Heimat von Burcu Dogramaci

Film Lektüre: Heimat von Burcu Dogramaci

There’s no place like home. Nir­gends ist es so schön wie zuhau­se. Im Deut­schen hat die­ses Gefühl, dass man mit dem Zuhau­se­sein ver­bin­det einen eige­nen Namen, der nur unzu­rei­chend in ande­re Spra­chen über­setzt wer­den kann. Hei­mat ist zu einem bedeu­tungs­schwan­ge­ren Begriff gewor­den, der sich nicht nur schwer über­set­zen lässt, son­dern sich auch in vie­ler­lei ande­rer Hin­sicht einer Defi­ni­ti­on ent­zieht. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin Bur­cu Dogra­maci hat sich in ihrem Buch Hei­mat. Eine künst­le­ri­sche Spu­ren­su­che, das soeben im Böhlau Ver­lag erschie­nen ist, des­halb dar­an gemacht ver­schie­de­ne Zugän­ge aus­zu­lo­ten, wie mit Hei­mat als Begriff­lich­keit umge­gan­gen wer­den kann. Gera­de nach den Ereig­nis­sen der letz­ten Mona­te ist das ein küh­nes Unter­fan­gen. „Hei­mat“ ist immer mehr zur Wort­hül­se natio­na­lis­ti­scher Par­tei­en gewor­den, die damit Abgren­zungs­po­li­tik gegen­über einer omi­nö­sen frem­den Gefahr betrei­ben. Dogra­macis Buch kommt da gera­de recht, denn sie ver­sam­melt eine gan­ze Rei­he von Gegen­ent­wür­fen im Umgang mit Hei­mat, die denk­bar wenig mit rechts­po­pu­lis­ti­scher Rhe­to­rik zu schaf­fen haben. In ers­ter Linie ori­en­tiert sie sich dabei an foto­gra­fi­schen Arbei­ten der letz­ten rund sech­zig Jah­ren. Die­se kunst­his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve möch­te ich um eini­ge Quer­ver­bin­dun­gen zu fil­mi­schen Bei­spie­len erweitern.

Der Abend von Caspar David Friedrich
Der Abend von Cas­par David Friedrich

Hei­mat kann als geo­gra­phi­sche Ver­or­tung begrif­fen wer­den, als nost­al­gi­sche Kind­heits­er­in­ne­rung oder als Tra­di­ti­ons­pfle­ge, die vol­le Bedeu­tungs­viel­falt des Wor­tes zu begrei­fen fällt jedoch schwer. Eben­so schwer fällt es Hei­mat von ver­wand­ten Begrif­fen wie Iden­ti­tät und Her­kunft zu unter­schei­den (Dogra­maci selbst nimmt kei­ne kla­re Tren­nung vor). Hei­mat ist all das und noch viel mehr, ist gleich­sam sub­jek­ti­ve Kate­go­rie (für jeden bedeu­tet Hei­mat etwas ande­res) und gemein­schaft­lich geteilt (jeder hat eine bestimm­te Vor­stel­lung von Hei­mat). In der Hei­mat sind wir ver­wur­zelt, der Hei­mat sind wir ver­pflich­tet, und umso mehr wird Hei­mat zu einem pro­ble­ma­ti­schen Begriff, wenn sie nicht ist. Hei­mat­lo­sig­keit und feh­len­de Ver­wur­ze­lung sind eine Gei­sel unse­rer Zeit. Mil­lio­nen Men­schen ver­las­sen ihr Zuhau­se, um in einer glo­ba­li­sier­ten Welt an ande­rer Stel­le ihr Glück zu suchen. Mehr schlecht als recht ver­su­chen sie an neu­en, frem­den Orten an Bräu­chen ihrer alten Hei­mat und Kul­tur fest­zu­hal­ten, sind aber gleich­zei­tig dazu gezwun­gen eine neue Hei­mat zu begrün­den. Man­chen gelingt das – sie schaf­fen sich eine neue Hei­mat, meist ein Amal­gam aus altem und neu­em Umfeld – vie­le schei­tern dar­an und leben fort­an im Lim­bo, in einem kul­tu­rel­len Vaku­um, ohne Iden­ti­tät, ohne Geschich­te, ohne Zukunft. Ihre Kin­der wach­sen in die­sem Vaku­um auf und füh­len sich nicht hei­misch, die ursprüng­li­che Hei­mat ihrer Eltern ist ihnen meist eben­so fremd. Wer am lau­tes­ten mit dem Ver­spre­chen auf Iden­ti­tät und Gemein­schaft um ihre Auf­merk­sam­keit buhlt, fin­det wil­li­ge Anhän­ger. Wer sich nicht zurecht fin­det in einer kom­ple­xen, ver­wir­ren­den Welt ohne Bezugs­sys­te­me, der lässt sich leicht von ein­deu­ti­gen Bot­schaf­ten ködern.

