Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato 2017: Unsere hohen Lichter

Patrick Holz­ap­fel

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Ers­ter Zwi­schen­ti­tel in Steam­boat Bill, Jr.: „Mud­dy Waters“

Ers­ter Zwi­schen­ti­tel in Neigh­bors: „The Flower of Love could find no more roman­tic spot in which to blos­som than in this poet’s Dream Garden.“

Traum­gär­ten in Bolo­gna: In einem Gespräch mit Frie­da Gra­fe, Hart­mut Bitom­sky und Tho­mas Tode hat Harun Faro­cki ein­mal die Fra­ge gestellt, ob man noch Fil­me machen kön­ne, wenn es schon von allem Fil­me gäbe. Bolo­gna lehrt mich vor allem, dass es noch viel mehr Fil­me gibt. Auf einer Ebe­ne ist das befrei­end, auf einer ande­ren ein­schüch­ternd. Es ent­steht hier nicht nur eine star­re Über­wäl­ti­gung und Hand­lungs­un­fä­hig­keit als Film­schaf­fen­der, son­dern auch als Cine­phi­ler. Das Schau­en von Fil­men rückt in einen Modus der Akzep­tanz des­sen, was man nicht sieht. Erstaun­lich in wel­cher Form der Bericht vom Kino­gang immer noch von einer Rhe­to­rik des all­ge­mei­nen Ver­ständ­nis geprägt wird und wie wenig von der tat­säch­li­chen Ver­ir­rung, in der das Selbst­be­wusst­sein weni­ger dem Sehen­den, als dem über­le­ge­nen Kino selbst ange­hört. Es gibt natür­lich Besu­cher, die einen Über­blick über ein sol­ches Pro­gramm haben, aber letzt­lich habe ich die­ses Jahr von sehr vie­len gehört, dass sie das Fes­ti­val „ent­spann­ter“ ange­hen, sich mehr trei­ben las­sen und sich weni­ger die­ser wil­den Jagd nach den von Ser­ge Daney beschwo­re­nen ver­bor­ge­nen Schät­zen hin­ge­ben woll­ten. Es gibt also ganz ähn­lich den Essay­fil­men von Faro­cki eine Rück­be­sin­nung auf den Autor, in die­sem Fall den Autor des Sehens. Es geht weni­ger um das Pro­gramm des Fes­ti­vals als das per­sön­li­che Über­le­ben dar­in, die Erkennt­nis, dass im Traum­gar­ten nicht jede Frucht erreich­bar ist. So reif bin ich noch lan­ge nicht und so habe ich die Woche nach dem Fes­ti­val damit ver­bracht, Fil­me zu sehen, die ich auf dem Fes­ti­val ver­passt habe.

Mei­ne per­sön­li­chen Momen­te des Festivals:

