Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Godards Philosoph – Erinnerungen an Vivre sa vie und Brice Parain (1897−1971)

Text von Man­fred Bauschulte

Vor­spann

Nach dem Tod von Jean-Luc Godard (im Sep­tem­ber 2022) habe ich wie­der­holt das Inter­view gehört, das Lio­nel Bai­er von der ECAL (im April 2020) mit ihm in Rol­le geführt hat­te. Eine Epi­so­de, die er aus sei­ner Puber­tät erzähl­te, hat mich auf­hor­chen las­sen. Im hohen Alter erin­ner­te er sich, dass er sei­nen Eltern Ängs­te und Sor­gen berei­tet habe, als er sich als Jugend­li­cher (mit 15–16 Jah­ren) par­tout wei­ger­te zu spre­chen. Sein Mona­te lan­ges Schwei­gen sei eine Reak­ti­on auf die Lek­tü­re des Buchs Recher­ches sur la natu­re et les fon­c­tions du lan­ga­ge (Paris 1942) von Bri­ce Parain gewe­sen. Die Geschich­te hat mich aus zwei Grün­den berührt. Sie hat­te mir eine schmerz­li­che Erfah­rung in Erin­ne­rung geru­fen, die mit dem ers­ten Sehen des Films Viv­re sa vie (1972) ver­bun­den war. Gleich­zei­tig hat­te ich vor kur­zem den unge­wöhn­li­chen Schrift­stel­ler Bri­ce Parain ent­deckt. So drängt es mich, eini­ge Erin­ne­run­gen zu notieren.

I) Erin­ne­rung an Viv­re sa vie von Jean-Luc Godard.

Die Dia­lo­ge im 11. Kapi­tel von Jean-Luc Godards Film Viv­re sa vie sind mir beim Sehen im jugend­li­chen Alter unter die Haut gefah­ren. Nana, eine Pro­sti­tu­ier­te, bit­tet in einem Pari­ser Café einen Unbe­kann­ten, der sich in ein Buch ver­tieft, ihr einen Drink zu spen­die­ren. Sie setzt sich zu ihm, wen­det sie sich ihm zu und fragt ihn, war­um er liest. Ohne Zögern ant­wor­tet der Mann: «Das ist mein Beruf». Die spon­ta­ne Ant­wort «C‘est mon métier» erschien mir so unbe­greif­lich wie uto­pisch. Im Milieu west­fä­li­scher Berg­leu­te, in dem ich auf­wuchs, galt Lesen schlicht als sinn­lo­se Tätig­keit, als Fau­len­ze­rei. Aus dem anfäng­lich stil­len, ste­tig wach­sen­den Pro­test gegen die unbe­dach­te Hal­tung ent­stand ein Lebens­traum: In Viv­re sa vie erschien Bri­ce Parain mir als ers­te Ver­kör­pe­rung eines Lesers. Das Café von Viv­re sa vie, das an der Place du Châ­telet liegt, lern­te ich erst 25 Jah­re spä­ter ken­nen. Es han­delt sich um das «Zim­mer», wohin Geor­ges-Arthur Gold­schmidt oft zum Gespräch lud.

Zurück zu Viv­re sa vie und den Dia­lo­gen im 1. Kapi­tel des Films: Zunächst erzählt der Phi­lo­soph Nana die Geschich­te des Mus­ke­tiers Port­hos im Roman von Alex­and­re Dumas nach. Der Mann denkt, als er eine Bom­be zün­den will, zum ers­ten Mal in sei­nem Leben nach. In dem Moment, in dem er über das, was er tut, reflek­tiert, fliegt er in die Luft. Nana will von dem Unbe­kann­ten wis­sen, war­um er der­ar­ti­ge Geschich­ten erzählt. Für sie sei offen­sicht­lich, dass je mehr Wor­te sie ver­wen­den wür­de, die­se umso weni­ger bedeu­te­ten. Dar­auf­hin sagt der Phi­lo­soph jenen para­do­xen Satz, auf den Godard (60 Jah­re spä­ter) anspielt: «Mich wun­dert immer aufs Neue, dass man nicht leben kann, ohne zu spre­chen». Hat Godard als Jun­ge viel­leicht einen sol­chen Ver­such unter­nom­men: «zu leben, ohne zu sprechen»? -