Auf der ande­ren Sei­te jene, die in den Staa­ten der „West­li­chen Welt“ am wenigs­ten von den wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen der letz­ten ein­hun­dert­fünf­zig Jah­re pro­fi­tiert haben. Sie füh­len sich eben­falls bedroht, kön­nen nicht mehr mit der Ver­än­de­rung in der Welt schritt­hal­ten und klam­mern sich des­halb an die Hei­mat von Ges­tern und Vor­ges­tern, die sie bedroht sehen. Sie wol­len zurück in die­se ver­meint­lich bes­se­re Zeit, oder zumin­dest die Abwärts­spi­ra­le stop­pen. Es ist die Hei­mat, die von rechts­ge­rich­te­ten Kon­ser­va­ti­ven beschwo­ren wird und sich aus über­hol­ten Kate­go­rien wie Nati­on, Vater­land und Tra­di­ti­on zusam­men­setzt. Sie las­sen außer Acht, dass Hei­mat pro­zes­sua­ler Natur ist, und uns nur des­halb so stark prägt, weil sie sich immer­zu ver­än­dert und an unse­re Lebens­um­stän­de anpasst. Wer mit die­ser Ver­än­de­rung nicht mit­hal­ten kann, wird eben­falls zum Hei­mat­lo­sen. Auch die­se Hei­mat­lo­sen fol­gen in ihrer Suche nach einer neu­en Hei­mat den ver­lo­cken­den Rufen der ein­fa­chen Ant­wor­ten, die es natür­lich in einer kom­ple­xen Welt nie geben kann und auch nie gege­ben hat. In bei­den Fäl­len sind die Suchen­den eines neu­en Hei­mat­ge­fühls leich­te Opfer für die Rekru­tie­rungs­prak­ti­ken radi­ka­ler Strömungen.

Denkt man über Hei­mat nach, eröff­net sich also schnell ein unüber­schau­ba­res Feld und doch gelingt Dogra­maci auf schlan­ken 180 Sei­ten der Ver­such ver­schie­de­ne For­men der künst­le­ri­schen Auf­ar­bei­tung von Hei­mat nach­zu­voll­zie­hen und mit­ein­an­der in Ver­bin­dung zu brin­gen. Es geht ihr dabei weni­ger um eine erschöp­fen­de Auf­zäh­lung, son­dern um eine Annä­he­rung anhand einer begrenz­ten Anzahl von Bei­spie­len, die durch ihre Gegen­über­stel­lung neue Ein­sich­ten ins unüber­blick­ba­re Bedeu­tungs­feld „Hei­mat“ bie­ten. Ver­schie­de­nen Nuan­cen des Hei­mat-Begriffs wer­den Kapi­tel für Kapi­tel abge­ar­bei­tet. Auf den ers­ten Blick wir­ken sie recht iso­liert von­ein­an­der, doch immer wie­der tau­chen ähn­li­che Fra­gen und Pro­blem­stel­lun­gen auf. Es ist eine dia­lek­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se; das größ­te Poten­zi­al des Buchs fin­det sich in den Leer­stel­len zwi­schen den Kapi­teln, dort wo sie auf­ein­an­der sto­ßen, zuein­an­der spre­chen und tie­fe­re Ein­sich­ten ent­ste­hen. Ein­deu­tig zu tren­nen sind die ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­ebe­nen ohne­hin nicht.

