Ins Anderswo gelesen – Auslandsreise von Ted Fendt

Text: Nele Kaiser

Es beginnt lesend, im Mai. Und es endet, lesend, im Mai. Die Ein­stel­lung ist zunächst sta­tisch, aber die Rei­se im Film­ti­tel wird ange­deu­tet – ein Auto fährt vor­bei; an der Kan­te im unschar­fen Umraum des Bil­des ein Mofa, in des­sen Far­ben die Lesen­de geklei­det ist. Mari­ne­blau, sie liest: Anna Maria Orte­ses Der Hafen von Tole­do. Spä­ter greift ihre Jacke zu ande­ren Licht­ver­hält­nis­sen die Far­be der Blut­pflau­men im Hin­ter­grund auf, deren Blät­ter sich im Wind bewe­gen. Die Ver­schlos­sen­heit der Rücken­an­sicht und des lesen­den Gesichts scheint nur unbe­wegt, wäh­rend die Augen eigent­lich flink durch die Buch­sta­ben­rei­hen wan­dern; sich der Geist nach Anders­wo bewegt. Eine angeb­lich gera­de been­de­te und bevor­ste­hen­de Rei­se nach Ita­li­en exis­tiert nur im Off. Flo­ri­an betritt die ers­te Ein­stel­lung mit einem Roll­kof­fer und ver­lässt die letz­te Ein­stel­lung auf glei­che Wei­se. Leo­nie, die Lesen­de, bleibt sit­zen. Sie greift hin­ter sich, in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung, und nimmt wie­der das Buch in die Hand. Die eigent­li­che Aus­lands­rei­se in die­sem Film ist die Gedank­li­che beim Lesen.

Hebe man die lite­ra­ri­sche Sprech­wei­se der Per­so­nen in Aus­lands­rei­se von Ted Fendt aus dem Kon­text, mag sie an die Fil­me von Ange­la Scha­nelec erin­nern, doch sie ist ganz orga­nisch in eine Tätig­keit ein­ge­bet­tet und in ihr ver­an­kert; ihre Beschaf­fen­heit wird durch sie erklärt: Es wird im Rah­men eines Lese­krei­ses über Lite­ra­tur gespro­chen oder aus den bespro­che­nen Roma­nen von Orte­se vor­ge­le­sen. Die Sprech­wei­se, mit der sich Fendt durch­aus in die Tra­di­ti­on von Daniè­le Huil­let und Jean-Marie Straub stellt, über­trägt Schrift­spra­che ins Münd­li­che und wirkt dabei wie ein Kom­men­tar, der die vor­geb­li­che Dif­fe­renz zwi­schen künst­lich und natür­lich in der Rezep­ti­on von Film und Lite­ra­tur auf­he­ben will. Wie bei Huil­let-Straub mar­kiert sich der von Laiendarsteller*innen in rhyth­mi­scher Stren­ge gespro­che­ne Text als ein­stu­dier­ter Fremd­kör­per, was bei Fendt aller­dings unauf­fäl­li­ger ist und immer wie­der gedämpft wird. So chan­giert die Wahr­neh­mung des Films ent­lang authen­ti­scher oder sti­li­sier­ter Sprech- und Spiel­wei­sen. Das pas­siert durch die Gegen­über­stel­lung und hier­ar­chie­freie Ver­flech­tung mit simp­len, pro­to­ty­pi­schen All­tags­ge­sprä­chen wie man sie beim Ken­nen­ler­nen unter Wahlberliner*innen schon tau­send­fach gehört und geführt hat. Mal wird die lite­ra­ri­sche Spra­che abrupt zu Beginn einer Ein­stel­lung ein­ge­setzt, wirkt dort welt­fremd, ver­liert ihren ver­wun­der­li­chen Cha­rak­ter dann durch die logi­sche Auf­lö­sung in eine pas­sen­de Situa­ti­on, die sich aber nie gleich am Anfang offen­bart. Beson­ders bei Leo­nie lösen sich die Sprach­re­gis­ter wie­der­um auf, als wäre sie selbst gera­de aus einem Roman von Anna Maria Orte­se gefallen.

