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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Filmfest Hamburg 2015: Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo

Eine aus­führ­li­che­re Vari­an­te die­ses Tex­tes erscheint auf kino​-zeit​.de

Das kon­stan­te Gefühl eines Miss­ver­ste­hens, eines Miss­ver­ständ­nis­ses beginnt im Fall von Hong Sang-soos phä­no­me­na­len Locar­no-Gewin­ner Right Now, Wrong Then bereits im Titel, der zu Beginn nicht der glei­che ist. Der in zwei Tei­le geglie­der­te Film beginnt mit Right Then, Wrong Now und einer Melo­die in den Wol­ken, die in aller Sanft­heit, Schlicht­heit und Unschuld dafür sorgt, dass man miss­ver­steht, was pas­sie­ren wird.

Man fin­det sich sehr schnell im Hong-Uni­ver­sum: Der jun­ge Fil­me­ma­cher ist ein Mann, ein Mann, der sich selbst und Frau­en mag, der sich selbst nicht mag, ein Mann, der fest­stellt, dass der Kon­takt mit Frau­en kein leich­ter ist; die jun­ge Frau ist eine Kunst­stu­den­tin, etwas ver­lo­ren, trei­bend, sich fin­dend, sie will sich mögen, tut es kaum. Man geht zusam­men trin­ken, man geht zusam­men essen, man redet über sich und über dich und über Kunst, man trinkt mehr, man ist betrun­ken, es gibt pein­li­che und zärt­li­che Momen­te, man geht spa­zie­ren, man lacht, man lügt, man weint, man wird müde, es ist kalt, Schnee fällt; man ver­passt sich, man war­tet auf eine Reak­ti­on, man schaut, man begehrt, man macht Feh­ler, man möch­te im Boden ver­sin­ken und doch ist alles vol­ler Wär­me. Im Kern sucht man sich viel­leicht und ver­steht sich nicht, es sind Miss­ver­ständ­nis­se der Selbst­wahr­neh­mung. In die­sem ers­ten Teil sei­nes Films sehen wir den ver­zwei­fel­ten Ver­such des Fil­me­ma­chers, die Kunst­stu­den­tin zu ver­füh­ren, ein Ver­such, der auf Lügen basiert, die letzt­lich in der glei­chen Ein­sam­keit schei­tern, in der sie begon­nen haben. Dazu die Käl­te im Süden Kore­as und der Schnee, der Hongs Wel­ten mit einer wie­der­keh­ren­den Schutz­hül­le umgarnt.

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Aber dann schnei­det Hong in einer die­ser her­aus­ra­gen­den Bil­der, die der Film sel­ten und dadurch effek­tiv in sei­ne Gram­ma­tik der nack­ten Essenz ein­streut, auf eine Bud­dha-Sta­tue und das Spiel beginnt von vor­ne. Es ist nicht so als wäre das Prin­zip der Wie­der­ho­lung etwas Neu­es für Hong, man den­ke an die Begeg­nun­gen mit dem unver­gess­li­chen Life Guard in In ano­ther coun­try oder die Avan­cen gegen­über der Kell­ne­rin in Woman is the Future of Man. Aber der­art klar hat Hong noch nie eine Nar­ra­ti­on nach die­sem Prin­zip auf­ge­baut. Die Geschich­te beginnt von vor­ne, aber im Gegen­satz zu einem Film wie Ground­hog Day geschieht die Repe­ti­ti­on nicht im Bewusst­sein der Figu­ren. Viel­mehr könn­te man von einem Déjà-vu spre­chen, also einer eher unbe­wuss­ten Wahr­neh­mung die­ser Wie­der­kehr (Hong selbst hat den Begriff in die­sem Inter­view abge­seg­net). Letzt­lich aber beginnt ein neu­er Film (Titel: Right Now, Wrong Then), eine neue Chan­ce. Der Fil­me­ma­cher ist immer noch ein Mann, doch statt dem Prin­zip der Lüge folgt er nun jenem der abso­lu­ten Ehr­lich­keit, um die­se Frau nicht mehr ledig­lich zu ver­füh­ren, son­dern mög­lichst zu hei­ra­ten. Es sind die glei­chen Set­tings, zum Teil die glei­chen Dia­lo­ge, aber doch ist alles anders. Gera­de durch die Wie­der­ho­lung legt Hong den Fokus auf die Dif­fe­ren­zen. Man­che Sze­nen wer­den aus ande­ren Ein­stel­lun­gen gefilmt, der Voice Over verschwindet,verschiedene Sät­ze wer­den leicht ver­än­dert gesagt oder nur mit einem ande­ren Ton, dann gibt es völ­lig neue Situa­tio­nen (man darf nicht glau­ben, dass Hong sich hier skla­visch an ein Kon­zept hält) und ein bestän­di­ges Spiel zwi­schen der Erwar­tung des­sen, was da kom­men wird und der unend­li­chen Ver­zö­ge­rung einer Ent­täu­schung die­ser Ewar­tun­gen. Schließ­lich ist Hong der genui­ne Fil­me­ma­cher der Ent­täu­schung. Das kann sich sowohl in einem absur­den oder bit­te­ren Humor aus­drü­cken, als auch im plötz­li­chen Schmerz einer Erkennt­nis. Dabei geht es viel um Miss­ver­ständ­nis­se, die dadurch ent­ste­hen, dass man nicht aus­drü­cken kann, was man möchte.

