Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari von Radu Jude

Viennale 2018: Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari von Radu Jude

In der Woh­nung der Thea­ter­re­gis­seu­rin Maria­na Marin in Radu Judes Îmi este indi­fe­rent daca în isto­rie vom intra ca bar­ba­ri steht das Buch The Crime and the Silence von Anna Bikont recht pro­mi­nent plat­ziert auf einem Tisch. Dar­in geht es um das pol­ni­sche Mas­sa­ker an Juden in Jed­w­ab­ne 1941, das die Autorin mit einer Mischung aus his­to­ri­schen Berich­ten und einem Recher­che­jour­nal ver­ge­gen­wär­tigt. Um eine ganz ähn­li­che, auch struk­tu­rell ver­wand­te Ver­ge­gen­wär­ti­gung geht es auch in Radu Judes neu­em Film. Der Titel geht zurück auf ein Zitat von Ion Anto­nes­cu aus dem Jahr 1941. Der „Staats­füh­rer“ Rumä­ni­ens wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs war einer der Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die eth­ni­schen Säu­be­run­gen und Mas­sa­ker an Juden in Rumä­ni­en. Es ist ein Kapi­tel der Geschich­te, über dem lan­ge Zeit ein Man­tel des Schwei­gens hing, auch weil Anto­nes­cu eine post­so­zia­lis­ti­sche Reha­bi­li­tie­rung erfuhr. Jude filmt in mal schein­bar doku­men­ta­ri­schen und mal hoch­fik­tio­na­len Sequen­zen den Ver­such von Maria­na sub­ver­siv die Ver­bre­chen an den Juden in eine Per­for­mance zu inte­grie­ren, die sich mit Hil­fe des Buka­res­ter Rat­hau­ses auf einem Stadt­platz mit der rumä­ni­schen Geschich­te aus­ein­an­der­set­zen soll.

Doch Radu Jude, der sich in den letz­ten Jah­ren als Autor und Chro­nist einer ver­dräng­ten und bis­wei­len scham­vol­len Geschich­te sei­nes Lan­des eta­bliert hat, gibt sich genau­so wenig wie sei­ne Prot­ago­nis­tin mit einer blo­ßen Wie­der­ga­be die­ser unter den Tep­pich gekehr­ten Rea­li­tä­ten zufrie­den. Schließ­lich hängt unweit des Tisches mit dem Buch in der Woh­nung Maria­nas auch Paul Klees Ange­lus Novus an der Wand, über den der ehe­ma­li­ge Besit­zer des Buches Wal­ter Ben­ja­min in sei­nem berühm­ten Text Über den Begriff der Geschich­te schrieb:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Ange­lus Novus heißt. Ein Engel ist dar­auf dar­ge­stellt, der aus­sieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu ent­fer­nen, wor­auf er starrt. Sei­ne Augen sind auf­ge­ris­sen, sein Mund steht offen und sei­ne Flü­gel sind aus­ge­spannt. Der Engel der Geschich­te muß so aus­se­hen. Er hat das Ant­litz der Ver­gan­gen­heit zuge­wen­det. Wo eine Ket­te von Bege­ben­hei­ten vor uns erscheint, da sieht er eine ein­zi­ge Kata­stro­phe, die unab­läs­sig Trüm­mer auf Trüm­mer häuft und sie ihm vor die Füße schleu­dert. Er möch­te wohl ver­wei­len, die Toten wecken und das Zer­schla­ge­ne zusam­men­fü­gen. Aber ein Sturm weht vom Para­die­se her, der sich in sei­nen Flü­geln ver­fan­gen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schlie­ßen kann. Die­ser Sturm treibt ihn unauf­halt­sam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, wäh­rend der Trüm­mer­hau­fen vor ihm zum Him­mel wächst. Das, was wir den Fort­schritt nen­nen, ist die­ser Sturm.“