Zum einen eine legen­dä­re Tanz­se­quenz mit Sehn­suchts­träu­men, Über­blen­dungs­or­gi­en, betrun­ke­nen Hun­den und dem magne­ti­schen Gesicht von Ivan Mos­jou­ki­ne in Kean ou Dés­ord­re et génie von Alex­and­re Vol­koff. Eine Sze­ne, die wie vie­les in Bolo­gna der­art gut musi­ka­lisch beglei­tet wur­de, dass mir die Kubel­ka-Stren­ge bezüg­lich der Pro­jek­ti­on ohne Musik­be­glei­tung gehö­rig um die Ohren flog. In mei­ner Wahr­neh­mung soll­te es immer bei­de Mög­lich­kei­ten geben. Ein­mal mit und ein­mal ohne Musik. Eine Sze­ne, in der ein Film spa­zie­ren geht. Eine Sze­ne, in der dem Kino erlaubt wird, zu erzit­tern. Eine Sze­ne, die mei­ner die­ses Jahr auf­fäl­li­gen, über­durch­schnitt­li­chen Lie­be zu Hun­den (auf der Stra­ße und im Kino) in die Kar­ten spiel­te genau wie eine grenz­wer­tig bru­ta­le Sze­ne in Marie Epsteins und Jean Benoit-Lévys Itto, in der einem Hund die Wel­pen weg­ge­nom­men wer­den, was zu Irri­ta­ti­on und schließ­lich unge­brems­ter Wut im Tier führt. Zum Schmerz des ent­ris­se­nes Kin­des hat­te auch Frank Bor­za­ge in sei­nem zärt­li­chen Until They Get Me eini­ges zu sagen. Dann waren da die Far­ben im Schwarz von Blood on the Moon von Robert Wise. Und dann Place de la Con­cor­de von Eti­en­ne-Jules Marey, ein Film, der eigent­lich nicht als sol­cher gedacht war und einen wie die Lumiè­re-Pro­jek­tio­nen auf dem Fes­ti­val an das Kino erin­nert, was das Kino ist und sein könn­te, nicht was es war. Im weni­ger als eine Minu­te lan­gen Film sieht man das Trei­ben in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt an einem beleb­ten Tag. Es pas­siert so viel im Bild, dass es gut getan hat, dass der Film mehr­fach gezeigt wur­de. Wie Abbas Kiaros­t­ami ein­mal sag­te: Man fühlt, dass Din­ge inter­es­san­ter anzu­se­hen sind, wenn ein Rah­men um sie her­um ist.

Das stimmt aber nicht ganz. Schließ­lich habe ich auch die tosen­den Gril­len in den Bäu­men von Bolo­gna gehört, die im hef­ti­gen Gewit­ter wan­ken­den Blät­ter eines Bana­nen­baums im Hof vor unse­rem Fens­ter, das Licht, das über die Ter­ra­kot­ta-Gemäu­er wan­dert und die­ses Jahr auch end­lich das unsicht­ba­re Was­ser, das zwi­schen den Häu­sern, kaum sicht­bar durch die Stadt fließt. Kein Rah­men, trotz­dem Kino und zwar in einer Art und Wei­se, das scheint mir nicht wirk­lich prä­sent zu sein, die sich eben abhebt von die­sem Stre­ben nach dem neu­em Film, dem vie­le Zuse­her und die schrei­ben­de Zunft so auf den Leim gehen. Das heißt nicht, dass sich in Bolo­gna nicht auch vie­le Pro­ble­me einer Kul­tur­bran­che zei­gen, die rela­tiv will­kür­lich ent­schei­det, was von der Film­ge­schich­te erhal­ten und beleuch­tet wird. Das Pro­blem ist, dass eine Kri­tik die­ses Vor­ge­hens jenen vor­be­hal­ten wird, die mehr Früch­te aus dem Traum­gar­ten ken­nen, als vom Fes­ti­val zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Weit ent­fernt von sol­chem Wis­sen möch­te ich abschlie­ßend noch beto­nen, dass mir das Prin­zip der „Gate­kee­per“ in der his­to­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Fil­men fatal scheint. Ver­schie­de­ne Figu­ren schwin­gen sich auf zu Exper­ten von die­sem oder jenen Kino, sie wer­den zu Ent­schei­dungs­trä­gern, die letzt­lich sagen, was rele­vant ist und was nicht und zu bestimm­ten The­men scheint es nur sie zu geben, die dazu etwas äußern sol­len und kön­nen. Was dabei an Tra­di­ti­on gewon­nen wird, geht an Leben­dig­keit, Offen­heit und tat­säch­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kino ver­lo­ren. Nach Bolo­gna fah­ren soll­te man trotz­dem und zwar nicht, um wie vie­le das gran­dio­se Essen und die schö­ne Stadt zu genie­ßen, son­dern um die sel­te­ne Chan­ce wahr­zu­neh­men, zu erfah­ren, dass Kino mehr ist, als man sehen kann und dass nicht nur des­halb das Ver­gan­ge­ne im Kino immer von der Gegen­wart und Zukunft des Medi­ums erzählt.