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Right Now, Wrong Then auch ein Film über unse­re Wahr­neh­mung im Kino. Man kann förm­lich an sich selbst stu­die­ren, was eine ande­re Ein­stel­lung, ein ande­rer Dia­log mit einer Sze­ne macht. So ver­schwin­det das Lachen außer in einer die­ser unfass­ba­ren Sze­nen des Betrun­ken­seins samt Strip­tease aus dem zwei­ten Teil. Sze­nen, in denen man zu Beginn lachen oder schmun­zeln muss­te, kom­men einem nun sehr ernst vor. Man fragt sich, ob das nur an der Wie­der­ho­lung liegt. Im zwei­ten Teil ist es der Herz­schmerz, der domi­niert, ohne dass Hong auch nur eine Sekun­de von sei­ner Leich­tig­keit ver­lie­ren wür­de. Durch die Dop­pe­lung beginnt erst die Kon­zen­tra­ti­on des Blicks. Es ist eine Beun­ru­hi­gung, in der jede Nuan­ce mit unse­rer Anti­zi­pa­ti­on und Erin­ne­rung glei­cher­ma­ßen spielt. Mal inter­pre­tiert man sei­ne eige­ne Anti­zi­pa­ti­on als Erin­ne­rung und mal die Erin­ne­rung als Anti­zi­pa­ti­on. Im Loch, das sich zwi­schen die­sen Miss­ver­ständ­nis­sen öff­net, ent­steht ein wun­der­ba­res Kino der Ges­ten, Fett­näpf­chen, Sehn­süch­te und Ein­sam­keit. Der Film erzählt auch von einer ver­zwei­fel­ten Suche nach einer männ­li­chen Iden­ti­tät. Er macht dies sowohl iro­nisch als auch emotional.

Dabei ist Hong ein der­art guter Beob­ach­ter mensch­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen, dass jeder Blick sei­ner Figu­ren, jede Ges­te und jede Bewe­gung einen Sub­text ent­hält, der völ­lig greif­bar vor dem Zuse­her liegt, ohne jemals aus­ge­spro­chen zu wer­den. Es ist kei­ne Fra­ge, dass für die­ses Kino das Schau­spiel von äußers­ter Wich­tig­keit ist. Jeong Jaeye­ong gibt den Fil­me­ma­cher der­art über­zeu­gend, dass wir hier von einer der bes­ten schau­spie­le­ri­schen Dar­bie­tun­gen der letz­ten Jah­re reden kön­nen. Bei ihm kann ein Lächeln alles bedeu­ten und all das wird für die Kame­ra sicht­bar, nicht aber für ihn selbst oder sei­ne Mit­men­schen. Bei Hong besteht Reduk­ti­on nicht nur in weni­gen und lan­gen Ein­stel­lun­gen, son­dern letzt­lich auch in einer Prä­zi­si­on gegen­über der Zeit, einem Timing, das Miss­ver­ständ­nis­se erst ermög­licht. Jeong Jaeye­ong legt dort hin­ein die­se uner­setz­li­che Fähig­keit, sei­nen Kör­per und sei­ne Stim­me zu tren­nen. Was er sagt, ist sel­ten, das was er macht und was er macht, ist sel­ten das, was er sagt. Daher sehen wir dann sei­ne nack­ten Emotionen.

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In man­cher Hin­sicht scheint Right Now, Wrong Then ein reli­giö­ser Film zu sein. Das Tref­fen des Pär­chens in einem Tem­pel und die Bedeu­tung des Bud­dhas sowie das über­strah­len­de The­ma der Wie­der­kehr, der zwei­ten Chan­ce im Hin­blick auf Ver­hal­tens­wei­sen und Auf­fas­sun­gen von zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen deu­ten dar­auf hin. Glei­cher­ma­ßen ist der Film aber auch ein Mär­chen, denn Hong macht Fil­me, die eine Traum­welt ver­set­zen, eine Welt, in der man ger­ne leben wür­de bis man fest­stellt, dass man bereits in ihr lebt. Es gibt eine Fluk­tua­ti­on zwi­schen sei­nem Blick und der Rea­li­tät, die einen mit ande­ren Augen sehen lässt. Man stellt fest, es sind sei­ne Augen, in denen man leben will. So ist es kon­se­quent, dass der Film mit dem Ver­las­sen des Kinos endet und man im Schnee von Hong in die­se zärt­li­che Ein­sam­keit fällt, die an einem haf­ten bleibt, wie der Geschmack eines Madeleines.