Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Le Horla oder filmen, was man gar nicht sieht

Le Hor­la von Jean-Dani­el Pol­let nach einer Erzäh­lung von Guy de Mau­pas­sant hat ein altes Ver­lan­gen in mir geweckt: Die Idee, etwas zu fil­men, was man gar nicht sehen kann, was es womög­lich gar nicht gibt. Wie das so ist bei Mau­pas­sant. Erst­mal ist da Lau­rent Ter­zieff von allen Leu­ten. In ihm ent­wi­ckelt sich eine Krank­heit, der wir fol­gen kön­nen, weil er uns von sei­ner Wahr­neh­mung erzählt. Er erzählt sich auch selbst davon. Einem Tage­buch, einem ertrin­ken­den Audio­tape. Schi­zo­phre­nie, ein unheim­li­cher Besu­cher, den es viel­leicht gar nicht gibt: Der Hor­la. Wenn er uns von sei­ner Krank­heit erzäh­len wür­de, hät­ten wir sei­ner Wahr­neh­mung nicht bes­ser fol­gen kön­nen. Ein Hor­la ist etwas, was man fil­men muss.

Es gibt zwei erstaun­lich fal­sche Aus­sa­gen über das Kino, die immer wie­der getä­tigt wer­den und die nur des­halb falsch sind, weil sie gesagt wer­den. Eine die­ser Aus­sa­gen hat damit zu tun, dass Figu­ren etwas tun müs­sen, um inter­es­sant zu sein. Hand­lung, Hand­lung, Hand­lung. Welch ein been­gen­der, bescheu­er­ter Gedan­ke. Koch­re­zep­te! Béla Tarr dage­gen hat ein­mal gesagt, dass man den Zuse­hern nicht das Gefühl geben soll­te, das etwas pas­sie­re, das wäre näm­lich gelo­gen (natür­lich ein dop­pel­deu­ti­ger, poli­ti­scher Ver­weis). Nun ist es natür­lich nicht so schön, eine Aus­sa­ge gegen eine Aus­sa­ge zu stel­len: Hand­lung oder nicht. Ich ver­mag mich nur im Aus­las­sen einer Bewe­gung, im Ver­wei­gern einer Reak­ti­on, in der Stil­le einer Erre­gung genau­so zu ent­de­cken wie in ihrem Gegen­teil. Als prak­ti­scher Tipp, also das Schau­spie­ler „natür­li­cher“ wir­ken, wenn sie etwas zu tun haben, taugt die­se Idee aller­dings noch weni­ger, denn wer sagt, dass das Kino „natür­lich“ sein muss? Die ande­re Aus­sa­ge hat mit dem Visu­el­len zu tun. Man müs­se Din­ge zei­gen. Lan­ge war ich selbst ein Ver­fech­ter die­ser Theo­rie bis ich für mich beschlos­sen habe, dass man auch gar nichts zei­gen kann. Viel­leicht ist in Tagen der visu­el­len Über­flu­tung der­je­ni­ge ein her­aus­ra­gen­der Fil­me­ma­cher, der ein­fach kei­nen Film macht. Was hier klingt wie eine Aus­sa­ge von Fer­nan­do Pes­s­o­as Hilfs­buch­hal­ter ist in Wahr­heit nur das Ende des ers­ten Kapitels. 

(Man den­ke nur an Mar­gue­ri­te Duras: Hat sie jemals etwas gefilmt, was da war? Hat sie jemals etwas gefilmt, was nicht da war? Kino bei ihr ist Ver­ge­gen­wär­ti­gung von Din­gen, die kei­ne Gegen­wart ken­nen und auch kei­ne Ver­gan­gen­heit, wenn Ver­gan­gen­heit etwas ist, was nicht mit der Gegen­wart ver­wech­selt wer­den könn­te. Figu­ren ste­hen bei ihr. Sie schlen­dern durch Flu­re. Han­deln sie? Man­che sagen, dass sie kei­ne kine­ma­to­gra­phi­schen Fil­me mache, als wäre nicht allei­ne die Dif­fe­renz zwi­schen Schrift und Bild die Eröff­nung eines kine­ma­to­gra­phi­schen Universums.)

