Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Le livre d'image von Jean-Luc Godard

Dedo de Dios: Le Livre d’Image von Jean-Luc Godard

Zur Eröff­nung des 13. Under­dox-Film­fes­ti­vals in Mün­chen wur­de Jean-Luc Godards neu­er Film Le Liv­re d’image gezeigt. Es war eine feh­ler­haf­te Vor­füh­rung, denn das Münch­ner Film­mu­se­um ist nicht für die Vor­füh­rung (eine Dol­by 7.1. Anla­ge wird benö­tigt) aus­ge­rüs­tet. Der Film ver­wen­det ein äußerst aus­ge­klü­gel­tes Ton­sys­tem, in dem etwa die Stim­me von Godard ein­mal göt­ter­gleich aus allen Ecken schallt und mal wie aus einer Rei­he wei­ter hin­ten flüs­ternd ertönt. Bild und Ton sind so hef­tig getrennt, dass man bei­na­he den Schmerz dar­in spürt. Es kam zu Aus­set­zern im Ton, die man durch­aus für gewollt hal­ten konn­te. Sie waren es aber nicht, sodass ich nun über mei­ne Kino­er­fah­rung mit dem Film aus einer beschränk­ten Posi­ti­on schreibe.

Ein wenig bit­te­re Iro­nie liegt dar­in, denn wie das Publi­kum vor dem Beginn des Films infor­miert wur­de, hat­te der kürz­lich ver­stor­be­ne Enno Pata­l­as die Sound­an­la­ge im Film­mu­se­um vor Jahr­zehn­ten für einen Godard-Film, näm­lich Alle­ma­gne 90 neuf zéro ein­bau­en las­sen. Dass sie nun aus­ge­rech­net für einen Godard-Film nicht gut genug war, schmerzt. Letzt­lich hat es dem dekon­struk­ti­vis­ti­schen Den­ken der Bil­der wenig Abbruch getan. Viel­mehr hat es dem Bil­der­buch noch eine wei­te­re Ebe­ne – wenn auch unge­wollt – hin­zu­ge­fügt. Die­ses Frag­men­tie­ren der Ton­ebe­ne ergab an man­cher Stel­le sogar eine wun­der­ba­re Ver­bin­dung mit Godards äußerst kri­ti­schem Umgang mit Unter­ti­teln. Wie bereits in sei­nem Film socia­lis­me wird lan­ge nicht alles über­setzt; manch­mal wer­den einem nur Schlag­wör­ter zuge­wor­fen. Das ist Absicht, denn der Fil­me­ma­cher sucht den Dia­log zwi­schen Bild und Ton als Text, nicht zwi­schen Text und Ton im Bild. Ein gro­ßer Feh­ler ist es trotz­dem, dass die­ser Film in die­sem Kino so gezeigt wur­de und die Tat­sa­che, dass sich vie­le Zuse­her (mich ein­ge­schlos­sen) nicht sicher waren, ob das gewollt war oder nicht, ändert nichts dar­an, dass man einen Film so zei­gen soll­te wie intendiert.

Le livre d'image von Jean-Luc Godard

In Can­nes, wo der Film sei­ne Urauf­füh­rung erleb­te und mit einem Spe­zi­al­preis bedacht wur­de, äußer­ten sich bereits vie­le Schrei­ben­de über die Schwie­rig­keit, einem Godard-Film mit Wor­ten zu begeg­nen. Beschrei­bun­gen ent­zieht sich sein Kino seit vie­len Jah­ren und ein lang­sa­mes Ver­ste­hen stellt sich oft erst nach meh­re­ren Sich­tun­gen ein. Daher wage ich einen Ver­such, der als fort­lau­fend zu ver­ste­hen ist. Die fol­gen­den Noti­zen wer­de ich in den kom­men­den Wochen immer wie­der ergänzen:

Es ist wie­der so bei Godard, dass man am Ende des Films auf neue Wei­se erfah­ren hat, was das Kino war, ist und sein könnte.

Am Anfang ein schril­ler Fre­quenz-Ton. Er ist ein Weck­ruf oder ein Signal für den ein­ge­tre­te­nen Tod. Wo beginnt der Film? Im Schwel­len­be­reich zwi­schen einem Ende und einem Anfang. Es folgt ein schwar­zes Bild. Es scheint, als wäre es das gewe­sen, schon bevor es beginnt. Dann erscheint ein Zei­ge­fin­ger, der gleich dem Dedo de Dios bei Puer­to de las Nie­ves auf Gran Cana­ria wie eine War­nung oder ein Hin­weis aus dem Schwarz des Kino­mee­res zu uns spricht. Wir müs­sen auf­pas­sen, wir sind gefragt.

