Text von Manfred Bauschulte
Vorspann
Nach dem Tod von Jean-Luc Godard (im September 2022) habe ich wiederholt das Interview gehört, das Lionel Baier von der ECAL (im April 2020) mit ihm in Rolle geführt hatte. Eine Episode, die er aus seiner Pubertät erzählte, hat mich aufhorchen lassen. Im hohen Alter erinnerte er sich, dass er seinen Eltern Ängste und Sorgen bereitet habe, als er sich als Jugendlicher (mit 15–16 Jahren) partout weigerte zu sprechen. Sein Monate langes Schweigen sei eine Reaktion auf die Lektüre des Buchs Recherches sur la nature et les fonctions du langage (Paris 1942) von Brice Parain gewesen. Die Geschichte hat mich aus zwei Gründen berührt. Sie hatte mir eine schmerzliche Erfahrung in Erinnerung gerufen, die mit dem ersten Sehen des Films Vivre sa vie (1972) verbunden war. Gleichzeitig hatte ich vor kurzem den ungewöhnlichen Schriftsteller Brice Parain entdeckt. So drängt es mich, einige Erinnerungen zu notieren.
I) Erinnerung an Vivre sa vie von Jean-Luc Godard.
Die Dialoge im 11. Kapitel von Jean-Luc Godards Film Vivre sa vie sind mir beim Sehen im jugendlichen Alter unter die Haut gefahren. Nana, eine Prostituierte, bittet in einem Pariser Café einen Unbekannten, der sich in ein Buch vertieft, ihr einen Drink zu spendieren. Sie setzt sich zu ihm, wendet sie sich ihm zu und fragt ihn, warum er liest. Ohne Zögern antwortet der Mann: «Das ist mein Beruf». Die spontane Antwort «C‘est mon métier» erschien mir so unbegreiflich wie utopisch. Im Milieu westfälischer Bergleute, in dem ich aufwuchs, galt Lesen schlicht als sinnlose Tätigkeit, als Faulenzerei. Aus dem anfänglich stillen, stetig wachsenden Protest gegen die unbedachte Haltung entstand ein Lebenstraum: In Vivre sa vie erschien Brice Parain mir als erste Verkörperung eines Lesers. Das Café von Vivre sa vie, das an der Place du Châtelet liegt, lernte ich erst 25 Jahre später kennen. Es handelt sich um das «Zimmer», wohin Georges-Arthur Goldschmidt oft zum Gespräch lud.
Zurück zu Vivre sa vie und den Dialogen im 1. Kapitel des Films: Zunächst erzählt der Philosoph Nana die Geschichte des Musketiers Porthos im Roman von Alexandre Dumas nach. Der Mann denkt, als er eine Bombe zünden will, zum ersten Mal in seinem Leben nach. In dem Moment, in dem er über das, was er tut, reflektiert, fliegt er in die Luft. Nana will von dem Unbekannten wissen, warum er derartige Geschichten erzählt. Für sie sei offensichtlich, dass je mehr Worte sie verwenden würde, diese umso weniger bedeuteten. Daraufhin sagt der Philosoph jenen paradoxen Satz, auf den Godard (60 Jahre später) anspielt: «Mich wundert immer aufs Neue, dass man nicht leben kann, ohne zu sprechen». Hat Godard als Junge vielleicht einen solchen Versuch unternommen: «zu leben, ohne zu sprechen»? -
Ich springe einige Dialogpartien im 11. Kapitel weiter, in denen das Thema Sprechen versus Nicht-Sprechen wieder aufgenommen wird. Der Philosoph sagt: «Ich glaube, dass man nur dahin kommt gut zu sprechen, wenn man eine Zeitlang auf das Leben verzichtet hat. Das ist geradezu der Preis». Darauf sagt Nana: «Ja, aber dann wäre Sprechen ja tödlich?» Der Philosoph entgegnet: «Sprechen, das ist fast eine Art Auferweckung, denn wenn man spricht, ist das ein anderes Leben, als wenn man nicht spricht. Verstehen Sie? Und um sprechend zu leben, muss man den Tod hinter sich gebracht haben. Den Tod, den es bedeutet, zu leben, ohne zu sprechen». Im Anschluss reflektiert der Philosoph intensiv über Pendelbewegungen im täglichen Leben, die sich zwischen Sprechen und Schweigen abspielen.