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari von Radu Jude

Judes Film ist eine Refe­renz­kam­mer. Immer wie­der führt ein Zitat, eine fil­mi­sche oder foto­gra­fi­sche Quel­le, eine Über­le­gung, ein Dia­log in einen neu­en Kon­flikt. Bei­spie­le dafür sind hero­isch-natio­na­le Bil­der der Befrei­ung Odes­sas (dort, wo das Mas­sa­ker an Juden statt­ge­fun­den hat), ein Film von Ser­giu Nico­laes­cu, anti­se­mi­ti­sche Sprü­che auf Pla­ka­ten oder Tex­te von Gior­gio Agam­ben, Isaac Babel sowie von Anto­nes­cu selbst. Die­ses Vor­ge­hen macht immer wie­der bewusst, dass Geschich­te nicht gege­ben, son­dern kon­stru­iert ist. Bereits in sei­nem Aferim! hat der Fil­me­ma­cher ver­mit­telt, dass die Wahr­neh­mung von Geschich­te immer gelenkt ist. Der Film bestand zu größ­ten Tei­len aus Zita­ten aus der rumä­ni­schen Lite­ra­tur. Geschich­te als Kon­strukt, Geschich­te als Fik­ti­on; in Îmi este indi­fe­rent daca în isto­rie vom intra ca bar­ba­ri geht er noch einen Schritt wei­ter. Dabei ver­hed­dert sich Jude weder im Dis­kurs noch in der Rea­li­tät, son­dern balan­ciert mit erstaun­li­cher Leich­tig­keit dazwischen.

Es geht Jude um die Arbeit an der Ver­ge­gen­wär­ti­gung. Dar­in fin­det dann sowohl die Reprä­sen­ta­ti­on statt als auch deren Bre­chung in ein Jetzt. Beim Abar­bei­ten an der Geschich­te fal­len Spä­ne auf den Boden, die von der Gegen­wart in der Geschich­te erzäh­len. Dass der Film dafür hier und da bei­na­he didak­tisch daher­kommt, ist not­wen­dig. Es gibt hier eine War­nung, eine Ver­zweif­lung und eine dring­li­che Sou­ve­rä­ni­tät der Argu­men­te. Wenn jemand mit dem Zei­ge­fin­ger auf etwas zeigt, was jeder sehen soll­te, ist das immer bestim­mend. In der Begeg­nung mit der Geschich­te gibt es eine ober­fläch­li­che Ebe­ne, jene der Nost­al­gie, der Kli­schees, der Ästhe­tik, der vor­ge­scho­be­nen Genau­ig­keit, des bei­läu­fi­gen Humors und sich zuni­cken­den Kon­sens, und sie trifft in die­sem Film auf eine auf­rich­ti­ge Ebe­ne, eine des Nach­fra­gens, des Nicht-Glau­bens, der Neu­gier, des Wis­sens, des Auf­zei­gens. Im Kino wird die­ser Kon­flikt oft im Gegen­über aus „authen­ti­scher“ Reprä­sen­ta­ti­on und ana­ly­ti­scher Bre­chung ver­han­delt. Die­ser so rele­van­te Kon­flikt schlägt im Her­zen von Îmi este indi­fe­rent daca în isto­rie vom intra ca bar­ba­ri und ent­fes­selt anhand der jun­gen Thea­ter­re­gis­seu­rin Maria­na eine Kalei­do­skop aus Ver­klä­rung, Auf­klä­rung, Igno­ranz und Idea­lis­mus. Wie in die­sem Jahr viel­leicht sonst nur Ruth Becker­manns Wald­heims Wal­zer legt der Film ganz offen sei­nen Fin­ger in die Wun­den und Fra­gen unse­rer Zeit: Wie sich mit Geschich­te befas­sen? Wie hal­ten wir bestimm­te Ver­bre­chen im Bewusst­seins? Wie stark wie­der­ho­len sich die geschicht­li­chen Mus­ter und wie kann man als Künst­ler oder Künst­le­rin damit arbei­ten? Am Ende des Films zeigt Jude Men­schen, die dem hoch­kri­ti­schen Thea­ter­stück fol­gen und sich den­noch bei­na­he blind in eine Nost­al­gie bege­ben. In Inter­views äußer­te der Fil­me­ma­cher, dass es ihm mit sei­nem Aferim! ganz ähn­lich ergan­gen wäre. Auch in Öster­reich erleb­ten ich einen zumin­dest für mich etwas merk­wür­di­gen Nost­al­gie­schub in den Publi­kums­ge­sprä­chen nach Wald­heims Wal­zer. Selbst in einem so klar nicht-illu­sio­nis­ti­schen Film gibt es schein­bar einen Raum, der durch das Kino in Zei­ten trans­por­tiert und Gefahr läuft not­wen­di­ge Distan­zen zu überbrücken.