Die kon­se­quen­te Ora­li­sie­rung des Schrift­li­chen macht Aus­lands­rei­se zu einer Femmage an die Schrift­stel­le­rin Orte­se und an Sig­rid Vagt, eine ihrer Über­set­ze­rin­nen – durch das Rezi­tie­ren ihrer Wor­te erlan­gen die­se eine Ver­le­ben­di­gung. Am Ende von Igua­na befin­det sich eine schwer zu ent­schlüs­seln­de Refe­renz, die auf die Fra­ge hin­deu­tet, was nach dem Tod von den Hand­lun­gen und Bestre­bun­gen eines Men­schen übrig bleibt – der Film arbei­tet gegen das Ver­ges­sen einer Schrift­stel­le­rin. Fendts Fil­me­ma­chen steht dabei in Ana­lo­gie mit dem Wesen des Über­set­zens; bei­de las­sen sich im dif­fu­sen Bereich zwi­schen ver­meint­li­cher Rea­li­täts­nä­he und Rea­li­täts­fer­ne ver­or­ten. Fendt arbei­tet ohne pro­fes­sio­nel­le Schauspieler*innen und ohne Pro­ben, nur mit Laiendarsteller*innen aus sei­nem Bekann­ten- und Freun­des­kreis, wobei die Vor­na­men der Per­so­nen und ihrer Figu­ren iden­tisch sind. Die Dia­lo­ge beru­hen auf den ers­ten Ein­drü­cken der Darsteller*innen zu den Roma­nen, die Fendt dann in die ers­ten Sze­n­en­ent­wür­fe umge­schrie­ben und mit Leo­nie Rodri­an (Dar­stel­le­rin und Dreh­buch) wei­ter an ihnen gear­bei­tet hat. Letzt­lich haben die Darsteller*innen noch eini­ge Rede­wen­dun­gen und Wor­te geän­dert. Die­se Schich­tun­gen aus Fik­tio­na­li­sie­rung und Rea­li­täts­nä­he defi­nie­ren eine nur schwer zu ent­wir­ren­de Gemenge­la­ge – der fer­ti­ge Film ein Sedi­ment­ge­stein, des­sen Mate­ri­al­zu­sam­men­set­zung kaum defi­nier­bar ist, mal wie die­ses oder jenes schim­mert. Es wur­de kein künst­li­ches Licht ver­wen­det – Fendt sprach im Gespräch mit Bar­ba­ra Wurm im Arse­nal davon, dass er ger­ne mit dem arbei­te, was er vor­fin­de, was die »Natur« anbie­te. Die Begeg­nun­gen der Figu­ren wir­ken zufäl­lig, kaum insze­niert, etwa im Sin­ne von Luc Moul­lets Arte pove­re-Ästhe­tik, doch hin­sicht­lich des Sprech­rhyth­mus prä­zi­se getak­tet. Fendt ver­steht es, die Trenn­li­ni­en zwi­schen Zufall und Set­zung, Non­cha­lance und akri­bi­scher Kom­po­si­ti­on ver­schwim­men zu las­sen. Es ist nicht immer ein­deu­tig, wel­cher Wahr­heits­ge­halt in der Wirk­lich­keit und wel­cher Wirk­lich­keits­ge­halt in der Wahr­heit steckt. Fendt distan­ziert sich mit­hil­fe von Orte­se und den Schwie­rig­kei­ten ihrer Deu­tung vom Rea­lis­mus, denn Über­set­zen (bezie­hungs­wei­se das Über­set­zen der Wirk­lich­keit) ist immer auch Schöp­fungs­pro­zess, nicht nur Wiedergabe. 

Man kann den Film so lesen, läuft dabei aber Gefahr, den skur­ri­len Humor zu über­se­hen, und zu über­se­hen, dass es sich bei Ted Fendts prag­ma­ti­scher Schlicht­heit nicht um Über­sti­li­sie­rung han­delt, die zur Bedeu­tungs­schwe­re wird. Sei­ne Fil­me haben etwas Locke­res, Knap­pes, Beschei­de­nes an sich – es ist nichts zu sehen, was unnö­tig wäre, was aber auch heißt, dass alles das, was da ist, nicht zufäl­lig vor­kommt. Und trotz­dem gewinnt das Rät­sel­haf­te Raum im All­täg­li­chen. Etwas bleibt ver­bor­gen, hin­ter dem abwe­sen­den, lesen­den Gesicht. Aus­lands­rei­se ver­bin­det Schnör­kel­lo­sig­keit mit einer zurück­ge­nom­men ver­träum­ten Fein­sin­nig­keit, die kon­tem­pla­ti­ve Räu­me im Dazwi­schen von Andeu­tung und Arti­ku­la­ti­on anord­net. In All­tags­sze­nen ent­fal­tet sich eine unauf­dring­li­che Poe­tik der Stil­le und Sachlichkeit. 