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Le Hor­la beginnt mit einem Mann und einem Mikro­fon. Er spricht, aber wir sehen sei­nen Mund nicht. Viel­mehr liest er und wir lesen mit sei­ner Stim­me. Gedan­ken von ihm oder von einer Per­son, die wir nicht sehen? Ja, er ver­bes­sert etwas. Er geht auf und ab. Er ver­bes­sert. Kein Anfang kann ohne Ver­bes­se­rung blei­ben. Man über­legt noch mal. Wie fängt man an? Ich habe die­sen Text mit mei­nem Ver­lan­gen begon­nen. Ver­lan­gen über einen Film zu schrei­ben, ist auch eine Arbeit, die man nicht sieht. Sie ver­schwin­det im Bedürf­nis. So wie der beschwer­li­che Weg zu einer Gelieb­ten. Was also könn­te ste­hen, wenn man etwas filmt, was es nicht gibt? Was steht am Ende des Weges? Lie­be, Angst, etwas dazwi­schen. Etwas, was man nicht aus­drü­cken kann. Es geht dar­um, dass es durch das Fil­men erst ent­steht, als wäre Film die Geburts­ma­schi­ne der Dazwi­schen­heit, es geht um Greif­bar­ma­chen von Flüch­tig­keit und Ver­flüch­ti­gen von Greif­ba­ren. Es geht dar­um, dass man nicht sicher ist (kei­ne Beleh­rung, nur Emo­ti­on). Gibt es den Hor­la? Machen wir den Ver­such und schlie­ßen die Augen im Kino. In Le Hor­la schläft der Prot­ago­nist ein, um am nächs­ten Mor­gen fest­zu­stel­len, dass jemand von sei­ner Milch getrun­ken hat. Schlie­ßen wir die Augen im Kino. Stel­len wir fest, dass sich etwas ver­än­dert? Was sehen wir mit geschlos­se­nen Augen? Vic­tor Kos­sa­kovs­ky hat ein­mal gesagt, dass immer etwas pas­sie­ren wür­de, wenn man eine Kame­ra auf­stellt. Als wäre die Kame­ra ein Magnet (eine berühm­te Geschich­te von Mau­pas­sant: Magnetismus).

Wir stel­len die Kame­ra also in einen Raum. Was wir hören ist viel­leicht nur der unter­ge­hen­de Tape-Recor­der. Jemand drückt und die Wor­te wie­der­ho­len sich. Pol­let, ein Ver­schol­le­ner des fran­zö­si­schen Kinos (bezeich­net sich selbst als jun­ger Bru­der der Nou­vel­le Vague), so ver­schol­len, dass man sich fra­gen könn­te, ob es ihn wirk­lich gibt. Am Ende sei­nes Lebens konn­te sich Pol­let auf­grund eines schwe­ren Unfalls kaum mehr bewe­gen. Er dreh­te wei­ter Fil­me. Mit sei­nem Auge und vor sei­nem inne­ren Auge. Sein ers­ter Kurz­film Pour­vu qu’on ait l’ivresse sorg­te für gro­ßes Auf­se­hen in Paris. Sogar Jean-Pierre Mel­ville mel­de­te sich bei dem damals 21jährigen und sag­te ihm etwas, das viel­leicht zum Hor­la des Kinos passt: „Viel­leicht machst du noch­mal etwas, was genau­so gut ist, aber du wirst nie etwas bes­se­res machen.“ Spä­ter arbei­te­te Pol­let unter ande­rem als Assis­tent bei Robert Bres­son. Wir stel­len die Kame­ra also in einen Raum. Ein Schnitt auf das Meer. Der Stil in Le Hor­la erzählt bestän­dig vom Innen­le­ben der Figur, er erzählt uns schon von der Krank­heit bevor sie beginnt. Die Dar­stel­lung des Innen­le­bens hängt eng an der Dar­stel­lung des­sen, was wir nicht sehen kön­nen, man könn­te auch sagen: Die Dar­stel­lung von Zwei­fel. So fragt nicht nur Mau­pas­sant in sei­nen Tex­ten immer wie­der, was es denn sei, das uns steu­ert: Die Ver­nunft oder etwas, das über uns kommt, dass es viel­leicht gar nicht gibt? Nicht nur aus die­sem Grund ist Le Hor­la trotz aller sti­lis­ti­schen Unter­schie­de ein See­len­ver­wand­ter von Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni, der min­des­tens in sei­nem Il deser­to rosso eben­falls den Hor­la gefilmt hat. Bei­de Fil­me­ma­cher wäh­len unter­schied­li­che Stra­te­gien für die Beses­sen­heit, die Para­noia, die eben­so die Rea­li­tät sein könn­te. Bei­de fin­den sich aber am Meer, am Trei­ben im Meer, der Unge­wiss­heit. Ansons­ten bewegt sich die Kame­ra bei Anto­nio­ni wie vom Hor­la gesteu­ert. Sie zer­setzt die zit­tern­den Ner­ven einer Haupt­fi­gur, die sie mehr ist als beob­ach­tet. Dage­gen fährt Le Hor­la das Prin­zip: Kame­ra = Vernunft/Montage=Horla.