Rai­ner Kienböck

blood on the moon

Mitt­ler­wei­le habe ich für mich einen dienst­ba­ren Weg gefun­den durch das Pro­gramm zu navi­gie­ren. Recht will­kür­lich schlie­ße ich vor Beginn des Fes­ti­vals ein paar der Pro­gramm­rei­hen aus, die mir weni­ger inter­es­sant erschei­nen, dann las­se ich mich zu Beginn des Fes­ti­vals trei­ben und pei­le dabei eine gesun­de Mischung aus halb­ver­schol­le­nen Rari­tä­ten und Klas­si­kern, die ich noch nicht gese­hen habe, oder wie­der­se­hen möch­te, an. Im drit­ten Jahr habe ich mich auch end­lich damit abfin­den kön­nen, dass das Il Cine­ma Ritro­va­to ein Fes­ti­val des Ver­pas­sens ist: jede Ent­schei­dung für eine bestimm­te Vor­füh­rung ist zugleich eine Ent­schei­dung gegen ande­re eben­so inter­es­san­te Pro­gramm­punk­te. Es hängt sicher­lich mit dem Reiz die­ses Fes­ti­vals zusam­men, dass man­che die­ser Ent­schei­dun­gen Fil­me betref­fen, die viel­leicht für Jahr­zehn­te nicht mehr gezeigt werden.

Ich war in jedem Fall gut bera­ten, in der Pro­gramm­ge­stal­tung vie­les dem Zufall zu über­las­sen. Das hat zum Bei­spiel dazu geführt, dass ich wohl nie zuvor in einem so kur­zen Zeit­raum so vie­le Stumm­fil­me gese­hen habe. Vor allem die Rei­he mit Fil­men von vor 100 Jah­ren hat­te es in sich, war 1917 ein annus mira­bi­lis des Kinos oder führt ein sorg­fäl­tig kura­tier­te Aus­wahl von 50 Fil­men aus einem belie­bi­gen Jahr auto­ma­tisch zu so einem fan­tas­ti­schen Pro­gramm? Robert Wie­nes Furcht mit Con­rad Veidt, Tösen från Stor­myr­tor­pet von Vic­tor Sjö­ström und vor allem Frank Bor­za­ges Until They Get Me zäh­len ohne Zwei­fel zu den bes­ten Fil­men, die ich in Bolo­gna sehen durf­te. Und das obwohl kaum einer der 1917er-Fil­me unter­ti­telt war und die Simul­tan­über­set­zun­gen noch immer so schlecht sind, dass ich im End­ef­fekt lie­ber ver­su­che däni­sche, schwe­di­sche oder ita­lie­ni­sche Zwi­schen­ti­tel zu lesen (es spricht für die Fil­me, dass sie trotz­dem wir­ken). Until They Get Me muss auch aus einem ande­ren Grund in die­sem Text Erwäh­nung fin­den – er spielt in Kanada.

Wie die Zufäl­lig­kei­ten eines sol­chen Fes­ti­val­be­suchs es so wol­len, begann mein Bolo­gna-Auf­ent­halt mit einem Scree­ning von Bill Mor­ri­sons Found-Foo­ta­ge-Kom­pi­la­ti­ons­film Daw­son City. Fro­zen Time, der sich der Geschich­te der namens­ge­ben­den Stadt in Nord­ka­na­da – einem Zen­trum des Gold Rush des spä­ten 19. Jahr­hun­derts – annimmt. Daw­son City war nur der Auf­takt für eine über­pro­por­tio­na­le Men­ge an Kana­da-Wes­tern in mei­nem per­sön­li­chen Pro­gramm. Neben Bor­za­ges Film muss ich an die­ser Stel­le auch Otto Pre­min­gers River of No Return erwäh­nen: Mari­lyn Mon­roe in Cine­ma Scope und Tech­ni­co­lor und den­noch lebt der Film stär­ker von der unver­gleich­li­chen Prä­senz Robert Mit­ch­ums (dem dies­jäh­ri­gen Fes­ti­val-Pos­ter­boy). Nach River of No Return und Blood on the Moon am Fol­ge­tag hat­te ich mir vor­ge­nom­men, zumin­dest einen Mit­chum-Film pro Tag zu schau­en. Die Zufäl­lig­kei­ten woll­ten es anders, und ich sah zu mei­nem Bedau­ern kei­nen ein­zi­gen weiteren.