An die­sem Punkt könn­te man zurecht fra­gen, was das alles mit unse­rem Blog und unse­ren sons­ti­gen Tex­ten zu tun hat. Die Ant­wort dazu fin­det sich nicht direkt im Buch, son­dern im Gedan­ken­kom­plex, der sich beim Durch­le­sen eröff­net. Dabei geht es mir weni­ger um fil­mi­sche Bei­spie­le, die Dogra­macis Argu­men­ta­ti­on, die sich größ­ten­teils auf foto­gra­fi­sche Arbei­ten stützt, unter­mau­ern oder ergän­zen, son­dern um Fra­gen der Sicht­bar­keit und Sicht­bar­ma­chung. Eines der The­men, das Patrick und mich in unse­ren Gesprä­chen regel­mä­ßig beschäf­tigt ist die Fra­ge nach den öko­no­mi­schen Zwän­gen von Fil­me­ma­chern und wie die­se ihr Film­schaf­fen prä­gen bezie­hungs­wei­se wie sehr die Mas­se an Fil­me­ma­chern sozi­al vor­se­lek­tiert wird. Film ist eine ver­gleichs­wei­se teu­re Beschäf­ti­gung. Einen Film zu dre­hen ver­langt nach grö­ße­rem Ein­satz von Mensch und Mate­ri­al als ande­re Kunst­for­men. Das führt dazu, dass Fil­me (vor allem jene, die uns inter­es­sie­ren, die also nicht in einem kom­mer­zi­el­len, indus­tria­li­sier­ten Sys­tem ent­ste­hen) in der Regel von denen gedreht wer­den, die es sich leis­ten kön­nen, von jenen, die jah­re­lang für wenig oder gar kein Geld an Film­sets Erfah­rung sam­meln, Film­schu­len besu­chen, För­der­an­trä­ge schrei­ben und auf För­der­zu­sa­gen war­ten. Es gibt sehr weni­ge Fil­me­ma­cher aus armen Ver­hält­nis­sen, die ohne zuvor auf ande­ren Wegen zu Wohl­stand gekom­men sind (z.B. als Schau­spie­ler: Chap­lin, De Sica) Fil­me dreh­ten und das Leben aus ihrer Per­spek­ti­ve schil­der­ten. Aus­nah­men wie Chan­tal Aker­man sind ver­bis­se­ne Kämp­fer­na­tu­ren, die qua­si ohne eige­ne Bedürf­nis­se ganz für ihre Kunst leben. Ähn­lich ver­hält es sich mit der Per­spek­ti­ve der „Hei­mat­lo­sen“. Auch sie sind unter­re­prä­sen­tiert, da für sie der Zugang zu den Pro­duk­ti­ons­mit­teln erschwert ist. Die­se bei­den Pro­ble­me sind natür­lich mit­ein­an­der ver­schränkt, da gera­de in den unte­ren Ein­kom­mens­schich­ten ver­hält­nis­mä­ßig vie­le Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu fin­den sind. Es wäre im Inter­es­se der Ent­wick­lung der Film­spra­che, dass sich die­se Schief­la­ge ver­än­dert, auch wenn es im Moment eher so aus­sieht als wür­de sich die sozia­le Selek­ti­on noch ver­stär­ken. Der Viel­zahl an fil­mi­schen Unter­neh­mun­gen zum Trotz, die sich in Form von anthro­po­lo­gi­schen Stu­di­en oder Tra­ve­lo­ges von außen den Pro­ble­men der Hei­mat­su­chen­den und Mit­tel­lo­sen anneh­men, fehlt es am spe­zi­fi­schen zwei­ge­teil­ten Blick des Hei­mat­su­chen­den, der die Innen- und die Außen­per­spek­ti­ve, das Ver­hält­nis von Hei­mat und Frem­de in sich vereint.

Rodina von Irina Ruppert
Rodi­na von Iri­na Ruppert

Ohne der Kapi­tel­ein­tei­lung Dogra­macis zu fol­gen kann man grob fünf ver­schie­de­ne, inein­an­der grei­fen­de Berei­che aus­ma­chen, die sich in der künst­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Hei­mat erge­ben: Landschaften/​Orte, Natio­na­le Identität/​Pass, Bevölkerung/​Bezugspersonen, Kultur/​Sprache/​Geschichte, Wohnstätte/​Heim.