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Zumin­dest könn­te man auf die­sen Gedan­ken kom­men. Im Wald aber dreht sich das Spiel. In einer bemer­kens­wer­ten Bewe­gung umfährt die Kame­ra Lau­rent Ter­zieff nicht ganz. Sie bleibt hin­ter ihm und folgt ihm gleich einer Video­spiel­ka­me­ra oder doch eines Schat­tens. Wenn wir fil­men, was es nur viel­leicht gibt, müs­sen wir den Film selbst spü­ren, sein Innen­le­ben, sei­ne See­le. In einem Licht oder Schat­ten ver­birgt sich eine Emo­ti­on, die sich nur dadurch mani­fes­tie­ren kann. Das­sel­be gilt für einen Schnitt, eine Bewe­gung der Kame­ra oder sämt­li­che Details von Bild und vor allem Ton. In die­sen Mit­teln – das ist natür­lich kei­ne neue Erkennt­nis – steckt das, was man nur fil­men kann, was es anders gar nicht gibt. Nicht in Wor­ten. Oft füh­le ich im Kino Din­ge, die ich nur dort füh­le. Wenn ich sie spä­ter in der Rea­li­tät füh­le, dann nur, weil ich es aus dem Kino ken­ne. (Das geht auch anders­her­um tat­säch­lich, aber die­se Art des Zuse­hens zielt auf Iden­ti­fi­ka­ti­on und Iden­ti­fi­ka­ti­on kann es nicht geben in einem Kino, bei dem man sich nicht sicher ist, wer man ist oder ob man ist.) Hier geht es nicht um ein beschränk­tes Mind­fuck-Kino im Stil von Fight Club. Hier geht es um die Schi­zo­phre­nie des Kinos per se. Wir stel­len die Kame­ra also in einen Raum und sehen hin­durch. In Anto­nio­nis Blow-Up geht es um Din­ge, die man dann sieht, die es nur viel­leicht gibt. Hier sind wir bei der Evi­denz des Fil­mi­schen oder der bazi­nes­quen Onto­lo­gie der Kine­ma­to­gra­phie. Film als Beweis. So wer­den Bewegt­bil­der nach wie vor ver­wen­det. Wir glau­ben, was wir sehen. War­um also etwas fil­men, was es gar nicht gibt? Viel­leicht weil die Evi­denz des Films nicht gleich Film als Evi­denz sein kann.Die Evi­denz des Films (so auch ein Titel eines Buches von Jean-Luc Nan­cy über Kiaros­t­amis Clo­se-Up) liegt viel­leicht genau (auch das sagt Nan­cy) in die­ser Unsi­cher­heit. Der Moment, in dem das Licht die­se Unsi­cher­heit küsst. Ein kur­zer Augen­blick und etwas kann mani­fest wer­den, was sich nur im Fil­mi­schen erken­nen lässt. Damit mei­ne ich nicht unbe­dingt die Zeit, die uns ermög­licht etwas zu sehen, was uns sonst ent­gan­gen wäre. Damit mei­ne ich auch nicht die Nähe oder Distanz der Per­spek­ti­ve, die das­sel­be ver­mag. Nein, ich mei­ne damit tat­säch­lich, das was man gar nicht sehen kann. Pho­to­ge­nie oder auch: Etwas dazwi­schen, etwas zwi­schen (Nan­cy) dem Licht und sei­ner Abkunft. Kon­se­quent lässt Pol­let den Schrift­zug des Titels „Le Hor­la“ auf einem Spie­gel erschei­nen. Das Kino: Ein Fens­ter, in dem wir uns selbst sehen kön­nen, ein Spie­gel in die Welt.

