant ist die Posi­ti­on des Tisches im Ver­hält­nis zu den Kame­ra­win­keln: Ste­phen wird von schräg rechts und von hin­ten gefilmt. Er sitzt stirn­sei­tig und sein Kör­per ist leicht auf den Tisch gebeugt, wäh­rend er den Wor­ten des Vaters regungs­los zuhört. Die­ser wie­der­um sitzt zu ihm hin gebeugt und hat sei­ne Hän­de inein­an­der gefal­tet. Sein Gesichts­aus­druck ist ange­spannt und sein Pas­to­ren­kra­gen umschließt pro­mi­nent sei­nen Hals wie in einem Wür­ge­griff. Ste­phens Mut­ter sitzt auf der ande­ren Sei­te, eben­falls zu ihm bli­ckend. Ihr Kopf ist leicht geneigt, sie hat ihre Hän­de in den Schoß gelegt und beob­ach­tet ner­vös abwar­tend, wie der Sohn die Neu­ig­kei­ten nun auf­neh­men wird. 

Es ist eine unge­wöhn­li­che Kon­stel­la­ti­on, denn der Tisch hat eigent­lich Platz für acht Stüh­le. Die Eltern sit­zen an der Längs­sei­te, aber jeweils am Mit­tel­platz, sodass zwi­schen ihnen und ihrem Sohn je ein Stuhl als Bar­rie­re steht, was die Beklem­mung der Situa­ti­on noch zusätz­lich stei­gert. Ste­phen ist gleich­sam ein­ge­zäunt vom Haus, von der Kame­ra hin­ter ihm und von den flan­kie­ren­den Eltern. So erfährt er fest­ge­zurrt in die­sem Kor­sett gera­de Unglaub­li­ches. Im nächs­ten Bild blickt er auf die Fotos sei­ner leib­li­chen Eltern in sei­nen Hän­den. Und schließ­lich sieht man sein ver­wirr­tes, trau­ri­ges Gesicht, von dem eine Trä­ne die lin­ke Wan­ge hin­ab perlt.

Infol­ge­des­sen erschei­nen Ste­phen in Visio­nen zuerst ein Engel, dann der Kom­po­nist Edward Elgar, des­sen Musik er ver­ehrt, und gegen Ende des Films der letz­te heid­ni­sche König Eng­lands, Pen­da von Mer­cia. Nach und nach weicht Ste­phens kon­ser­va­ti­ver Abso­lu­tis­mus auf, was von homo­ero­ti­schen Fan­ta­sien mit sei­nen Mit­schü­lern ange­kün­digt wird. Er stellt sich nun gegen die ihm auf­er­leg­ten gesell­schaft­li­chen Nor­men, man könn­te sagen er ist auf dem Weg von straight zu que­er. Ste­phen steht hier mit sei­nen Kräf­ten und Hypo­k­ri­sie stell­ver­tre­tend für Eng­land: Auto­ri­ta­ris­mus und Tra­di­ti­on, heid­ni­sche Ver­gan­gen­heit und christ­li­cher Kon­for­mis­mus, Mys­ti­zis­mus und Landschaftsverbundenheit.

Bei einem Spa­zier­gang in den Mal­vern Hills gehen Ste­phen und sein Vater, umge­ben von den eng­li­schen Hügeln Worces­ter­shires, dem Son­nen­un­ter­gang ent­ge­gen. Sie wer­den von schräg rechts jetzt mit Hand­ka­me­ra, nicht mehr ein­ge­klemmt, son­dern fast schwe­bend, im Gehen gefilmt. Im Gegen­schuss sieht man, wie nach und nach die oran­ge­far­be­ne Son­ne hin­ter dem Hori­zont ver­glüht und das Nacht­blau den Abend über­nimmt. Pas­tor Frank­lin erzählt die Geschich­te von König Pen­da und scheint ihn zu ver­mis­sen: “What mys­tery of this land went down with him fore­ver. When Pen­da fell, what dar­kened sun of light went out?” 

Schließ­lich stellt Ste­phen sei­nem Vater die Fra­ge nach dem Glau­ben. Der ant­wor­tet nicht, wie man es von einem Pas­tor erwar­ten wür­de, gott­er­ge­ben, son­dern ambi­va­lent: “I am two sel­ves … Whe­re fathers fail, they look to their sons to achie­ve.” Damit räumt er Ste­phen den Zwei­fel am Abso­lu­ten ein, was viel­leicht auch bedeu­tet, dass Idea­lis­mus immer auch rela­tiv ist und wir nur mit dem wal­ten kön­nen, von dem wir im Moment über­zeugt sind. Nur im Schei­tern und im Zwei­fel lässt sich der Wahr­heit näher kom­men. So gibt es den Men­schen auch in Wirk­lich­keit und einer idea­len Vor­stel­lung, aber nichts davon ist abso­lut – weder im Guten wie im Bösen, noch in die­sem Fall „rein“ Eng­lisch – und kann je als voll­endet gelten.