Aber noch ein­mal zurück zu den Stumm­fil­men. In einem län­ge­ren Text habe ich bereits über die gran­dio­sen Lumiè­re-Pro­gram­me geschrie­ben, die es in Bolo­gna zu ent­de­cken gibt, samt groß­ar­ti­gen Ein­füh­run­gen (ich ver­wei­se noch ein­mal auf Abou­bak­ar Sano­go) und wun­der­ba­rer Musik­be­glei­tung – einer der Pia­nis­ten hat das Musik­re­per­toire sogar um sei­ne Stim­me ergänzt. Die­se Akti­on war für mich sicher der skur­rils­te musi­ka­li­sche Moment des Fes­ti­vals, bei dem Musik eine gro­ße Rol­le gespielt hat. Bei den Frei­luft­vor­füh­run­gen am Piaz­za Mag­gio­re gab es gleich zwei sol­che musi­ka­li­sche Höhe­punk­te: zum einen die Live-Per­for­mance von Maud Nelis­sen & The Spro­ckets zu The Pat­sy von King Vidor und zum ande­ren Mon­terey Pop von D.A. Pen­ne­bak­er, der Kon­zert­fee­ling auf­kom­men ließ. Umge­ben von hun­der­ten Leu­ten, die Sound­an­la­ge bis zum Anschlag auf­ge­dreht, der Applaus des Publi­kums am Piaz­za mischt sich mit dem Applaus des Publi­kums im Film. Eine über­wäl­ti­gen­de Erfah­rung, die mich zumin­dest ein wenig mit der Pra­xis digi­ta­ler Pro­jek­ti­on von ana­log ent­stan­de­nen Fil­men ver­söhnt – auf kon­ven­tio­nel­lem Weg hät­te man den 16mm-Film wohl kaum auf der 20 Meter hohen Lein­wand am Piaz­za zei­gen können.

Zum Abschluss noch ein paar wei­te­re Ein­drü­cke vom Piaz­za, die ich ein­fach erwäh­nen muss: L’A­ta­lan­te auf Rie­sen­lein­wand wie­der­zu­se­hen, über Michel Simons Bril­lanz zu stau­nen und natür­lich über die ver­ne­bel­ten Traum­bil­der von Jean Vigo, in denen den­noch das «ech­te Leben» pul­siert; der Fes­ti­val-Trai­ler, in dem Jimi Hen­drix zu Becau­se the Night lipsyn­ched und Bri­git­te Bar­dot zum glei­chen Lied ein Tänz­chen wagt. Lei­der, lei­der hat er es (noch) nicht auf die gän­gi­gen Video-Platt­for­men geschafft, um ihn hier zu tei­len – es wäre ein wür­di­ger Abschluss für einen Text über die Höhe­punk­te des Festivals.

Iva­na Miloš

danse

Every Love Has Its Landscape

Whe­re archi­tec­tu­re and sum­mer join, brin­ging about a hazy, mis­ty awa­re­ness of move­ment and fic­tion caught in a tête-à-tête las­ting seve­ral days, the­re cine­ma can soak the streets and inha­bit a sanc­tua­ry upon a hill, over­loo­king the land­scape with the decisi­ve stance of a sear­cher akin to Ster­ling Hay­den in the ope­ning shots of John­ny Gui­tar. Here, only a cele­bra­to­ry blink of the eye sepa­ra­tes the fear of being caught in a storm and buried by the rub­ble of an explo­si­on brin­ging in the future from the fee­ling of mer­ciful­ly bas­king in the past. Have the images inva­ded and per­va­ded your con­scious­ness or has the sun gone to your head? Blissful­ly, the­re is no way of tel­ling. Bologna’s Il Cine­ma ritro­va­to resem­bles what Hélè­ne Cixous calls an “explo­ded” rea­ding, with split­ters and frag­ments buil­ding up the expe­ri­ence of a fes­ti­val, a histo­ry, and a cinema.