Ich sprin­ge eini­ge Dia­log­par­tien im 11. Kapi­tel wei­ter, in denen das The­ma Spre­chen ver­sus Nicht-Spre­chen wie­der auf­ge­nom­men wird. Der Phi­lo­soph sagt: «Ich glau­be, dass man nur dahin kommt gut zu spre­chen, wenn man eine Zeit­lang auf das Leben ver­zich­tet hat. Das ist gera­de­zu der Preis». Dar­auf sagt Nana: «Ja, aber dann wäre Spre­chen ja töd­lich?» Der Phi­lo­soph ent­geg­net: «Spre­chen, das ist fast eine Art Auf­er­we­ckung, denn wenn man spricht, ist das ein ande­res Leben, als wenn man nicht spricht. Ver­ste­hen Sie? Und um spre­chend zu leben, muss man den Tod hin­ter sich gebracht haben. Den Tod, den es bedeu­tet, zu leben, ohne zu spre­chen». Im Anschluss reflek­tiert der Phi­lo­soph inten­siv über Pen­del­be­we­gun­gen im täg­li­chen Leben, die sich zwi­schen Spre­chen und Schwei­gen abspielen.

Im Dia­log zwi­schen Nana und dem Unbe­kann­ten wird eine Ver­suchs­an­ord­nung des Schwei­gens offen­bar, impli­zit inten­siv umkreist. Wei­te­re Par­tien bestehen in Reflek­tio­nen über den Fluss des Spre­chens: wie das rich­ti­ge Wort zu fin­den sei, ob es viel­leicht sogar mög­lich sei, spre­chend-den­kend zur Wahr­heit zu gelan­gen. Die Aus­füh­run­gen des Phi­lo­so­phen eröff­nen das Feld von Spre­chen und Nicht-Spre­chen, das Godards kine­ma­to­gra­phi­sches Schaf­fen zuin­nerst cha­rak­te­ri­siert. Der Traum (vom Beruf) des Lesers, auf den ich zum ers­ten Mal in Viv­re sa vie gesto­ßen bin, eröff­ne­te ein schöp­fe­ri­sches Ter­rain. Als Leser kann ich für eine unbe­stimm­te «träu­me­ri­sche» Zeit jemand wer­den, der nicht spricht, aber trotz der Ein­sam­keit bei der Lek­tü­re sich durch die Schrift mit ima­gi­nä­ren Per­so­nen zu unter­hal­ten ver­mag. Die Fäden fik­ti­ver Hand­lun­gen erlau­ben schließ­lich «ein Coll­qui­um aller Stof­fe mit allen Stof­fen» (Klaus Hein­rich) zu füh­ren. Im «lesen­den Col­lo­qui­um» liegt eine Pro­vo­ka­ti­on oder Revol­te beschlos­sen: die Sprach­fin­dung oder ‑schöp­fung in Frei­heit. In Fil­men von Godard tre­ten Men­schen und Din­ge, Bil­der und Töne auf sub­til «non-ver­ba­le» Art und Wei­se in Erschei­nung, das heißt in vita­lem Aus­tausch mit reflek­tiert-sprach­li­cher Mit­tei­lung: schein­bar durch Schwei­gen von Spra­che getrennt, wer­den sie von ihr untrenn­bar und/​oder von ihr erst auf­ge­weckt. Parain ist im jugend­li­chen Alter Godards ers­ter Stich­wort­ge­ber gewe­sen und ist es geblie­ben bis ans Ende sei­nes Lebens (Viv­re sa vie). Er hat das fil­mi­sche Span­nungs­feld von Spra­che und Nicht-Spra­che schöp­fe­risch eröff­net. Wer war das über­haupt, die­ser Bri­ce Parain?

