Erster Brief über das Sehen und das Kino bei Annie Dillard

Ich habe ges­tern Nacht das Kapi­tel bei Annie Dil­lard und ihrem Pil­grim at Tin­ker Creek gele­sen, in dem sie von den Blin­den berich­tet, die das Sehen erler­nen, die nicht sehen wol­len. Du hast es wahr­schein­lich auch schon gele­sen. Ich habe sel­ten etwas gele­sen, das bes­ser erzählt hat, war­um das Kino und die Welt so stark ver­bun­den sind, war­um das Sehen in der Welt so schwie­rig, rar ist. Es gibt eine Sehn­sucht nach dem Erblin­den. Weil es zu viel Licht gibt? Ich fra­ge mich manch­mal, ob wir ins Kino gehen um zu sehen, oder um nicht sehen zu müs­sen. Eigent­lich ist die Ant­wort klar. Sie hängt mit dem zusam­men, was Abbas Kiaros­t­ami mal gesagt hat, näm­lich dass er Din­ge bes­ser sehen kön­ne, wenn ein Rah­men um sie her­um sei. Aber manch­mal erwi­sche ich mich in einem Zwi­schen­sta­di­um. Ich gehe ins Kino, um das zu sehen, was ich gar nicht sehen kann. Das, was zwi­schen zwei Bil­dern pas­siert und mei­ner Wahr­neh­mung ent­weicht. Zum Bei­spiel die Geburt eines Gefühls, das Ver­blas­sen einer Angst oder Lust. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Sehen nen­nen kann. Es ist sicher etwas, das durch mein Sehen hin­durch muss. Aber es ist kein Ein­se­hen, schon gar kein Fern­se­hen. Eher ist es ein Ver­se­hen, leicht ent­rück­tes Sehen, nicht so gezielt, viel­leicht mehr ein Schwamm, denn eine Taschen­lam­pe. Ich mag es nicht so sehr, wenn Din­ge in Fil­men sehr stark beleuch­tet wer­den (außer die Augen der Frau­en bei Von Stern­berg), das heißt: Eigent­lich mag ich es schon, aber ich mag es nur für den Schat­ten der dann ent­steht. In ihm wür­de ich dann suchen. Wie in der Sze­ne am Ende von Visi­ta, ou Memóri­as e con­fis­sões von Man­oel de Oli­vei­ra, wenn die bei­den Besu­cher für den Hauch eines Nicht­lichts durch das Sehen huschen, als wären sie gar nie da gewe­sen. Viel­leicht suche ich des­halb auch nach die­sen Kame­ra­schat­ten wie jene von Hen­ri Ale­kan, Emma­nu­el Machuel, Agnès Godard oder Wil­liam Lubt­chan­sky. Es geht mir dabei nicht um die Ima­gi­na­ti­on. Ich glau­be, dass das Kino jen­seits davon ope­riert, in sei­ner eige­nen Rea­li­tät der Phantasmagorien.

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Oft wird das Kino ja auch mit der Erin­ne­rung in Ver­bin­dung gemacht. Es gibt die­se Idee, dass man Fil­me macht, um etwas fest­zu­hal­ten. Ich mag aber immer mehr die Fil­me­ma­cher, die die­sem Fest­hal­ten ent­rin­nen, die wie Mar­gue­ri­te Duras oder Pedro Cos­ta Fil­me machen, um zu ver­ges­sen. Die das Flüch­ti­ge als eine Arbeit der Bil­der ver­ste­hen. Die Arbeit mit dem Flüch­ti­gen, das Flüch­ti­ge der Arbeit und alles, was dazwi­schen pas­siert, vor allem, ja vor allem, was dazwi­schen pas­siert. Zum Bei­spiel ein Blick aufs Meer bei Duras. Was ist das eigent­lich? Dar­in spie­gelt sich ja auch etwas, was mit dem Kino zusam­men­hängt. Eine Sehn­sucht, Seen­sucht, wenn man so will. Ein wenig ein­fach die­se Wort­hül­se, aber sie sagt doch eini­ges. Der Oze­an bei Duras ist immer zugleich Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit, er trägt sich, liegt still und tobt, er ist immer da, unheim­lich beru­hi­gend und doch vol­ler Unweg­sam­kei­ten, kaum erforscht, unbe­re­chen­bar, töd­lich, wun­der­schön. Er ist auf­re­gend. Viel­leicht ein wenig wie das Kino. Man sieht ja hin, weil man es kennt, man ist ver­traut mit bestimm­ten Regeln, aber in der Regel weiß man nicht, was einen erwar­tet. Ver­gisst man also zu sehen, wenn man auf das Meer blickt oder erin­nert man sich dar­an, was Sehen eigent­lich ist? Es eröff­net sich sicher­lich ein Poten­zi­al ganz ähn­lich jener Licht­phan­to­me des Kinos, ein Poten­zi­al zwi­schen Still­ste­hen und Bewe­gung, zwi­schen Zeit und Raum.  