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Auf dem schwan­ken­den Boot fällt der Tape-Recor­der und wie durch einen Zufall, etwas, das man nicht beein­flus­sen kann, beginnt das Tage­buch. Ein schö­ner Tag, der 8. Mai. Spä­ter, als die Angst beginnt, kom­men wir zurück in den Wald. Die­ses Mal erzählt uns eine Stim­me vom Innen­le­ben der Figur. Füh­len wir jetzt anders als zuvor? Sind die durch die Bäu­me drin­gen­den Licht­fet­zen auf dem Pull­over oder die Wor­te hier ent­schei­dend? Viel­leicht ist es auch etwas ande­res, die­ses Unbe­ha­gen des Kinos. Eine Ver­bin­dung zu einem selbst. So wie die­ser Magne­tis­mus bei Mau­pas­sant, also: Ich habe etwas im Kino gese­hen und seit­dem glau­be ich, dass es mir selbst pas­sie­ren wird. Klar, man denkt dabei an das Duschen nach Psycho, der Strand­ur­laub nach Jaws und so wei­ter. Das geht auch ohne Angst und mit Lie­be, Sexua­li­tät und Gewalt. Aber was wäre, wenn ich im Kino etwas sehen wür­de, von dem ich weiß, dass es das nicht gibt und plötz­lich wür­de es in mir sein? Auch das gibt es, wir ken­nen es. Das Kino ist infi­ziert und hoch­an­ste­ckend. Nicht nur wegen der Begeis­te­rung, auch wegen der Neben­wir­kun­gen. Aber wie kann man den Hor­la filmen?

In einer Sze­ne liegt der Prot­ago­nist im Bett. Es knarzt über­all, er hat Angst. Die Kame­ra ist über ihm wie eine Bedro­hung. Es gibt einen mini­ma­len Ach­sen­sprung und eine die­ser sub­ti­len Stumm­film­ges­ten, die nur gro­ße Fil­me­ma­cher wei­ter­tra­gen (Die Fin­ger grei­fen an die Unter­lip­pe, man denkt an die Abwehr­hal­tung der Nacht in Tabu von Mur­nau und Fla­her­ty). Die Bedro­hung in der Nacht wird gefilmt. Sie ist kein plötz­li­cher Schock, kei­ne kon­kre­te Gefahr, sie ist etwas, das es gar nicht gibt, ein bestän­di­ges Ver­sin­ken, ein Flüs­tern, das Bewusst­sein eines Schat­ten­reichs. Wenn ich höre, dass das Kino mit Licht zu tun hat, ver­mis­se ich genau die­sen Schat­ten. Das Kino soll ver­un­kla­ren statt auf­zu­klä­ren, ver­schlei­ern (die­ses Wort soll­te für Hou hsiao-hsi­en reser­viert blei­ben) statt beleuchten.