Hei­mat als geo­gra­phi­scher Bezugspunkt

Gleich zu Beginn des Buchs merkt Dogra­maci an, dass auf­fal­lend vie­le künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Hei­mat, fern von die­ser unter­nom­men wur­den. Lite­ra­ten wie Hein­rich Hei­ne oder Max Frisch wur­den sich erst im Aus­land bewusst, wie stark ihr Den­ken von ihrer Hei­mat geprägt ist. Künst­ler mit wech­sel­haf­ten Lebens­läu­fen und –geschich­ten, wie die in jun­gen Jah­ren von Kasach­stan nach Deutsch­land emi­grier­te Foto­gra­fin Iri­na Rup­pert set­zen sich laut Dogra­maci ver­mehrt mit Hei­mat aus­ein­an­der, suchen nach ihrer eige­nen Iden­ti­tät, und nach den Spu­ren, die ihre Fami­li­en auf ihrem Weg hin­ter­las­sen haben. Immer wie­der wird Dogra­maci in ihrem Buch auf Künst­ler rekur­rie­ren, die sich in der Frem­de mit Hei­mat aus­ein­an­der­set­zen, oder in der Hei­mat dem Frem­den auf der Spur sind. Man ist geneigt zu den­ken, dass Hei­mat dort ist, wo man her­kommt, doch wie lie­ße sich so ein Ort defi­nie­ren? Er ist sicher­lich mehr als bloß ein Ein­trag im Pass, näm­lich mit kon­kre­ten Bil­dern und Vor­stel­lun­gen ver­bun­den. Die­se Bil­der ent­stam­men nicht nur der per­sön­li­chen Erfah­rung, son­dern einer gemein­schaft­lich geteil­ten Iko­no­gra­phie. Dogra­maci, die in ers­ter Linie die Hei­mat der Deut­schen behan­delt, führt an die­ser Stel­le die Maler der Roman­tik an, die in ihren Land­schafts­ge­mäl­den ein idea­li­sier­tes Hei­mat­bild schu­fen, das bis heu­te Gel­tung hat. Für die Deut­schen sei­en es die Wäl­der, die als iden­ti­täts­stif­ten­de Land­schaf­ten fun­gie­ren. Die­se ger­ma­ni­schen Wäl­der, die schon den Trup­pen Her­manns im Kampf gegen die Römer Unter­schlupf boten und die Fritz Lang für Die Nibe­lun­gen im Stu­dio nach­bau­en ließ, da er mit dem Aus­se­hen der tat­säch­lich vor­han­de­nen Wäl­der unzu­frie­den war. Foto­gra­fi­sche Arbei­ten wie Peter Bial­obrzeskis Hei­mat ori­en­tie­ren sich an der roman­ti­schen Tra­di­ti­on und adap­tie­ren den Mythos des deut­schen Walds für die Gegen­wart. Selbst in Chris­toph Hoch­häus­lers Mär­chen-Varia­ti­on à la Ber­li­ner Schu­le Milch­wald steckt ein Stück­chen Wald. Ohne Zwei­fel hat die­se Selbst­wahr­neh­mung der Deut­schen auch die Fremd­wahr­neh­mung des Lan­des beein­flusst. Der undurch­dring­li­che deut­sche Mär­chen­wald ist zum belieb­ten Sujet von inter­na­tio­na­len Groß­pro­duk­tio­nen gewor­den – von Ter­ry Gil­liams The Brot­hers Grimm bis zu rezen­ten Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen von klas­si­schen Mär­chen wie Snow White and the Hunt­s­man.