In bis­wei­len komi­schen und scho­ckie­ren­den Sze­nen trifft die in ihrer trot­zi­gen Läs­sig­keit bewun­derns­wer­te Regis­seu­rin frü­her im Film auf Zwei­feln­de, Kri­ti­sie­ren­de und Rück­grat­lo­se. Sie hat eine idea­lis­ti­sche, mora­li­sche, nach Wahr­heit suchen­de Aus­rich­tung, aber die Mit­ar­bei­ter wol­len nur ein biss­chen Geld ver­die­nen. Sel­ten hat man die Far­ce und das Loch, das sich zwi­schen einem rele­van­ten Vor­ha­ben und der Rezep­ti­on bezie­hungs­wei­se Arbeit dar­an auf­tut so schmerz­voll gese­hen. Mit wel­chen Hin­der­nis­sen und Wider­sprü­chen sich die Regis­seu­rin aus­ein­an­der­set­zen muss, ist bis­wei­len absurd, manch­mal trau­ri­ge Wahr­heit. Jedoch geht es hier nie­mals um ein all­wis­sen­des Gegen­über­stel­len von Rich­tig und Falsch. Statt­des­sen eta­bliert Jude mit der erstaun­li­chen Figur Movila, einem Beam­ten des Buka­res­ter Rat­hau­ses, eine phi­lo­so­phi­sche Ebe­ne, die fest­ge­zurr­te Wahr­hei­ten ins Wan­ken bringt. Er ver­tritt in bril­lan­ter Elo­quenz die domi­nan­te Stim­me der Kul­tur­in­dus­trie, des Anti-Sub­ver­si­ven, fun­kelnd und mit wider­wär­ti­ger Selbst­ge­rech­tig­keit chan­gie­ren sei­ne Argu­men­te in den spek­ta­ku­lä­ren Dia­lo­gen mit Maria­na zwi­schen Ver­blen­dung und Wahr­heit. Man hat das Gefühl, dass Jude hier auch immer wie­der auf Dis­kur­se aus der rumä­ni­schen Öffent­lich­keit zurück­greift, die einem inter­na­tio­na­len Publi­kum ent­ge­hen. Das wirkt aber nicht wei­ter schlimm, weil die Dis­kus­sio­nen zwi­schen moder­ner Zen­sur, öffent­li­chen Gel­dern, Geschichts­auf­ar­bei­tung, Kri­tik und Ideo­lo­gie wohl über­all mehr oder weni­ger gro­ße Rol­len spielen.

Îmi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbari von Radu Jude

Der Film bricht sei­ne eige­ne Illu­si­on, schafft aber wie­der­um eine Illu­si­on, die poli­ti­sche Inter­ven­ti­on attrak­tiv erschei­nen lässt bis sie schließ­lich in trau­ri­ger Wir­kungs­lo­sig­keit ver­pufft. Es geht hier nicht um einen brecht’schen Ansatz, son­dern dar­um den Fokus von der Reprä­sen­ta­ti­on auf die Reprä­sen­tie­ren­den zu legen. Die Ener­gie der Kame­ra und der Prot­ago­nis­ten zwi­schen Büchern, Insze­nie­run­gen und Strei­te­rei­en erin­nert wie Vero­ni­ca Lazăr und And­rei Gor­zo rich­tig bemerk­ten an den poli­ti­schen Moder­nis­mus von Miklós Jancsó bis Jean-Luc Godard. Das zeigt sich zum Bei­spiel dar­in, dass von Anfang an klar ist, dass man einem Film zusieht. Haupt­dar­stel­le­rin Ioa­na Iacob sagt uns, nach­dem wir die Klap­pe, den Ton­mann und wei­te­re Ele­men­te des Drehs erbli­cken, dass sie Maria­na Marin spie­len wür­de. Die­se wäre im Gegen­satz zu ihr eine Athe­is­tin. Maria­na Marin ist auch der Name einer rumä­ni­schen Poe­tin, die in einem ihrer Gedich­te schrieb, dass sie durch ihr Hei­mat­land eile, als wäre mor­gen bereits gewe­sen. Obwohl sich Iacob trau­rig dar­über zeigt, dass sie nicht die Poe­tin spie­len wür­de, scheint ihre Kampf zwi­schen Enthu­si­as­mus und dem Druck des Schwei­gens durch­aus gewis­se Ver­wandt­schaf­ten mit dem Leben und Werk der Poe­tin im Ceauşes­cu-Régime zu haben.