Bei sei­ner Ver­öf­fent­li­chung hat­te ich Alex­an­der Hor­waths Text „Das Ver­spre­chen des Kinos“ auf Per­len­tau­cher, ob sei­nes kul­tur­pes­si­mis­ti­schen und in mei­ner Wahr­neh­mung kon­stru­iert hoff­nungs­vol­len Ton nicht ganz ver­stan­den. Nach dem Sehen von Le Liv­re d’Image ist mir der Text näher. Ich habe das Gefühl, dass es glei­cher­ma­ßen um eine Rück­ver­si­che­rung geht, wie um eine Kor­rek­tur der Erwar­tun­gen. Der Text liest sich wie eine Ergän­zung zu Godard. Vie­les ist anders, aber man­ches über­schnei­det sich. Das Kino bewegt sich gefühlt seit Jahr­zehn­ten auf ein Ende zu, vor allem auf sein eige­nes. Die einen sprin­gen auf die­sen Zug auf, die ande­ren leug­nen ihn. Die Wahr­heit könn­te irgend­wo in der Mit­te lie­gen. Kein Ende, aber auch kein Anfang. Nost­al­gie einer Utopie.

Die Zer­set­zung der Bil­der wird gefei­ert, bedau­ert und doku­men­tiert. Godard kennt kei­ne Gren­zen im Umgang mit Fremd­ma­te­ri­al. Statt der wei­ter­ver­brei­te­ten, von Film­ar­chi­ven, Online-Zen­so­ren und Rechts­in­ha­bern pro­pa­gier­ten Domi­nanz des intel­lek­tu­el­len Besit­zes ver­tritt er eine Poli­tik der Aneig­nung. Bil­der und Zita­te sind Teil eines kol­lek­ti­ven Den­kens. Sie auf Autoren und Autorin­nen zu redu­zie­ren, hält den mög­li­chen Fort­schritt auf, den wir aus ihnen gewin­nen könnten.

Der Film besteht aus fünf Kapi­teln. Fünf Kapi­tel wie Fin­ger an der Hand. Godard nimmt die­ses Motiv der Hand wie­der auf. Es spie­gelt sich in den Kapi­teln, dem war­nen­den Fin­ger zu Beginn und dem Hal­ten eines Film­strei­fens als durch­ge­hen­des Motiv im Film. Die Hand, die baut, die Hand, die zerstört.
1. Remakes
2. Les Soi­rées de St. Pétersbourg
3. Ces fleurs ent­re dans les rails, dans le vent con­fus des voyages.
4. L’esprit des lois
5. La région centrale

Zitat des ägyp­ti­schen Kri­ti­kers Joseph Fahim in einem Text von Bil­ge Ebi­ri: “The last chap­ter of The Image Book tran­spi­res as a decon­s­truc­tion not only of the Arab nar­ra­ti­ve impar­ted by the West sin­ce the inven­ti­on of cine­ma, but of the occi­den­tal con­trol of cine­ma histo­ry. Arab cine­ma has always been igno­red by Wes­tern his­to­ri­ans and aca­de­mics. The images intro­du­ced by Godard in here are unknown to most Wes­tern cri­tics who waxed poe­tic about the film.”

Le livre d'image von Jean-Luc Godard

Der Film gleicht einer ver­zwei­fel­ten, vir­tuo­sen Suche nach einer womög­lich ver­lo­ren gegan­ge­nen Ver­bin­dung zwi­schen Bil­dern und der Rea­li­tät. Es ist das alte The­ma von André Bazin und der Nou­vel­le Vague. Was haben die Bil­der mit der Welt zu tun? Godard mon­tiert ganz bewusst Bil­der aus west­li­chen Fil­men mit „rea­len“ Bil­dern von Ter­ror­ak­ten. Mehr noch als die Art und Wei­se zu hin­ter­fra­gen, in der Bil­der gemacht wer­den, wird offen­ge­legt wie Bil­der gese­hen wer­den. Es wirkt ein wenig so, als wür­de der Film rück­bli­ckend unter­su­chen, wel­che Feh­ler wir als west­li­che (Kino-) Welt in die­ser Ver­bin­dung zwi­schen Reprä­sen­ta­ti­on und Rea­li­tät gemacht haben. Das letz­te Kapi­tel, benannt nach Micha­el Snows Film, beschäf­tigt sich dann mit der ara­bi­schen Welt und den Bil­dern, die wir davon haben und nicht haben in unse­rem kul­tu­rel­len Gedächt­nis. Es ist der Vor­schlag einer Kor­rek­tur oder zumin­dest die Recher­che einer mög­li­chen Korrektur.