II) Erin­ne­rung an Bri­ce Parain – eine Portraitskizze

Seit dem ers­ten Sehen von Viv­re sa vie ist ein hal­bes Jahr­hun­dert ver­gan­gen. Spä­ter sah ich den Film noch eini­ge Male. Gele­gent­lich stieß ich danach auf den Namen Bri­ce Parain in Brie­fen und Tage­bü­chern von Simo­ne de Beau­voir, Albert Camus und Jean-Paul Sart­re. Er war ihr Lek­tor, dem sie mit Dank­bar­keit und Respekt begeg­ne­ten. Er ver­steck­te Camus, als er (1944) Paris flucht­ar­tig ver­las­sen muss­te, in sei­nem Hei­mat­dorf Ver­de­lot, im Depar­te­ment Sei­ne-et-Mar­ne. Sart­re schrieb einen Essay (Aller et retour), der nie ins Deut­sche über­setzt wur­de, über das fas­zi­nie­ren­de Sprach­buch Recher­ches sur la natu­re et les fon­c­tions du lan­ga­ge. Bei Gal­li­mard setz­te Parain Pro­jek­te durch, die stau­nen las­sen: Er hol­te Bücher von Simo­ne Weil in den Ver­lag, brach­te das Neue Tes­ta­ment in der Über­set­zung von Jean Gros­jean in die Plé­ia­de, sicher­te sei­nem Haus die Rech­te am Dok­tor Schi­wa­go des Freun­des Boris Pasternak.

Die Annä­he­rung an Parain hat sich schritt­wei­se bei Stu­di­en über Jean Paul­han erge­ben. Der Chef­re­dak­teur der Nou­vel­le Revue fran­çai­se über­zeug­te den Sla­wis­ten, der (seit 1924) als Kul­tur­at­ta­ché an der fran­zö­si­schen Bot­schaft in Mos­kau wirk­te, (1927) in den Gal­li­mard-Ver­lag ein­zu­tre­ten. Als Redak­teur für die Zeit­schrift wie als uner­setz­li­cher per­sön­li­cher Bera­ter des Ver­le­gers Gas­ton Gal­li­mard wirk­te er in der Rue Sébas­tien-Bot­tin, 5 bis zu sei­nem Tod (1971). Als Publi­zist woll­te er von der Tätig­keit bei Gal­li­mard auf kei­nen Fall pro­fi­tie­ren und ließ sei­ne ers­ten Bücher beim Kon­kur­ren­ten Gras­set erschei­nen: Essai sur la misè­re humaine (1934) und Retour à la France (1936). Unter der deut­schen Okku­pa­ti­on (1940−1943), als der jüdi­sche Geschäfts­füh­rer Leon-Paul Hirsch abtau­chen muss­te, lenk­te Parain die Ver­lags­an­ge­le­gen­hei­ten. Über sei­ne Frau Natha­lia Tchel­pano­wa, einer Illus­tra­to­rin von Kin­der­bü­chern, stand er in Ver­bin­dung mit dem illus­tren Kreis der exil­rus­si­schen Phi­lo­so­phen um Niko­lai Ber­dia­jew, Ser­gei Bul­ga­kov und Leon Sches­tov in Paris. Seit den Mos­kau­er Jah­ren unter­hielt er Freund­schaft zu Dich­tern wie Boris Pasternak.

Zwei Erfah­run­gen präg­ten Parains Leben: grau­en­vol­le Front­er­leb­nis­se im Ers­ten Welt­krieg (18 Mona­te vor Ver­dun) und die Ent­täu­schung über die Ent­wick­lung des Kom­mu­nis­mus unter den Bol­sche­wis­ten in Russ­land. Die Hin­wen­dung zur kom­mu­nis­ti­schen Ideen­welt war ihm als Akt der Befrei­ung aus dem Trau­ma des Kriegs erschie­nen. Sie ver­kehr­te sich für den lei­den­schaft­li­chen Sla­wis­ten zu einer gänz­lich des­il­lu­sio­nie­ren­den Ein­stel­lung. So blieb ihm das Feld der Lite­ra­tur, das er mit uner­müd­li­cher Auf­merk­sam­keit und Neu­gier­de beacker­te und Le Pres­soir, das bäu­er­li­che Anwe­sen sei­ner Fami­lie 80 Kilo­me­ter öst­lich von Paris. Der Vater war in dem Ort Ver­de­lot Dorf­schul­leh­rer gewesen.