Die sorg­fäl­tig, aber mühe­los kom­po­nier­ten Ana­log­bil­der von Jen­ny Lou Zie­gel (bekannt für ihre Kame­ra­ar­beit bei Fili­pa César und Dane Koml­jen) besit­zen eine wei­che, kla­re Ästhe­tik, die, in der Kom­bi­na­ti­on des all­täg­li­chen Sujets mit den sta­tisch-lich­ten Kom­po­si­tio­nen, an Ver­meer erin­nert. Die Prot­ago­nis­tin Leo­nie zwi­schen Ver­sun­ken­heit und erra­ti­scher Prä­senz, deren Berührtsein von Orte­ses Schrei­ben womög­lich ein dezen­tes Abglei­ten in eine ande­re Welt anstößt. Sie wan­delt gedan­ken­ver­lo­ren durch Stra­ßen, über deren Lee­re zuvor eine Decke aus Orte­ses Wor­ten gelegt wur­de. Wenn Leo­nie spricht, ist nicht immer klar, ob sie aus dem Buch rezi­tiert oder in ihren eige­nen Wor­ten dar­über spricht. Das lite­ra­ri­sche Werk berührt sie tie­fer als die ande­ren. »Ich bin schon tief drin«, sagt sie bereits zu Beginn des Films. So ver­liert die Rede­wen­dung »das Buch nimmt mich mit« lang­sam ihren meta­pho­ri­schen Gehalt. Ab dem zwei­ten Tref­fen des Lese­krei­ses treibt sie wie mit den Trop­fen des Lei­tungs­was­sers davon, mit dem sie sich zuvor das Gesicht wusch, gera­de so als wol­le sie sich von dem Sog der fik­ti­ven Welt des Romans erret­ten, erwe­cken wie aus einem Traum. Sie wan­delt im Dun­keln allei­ne nach Hau­se, die Kame­ra beweg­ter als zuvor. Im nächs­ten Kapi­tel begin­nen die bei­den ers­ten Ein­stel­lun­gen nicht mit dem tat­säch­li­chen Objekt oder Sub­jekt, son­dern mit deren Spie­ge­lun­gen. Etwas ver­schiebt sich. Das Ver­hält­nis des Eigent­li­chen zu sei­nem Abbild. 

Die Sze­nen, in denen Leo­nie allei­ne durch die Stra­ßen läuft, den Blick zu Boden gerich­tet, erin­nern mit der Ele­ganz einer stoi­schen Sim­pli­zi­tät an Robert Bres­sons Quat­re nuits d’un rêveur. Bres­sons Rigi­di­tät wird bei Fendt aller­dings auf­ge­lo­ckert, ins­be­son­de­re durch den tro­cken vor­ge­tra­ge­nen Schmitz, der wohl auf sei­ne Lie­be für Luc Moul­let zurück­zu­füh­ren ist und sei­ne Fil­me durch­zieht. Die Melan­cho­lie speist sich dabei nicht zuletzt dar­aus, dass das Fan­tas­ti­sche das Räum­li­che nicht ganz ein­zu­hül­len ver­mag, unein­deu­ti­ge Andeu­tung bleibt. Etwas pas­siert in Leo­nie, hin­ter ihrem Gesicht, aber der Stadt­raum ver­än­dert sich nicht. Flo­ri­an hin­ge­gen bleibt ganz unbe­rührt, die Kraft von Orte­ses Lite­ra­tur hat ihn nicht davon abhal­ten kön­nen, letzt­lich resi­gniert aus Geld­sor­gen doch wie­der nach Tübin­gen zurück­zu­keh­ren, um sein Stu­di­um zum Steu­er­be­ra­ter zu been­den. Die prag­ma­ti­sche Sei­te von Aus­lands­rei­se, die durch Flo­ri­an ver­kör­pert wird, sorgt für Lacher, aber auch dafür, dem Abdrif­ten ins All­zu­träu­me­ri­sche sowie ins All­zu­ver­geis­tig­te ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Melan­cho­lie ent­fal­tet sich dabei nicht trotz, son­dern gera­de durch die All­täg­lich­keit und die Prag­ma­tik in der bün­di­gen Kür­ze des Films.

»Sie sagt, alles um sie her­um sei illu­so­risch.« So gibt Leo­nie die Wor­te der Ich-Erzäh­le­rin aus Orte­ses Der Hafen von Tole­do am Anfang des Films wie­der. Illu­si­on und Wirk­lich­keit wer­den gleich­be­deu­tend. Die Schöp­fung bestehe, wie von einer Figur in Igua­na behaup­tet, aus unzäh­li­gen Schich­ten und letzt­lich aus »rei­ner tie­fer Ima­gi­na­ti­on«. Nicht weni­ger bleibt der authen­ti­sche, doku­men­ta­ri­sche Anschein des Films illu­so­risch. Fendt lässt sei­ne Figu­ren dar­über dis­ku­tie­ren, ob die Erzähl­wei­se in Igua­na nun rea­lis­tisch oder fan­tas­tisch sei, wäh­rend der Film selbst durch sei­nen Stil und sei­ne Ästhe­tik bei­de ver­meint­li­chen Gegen­sät­ze nicht als sol­che begreift. Kino und Kunst kön­nen kein rei­nes Abbild der Wirk­lich­keit sein, oder, anders for­mu­liert, kön­nen ihr gera­de durch das Beto­nen der eige­nen Künst­lich­keit näher­kom­men. Im Grun­de soll­te über Aus­lands­rei­se nur geschrie­ben wer­den, ohne die­se Begrif­fe zu ver­wen­den, denn »Künst­lich­keit« wird aus­ge­stellt, um kur­ze Zeit spä­ter ihre Defi­ni­ti­on durch mini­ma­le Nuan­cen der Kon­text­ver­schie­bung zu unter­lau­fen. Wie in den neu­en Räum­lich­kei­ten des Arse­nals ist alles gleich­zei­tig fremd und ver­traut. Der erin­ner­te, »ima­gi­nä­re« Raum wird über den neu­en, »rea­len« Raum gelegt. Bei­de wer­den gleich­zei­tig betre­ten, mit nur einem Schritt.