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Der Hor­ror in Le Hor­la liegt im Ver­schwin­den. Der Prot­ago­nist erwacht und sein Was­ser ist ver­schwun­den. Der Film zeigt das, was es gar nicht gibt, also durch eine Fol­ge. Wenn dies ein­ge­tre­ten ist, muss es etwas gege­ben haben. Jedoch gibt es eine zwei­te Ebe­ne, denn das was die Fol­ge ist, ist womög­lich nur eine Wahr­neh­mung. Die Wahr­neh­mung des Ver­schwin­dens. Blickt man ins inter­es­san­te­re moder­ne Kino spielt das Ver­schwin­den eine Haupt­rol­le. Wenn man sich Ceme­tery of Sple­ndour von Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul, From What is Befo­re von Lav Diaz, Cava­lo Din­hei­ro von Pedro Cos­ta oder Kai­li Blues von Gan Bi ansieht, dann fin­den sich über­all Ideen zum Ver­schwin­den und damit auch zur Zeit, die die­ses Ver­schwin­den ver­schul­det. Die genann­ten Fil­me weh­ren sich alle gegen die­se Zeit­lich­keit, wen­den sie, dre­hen sie um. Es ist ein Kino zwi­schen Rui­nen und Erin­ne­run­gen, Melan­cho­lie und Zer­fall. Es ist dies der Hor­ror, den das Kino am meis­ten spürt, weil dann etwas gezeigt wird, was nicht (mehr) exis­tiert: Die Ver­gan­gen­heit. Im Wider­spruch zwi­schen dem, was wir sehen kön­nen und dem was wir erle­ben kön­nen, fin­det sich der Hor­la des Kinos. Es gibt auch die Idee des „kurz zuvor“ und „kurz danach“ wie bei Velaz­quez und sei­nem Por­trät von Petrus. Das Kino ver­führt uns wie Echo Nar­ziss. Nicht aus dem Hier, son­dern aus dem Gewe­sen: Too Ear­ly, Too Late. Das Kino ist eine Revo­lu­ti­on, die es nie gab. Sol­che post-cine­phi­len Godard-Gedan­ken hän­gen eng an die­sem moder­nen Kino. Doch die Fil­me weh­ren sich dage­gen und fil­men das, was sie noch fil­men kön­nen, wobei die Beto­nung auf dem „noch“ liegt. Die Dämo­nen in ihren Fil­men kom­men aus der Kon­fron­ta­ti­on des Ver­schwin­dens oder des Erin­nerns. Oli­vi­er Assay­as hat ein­mal gesagt, dass das gan­ze Kino von Mar­cel Proust inspi­riert sei. Man kann zumin­dest fest­stel­len, dass man das gan­ze Kino mit Proust den­ken kann. Das Ver­schwin­den und das Erin­nern schla­gen sich in die­sen Fil­men nie­der auf die Kör­per. Oft wird in ent­schei­den­den Augen­bli­cken auf Schnit­te ver­zich­tet. So kön­nen wir die Fol­gen sehen, wir kön­nen sie an den Kör­pern, Bli­cken, Ges­ten und ja, Taten sehen. Aber auch am Aus­blei­ben der Taten. So sehen wir, was es viel­leicht nur in den Figu­ren gibt. Es gibt aber auch Din­ge, die es nicht mal in den Figu­ren gibt, die ein­fach nicht exis­tie­ren. Die muss man auch fil­men können.