The cine­ma reve­a­led in Bolo­gna may well be one of many, but its fruits are more allu­ring than most and whet the appe­ti­te with a deli­cious twist. If a scree­ning such as the 1917 Pathé Frè­res’ tre­asu­re box Les dan­ses enfan­ti­nes can ser­ve as a foun­da­ti­on of a fes­ti­val visit, the­re is much to be dis­co­ver­ed lying in wait in the intert­wi­ned shadows of arca­des. The stu­dy of the move­ment of young bal­le­ri­nas thus easi­ly meta­mor­pho­ses into a glim­pse of a mys­te­rious forest gla­de inha­bi­ted by nim­ble, fawn­li­ke dancers with ini­mi­ta­ble expres­si­ons, secrets, and pro­mi­ses. Chief among them is the pro­mi­se of moti­on, made mani­fest by the rise and fall of feet cushio­ned upon grass, divul­ging the magic of dancing bodies with a touch of the came­ra shut­ter respon­si­ble for the wond­rous slow moti­on of the dancers. Mecha­ni­cal mar­vels com­ming­le with reve­la­ti­ons of (almost) unknown rea­li­ties, as the pro­gram sec­tion of hundred-year-old films fea­tured every year elo­quent­ly goes to show. Éti­en­ne-Jules Marey’s Place de la Con­cor­de, a 88mm wide and 19m long film­strip also brea­thes mys­tery when pro­jec­ted as it was never inten­ded to be. The­se ear­ly sprouts of an art, their inten­ti­ons part­ly uncer­tain, part­ly igno­red and reas­sem­bled for the pre­sent, meet and tra­ver­se the huma­ni­ty of Frank Borzage’s Until They Get Me (1917), Tay Garnett’s hyper­bo­li­zed Desti­na­ti­on Unknown (1933) and Tami­zo Ishida’s lace­work mas­ter­pie­ce Hana Chi­rinu (1938).

Then the­re is Arne Sucksdorff’s My Home is Copa­ca­ba­na (1965), rive­ting in its image-cap­tu­ring skillful­ness, who­se spi­rit exact­ly matches its sap­ling prot­ago­nists. Some­whe­re bet­ween the sea and the sky, real-life yet fic­tion­al fave­la orphans Lici, Jor­g­inho, Paulin­ho and Rico reim­agi­ne them­sel­ves based on the sto­ries they have expe­ri­en­ced and rela­ted to the direc­tor. Their feve­rish, incre­di­bly fra­gi­le exis­tence is led on the Atlan­tic shore of the beach in Copa­ca­ba­na and the rams­hack­le shel­ter they built for them­sel­ves on top of Mor­ro da Babilô­nia. Both of the­se are at all times open to inva­si­on, unwel­co­me inter­ven­ti­on and the heed­less­ness of others. The child­ren may and do try to defend them, but fail­ure is pre-inscri­bed in their actions. My Home is Copa­ca­ba­na por­trays the lack of home by gent­ly, but unspa­rin­gly sculp­ting the spaces of its non-exis­tence. But the issue of home­l­ess­ness does not bring on an edi­fy­ing, mora­li­zing or pity­ing per­spec­ti­ve; the film remains as clear and respectful as can be towards the children’s strugg­le to sur­vi­ve. A wild, dancing kite criss-crossing the ski­es during the ope­ning cre­dits per­so­ni­fies the quick­sil­ver natu­re of a ruthl­ess­ly shaky life as well as the suc­cu­lence of short-lived delights cha­rac­te­ristic for and belon­ging to a child. When the child­ren get cha­sed away from their hill shack by ban­dits, they take to slee­ping in fishermen’s boats on the beach. Dream meets devas­ta­ti­on in the con­tours that enve­lop their lithe forms. The framing is flaw­less. One evening, a ritu­al is per­for­med for Yeman­ja, the god­dess of the sea, and a fire star­ted on the beach out­shi­nes the dark­ness. A dance car­ri­es sand, sea, and laugh­ter back into the skies.

