Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Love von Gaspar Noé

Fuck Her Gently: Love von Gaspar Noé

Ent­ge­gen einem ers­ten Reflex beginnt die­se Bespre­chung nicht mit einer Ver­tei­di­gung, son­dern einer Fest­stel­lung: Love hat kei­nen Apo­lo­ge­ten nötig, der zu sei­ner Ret­tung auf­tritt. Die­se Fest­stel­lung lässt sich mei­nes Erach­tens auf meh­re­ren Ebe­nen recht­fer­ti­gen. Zunächst ist Love eine logi­sche Wei­ter­ent­wick­lung des fil­mi­schen Werks von Gas­par Noé. Der Argen­ti­ni­er ist dafür bekannt sei­ne Fil­me durch Refe­ren­zen mit­ein­an­der zu ver­bin­den. So taucht die Haupt­fi­gur aus Seul Cont­re Tous am Beginn von Irré­ver­si­ble vor, das Love Hotel aus Enter the Void taucht wie­der­um als Modell in Mur­phys Woh­nung in Love auf. Das sind bloß ober­fläch­li­che Ver­bin­dun­gen, aber ohne Zwei­fel las­sen sich dar­über Kon­ti­nui­tä­ten in den Fil­men Noés fest­stel­len. Vor allem im Ver­gleich zu sei­nem letz­ten Film Enter the Void lässt sich eine Ent­wick­lung sei­ner Film­spra­che nach­voll­zie­hen – es ist raf­fi­nier­ter und sub­ti­ler gewor­den, so unge­wöhn­lich die­se Attri­bu­te im Zusam­men­hang mit Noé klin­gen mögen.

Love von Gaspar Noé

Das Kino Gas­par Noés ist ein Kino der Kör­per­lich­keit. Durch sei­nen Prot­ago­nis­ten Mur­phy, der in man­cher Hin­sicht das Alter Ego des Fil­me­ma­chers dar­stellt, beschreibt er es als ein Kino „of blood, sweat and sperm“. Nun waren alle die­se drei Kom­po­nen­ten in Enter the Void nicht gera­de unter­re­prä­sen­tiert, jedoch erfah­ren wir sie dort anhand der Figur des Oscar, der bereits nach kur­zer Zeit ver­stirbt, wor­auf­hin die Kame­ra die Posi­ti­on sei­nes Geists ein­nimmt, der los­ge­löst von irdi­schen Kate­go­rien durch Tokio glei­tet. Wir sehen dann Blut, Schweiß und Sper­ma, aber es berührt uns (als Geist, als Kame­ra, als Publi­kum) nicht, da wir gar nicht mehr Teil die­ser phy­si­schen Welt sind. In Love ver­hält es sich anders: Zwar fol­gen wir auch hier einer ein­zel­nen Figur, dem ame­ri­ka­ni­schen Film­stu­den­ten Mur­phy, doch Blut, Schweiß und vor allem Sper­ma sind sein eige­nes. Wir glei­ten nicht mehr ober­fläch­lich und ent­kör­pert durch die Welt, son­dern ver­fol­gen Mur­phy als phy­si­sches Sub­jekt durch einen vage defi­nier­ten tem­po­ra­len Raum. Auf onto­lo­gi­scher Ebe­ne ist die­ser Raum nicht sehr viel kon­kre­ter als die Geis­ter­welt aus Enter the Void, doch die Anwe­sen­heit Mur­phys gibt ihr Tak­ti­li­tät, lässt sie uns durch ihn kör­per­lich erfah­ren, anstatt sie uns nur zu zei­gen. Es ist ein neu­er Ver­such eine ähn­li­che Geschich­te mit ähn­lich plat­ten Dia­lo­gen und kaum aus­ge­reif­ten Figu­ren zu erzäh­len, aber das ist gar nicht ent­schei­dend, denn Mur­phy ist nur eine Art Platz­hal­ter, durch die Noés künst­le­ri­sche Visi­on ver­mit­telt wird. Die­se Visi­on ist eng an eine Zieh­har­mo­ni­ka-arti­ge Welt- und Film­erfah­rung geknüpft. Noés Kino ist ein Kino der tota­len Immersi­on und der tota­len Ver­frem­dung. Sein Reich aus Blut, Schweiß und Sper­ma lockt uns an, nur um uns im nächs­ten Moment abzu­sto­ßen. Noé wird gern redu­ziert auf sei­ne extro­ver­tier­te Sti­lis­tik, die sich durch über­bor­den­den Gebrauch von Farb- und Ton­ef­fek­ten und mar­kant akzen­tu­ier­te Schnit­te aus­zeich­net, doch die­se Film­spra­che ist kein Manie­ris­mus, son­dern soll ent­frem­den, den Bann bre­chen, uns aus der illu­so­ri­schen Ver­sen­kung holen. In Love hat er nun eine grö­ße­re Raf­fi­nes­se auf die­se Vor­ge­hens­wei­se ange­wandt. Die explo­si­ven Neon­feu­er­wer­ke muss­ten einem kon­tem­pla­ti­ve­ren Far­ben­spiel wei­chen, das weni­ger ein­deu­ti­ge Ideen ver­mit­telt, als die hal­lu­zi­no­ge­nen Dro­gen­räu­sche, die in Enter the Void visua­li­siert wur­den; Cuts wer­den nicht durch akus­ti­sche Signa­le über­de­ter­mi­niert, son­dern erfül­len ihren Zweck auch als unauf­ge­reg­te Schwarz­blen­den; die bis­her doch immer recht domi­nan­te musi­ka­li­sche Ebe­ne, ord­net sich weit­aus har­mo­ni­scher in das Gesamt­kon­zept ein. Es ist para­do­xer­wei­se die­se Har­mo­nie, die dem fil­mi­schen Extre­mis­ten Noé Rei­fe gibt, die sei­ne Wer­ke bis­her ver­mis­sen lie­ßen. Da lässt sich sein Rie­se­n­ego, dass sich unüber­seh­bar in den Film ein­ge­brannt hat leich­ter als iro­ni­sches Augen­zwin­kern ver­ste­hen, der 3D-Cumshot direkt in unser Gesicht, leich­ter als Par­odie auf den Ein­satz die­ser Tech­nik in kom­mer­zi­el­le­ren Unter­hal­tungs­for­men aus­ma­chen. Love ist zwei­fel­los ein Stück Selbst­dar­stel­lung (das sind alle sei­ne Fil­me), aber im Gegen­zug gibt Noé eine Men­ge von sich selbst preis. Er expo­niert sich und geht ein Risi­ko ein. Das führt zum einen dazu, dass die Mas­se Selbst­re­fe­renz den Film zu spren­gen droht, aber im Umkehr­schluss auch dazu, dass der Film an Per­sön­lich­keit und Ver­letz­lich­keit gewinnt.

