Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Zeitbilder: Inimi cicatrizate von Radu Jude

Radu Judes Film­schaf­fen oszil­liert seit jeher zwi­schen den Polen der stän­di­gen Bewe­gung und der tota­len Bewe­gungs­lo­sig­keit. Die­ses Para­dox treibt er in sei­nem wun­der­ba­ren Ini­mi cica­triza­te auf die Spit­ze, weil sein Prot­ago­nist Ema­nu­el gleich­zei­tig ans Bett gefes­selt ist und in sei­ner sexu­el­len Blü­te steht. Mit 20 Jah­ren an der Potts Krank­heit (Tuber­ku­lo­se) erkrankt, wird Ema­nu­el in ein Sana­to­ri­um gebracht und erlebt dort eine deka­den­te Roman­tik und erbar­mungs­lo­se Zeit­lich­keit vor dem Zwei­ten Welt­krieg am Schwar­zen Meer. 

Irgend­wo zwi­schen Tho­mas Mann und rumä­ni­scher Absur­di­tät ent­fal­tet sich ein eigent­lich sehr klas­si­scher Film über die Zeit des jun­gen Man­nes in der Heil­an­stalt. Wir fol­gen Ema­nu­el dabei eher auf sei­ner emo­tio­na­len, denn auf sei­ner tat­säch­li­chen Rei­se durch die Krank­heits­sta­di­en. Das „Eigent­lich“ bezieht sich auf die vie­len Schich­ten, die mit die­sem nar­ra­ti­ven Ansatz in Ver­bin­dung ste­hen und der Art und Wei­se (lan­ge tableau­x­ar­ti­ge Ein­stel­lun­gen in einem an Lisan­dro Alon­sos Jau­ja erin­nern­dem Aca­de­my-Ratio-For­mat) in der Jude das filmt. Der Fil­me­ma­cher bringt hier zwei Din­ge ins jün­ge­re rumä­ni­sche Kino, die man dort durch­aus ver­mis­sen konn­te: Sexua­li­tät und Licht. Letz­te­res ist in sei­ner Behut­sam­keit und Viel­schich­tig­keit wirk­lich bemer­kens­wert in Ver­bin­dung mit dem 35mm-Mate­ri­al, das hof­fent­lich jen­seits von Ham­burg auch so pro­ji­ziert wird.

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Bild vom Set

Dabei arbei­tet der Fil­me­ma­cher deut­lich zärt­li­cher und weni­ger vul­gär (was nicht heißt, dass er die Krank­hei­ten nicht auch orga­nisch fil­men wür­de) als in sei­nen bis­he­ri­gen Fil­men. Die Rau­heit eines Aferim! oder O umbra de nor lässt nun eine deut­li­che­re Distanz zu, die etwas zwi­schen den Bil­dern kom­mu­ni­zie­ren kann und eine grö­ße­re Kon­zen­tra­ti­on auf die Stil­le, ein offe­nes Fens­ter im Regen oder die Schön­heit eines ster­ben­den Kör­pers mit Blu­men für sei­ne Gelieb­te ermög­licht. Das liegt vor allem an der Bild­ge­stal­tung von Mari­us Pan­du­ru und der Spra­che von Max Ble­cher, dem rumä­ni­schen Sur­rea­lis­ten auf des­sen Wer­ken und Leben die­ser Film basiert. Zwi­schen den Bil­dern wer­den ähn­lich Fass­bin­ders Effi Briest Text­zi­ta­te ein­ge­blen­det, die glei­cher­ma­ßen einen inne­ren Mono­log ermög­li­chen, als auch das Gese­he­ne abs­tra­hie­ren, bis­wei­len hin­ter­fra­gen. Denn was wir sehen ist ent­we­der Leid oder Lust, meist das War­ten auf bei­des. Was wir lesen, ist die Poe­sie die­ses Leids, das kom­men­de Ende, das man natür­lich auch auf die Situa­ti­on der Welt und Rumä­ni­ens vor dem Faschis­mus in die­sen Jah­ren legen kann. Das Hin­ter­fra­gen kommt dann, wenn ein Bild der Zügel­lo­sig­keit von einem Text der Ein­sam­keit abge­löst wird. Man fragt sich, ob man rich­tig hin­sieht und zusam­men mit dem abge­run­de­ten Rah­men des Bil­des, der manch­mal thea­tra­li­schen Art des Spiels (zum Bei­spiel in einer ent­schei­den­den Sze­ne am Meer zwi­schen Ema­nu­el und sei­ner Lie­be Solan­ge) und der prä­zi­sen Kadrie­rung merkt man schnell, dass die­se Welt aus­ein­an­der fällt. Es ist eine Welt, die auf Bil­dern und Fik­tio­nen beruht, die sich nicht hal­ten wer­den kön­nen. Das gilt für den Hei­lungs­pro­zess, der auf Lügen basiert, viel­leicht gar nicht mög­lich ist, zumin­dest nicht kon­trol­lier­bar und das gilt für die medi­zi­ni­schen und poli­ti­schen Ansich­ten in die­ser Anstalt.