Parain pflüg­te ein Leben lang das Feld der Lite­ra­tur und Spra­che um. Im Sprach­buch, das unter dem Titel Unter­su­chun­gen über Natur und Funk­ti­on der Spra­che (über­setzt von Alfre­do Guc­co­ni, Stutt­gart 1969) auch in deut­scher Spra­che erschien, heißt es zu Beginn pro­gram­ma­tisch: «Nie­mand schweigt. Das ist unse­re ers­te Gege­ben­heit. Von ihr muss man aus­ge­hen». Gegen Ende, nach­dem er das Ver­hält­nis von Spra­che und Nicht-Spra­che auf phi­lo­so­phi­sche Wei­se wie­der und wie­der umkreist hat, kommt Parain zu dem Ergeb­nis: «Nir­gends errei­che ich das Schwei­gen, es ist jen­seits von uns. Die Spra­che ist nur der Beweis­gang, der auf es zu führt. Je näher wir also dem Schwei­gen sind, des­to näher sind wir der Frei­heit». Die­se Sät­ze von Parain über das Schwei­gen bil­den eine Klam­mer um das fil­mi­sche Schaf­fen von Godard, wor­an das Inter­view mit Bai­er erinnert.

Ent­spre­chend zum Gedan­ken­gang des Sprach­buchs heißt es in Parains fik­ti­ven auto­bio­gra­phi­schen Skiz­zen De fil en aiguil­le (Paris 1960): «Ich glau­be mei­ne Geschich­te ist die eines Jun­gen, der spre­chen ler­nen woll­te, und dem das letzt­lich nie gelun­gen ist». Es blieb einem Außen­sei­ter der fran­zö­si­schen Lite­ra­tur, Geor­ges Per­ros (1923−1978), des­sen 100.Geburtstag im letz­ten Jahr (2024) in dem bre­to­ni­schen Hafen­städt­chen Douar­nenez began­gen wur­de, vor­be­hal­ten, das Wir­ken von Parain ange­mes­sen zu wür­di­gen. Er ver­fass­te eine Rezen­si­on der Auto­bio­gra­phie (1960) und einen Nach­ruf (1971). Ich scheue sie zu zitie­ren, weil die Zustim­mung über­schwäng­lich aus­fällt. In Kle­be­bil­der von Per­ros (über­setzt von Anne Weber, Ber­lin 2020) sind sie nach­zu­le­sen. Um zum Ende zu kom­men, set­ze ich den letz­ten Abschnitt des Nach­rufs ein­fach hier her.

«Ver­blüfft, in der Schu­le das Lügen, im Krieg das Lei­den gelernt zu haben, leb­te er als Front­sol­dat, ohne je dem nach­zu­ge­ben, was die Spra­che an Zau­ber­haf­tem haben kann, statt­des­sen immer­fort das Sprach­feld umgra­bend und durch­wüh­lend, des­sen Dop­pel­bö­dig­keit er nicht hin­nahm. Daher sein Appe­tit, sein Hin­ge­zo­gen­sein zu den ande­ren – er miss­trau­te der Ein­sam­keit, der er die Lan­ge­wei­le vor­zog – und die­ser etwas dump­fe Appell, der in sei­ner Satz­me­lo­die, in sei­nen Ges­ten zu spü­ren war, das erhell­te Satz­ge­fü­ge, in Takt gebracht vom Spiel sei­ner zar­ten, sehr schö­nen Hän­de. Der Tod ver­gisst kei­nen. Und wer flüs­tert mir ein, dass eine Form zer­bro­chen ist? Dass wir kei­ne Bri­ce Parain mehr sehen, dass kei­ne mehr fabri­ziert wer­den? Doch die­se Stim­me trügt mich viel­leicht. Die­se gebro­che­ne Stim­me. Hof­fen wir, dass sie mich trügt».

Abspann

Beim Erin­nern und Schrei­ben hal­fen: Ein Dreh­buch: Jean-Luc Godard, Viv­re sa Vie. Die Geschich­te der Nana S. Aus dem Fran­zö­si­schen über­tra­gen und mit einem Nach­wort von Frie­da Gra­fe. Frankfurt/​M. 1968. – Ein Manu­skript­druck: Die Schu­le des Redens (Noir sur blanc). Stück in drei Akten von Bri­ce Parain. Deutsch von Wal­ter Maria Gug­gen­hei­mer. Frankfurt/​M. 1961. – Ein Brief­buch: Bri­ce Parain – Geor­ges Per­ros. Cor­re­spond­ance. 1960–1971. Paris 1998.