Im Dialog zwischen Nana und dem Unbekannten wird eine Versuchsanordnung des Schweigens offenbar, implizit intensiv umkreist. Weitere Partien bestehen in Reflektionen über den Fluss des Sprechens: wie das richtige Wort zu finden sei, ob es vielleicht sogar möglich sei, sprechend-denkend zur Wahrheit zu gelangen. Die Ausführungen des Philosophen eröffnen das Feld von Sprechen und Nicht-Sprechen, das Godards kinematographisches Schaffen zuinnerst charakterisiert. Der Traum (vom Beruf) des Lesers, auf den ich zum ersten Mal in Vivre sa vie gestoßen bin, eröffnete ein schöpferisches Terrain. Als Leser kann ich für eine unbestimmte «träumerische» Zeit jemand werden, der nicht spricht, aber trotz der Einsamkeit bei der Lektüre sich durch die Schrift mit imaginären Personen zu unterhalten vermag. Die Fäden fiktiver Handlungen erlauben schließlich «ein Collquium aller Stoffe mit allen Stoffen» (Klaus Heinrich) zu führen. Im «lesenden Colloquium» liegt eine Provokation oder Revolte beschlossen: die Sprachfindung oder ‑schöpfung in Freiheit. In Filmen von Godard treten Menschen und Dinge, Bilder und Töne auf subtil «non-verbale» Art und Weise in Erscheinung, das heißt in vitalem Austausch mit reflektiert-sprachlicher Mitteilung: scheinbar durch Schweigen von Sprache getrennt, werden sie von ihr untrennbar und/oder von ihr erst aufgeweckt. Parain ist im jugendlichen Alter Godards erster Stichwortgeber gewesen und ist es geblieben bis ans Ende seines Lebens (Vivre sa vie). Er hat das filmische Spannungsfeld von Sprache und Nicht-Sprache schöpferisch eröffnet. Wer war das überhaupt, dieser Brice Parain?
II) Erinnerung an Brice Parain – eine Portraitskizze
Seit dem ersten Sehen von Vivre sa vie ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Später sah ich den Film noch einige Male. Gelegentlich stieß ich danach auf den Namen Brice Parain in Briefen und Tagebüchern von Simone de Beauvoir, Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Er war ihr Lektor, dem sie mit Dankbarkeit und Respekt begegneten. Er versteckte Camus, als er (1944) Paris fluchtartig verlassen musste, in seinem Heimatdorf Verdelot, im Departement Seine-et-Marne. Sartre schrieb einen Essay (Aller et retour), der nie ins Deutsche übersetzt wurde, über das faszinierende Sprachbuch Recherches sur la nature et les fonctions du langage. Bei Gallimard setzte Parain Projekte durch, die staunen lassen: Er holte Bücher von Simone Weil in den Verlag, brachte das Neue Testament in der Übersetzung von Jean Grosjean in die Pléiade, sicherte seinem Haus die Rechte am Doktor Schiwago des Freundes Boris Pasternak.
Die Annäherung an Parain hat sich schrittweise bei Studien über Jean Paulhan ergeben. Der Chefredakteur der Nouvelle Revue française überzeugte den Slawisten, der (seit 1924) als Kulturattaché an der französischen Botschaft in Moskau wirkte, (1927) in den Gallimard-Verlag einzutreten. Als Redakteur für die Zeitschrift wie als unersetzlicher persönlicher Berater des Verlegers Gaston Gallimard wirkte er in der Rue Sébastien-Bottin, 5 bis zu seinem Tod (1971). Als Publizist wollte er von der Tätigkeit bei Gallimard auf keinen Fall profitieren und ließ seine ersten Bücher beim Konkurrenten Grasset erscheinen: Essai sur la misère humaine (1934) und Retour à la France (1936). Unter der deutschen Okkupation (1940−1943), als der jüdische Geschäftsführer Leon-Paul Hirsch abtauchen musste, lenkte Parain die Verlagsangelegenheiten. Über seine Frau Nathalia Tchelpanowa, einer Illustratorin von Kinderbüchern, stand er in Verbindung mit dem illustren Kreis der exilrussischen Philosophen um Nikolai Berdiajew, Sergei Bulgakov und Leon Schestov in Paris. Seit den Moskauer Jahren unterhielt er Freundschaft zu Dichtern wie Boris Pasternak.