Dance works towards resis­tance and the con­s­truc­tion of two more uni­ver­ses: that of Med Hondo’s West Indies (1979), pre­sen­ted as a part of the Film Foundation’s World Cine­ma Pro­ject and Jean Rouch’s La Goum­bé des jeu­nes noce­urs (1964−65), well-con­cea­led in the depths of the Docu­ments and Docu­men­ta­ries sec­tion. The most ele­men­tal­ly pre­cious ele­ment of Hondo’s work (along­side his incom­pa­ra­ble intro­duc­tion) is the ope­ning shot of the lurid set­ting of his sto­ry of relent­less migra­ti­ons bet­ween Afri­ca, Euro­pe and the Carib­be­an, a sto­ry of colo­niza­ti­on and repres­si­on, on a giant slave ship loca­ted insi­de an indus­tri­al warehouse. This in its­elf is a dance; one of choice and skill, of came­ra­work cho­sen as the means of sto­rytel­ling embark­ed on a ship just as so many of its par­ti­ci­pan­ts had been throug­hout history.

Ano­ther migra­ti­on, that of the inha­bi­tants of French Upper Vol­ta to the city of Abi­djan in the Côte d’I­voi­re, acts as a start­ing point for Rouch’s incre­di­ble engulfment in an asso­cia­ti­on of migrants shaped around the goum­bé, a tra­di­tio­nal dance they rely on in the desi­re to main­tain a com­mu­ni­ty and ensu­re mutu­al soli­da­ri­ty and assis­tance in a for­eign land. While the secre­ta­ry-gene­ral reads out the sta­tu­te and the names and occu­pa­ti­ons of the chief mem­bers of the asso­cia­ti­on, each is pre­sen­ted in a series of per­fect­ly roun­ded por­traits, minia­tures of every worker at their work­place and their home. The film flows and feels like a simp­le, devo­ted­ly woven cloth – it wraps its­elf around its par­ti­ci­pan­ts pur­po­seful­ly, let­ting them brea­the as free­ly as they wish. If huma­ni­ty could take on the unos­ten­ta­tious garb of the­se images, of their fabric and tone, the pro­mi­ses of move­ment made a hundred years ago could come to life with true vigour. Hence, Rouch shows the goum­bé in moti­on, in sple­ndour, as a halo of bright­ness on fire. And if the dance of cine­ma is going to catch fire again, it bet­ter deve­lop the radi­ant rup­tu­re of tri­um­phant life and spread its wings in the night. Nobo­dy will strike at a fire­fly in the darkness.

Vale­rie Dirk

sara

Zeit­rei­sen auf der Piaz­za Mag­gio­re: Obwohl ich bereits das drit­te Jahr zum Cine­ma Ritro­va­to fah­re, habe ich heu­er zum ers­ten Mal die Kino­ma­gie der Piaz­za Mag­gio­re für mich ent­deckt, auf der ich das Kino, noch inten­si­ver als sonst, als Zeit- und Raum­ma­schi­ne erfah­ren habe.