Da Godard auch Bil­der sei­ner eige­nen Fil­me ver­wen­det und man­ches fra­gi­les Seuf­zen und wüten­des Befra­gen aus dem Hin­ter­grund an sei­ne Histoire(s) du ciné­ma erin­nert, ent­steht der Ein­druck einer not­wen­di­gen Red­un­danz. Sie ist not­wen­dig, weil der Film in sei­ner col­la­ge­ar­ti­gen Anord­nung von Bil­dern (zum Bei­spiel mit den politischen/​kinematographischen/​poetischen The­men Zug­fah­ren oder Was­ser) von der Wie­der­ho­lung der Geschich­te erzählt. Den glei­chen Feh­lern, den glei­chen Denk­wei­sen zwi­schen Kolo­nia­li­sie­rung und Krieg. Sel­ten hat man die­se Feh­ler so prä­zi­se anhand und in und durch Bil­der gesehen.

An einer Stel­le geht es um den sich öff­nen­den Kra­ter zwi­schen dem gewalt­vol­len Akt der Reprä­sen­ta­ti­on und der Ruhe der Reprä­sen­ta­ti­on selbst. Die Kame­ra, die ruhig und fried­lich filmt wie die Erde erschüt­tert wird. Nicht nur dar­in regt sich ein immenser Zwei­fel an Bil­dern. Gleich­zei­tig also gibt es hier ein Den­ken, das abhän­gig ist von Bil­dern, die die Geschich­te von min­des­tens einem Jahr­hun­dert in sich tra­gen und zum ande­ren ein Gefan­gen­sein in die­sen Bil­dern und dem, was sie von der Welt ver­mit­teln kön­nen. Was wäre denn ein auf­ge­reg­tes, echauf­fier­tes, enga­gier­tes Bild? Wür­den wir die­ses Bild akzeptieren?

Godards Lösung sind Frag­men­te. Le Liv­re d’Image besteht aus unzäh­li­gen Frag­men­ten aus Lite­ra­tur, Kunst und Film. Jean Vigo, Vic­tor Hugo, Ber­tolt Brecht, Nicho­las Ray, Hol­lis Framp­ton, Max Ophüls (das Ende des Films, ein Todes­tanz aus Le plai­sir, erzählt von jenem Tanz zwi­schen Schön­heit und Tod, die den gan­zen Film heim­sucht), Dzi­ga Ver­tov, Edward Saïd, Hono­ré de Bal­zac, Rai­ner Maria Ril­ke, Arthur Rim­baud, Nicho­las de Staël, André Derain, Albert Cos­sery oder Mas­ac­cio. Er fin­det im Detail, in der klei­nen Sekun­de Wahr­hei­ten, die sich nur dann zusam­men­fü­gen, wenn man dem eige­nen Impuls wider­steht, alles zusam­men­fü­gen zu wol­len. Nicht die Zuord­nung ist erfor­dert (denn der Film trifft sei­ne eige­nen, sub­jek­ti­ven Zuord­nun­gen), son­dern ein Sich-Ein­las­sen, ein Neu-Schrei­ben von Bil­dern. Den­noch glaubt man – und hier liegt durch­aus ein Pro­blem des Films – dass man mehr erfah­ren wür­de, wenn man sämt­li­che Anspie­lun­gen und Bil­der rich­tig ein­ord­nen könn­te, wenn man alles ver­ste­hen wür­de. Ist das aber so?

Man spürt durch­ge­hend, wer einem die­se Bil­der zeigt. Noch mehr sogar, mit wem man die­se Bil­der sieht. Le Liv­re d’Image ist eine Schu­le des Sehens, wobei bereits für einen mit ande­ren Augen gese­hen wur­de. Man muss also nur noch die Augen öff­nen und mit den glei­chen geöff­ne­ten Augen ande­re Bil­der, als jene des Films sehen. Die­se Ver­mi­schung aus pas­si­ver Betö­rung, die der Film, ob sei­ner bei­na­he hyp­no­ti­sie­ren­den Qua­li­tä­ten durch­aus ver­sprüht und sinn­li­cher Akti­vie­rung hängt zusam­men mit dem fun­da­men­ta­len Kon­flikt im Kino von Godard. Jenem zwi­schen der Lie­be zum Kino und des­sen Ende. In die­ser Hin­sicht ist der Film auch eine Erin­ne­rung an die Uto­pie einer Cine­phi­lie. The Thoughts That Once We Had von Thom Ander­sen ist ein Ver­wand­ter des Films.

Es gibt zugleich eine Rele­vanz der Bil­der und deren Flüch­tig­keit; Bil­der sind wie Geschich­te, sie schrei­ben sich, sie wer­den geschrie­ben, sie exis­tie­ren, aber nicht immer. Sie müs­sen pro­ji­ziert wer­den, noch mehr, sie müs­sen gedacht wer­den. Wenn Godard Bil­der zurück in unser Gedächt­nis bringt, dann erin­nert er uns auch an das Ver­ges­sen und die Bedro­hung, die davon ausgeht.