Bleibt noch etwas über die Freu­de zu schrei­ben mit der sich der Film all die­ser Hef­tig­keit wid­met. Jude zele­briert sein Kino hier mit einer schwe­ben­den Wucht, die nichts mit der bemüh­ten Intel­lek­tua­li­tät zu tun hat, mit der man über den Film schrei­ben muss. Immer wie­der rut­schen Sze­nen ins Komi­sche oder Absur­de und bis zum Ende gibt es einen gewis­sen Schau­wert, der mit gro­ßer Far­ben­pracht und Schau­spie­ler­mo­men­ten zu tun hat. Am Ende dann fin­det man sich in einer Prä­senz, die es so sehr sel­ten gibt in his­to­ri­schen Fil­men. Mit offen­sicht­lich nied­ri­ge­rer Bild­qua­li­tät filmt Jude die Per­for­mance am Stadt­platz. Es wirkt so, als wäre es eine Live-Mit­fil­mung. Die Kame­ra zeigt die Gesich­ter der Zuse­hen­den und man ist sich nicht sicher, ob es sich um Sta­tis­ten han­delt oder Men­schen, die tat­säch­lich dem his­to­ri­schen Schau­spiel bei­wohn­ten. Durch die­se Unsi­cher­heit und das plötz­li­che sti­lis­ti­sche Ein­bre­chen einer soge­nann­ten „doku­men­ta­ri­schen“ Ebe­ne wird einem ähn­lich wie am Ende von Ini­mi cica­triza­te die Ver­ge­gen­wär­ti­gung in Bil­dern gezeigt. Jude fin­det dadurch einen Weg die Denk­pro­zes­se zu einem puren Film­erleb­nis wer­den zu las­sen, sei­nen Film den­ken zu lassen.

Was also haben wir hier? Eine Ohn­macht vor der Geschich­te? Oder doch ihre gelun­ge­ne Neu-Ver­hand­lung, ihre Ver­ge­gen­wär­ti­gung? Es ist ambi­va­lent und wirkt sehr ver­letz­lich in der offen­si­ven und doch ambi­va­len­ten Art, in der Jude sei­ne Prot­ago­nis­tin auf Rea­li­tä­ten pral­len lässt. In Wien wird der­zeit jeden Don­ners­tag gegen die Regie­rung demons­triert. Ob in die­ser not­wen­di­gen Erhe­bung einer demo­kra­ti­schen, nicht-ein­ver­stan­de­nen Stim­me jedoch ein Opti­mis­mus ver­nehm­bar ist, ob es sich um ziel­ge­rich­te­te, geteil­te Aktio­nen han­delt oder letzt­lich nur um hoff­nungs­lo­se Wie­der­ho­lun­gen bekann­ter Demons­tra­ti­ons­for­men sei dahin­ge­stellt. Wie sehen die Bil­der aus, die wir von die­sen Ereig­nis­sen machen? Wie kann sich ein Pro­test in künst­le­ri­scher oder gesell­schaft­li­cher Form mani­fes­tie­ren, der mit den Mit­teln sei­ner Zeit arbei­tet und nicht Modi der 68er über­nimmt? Die Bedeu­tung von Îmi este indi­fe­rent daca în isto­rie vom intra ca bar­ba­ri liegt genau in die­sen Fra­gen, die auf der einen Sei­te klar in rumä­ni­schen Kon­flik­ten (etwa argu­men­ta­ti­ve Annä­he­run­gen zwi­schen Kom­mu­nis­mus und Faschis­mus, die in Deutsch­land schwer denk­bar wären) ver­han­delt wer­den, aber auch – das zei­gen auch die Zita­te des Films – uni­ver­sell rele­vant sind.