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Die Kame­ra zögert in Le Hor­la mit dem Prot­ago­nis­ten in einer Par­al­lel­fahrt. Als er fragt, ob er er selbst sei, ver­schwin­det die Figur (oder die Kame­ra) kurz hin­ter einem Baum. Wer auf der ande­ren Sei­te erscheint, wis­sen wir nicht. Womög­lich ist dem so, weil er es selbst nicht mehr weiß. Er ver­schwin­det. Nun hängt das Ver­schwin­den und die Abwe­sen­heit im Kino oft am Off-Screen. Der Off-Screen exis­tiert, ohne dass man ihn sieht. Aber was dem Off-Screen fehlt ist Ver­lo­ren­heit. Wenn man sich einen Bres­son-Film ansieht, also einen Film des Meis­ters des Off-Screens, wird man eine Bestimmt­heit mer­ken, eine wun­der­vol­le Poe­sie des­sen, was man nicht sieht, sodass man sich eigent­lich bestän­dig sicher ist, dass es das, was man nicht sieht, gibt. Es unter­liegt nur der Aus­wahl des Fil­me­ma­chers, es nicht zu zeigen.Verweigerung, ein Blick in eine ande­re Rich­tung, der Strip­tease der Mög­lich­kei­ten des Kinos, sodass eine Sinn­lich­keit nicht aus sinn­lo­ser Über­fül­lung ent­steht, son­dern aus der abso­lu­ten Not­wen­dig­keit des­sen, was wir (gera­de noch) sehen. Wie ein Film, den es nur noch auf einer lei­den­den, zer­brech­li­chen Kopie gibt. Wir sehen die Din­ge gera­de noch, dann wenn sie laut Bert­rand Bonel­lo am schöns­ten sind: Kurz bevor sie ster­ben. Die­ses „gera­de noch Sehen“ schiebt das Sehen und zum Teil auch das Han­deln auf ein Mini­mum und macht es dadurch auf eine neue Art zum Zen­trum des Kinos. Denn jetzt sind wir wirk­lich abhän­gig von dem, was wir noch sehen. Es ermög­licht uns auch die Schwär­ze, den Off-Screen, das Ver­schwin­den, die Abwe­sen­heit mit unse­ren Gedan­ken und Fan­ta­sien anzureichern.

Die Kame­ra lau­ert. Der Prot­ago­nist sitzt in sei­nem Zim­mer auf einem Stuhl. Aus leich­ter Über­sicht umkreist die Kame­ra ihn, aber nie ganz, die Kame­ra umkreist ihn immer nur im Ansatz und so wird unser Sehen erstickt. Die Kunst der ange­deu­te­ten Bewe­gung. Ich den­ke an Ser­e­ne Velo­ci­ty von Ernie Gehr. Dazu J. Hober­man: “Ser­e­ne Velo­ci­ty is a lite­ral «Shock Cor­ri­dor» whe­r­ein Gehr crea­tes a stun­ning head-on moti­on by sys­te­ma­ti­cal­ly shif­ting focal lengths on a sta­tic zoom lens as it sta­res down the cen­ter of an emp­ty, moder­ni­stic hallway–also plays off the con­tra­dic­tions gene­ra­ted by the frame’s heigh­ten­ed flat­ness and seve­re Renais­sance per­spec­ti­ve. Wit­hout ever having to move the came­ra, Gehr turns the fluo­re­s­cent geo­me­try of his insti­tu­tio­nal cor­ri­dor into a sort of pis­ton-powered man­da­la. If Giot­to had made action films, they would have been the­se.“ Man bewegt sich und man bewegt sich nicht. Ein Raum ver­än­dert sich dadurch, Din­ge ent­ste­hen, die es nicht gibt. Kei­ne Spe­zi­al­ef­fek­te oder Ein­bil­dung, ein­fach nur Bewe­gung und das Licht. Das Kino als Zustands­be­schrei­bung, das sich so ver­hält wie es sich fühlt, wie die Figu­ren es füh­len. Es gibt Eksta­se oder Puri­ta­nis­mus. Bei Drey­er gibt es bei­des zugleich. Wenn Gran­drieux sei­ne Figu­ren berüh­ren lässt, dann berührt er sie auch. Sinn­lich­keit ist kei­ne Fra­ge von ober­fläch­li­chen Holz­ham­mer­me­tho­den, die bestän­dig sagen: Schaut her wie sinn­lich ich bin. Nein, Sinn­lich­keit ent­steht dort, wo Sin­ne gefilmt wer­den. Man den­ke an die berühm­te Bus­sze­ne in Mau­vais sang von Leos Car­ax. Denis Lavant ent­deckt in ihr Juli­et­te Bino­che. Die ober­fläch­li­che Sinn­lich­keit, also Ein­stel­lun­gen auf den Nacken und die Gesich­ter funk­tio­niert nur des­halb, weil der gan­ze fil­mi­sche Raum in den Zustand des Ver­lie­bens fällt. Das Licht ver­wan­delt die Situa­ti­on in einen Tanz der Sil­hou­et­ten, die Schnit­te strei­chen nur mehr über das Begeh­ren, man erahnt die Din­ge für Sekun­den, dann ver­schwin­den sie, ersti­cken und atmen mit dem nächs­ten Bild, das sich nicht nur hier bei Car­ax wie eine Meta­pher für das Kino an sich zusam­men­fügt. Kann man Lie­be sehen? Sinn­lich­keit ist auch Grausamkeit.