Hei­mat als Kul­tur und Sprache

Wie eben beschrie­ben wer­den All­ge­mein­plät­ze (ob sie nun land­schaft­lich sind oder nicht) durch Kunst ver­mit­telt. Die­se Kunst­wer­ke sind Teil einer bestimm­ten Kul­tur, die eben­falls als Hei­mat ver­stan­den wer­den kann. Gera­de im Fal­le Deutsch­lands, das auf­grund der spä­ten Staats­grün­dung eine Son­der­stel­lung ein­nimmt, sei das der Fall. Im Gegen­satz zu ande­ren Natio­nal­staa­ten defi­niert sich die deut­sche Iden­ti­tät weni­ger über ter­ri­to­ria­le Gren­zen, son­dern über Spra­che und Kul­tur. Beson­ders deut­lich wird das, wenn sich Ver­trie­be­ne mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, ob an einem ande­ren Ort wie­der so etwas wie Hei­mat ent­ste­hen kann. Bes­tes Bei­spiel hier­für ist der oben erwähn­te Hein­rich Hei­ne, der sich erst im fran­zö­si­schen Exil des Ein­flus­ses sei­ner Hei­mat auf sein Werk bewusst wur­de. Dogra­maci wid­met sich zudem ein­ge­hend dem Fall Jean Amé­ry, der nach sei­ner Flucht aus Öster­reich ohne Pass, Geld, Ver­gan­gen­heit und Geschich­te dastand und sich eben­falls mit der Brü­chig­keit von Iden­ti­tät und Hei­mat kon­fron­tiert sah. Sei­ne Iden­ti­tät ging nicht nur auf­grund sei­nes Orts­wech­sels ver­lo­ren, son­dern vor allem durch den Ver­lust eines „Wir-Gefühls“, das unent­behr­lich sei für die „Ich-Bil­dung“: „Hei­mat ist damit mehr als ein Her­kunfts­land, es ist im Ver­ständ­nis von Amé­ry eine Prä­gung durch Spra­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Erfah­rung“, und somit etwas, was durch den Kon­takt mit ande­ren ent­steht und dar­in begrün­det liegt (so wie auch Spra­che, wie Witt­gen­stein gezeigt hat, immer schon eine gemein­schaft­li­che Kom­po­nen­te ent­hält). Erwäh­nens­wert auch Amé­rys Kon­zep­ti­on des Pas­ses, dem in ers­ter Linie die Funk­ti­on zukommt „eine Geschich­te über sei­nen Eig­ner“ zu erzäh­len, also den bis­he­ri­gen Lebens­weg des Pass­in­ha­bers fest­zu­hal­ten, sie ins Ver­hält­nis zur rest­li­chen Gesell­schaft zu set­zen und sich für ihre Authen­ti­zi­tät zu ver­bür­gen. Es zeigt sich, dass ver­schie­de­ne Kon­zep­te von Hei­mat mit­ein­an­der in Kon­flikt ste­hen kön­nen. Jean Renoir hat die­sen Kon­flikt in Form von La Gran­de Illu­si­on zu Zel­lu­loid gebracht, wo Pierre Fres­nay als Capi­taine de Boël­dieu mit Jean Gab­ins Lieu­ten­ant Maré­chal zwar die Staats­zu­ge­hö­rig­keit teilt, ihn mit Erich von Stro­heims Ritt­meis­ter von Rauf­fen­stein jedoch ein gemein­sa­mer kul­tu­rel­ler Hin­ter­grund ver­bin­det. Schluss­end­lich gilt Boël­dieus Treue sei­nem Vater­land, doch der Film bezieht einen Groß­teil sei­nes Kon­flikt­stoffs aus der Unge­wiss­heit, ob Boël­dieu sich letz­ten Endes dem geteil­ten Gedan­ken­gut der intel­lek­tu­el­len Éli­te des Abend­lands, oder einem abs­trak­ten Natio­nal­be­griff stär­ker ver­pflich­tet fühlt.

Let Us Now Praise Famous Men von James Agee und Walker Evans
Let Us Now Prai­se Famous Men von James Agee und Wal­ker Evans

Hei­mat als for­ma­le Kategorie

Unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen kön­ne auch ein Natio­nal­staat als Hei­mat wahr­ge­nom­men wer­den und wie im Fall von Capi­taine de Boël­dieu kann er sogar die Zuge­hö­rig­keit zu einer kul­tu­rel­len oder sozia­len Klas­se über­tö­nen. Nach Jean Amé­ry, sei der Natio­nal­staat unter ande­rem dafür zustän­dig dem Bür­ger eine Iden­ti­tät in Form eines Aus­wei­ses zuzu­wei­sen. Tat­säch­lich sei­en es Ver­trie­be­ne ohne Aus­weis­do­ku­men­te, die sinn­bild­lich für Hei­mat­lo­sig­keit ste­hen. Im Film sind es die ver­meint­lich über alle Zwei­fel erha­be­nen Geheim­agen­ten, die ihre Fein­de zu Dut­zen­den über den Hau­fen schie­ßen, die bestän­dig ihre Iden­ti­tät wech­seln müs­sen (James Bond, der iko­nischs­te von ihnen, stellt die Aus­nah­me der Regel dar) und regel­mä­ßig mit der damit ver­bun­de­nen Ver­lo­ren­heit des Seins hadern: Matt Damons Jason Bourne als Mus­ter­ex­em­plar, der über­haupt auf der Jagd nach sei­ner ursprüng­li­chen Exis­tenz ist, und gar nicht mehr unab­hän­gig sei­ner gefälsch­ten Päs­se exis­tiert. Der Ver­lust des Pas­ses kom­me für Dogra­maci auf büro­kra­ti­scher Ebe­ne dem Ver­lust der Iden­ti­tät und aller Bür­ger­rech­te gleich. Das zeigt, dass Hei­mat und Iden­ti­tät nicht zuletzt auch durch Fremd­zu­schrei­bun­gen gebil­det wer­den. Hei­mat ent­ste­he auch als Abgren­zung gegen­über einem „Anderen“/„Fremden“, nicht nur durch ein inne­res Selbst­ver­ständ­nis, son­dern auch durch Zuwei­sun­gen von außen. Durch die Abgren­zung gegen­über einem Außen iden­ti­fi­zie­re man sich auto­ma­tisch mit einer Grup­pen von Glei­chen oder Ähn­li­chen. Die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on kön­ne auf der Ebe­ne einer gemein­sa­men Spra­che, gemein­sa­mer Tra­di­tio­nen und Bräu­che oder dem Leben im glei­chen Staat oder dem Besitz des glei­chen Aus­weis­do­ku­ments basieren.