Zwei Erfahrungen prägten Parains Leben: grauenvolle Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg (18 Monate vor Verdun) und die Enttäuschung über die Entwicklung des Kommunismus unter den Bolschewisten in Russland. Die Hinwendung zur kommunistischen Ideenwelt war ihm als Akt der Befreiung aus dem Trauma des Kriegs erschienen. Sie verkehrte sich für den leidenschaftlichen Slawisten zu einer gänzlich desillusionierenden Einstellung. So blieb ihm das Feld der Literatur, das er mit unermüdlicher Aufmerksamkeit und Neugierde beackerte und Le Pressoir, das bäuerliche Anwesen seiner Familie 80 Kilometer östlich von Paris. Der Vater war in dem Ort Verdelot Dorfschullehrer gewesen.
Parain pflügte ein Leben lang das Feld der Literatur und Sprache um. Im Sprachbuch, das unter dem Titel Untersuchungen über Natur und Funktion der Sprache (übersetzt von Alfredo Gucconi, Stuttgart 1969) auch in deutscher Sprache erschien, heißt es zu Beginn programmatisch: «Niemand schweigt. Das ist unsere erste Gegebenheit. Von ihr muss man ausgehen». Gegen Ende, nachdem er das Verhältnis von Sprache und Nicht-Sprache auf philosophische Weise wieder und wieder umkreist hat, kommt Parain zu dem Ergebnis: «Nirgends erreiche ich das Schweigen, es ist jenseits von uns. Die Sprache ist nur der Beweisgang, der auf es zu führt. Je näher wir also dem Schweigen sind, desto näher sind wir der Freiheit». Diese Sätze von Parain über das Schweigen bilden eine Klammer um das filmische Schaffen von Godard, woran das Interview mit Baier erinnert.
Entsprechend zum Gedankengang des Sprachbuchs heißt es in Parains fiktiven autobiographischen Skizzen De fil en aiguille (Paris 1960): «Ich glaube meine Geschichte ist die eines Jungen, der sprechen lernen wollte, und dem das letztlich nie gelungen ist». Es blieb einem Außenseiter der französischen Literatur, Georges Perros (1923−1978), dessen 100.Geburtstag im letzten Jahr (2024) in dem bretonischen Hafenstädtchen Douarnenez begangen wurde, vorbehalten, das Wirken von Parain angemessen zu würdigen. Er verfasste eine Rezension der Autobiographie (1960) und einen Nachruf (1971). Ich scheue sie zu zitieren, weil die Zustimmung überschwänglich ausfällt. In Klebebilder von Perros (übersetzt von Anne Weber, Berlin 2020) sind sie nachzulesen. Um zum Ende zu kommen, setze ich den letzten Abschnitt des Nachrufs einfach hier her.
«Verblüfft, in der Schule das Lügen, im Krieg das Leiden gelernt zu haben, lebte er als Frontsoldat, ohne je dem nachzugeben, was die Sprache an Zauberhaftem haben kann, stattdessen immerfort das Sprachfeld umgrabend und durchwühlend, dessen Doppelbödigkeit er nicht hinnahm. Daher sein Appetit, sein Hingezogensein zu den anderen – er misstraute der Einsamkeit, der er die Langeweile vorzog – und dieser etwas dumpfe Appell, der in seiner Satzmelodie, in seinen Gesten zu spüren war, das erhellte Satzgefüge, in Takt gebracht vom Spiel seiner zarten, sehr schönen Hände. Der Tod vergisst keinen. Und wer flüstert mir ein, dass eine Form zerbrochen ist? Dass wir keine Brice Parain mehr sehen, dass keine mehr fabriziert werden? Doch diese Stimme trügt mich vielleicht. Diese gebrochene Stimme. Hoffen wir, dass sie mich trügt».
Abspann
Beim Erinnern und Schreiben halfen: Ein Drehbuch: Jean-Luc Godard, Vivre sa Vie. Die Geschichte der Nana S. Aus dem Französischen übertragen und mit einem Nachwort von Frieda Grafe. Frankfurt/M. 1968. – Ein Manuskriptdruck: Die Schule des Redens (Noir sur blanc). Stück in drei Akten von Brice Parain. Deutsch von Walter Maria Guggenheimer. Frankfurt/M. 1961. – Ein Briefbuch: Brice Parain – Georges Perros. Correspondance. 1960–1971. Paris 1998.