Mit A Pro­pos de Nice von Jean Vigo (nach Place de la Con­cor­de von Eti­en­ne-Jules Marey) im Vogel­flug über das Niz­za von 1930 und mit­ten hin­ein in die Stadt wäh­rend des Kar­ne­vals. L’A­ta­lan­te fährt auf Hoch­zeits­rei­se durch nord­fran­zö­si­sche Kanä­le und sucht das Bild der Gelieb­ten (Dita Par­lo !) im Was­ser. Wäh­rend John­ny Gui­tar von Nico­las Ray mit der groß­ar­ti­gen Joan Craw­ford (die Far­be ihrer Hem­den, ihre Hal­tung) und ihrer Gegen­spie­le­rin Mer­ce­des McCam­bridge, spa­zie­re ich von der ers­ten in die letz­te Rei­he. Kino kann man (zumin­dest kurz­zei­tig) auch im Gehen genie­ßen. Mon­terey Pop von D. A. Pen­ne­bak­er ent­führt die Zuschaue­rIn­nen in das Kali­for­ni­en von 1968, also in eine Zeit, in der die Geschich­te der Pop­mu­sik und des direct cine­ma geschrie­ben wird. Sweet nost­al­gia schwemmt über die Piaz­za, denn das ist die Musik, mit der ich und vie­le ande­re auf­wuch­sen (die Schall­plat­ten des Vaters). Tota­le Bewun­de­rung für die Per­for­man­ces von Otis Red­ding, The Who, Janis Jop­lin und Grace Slick von Jef­fer­son Air­plane. Jim­my Hen­drix ent­täuscht dage­gen, er ist zu voll­ge­dröhnt. Die miss­brauch­te Gitar­re hat gut dar­an getan, nicht flam­mend zu lodern. The Pat­sy von King Vidor erwärmt durch die wun­der­ba­re Komik der Mari­on Davies und dem live Jazz-Orches­ter. Es ist mei­ne letz­te Rei­se auf der Piazza.

Med Hon­do: Der afri­ka­ni­sche Regis­seur ist mei­ne per­sön­li­che Neu­ent­de­ckung. Ab Afri­que sur Sei­ne und Sol­eil Ô hän­ge ich am Köder. Ver­hand­lun­gen afri­ka­ni­scher Iden­ti­tät in Frank­reich, dabei ohne schwarz-weiß-Male­rei, mit Humor und zugleich tiefs­ter Depres­si­on. Rea­lis­ti­sches schwarz-weiß, sehr direkt, Stra­ßen­sze­nen und ein biß­chen frü­her Fass­bin­der. Ich glau­be zu wis­sen, was ich bei den ande­ren bei­den Fil­men zu erwar­ten habe. Und wer­de getäuscht: West Indies, ein knall­bun­tes Musi­cal im Bauch eines Schiffs, rhyth­mi­sche Cho­reo­gra­fien, Zeit­sprün­ge vom 16. Jahr­hun­dert in die Jetzt-Zeit (1979), Migra­ti­on und Skla­ve­rei wer­den auf span­nen­de Wei­se zusam­men gedacht. Sar­raounia wie­der­um ganz anders. Ein Kriegs­film über den Wider­stand einer nige­ria­ni­schen Stam­mes­füh­re­rin, die gegen die Erobe­rungs­zü­ge der Fran­zo­sen und die Intri­gen der afri­ka­nisch-mus­li­mi­schen Stam­mes­füh­rer Stand hält. Cine­ma­scope, Far­be, Musik, Wüs­te. Ein Epos. Med Hon­do ist auch zu Gast. Oft den Trä­nen nah, so deter­mi­niert in sei­nem Glau­ben an eine Gemein­schaft, an die Ande­ren, an das Kol­lek­tiv, an den Sozialismus/​Kom­mu­nis­mus und so ableh­nend gegen­über einem Kino des l’art pour l’art.