Hei­mat als Miteinander

„Natio­nen basie­ren maß­geb­lich auf einem kol­lek­ti­ven his­to­ri­schen Bewusst­sein, das retro­spek­tiv for­mu­liert ist und sei­nen Aus­gangs­punkt in der Gegen­wart hat.“ Es sind also, in Dogra­macis Fall, nicht zuletzt die Deut­schen selbst, die ihre deut­sche Hei­mat aus­ma­chen (Edgar Reitz hat­te wohl ähn­li­che Gedan­ken). René Bur­ris Foto­buch Die Deut­schen oder die Foto­gra­fien von Ste­fan Moses ste­hen dabei stell­ver­tre­tend für foto­gra­fisch-anthro­po­lo­gi­sche Bevöl­ke­rungs­quer­schnit­te, die den Ver­such unter­neh­men Hei­mat als Grup­pe von Mit­men­schen oder Mit­bür­gern zu begrei­fen. Sie ver­su­chen eine kri­ti­sche Mas­se an Men­schen abzu­lich­ten, die in ihrer Quer­schnitts­men­ge so etwas wie die Essenz des Deut­schen aus­ma­chen. Ein ähn­li­cher Wunsch treibt höchst unter­schied­li­che Fil­me­ma­cher an, die sich zum Ziel gesetzt haben, eine mög­lichst unge­schön­te Form von Leben auf­zu­zeich­nen. In Umfang und Form unter­schei­den sich die­se Ver­su­che sehr stark. Sie rei­chen vom natio­na­len Pres­ti­ge­pro­jekt der Up Series, dass der bri­ti­sche TV-Sen­der ITV seit nun­mehr über fünf­zig Jah­ren als Lang­zeit­quer­schnitts­stu­die fort­führt, bis zu Pedro Cos­tas Fon­tain­has-Tri­lo­gie, die mit beschei­de­nen Mit­teln ent­stan­den ist und in der er sich im Lis­sa­boner Ein­wan­de­rungs­vier­tel Fon­tain­has der loka­len Bevöl­ke­rung annä­hert. Can­di­da Höfer wid­met sich in ihren Foto­gra­fien eben­falls Fami­li­en mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, unter­nimmt dabei, anders als Cos­ta, nicht den Ver­such sich ihrem Inter­es­sens­sub­jekt wei­test­ge­hend anzu­nä­hern, son­dern behält einen Blick von außen. Höfer ist weder dar­an inter­es­siert den „Durch­schnitts­deut­schen“ und sei­ne auto­chtho­ne Kul­tur zu zei­gen, noch eine migran­ti­sche Par­al­lel­ge­sell­schaft, son­dern Kon­zep­tio­nen und Mög­lich­keits­räu­me neu­er Hei­mat zu schaf­fen, sowie zu zei­gen wie sich Hei­mat in Abgren­zung zum Frem­den kon­sti­tu­iert. Aber­mals haben wir es also mit ver­schie­de­nen Ver­fah­rens­wei­sen zu tun, dem Blick nach innen, der die Essenz der Hei­mat sucht, und einem Blick, der Fremd­kör­per in Kon­trast zur bekann­ten Hei­mat setzt.