Love von Gaspar Noé

Was Noé mit 3D-Tech­nik anzu­fan­gen weiß ist dar­über hin­aus eine Erör­te­rung wert. Gemein­hin ver­fehlt 3D sei­ne Wir­kung, indem es die Lein­wand, die wir auch ohne die­se ulki­gen Bril­len als räum­li­che Tie­fe wahr­neh­men, als hin­ter­ein­an­der gestaf­fel­te Flä­chen erschei­nen lässt. Wir haben es dann mit einer Suk­zes­si­on flä­chi­ger Raum­ebe­nen zu tun. Noé wen­det das 3D hin­ge­gen in die Hori­zon­ta­le an. Unmög­li­che Pro­por­tio­nen ent­ste­hen so an den Bild­rän­dern, die meist von oben foto­gra­fier­ten Sex­sze­nen wer­den an ihrer Peri­phe­rie gro­tesk ver­formt, Kör­per und Glied­ma­ßen zu per­ver­sen Mons­tro­si­tä­ten. In ande­ren Sze­nen nutzt Noé den oben beschrie­be­nen Effekt, um bewusst flä­chi­ge Raum­ebe­nen zu schaf­fen. Figu­ren heben sich dann von ihrer Umwelt ab, wie zum Bei­spiel in der Tanz­sze­ne im Club als Mur­phy und Elek­tra die jun­ge Omi ver­füh­ren, die zunächst noch im Hin­ter­grund tanzt, und schließ­lich in die Raum­ebe­ne des Paa­res ein­tritt. Noé inter­es­siert sich für die­se tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten des Films, aber nicht um ihrer selbst wil­len, wie man zuwei­len mei­nen könn­te, son­dern um Ideen von Zeit und Raum, von Wirk­lich­keit und Illu­si­on, von Mensch­lich­keit und Gefühl, von Kör­per­lich­keit und Lie­be zu ver­han­deln. Des­halb ist es irrele­vant, wie farb­los der Prot­ago­nist wirkt und wie prä­ten­ti­ös sei­ne Kopf­stim­me dahin­la­bert, für Noé ist er bloß ein Instru­ment, mit dem er an der Zer­stü­cke­lung der kine­ma­to­gra­phi­schen Wahr­neh­mung arbei­tet. Es sind Stra­te­gien der Bewusst­ma­chung fil­mi­scher Mit­tel und der Zer­set­zung her­kömm­li­cher Raum- und Zeit­struk­tu­ren, die Noés Werk aus­zeich­nen, und in die­ser Hin­sicht ist Love ein bis­he­ri­ger Höhe­punkt sei­nes Schaffens.