Zita­te spie­len all­ge­mein eine gro­ße Rol­le, denn Ema­nu­el erweist sich als Lexi­kon von Wer­be- und Gedicht­zi­ta­ten, die er nur so um sich wirft. Ver­spielt, ver­letz­lich, naiv und furcht­los, liegt er die größ­te Zeit des Films ein­ban­da­giert in einem Gips, der ihn nicht dar­an hin­dert auf ver­schie­de­ne Frau­en zu klet­tern. Es geht allen so in die­sem Sana­to­ri­um, es ist eine gro­ße Ver­zweif­lung, Her­zen, die wirk­lich ver­narbt sind (wer denkt beim Titel nicht auch ein wenig an Phil­ip­pe Gar­rel), sexu­el­le Deka­denz. Beson­ders ange­tan hat es dem jun­gen Mann eine ehe­ma­li­ge Pati­en­tin, die Solan­ge heißt oder sich Solan­ge nennt. Ins­be­son­de­re in den Sze­nen mit ihr, die Jude in sei­nen gewohnt vir­tuo­sen, sta­ti­schen Plan­se­quen­zen filmt, wird einem schmerz­voll klar wie bru­tal es ist, wenn man sich nicht bewe­gen kann. Die­se lan­gen Ein­stel­lun­gen sind schlicht unglaub­lich. Judes Mise-en-scè­ne erin­nert an Hou Hsiao-hsi­en oder Mau­ritz Stil­ler. Eine der­ar­ti­ge Cho­reo­gra­phie an Bewe­gun­gen, Sicht­wech­seln und Spie­geln, Rah­mun­gen im Bild hat man sel­ten gese­hen. Am bes­ten zeigt sich Bewe­gungs­lo­sig­keit immer mit Bewe­gung und so lässt der Fil­me­ma­cher aller­hand gesün­de­re Pati­en­ten um Ema­nu­el tan­zen, ren­nen, er wird her­um­ge­scho­ben und hin­zu kommt die­ses bestän­di­ge Drän­gen des Her­zens, das aus­bre­chen will aus dem Gips. Dadurch ent­ste­hen sowohl komi­sche als auch tra­gi­sche Sze­nen, meist bei­des zugleich.

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Neben den sprach­li­chen Ver­wei­sen auf Ble­cher, gibt es auch eine Rah­mung, die an den Schrift­stel­ler erin­nert. Im wun­der­schö­nen Vor­spann sehen wir Bil­der und Doku­men­te des tat­säch­li­chen Auf­ent­halts von Ble­cher im Sana­to­ri­um und am Ende besu­chen wir sein Grab. Dadurch macht Jude die Zeit­lich­keit des Gan­zen noch prä­sen­ter und er tritt auch in einen Dia­log mit der Geschich­te und ihrer Fik­ti­on zugleich. In man­cher Hin­sicht erin­nert der Film an La Mort du Lou­is XIV von Albert Ser­ra. Zwei Fil­me aus die­sem Jahr, die über Krank­hei­ten von einer ver­gäng­li­chen Welt erzäh­len, die irgend­wann war und doch auch jetzt ist. Bei­de Fil­me erzäh­len von einer Star­re, einer Ohn­macht der Bewe­gung, die immer auch absurd ist. Wenn es ein­mal das Bewe­gungs­bild und das Zeit­bild gege­ben hat, dann gibt es die­ses Jahr im Kino das Krank­heits­bild. Es ist ein Zeit­bild, das ger­ne ein Bewe­gungs­bild wäre.

Am 14. Novem­ber zei­gen wir im Film­haus am Spit­tel­berg Ini­mi cica­triza­te und O umbra de nor von Radu Jude.