Hei­mat als Heim

Nicht zuletzt ver­bin­det man mit Hei­mat auch eine spe­zi­fi­sche Wohn­stät­te, ein Heim, das über die geo­gra­phi­sche Zuord­nung eines Her­kunfts­lands hin­aus­geht. Ein Blick in die Wohn­zim­mer eines Lan­des lässt ver­schie­de­ne Künst­ler Ein­bli­cke in die Volks­see­le geben. Foto­gra­fi­sche Streif­zü­ge die­ser Art kön­nen also eben­falls eine bestimm­te Auf­fas­sung von Hei­mat her­aus­ar­bei­ten. Tau­send­sas­sa James Agee hat zusam­men mit dem Foto­gra­fen Wal­ker Evans einen sol­chen Streif­zug für ihr Buch Let Us Now Prai­se Famous Men unter­nom­men und dar­in die ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten por­trä­tiert. Her­lin­de Koelbl ver­such­te ähn­li­ches in Deutsch­land mit ihrem Foto­buch Das deut­sche Wohn­zim­mer. Die Woh­nung als Mikro­kos­mos las­se Schlüs­se auf grö­ße­re Fra­ge­stel­lun­gen zu. Form und Gestal­tung des Heims sei­en geprägt von Wohn­bau­po­li­tik, von der Mode eines bestimm­ten Zeit­geists und von den Bewoh­nern, die durch die Aus­ge­stal­tung des Wohn­raums tief in ihre See­le bli­cken las­sen. Es wer­de deut­lich, dass die ver­trau­te Umge­bung einer Wohn­stät­te, die Anord­nung der Zim­mer und des Haus­rats eben­falls ein Gefühl von Hei­mat ver­mit­teln kön­nen. Ein Gefühl, wie es Man­oel de Oli­vei­ras Visi­ta ou Memóri­as e Con­fis­sões ver­mit­telt, in dem er sein eige­nes Heim (das er aus wirt­schaft­li­chen Grün­den auf­ge­ben muss) durch­streift. Ulrich Seidl per­ver­tier­te die­ses Gefühl mit sei­nem Hybrid-Bas­tard Im Kel­ler. Dar­in inter­es­siert er sich weni­ger für das reprä­sen­ta­ti­ve Wohn­zim­mer, in dem Besuch emp­fan­gen wird, son­dern für die ver­bor­ge­nen Kel­ler­räum­lich­kei­ten, die sich der öffent­li­chen Preis­ga­be gemein­hin wider­set­zen. Seidls Insze­nie­rung macht deut­lich, dass die­se Hei­me nicht unab­hän­gig von ihren Besit­zern exis­tie­ren und ord­net die Bewoh­ner in ihren Kel­lern als Teil des Ein­rich­tungs­ver­bunds an. Die klaus­tro­pho­be Dimen­si­on von Heim, wird in Chan­tal Aker­mans Jean­ne Diel­man, 23, Quai du Com­mer­ce, 1080 Bru­xel­les deut­lich. Die spieß­bür­ger­li­che Woh­nung der Prot­ago­nis­tin Jean­ne ist ein Gefäng­nis – halb selbst­ge­wählt, halb durch gesell­schaft­li­che Zwän­ge auf­er­legt – das die Bewoh­ne­rin über­de­ter­mi­niert. Wer sein Heim und sei­ne Hei­mat aber ver­las­sen muss, der ver­su­che laut Dogra­maci not­dürf­tig das wich­tigs­te Hab und Gut in einem Kof­fer unter­zu­brin­gen. Men­schen mit Kof­fern sei­en eben­falls Sinn­bil­der für Flucht und Ver­trei­bung. Mar­cel Duch­amp hat dar­auf 1941, bei sei­ner Abrei­se aus Frank­reich, reagiert und im Boî­te-en-Vali­se sei­ne Schlüs­sel­wer­ke in Minia­tur­form in einem Kof­fer unter­ge­bracht – ein Werks­ver­zeich­nis im Geis­te des Zeit­al­ters der Massenmigration.

Dogra­macis Buch ist ein gelun­ge­nes Pro­jekt. Wer letzt­gül­ti­ge Ant­wor­ten sucht, wird ent­täuscht sein, doch wer mehr an Fra­gen inter­es­siert ist und sich diver­se neue Dis­kurs­fel­der erschlie­ßen möch­te, der ist mit Hei­mat. Eine künst­le­ri­sche Spu­ren­su­che gut bedient. Dogra­maci bie­tet eine Aus­gangs­ba­sis für wei­ter­füh­ren­de Über­le­gun­gen, die sich nicht in der der über­schau­ba­ren Zahl an Fall­bei­spie­len erschöpft, die sie anführt, son­dern Raum lässt für eige­ne Kon­zep­te und Gedanken.