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Noch etwas in Le Hor­la. Ein Lauf durch den Wald beglei­tet von wals­hes­quen fer­nen Trom­meln, dann ein flie­ßen­der Über­gang mit der glei­chen Bewe­gung in das Zim­mer. Die kon­ti­nu­ier­li­che Bewe­gung über den Schnitt hin­weg oder auch ein­fach nur: Das Flie­ßen. Dar­in ver­birgt sich etwas, wor­über man nie spricht, wenn man über das Kino dis­ku­tiert. Die Gefüh­le, die man im Moment des Sehens hat, die sich aber danach nicht aus­drü­cken las­sen. Eine Beob­ach­tung, die in ihrer Gegen­wart schon wie­der ver­schwin­det. Ein Gedan­ke, der uns ent­glei­tet. Man hilft sich mit Adjek­ti­ven, die Hilf­lo­sig­keit sind. Das Sto­cken des Atems, der Über­gang, die kur­ze Asso­zia­ti­on. In der Flüch­tig­keit die­ses Flie­ßens kann man nicht fest­hal­ten, was man gefühlt hat. Viel­leicht ver­lässt Abbas Kiaros­t­ami des­halb regel­mä­ßig Kinos bevor der Film endet. Er hat etwas gese­hen, womög­lich etwas, das es gar nicht gibt. Ich stel­le die Kame­ra also in einen Raum. Dann stel­le ich sie an einen Strand. Ich fil­me eine Bewe­gung, die bei­de Bil­der ver­bin­det. Ich habe Schnit­te bei Robert Bea­vers gese­hen, die von Din­gen han­deln, die es ganz sicher nicht gibt. Etwas ist dazwi­schen. Ich stel­le die Kame­ra in einen Raum und bin mir nicht sicher, dass ich in die­sem Raum bin. Sze­ne am Strand: Was in die Fil­me drückt ist die Welt. Sie kann nicht nicht in die Fil­me drü­cken. Es gibt sie. Aber so wie es bei Duras Text und Bild gibt, so gibt es bei jedem Film Kon­struk­ti­on und Rea­li­tät. Irgend­wo dazwi­schen oder wenn sich bei­de küs­sen gibt es das, was es nicht gibt.

