Hier, nicht da – die Filme von Peter Todd bei Fracto Experimental Film Encounter

Text: Teo­man Yüzer

Gegen­über den Bli­cken auf fer­ne Orte in War­ren Son­berts Car­ria­ge Trade, die am Nach­mit­tag zu sehen waren, folg­ten Peter Todds Fil­me im Abend­pro­gramm des Frac­to Expe­ri­men­tal Film Encoun­ter einem fun­da­men­tal ande­ren Ansatz. So redet im Gespräch nach der Vor­füh­rung Todd von der Gewalt des fil­mi­schen (und foto­gra­fi­schen) Blicks – »Taking a pic­tu­re«, »get­ting a shot« – und beschreibt den Akt des Fil­mens als bedeu­ten­de Inter­ven­ti­on, auf­grund derer er sich dabei unwohl füh­le, ande­re Men­schen oder Orte neben­bei zu fil­men, aus Respekt ihnen gegen­über. Todds Fil­me­ma­chen beschränkt sich dem ent­ge­gen­ge­setzt auf sei­ne unmit­tel­ba­re Umge­bung und erforscht die­se bis ins kleins­te Detail: Bei einer anhal­ten­den Fas­zi­na­ti­on für kleins­te Ver­än­de­run­gen im Licht­ein­fall auf einen Tür­rah­men oder den Schat­ten­wurf häus­li­cher Gegen­stän­de braucht es kei­ne Rei­sen in die wei­te Welt hin­aus. So zeu­gen Todds Fil­me, in dem, was sie nicht zei­gen, nicht nur von einem demü­ti­gen, empa­thi­schen Blick, der sich über die weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen des Fil­mens bewusst ist, son­dern, in dem, was sie zei­gen, auch von einem anhal­ten­den Inter­es­se dar­an, ein gan­zes Uni­ver­sum voll Mög­lich­kei­ten inner­halb der eige­nen vier Wän­de zu entdecken.

Gene­rell bil­det das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sicht­ba­ren und dem Nicht-Sicht­ba­ren die prä­gen­de Dicho­to­mie des ers­ten Film­pro­gramms »Absence, a More Acu­te Pre­sence«. Todds Fil­me loten die Gren­zen zwi­schen die­sen Sphä­ren aus – das zeich­net sich schon im ers­ten Film Whe­re You Had Been ab, in dem der Fil­me­ma­cher eine für ihn cha­rak­te­ris­ti­sche Form abge­film­ter hand­schrift­li­cher Text­ta­feln mit Ein­stel­lun­gen von Wohn­räu­men durch­setzt. Die men­schen­lee­ren Bil­der erzäh­len in Ver­bin­dung mit den Wor­ten »I loo­ked for you /​But only found /​Whe­re you had been« von einer Prä­senz, die die Bil­der die­ser Orte jen­seits ihrer unmit­tel­ba­ren reprä­sen­ta­ti­ven Qua­li­tä­ten heim­sucht. Auch die unschließ­ba­re Lücke zwi­schen dem Ver­gan­ge­nen vor der Kame­ra und dem Gegen­wär­ti­gen in der Pro­jek­ti­on des Film­ma­te­ri­als klingt hier in der Ver­gan­gen­heits­form des Tex­tes an, die das »Du« adressiert.

Ein ähn­li­ches Ver­hält­nis zum »Du« setzt sich anschlie­ßend in Out, Todds ers­tem Film, fort, und führt zudem in sein gro­ßes Inter­es­se an Wie­der­ho­lung ein: Drei Frau­en spre­chen an drei ver­schie­de­nen Orten den­sel­ben Text, der sich erneut an ein abwe­sen­des »Du« rich­tet. Der Satz »You will come out ever­y­whe­re as never befo­re« geht vom Ver­gan­ge­nen ins Zukünf­ti­ge über und ver­spricht eine All­ge­gen­wär­tig­keit, aus der Abwe­sen­heit zu Prä­senz wer­den kann. Dass in einem spä­te­ren Film des Pro­gramms wäh­rend einer Auf­nah­me an einer Bahn­sta­ti­on kurz am Bild­rand eine Wer­be­ta­fel zu sehen ist, auf der die Wor­te »You’re this clo­se!« abge­druckt sind, wirkt bei­na­he schick­sal­haft, min­des­tens aber äußerst prä­zi­se gewählt. Iro­ni­sches Ver­spre­chen des Uner­reich­ba­ren unter­mau­ert die All­ge­gen­wär­tig­keit sol­cher Abwe­sen­hei­ten jen­seits einer fil­mi­schen Realität.

Das Gespro­che­ne in Out ist in einer A/B‑­Schuss-Gegen­schuss-Schnitt­fol­ge struk­tu­riert, bei der die im »Du« der A‑Einstellung her­auf­be­schwo­re­ne Per­son nir­gends in der anschlie­ßen­den B‑Einstellung zu sehen ist. So bear­bei­tet der Film an die­ser Stel­le in wei­te­rer Kon­se­quenz auch grund­le­gen­de fil­mi­sche Mecha­nis­men der Sinn­pro­duk­ti­on zwi­schen zwei Bil­dern. Eine Unter­su­chung, die in die­sem ers­ten Film noch recht klar, bei­na­he didak­tisch, als sol­che ange­legt ist, aber sich in sei­nen spä­te­ren Arbei­ten stär­ker ins Unein­deu­ti­ge ver­läuft, wo Todds Inter­es­se an freie­ren Ver­bin­dun­gen und Bedeu­tungs­ver­schie­bun­gen zwi­schen meh­re­ren Bil­dern erkenn­bar wird.