Dil­lard schreibt es von der ande­ren Sei­te, es geht um räum­li­ches Sehen und die­se Wahr­neh­mung von schwar­zen Punk­ten im Licht, ich wür­de es Schat­ten­trop­fen nen­nen, die wie Tin­te auf das Licht kleck­sen. Es geht dar­um, dass man auch flä­chig sehen könn­te. Wie das Baby, das nach dem Mond greift, weil es den Abstand, den Raum nicht begreift. Im Kino ist es ja genau anders­her­um. Man begreift einen Abstand, obwohl er gar nicht da ist. Ich moch­te immer Sze­nen, in denen Figu­ren die Lein­wand berüh­ren. Ich glau­be, dass Stan Brak­ha­ge Fil­me dar­über gemacht hat. Es ist erstaun­lich wie weni­ge Fil­me es dar­über gibt, also dar­über wie wir sehen. Viel­leicht das Blin­zeln zwi­schen den Bil­dern in Mau­vais Sang von Leos Car­ax? Deut­lich auf­dring­li­cher das­sel­be in Le sca­p­hand­re et le papil­lon von Juli­an Schna­bel? Viel­leicht weil Kino eben nicht nur ein Medi­um des Sehens ist. Aber bei Dil­lard und auch im Kino scheint es mir um einen brei­te­ren Begriff des Sehens zu gehen, jenen der Wahrnehmung.

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Sie schreibt, dass Van Gogh geschrie­ben hat: „Still, a gre­at deal of light falls on ever­y­thing.“ Ich habe nach die­sem Zitat gesucht. Es ist ein Brief an sei­nen Bru­der und es ist eine Beschrei­bung des­sen, was der 29jährige Maler sieht oder bes­ser: Das, was er in sei­ner Erin­ne­rung sieht:

„It looks very dif­fe­rent here today, but beau­tiful in its own way, for ins­tance, the grounds near the Rhi­ne rail­way sta­ti­on: in the fore­ground, the cin­der path with the pop­lars, which are begin­ning to lose their lea­ves; then the ditch full of duck­weed, with a high bank cover­ed with faded grass and rus­hes; then the grey or brown-gray soil of spa­ded pota­to fields, or plots plan­ted with gree­nish pur­ple-red cab­ba­ge, here and the­re the very fresh green of new­ly sprou­ted autumn weeds abo­ve which rise bean stalks with faded stems and the red­dish or green or black bean pods; behind this stretch of ground, the red-rus­ted or black rails in yel­low sand; here and the­re stacks of old tim­ber – heaps of coal – dis­card­ed rail­way car­ri­a­ges; hig­her up to the right, a few roofs and the freight depot – to the left a far-rea­ching view of the damp green mea­dows, shut off far away at the hori­zon by a grey­ish streak, in which one can still distin­gu­ish trees, red roofs and black fac­to­ry chim­neys. Abo­ve it, a some­what yel­lo­wish yet grey sky, very chil­ly and win­try, han­ging low; the­re are occa­sio­nal bursts of rain, and many hun­gry crows are fly­ing around. Still, a gre­at deal of light falls on ever­y­thing; It shows even more when a few litt­le figu­res in blue or white smocks move over the ground, so that should­ers and heads catch the light.“

Van Gogh, der Fil­me­ma­cher, das hat sicher nicht nur Mau­rice Pia­lat gedacht. Annie Dil­lard ist auch eine Fil­me­ma­che­rin. Aber die­se Phi­lo­so­phie des Sehens, die­se Beto­nung des Sehens. Ist das nicht auch eine Beto­nung des Zwi­schen-Sehens, des Ver­se­hens? Sie schreibt: „It‘s all a mat­ter of kee­ping my eyes open.“. Sie schreibt recht oft von Zufäl­len, von Ein­ma­lig­kei­ten und förm­li­chen Ein­sam­kei­ten, in denen sie wirk­lich sehen kann. Als ob nur sie in die­ser einen Sekun­de etwas sehen kann, was nie­mand sonst sehen konn­te. Und ande­re Din­ge, die ihr sehr logisch erschei­nen, die sie aber noch nie gese­hen hat. Sehen ist dann auch eine Art Schwin­del­zu­stand, ein ande­rer Zustand für sie. Ist das so? Ich wür­de ger­ne wis­sen, ob das Sehen, also das kon­zen­trier­te Sehen im Kino oder sonst wo, der Akt des Sehens, ob der ein beson­ders nüch­ter­ner oder ein beson­ders rausch­haf­ter Moment ist. Oder anders­her­um: Wenn wir nicht wirk­lich sehen, ist das dann der Nor­mal­zu­stand? Man sagt ja, dass man mehr Din­ge sieht, wenn man ver­liebt ist. Und man sieht sehr wenig in Panik­zu­stän­den. Das bringt mich wie­der zurück zu Duras, denn bei ihr ist das Ver­lie­ben und die Panik oft iden­tisch. Als wür­de man weg­bli­cken, in dem Augen­blick, in dem man am meis­ten spü­ren, sehen kann. Und hin­bli­cken, wenn dort nur mehr ein schwar­zes Loch war­tet. Die­ses Ver­se­hen ist also auch ein Ver­pas­sen. Man muss viel­leicht den Mut haben, etwas zu ver­pas­sen, um etwas zu sehen. 

Und was ist nun mit den Blin­den, die wie­der sehen kön­nen, aber gar nicht so recht wol­len? Ich bin mir nicht sicher, aber viel­leicht haben sie die gan­ze Zeit über gese­hen. Kon­zen­trier­ter gese­hen, bes­ser gese­hen. Sie erin­nern mich an jene, die nach dem Kino bedau­ern wie­der in der ech­ten Welt zu sein. Des­halb ist die Fest­stel­lung von Car­ax bezüg­lich der Kino­in­sel so trös­tend für uns im Dun­keln Sehen­de. Denn sie beher­bergt den Gedan­ken, dass man die­ses Sehen, das Kino-Sehen, das Ver­se­hen, das anders, genau­er, gerahm­ter Sehen auch in die ande­re Welt mit­brin­gen kann. Dass die Kino­in­sel eine Wahr­neh­mung ist und eine Lie­be und eine Sehnsucht.