Kiss me deadly

Die Vogel­per­spek­ti­ve ver­än­dert die Objek­te, abs­tra­hiert sie. Die Kame­ra dreht sich in der Luft über einem gel­ben Ei in Le Hor­la. Man glaubt, dass sich das Ei von allei­ne dreht. Es bewegt sich genau wie Lau­rent Ter­zieff, des­sen Augen im Film ab und an komisch zum Him­mel bli­cken, sodass man das Weiß der Augen kurz spürt, gar nicht rich­tig sieht, viel­leicht sogar erahnt, was sich dahin­ter ver­birgt, der Wahn­sinn, aber, um zurück zu Mau­pas­sant zu glei­ten, kann man so ein­fach sagen, dass es Wahn­sinn ist? Der Ton setzt sich immer mehr aus merk­wür­di­gen, irri­tie­ren­den und bis­wei­len stö­ren­den Geräu­schen zusam­men: Knar­zen, Zir­pen, Kra­chen. Etwas wankt. Was wir sehen und was wir hören ist nicht das Bild, ist nicht der Ton. Es ist der Hor­la. Ich ahne, dass das Kino jetzt in die­ser Sekun­de, in der ich die­sen Text bei schwa­chen Licht in mei­nem dunk­len Zim­mer schrei­be, hier ist. Es beob­ach­tet mich, es lebt. Es geht hier nicht um die Kame­ra als Waf­fe à la Kitt­ler, es geht um das Kino als Wahr­neh­mungs­ge­fäng­nis. Wenn Car­ax sagt, dass er alles so sehen wol­le wie das Kino (durch die Augen des Kinos), dann klingt das schön, ist aber grau­sam. Vor kur­zem haben ich einen Baum gese­hen. Ich war erschro­cken, weil er grö­ßer war, als mei­ne Augen ihn sich auf einer Lein­wand vor­stel­len konn­ten. Es pas­sier­te zu viel in und an die­sem Baum. Dort waren Din­ge, die man gar nicht sehen konn­te. So wie das Licht oder die­ser eine Moment, der nie wie­der­keh­ren wird und der Fil­me­ma­cher des­halb in Ver­zweif­lun­gen stürzt. Nein, man muss schon fil­men, was man gar nicht sehen kann. Wenn Lau­rent Ter­zieff von einem rie­si­gen Schmet­ter­ling (einer flie­gen­den Blu­me) schwärmt, wen­det sich sein Kopf lang­sam uns zu. Er blickt durch uns hin­durch und spricht von einer Eksta­se der Freu­den. Wie in einem Spie­gel in die Welt, durch ein Fens­ter, in dem er sich selbst sucht in die­ser Eksta­se, die er kaum mehr zu sein vermag.

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Es folgt der Ver­such den Hor­la zu töten. Etwas zu töten, was man nicht sehen kann. Man sperrt es ein und lässt eine Gra­na­te explo­die­ren. Der Blick zurück von Lau­rent Ter­zieff erin­nert an jenen in Kiss Me Dead­ly. Dort pas­sie­ren eben­falls Din­ge, die es nicht gibt. Wie in jedem gro­ßen Stück Kino. Aber kann man sie bewusst fil­men? Es liegt in der Andeu­tung, nur der kur­ze Licht­schweif der Zer­stö­rung auf dem erschro­cke­nen Gesicht, man bekommt kei­ne Zeit – ja, das ist ganz ent­schei­dend – zu ver­ar­bei­ten oder aber man bekommt zu viel Zeit, man kann nicht ver­ar­bei­ten, weil es zu viel ist oder zu wenig, zu genau, genau alles, alles, was es braucht. Das Kino muss in sich die­ses Geheim­nis tra­gen. Des­halb ist man gekom­men: Der dunk­le Raum, das, was man nicht kennt, nur ahnt. Wo man sich fragt wie es wei­ter­geht. Die Hand von Lau­rent Ter­zieff wischt ganz nah an der Lin­se vor­bei, es gibt eini­ge Bli­cke in den Spie­gel, es ist der glei­che Mann, es ist ein ande­rer Mann, der Hor­la zer­setzt ihn, das Kino zer­stü­ckelt ihn. Was er gese­hen hat, haben wir auch gese­hen, obwohl wir es nicht gese­hen haben. Pol­let hat es geschafft, er hat gefilmt, was es nicht gibt, weil es alles, was es nicht gibt doch gibt und doch geben kann. 

Ich stel­le die Kame­ra in einen Raum und sehe das Meer. Es lügt mich an mit sei­nen Schrei­en. Ich schnei­de nicht mehr, ich lüge nicht mehr, die Wahr­heit kommt 24 Mal in einer Sekun­de, das ist öfter, als ich zäh­len kann.