Die­se spä­te­ren Fil­me könn­te man wohl als ein­fa­cher, redu­zier­ter beschrei­ben, wie es auch im Gespräch nach der Vor­füh­rung anklingt. Man lie­fe dabei jedoch Gefahr, die Kom­ple­xi­tät, die sich aus die­ser Öff­nung im spä­te­ren Werk ergibt, zu unter­schla­gen. Zunächst kann man fest­stel­len, dass Todd sich in sei­nen spä­te­ren Arbei­ten von den äußers­ten Rän­dern des Nar­ra­ti­ven, an denen er sich mit sei­nen ers­ten Fil­men befand, immer wei­ter nach außen in die fil­mi­sche Abs­trak­ti­on bewegt hat. Die ein­zel­nen Ein­stel­lun­gen die­ser Fil­me ähneln klei­nen gedank­lich-visu­el­len Abschwei­fun­gen. Bestimm­te wie­der­keh­ren­de Bild­mo­ti­ve (Pflan­zen, Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de, Türen und Fens­ter) hel­fen dabei, den fil­mi­schen Gedan­ken­strom zu struk­tu­rie­ren. Anhand die­ser visu­el­len Anker kann man auch beob­ach­ten, wie sich Bedeu­tun­gen und Asso­zia­tio­nen zwi­schen den ein­zel­nen Bil­dern ver­schie­ben oder erwei­tern. »I’m inte­res­ted in how images work bey­ond the sin­gle image«, sagt Todd im Anschluss an das ers­te Pro­gramm. So wirkt die Ein­stel­lung des ein­zel­nen Löf­fels, die am Anfang und am Ende von a spoon steht, nicht nur wie eine kon­zep­tu­el­le Rah­mung, viel­mehr scheint die­ses Bild sich in die gedank­li­che Asso­zia­ti­ons­ket­te des Films ein­zu­rei­hen, bei der die Bil­der gewis­ser­ma­ßen in bei­de Zeit­rich­tun­gen des Films wir­ken – eine grund­le­gen­de Mon­ta­ge­dy­na­mik: Ein Bild kann den Blick auf sei­nen Vor­gän­ger und sei­nen Nach­fol­ger ver­än­dern. Blu­men bedeu­ten etwas ande­res, wenn sie auf Bil­der von Innen­räu­men fol­gen, als nach Bil­dern des Him­mels oder vor dem Bild einer Vase. Ob Todd für die ers­te und letz­te Ein­stel­lung von a spoon tat­säch­lich das­sel­be Bild­ma­te­ri­al ver­wen­det hat, kann ich nach der Vor­füh­rung nicht genau beur­tei­len. Sicher ist jedoch, dass man am Ende des Films und sei­nen breit­ge­fä­cher­ten Asso­zia­ti­ons­räu­men, die immer offen für neu­es wir­ken, nicht den­sel­ben Löf­fel sieht, wie zu Beginn.

Auch ein ande­rer, oft eher hin­ter­grün­di­ger, fil­mi­scher Pro­zess bewegt sich im Rah­men die­ser bei­den Vor­füh­run­gen wort­wört­lich in den Vor­der­grund: Die Tat­sa­che, dass die ein­zel­nen Fil­me (im ers­ten Pro­gramm sind es zwölf, im zwei­ten fünf) abwech­selnd digi­tal und ana­log vor­ge­führt wer­den, bedeu­tet für den Vor­füh­rer Ted Fendt ein kon­stan­tes Hin-und-Her zwi­schen dem digi­ta­len Pro­jek­tor im Vor­führ­raum außer­halb des Kino­saals und dem ana­lo­gen Pro­jek­tor, der in der letz­ten Rei­he des Saals steht. Eine kur­ze Zäsur zwi­schen jedem Film, wäh­rend der Fendt immer ein­mal durch den gesam­ten Saal rennt, macht aus einer so prä­gen­den Abwe­sen­heit fil­mi­scher Erfah­rung eine Raum ein­neh­men­de Präsenz.

Der letz­te Film des Pro­gramms, Thoughts During 100 ft of Film, öff­net den Pro­jek­ti­ons­raum des Kinos durch die Sicht­bar­ma­chung von grund­le­gen­den, zuwei­len unsicht­ba­ren Dimen­sio­nen fil­mi­scher Mate­ria­li­tät noch wei­ter: Drei Minu­ten lang ist die Lein­wand größ­ten­teils schwarz. In Anleh­nung an John Cage bie­tet die­ser letz­te Film so nicht nur Raum für die titel­ge­ben­den Gedan­ken und für den Nach­hall der Bil­der, die sich über die letz­te Drei­vier­tel­stun­de akku­mu­liert haben, son­dern lenkt die visu­el­le Auf­merk­sam­keit auch zurück in den Saal, wenn zum Bei­spiel mini­ma­ler Licht­ein­fall am Pro­jek­tor Schlie­ren auf die dunk­le Lein­wand wirft. So kon­zen­triert sich das Pro­gramm zum Ende hin auf die grund­le­gen­den Ele­men­te ana­lo­ger Film­pro­jek­ti­on und wen­det die Auf­merk­sam­keit von Todds unmit­tel­ba­rer Umge­bung sei­nes zu Hau­ses zu unse­rer unmit­tel­ba­ren Umge­bung im Kino.

Bevor jedoch die­ser letz­te Film beginnt, erhellt sich ver­se­hent­lich die Saal­be­leuch­tung. Wäh­rend das Publi­kum etwas ver­wirrt zum Schluss­ap­plaus ansetzt, schüt­telt Fendt den Kopf und ges­ti­ku­liert dabei immer wie­der mit sei­ner Hand von oben nach unten – ein Signal, das offen­sicht­lich irgend­wo auf dem Weg zur Saal­tech­nik ver­lo­ren geht und in letz­ter Kon­se­quenz ver­ba­li­siert wer­den muss: »There’s one more film.«