En plus: Hel­mut Käut­ners Lud­wig II und die Spra­che O. W. Fischers. Dou­glas Sirk und das huma­nis­tisch-sakra­le Melo­dra­ma (The Magni­fi­cent Obses­si­on). Die Schön­heit, Tra­gik und Auf­rich­tig­keit Rock Hud­sons. Caf­fè, Appe­ri­tivo und holp­ri­ges Ita­lie­nisch. Früh­mor­gens Uni­ver­sal Fil­me mit „bad-sad-gal“ Mary Nolan: Out­side The Law und Young Desi­re. Letz­te­rer rührt zu Trä­nen, so hoch schwebt sie empor, so schnell fällt sie.

Sebas­ti­an Bobik

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Da dies mein aller­ers­tes mal beim Il Cine­ma Ritro­va­to war, muss ich natür­lich als ers­tes High­light das Fes­ti­val an sich her­vor­he­ben. Ein schö­ner Ort, gutes Wet­ter, ein tol­les Pro­gramm… Ich kann eigent­lich nur gut von die­sem Fes­ti­val spre­chen. Natür­lich sind die Kon­di­tio­nen in man­chen Kinos etwas kom­pli­ziert (wenn die Kli­ma­an­la­ge mal aus­fällt kann der Kino­be­such schon recht hart wer­den) und die Sprach­bar­rie­re ist noch ein Pro­blem, an deren Lösung gear­bei­tet wer­den muss, doch das alles wird locker wie­der wett gemacht durch die wun­der­ba­re Atmo­sphä­re vor Ort.

Bevor ich nun mei­ne Film­high­lights auf­lis­te soll­te ich noch kurz ein biss­chen Platz für den Fes­ti­val­trai­ler fin­den. Der hat die­ses Jahr beson­ders begeis­tert und man kann nur hof­fen, dass sich das Fes­ti­val ent­schließt ihn im Inter­net zu veröffentlichen.

Nun zu mei­nen per­sön­li­chen Höhe­punk­ten, die ich hier in der Chro­no­lo­gie auf­lis­ten wer­de, in denen ich die Fil­me gese­hen habe:
Gleich am Abend mei­ner Ankunft begab ich mich noch zum Piaz­za Mag­gio­re um Jean Vigos wun­der­ba­ren Film L’Atalante zu sehen. Ist Michel Simon hier sogar bes­ser, als in Bou­du sau­vé des eaux von Jean Renoir? Doch nicht nur Michel Simon ist wun­der­bar bei Vigo: der gan­ze Film ist vol­ler traum­haf­ter Momen­te. Sei es die berühm­te Sequenz unter Was­ser, oder die ers­te Kame­ra­fahrt über das Schiff (ein Moment der mir Gän­se­haut bescher­te). Den­noch war L’Atalante nicht mein größ­tes High­light an dem Abend. Davor wur­de näm­lich A Pro­pos De Nice, der eben­falls von Vigo ist, vor­ge­führt. Ich war ohne jeg­li­che Infor­ma­ti­on über die­sen Film hin­ge­gan­gen und was mich über­wäl­tig­te war eine Frei­heit, die man nicht mehr oft in Fil­men sieht. Beson­ders beein­druckt hat­te mich eine simp­le Bewe­gung: Ein Gebäu­de neigt sich um 90 Grad. Es ist eine Bewe­gung, die man sonst nur in ver­spiel­ten Ama­teur­auf­nah­men sieht, die auf Cam­cor­dern gedreht wur­den. Eine Bewe­gung, die einem in einer Film­schu­le sofort aus­ge­re­det wird, und eine Ver­spielt­heit aus­drückt, die man oft ver­misst. Was dar­auf folg­te, war ein mit herr­li­chen Auf­nah­men gespick­tes Por­trait von Niz­za. Wenn ich dar­an zurück­den­ke, sehe ich einen Fluss von Bil­dern: Eine Frau auf einem Ses­sel, ver­schie­de­ne Out­fits an ihr wer­den über­blen­det bis sie plötz­lich nackt ist, eine bizar­re Para­de und die schwin­gen­den Bei­ne von Frau­en, die in Zeit­lu­pe tan­zen. Gleich am fol­gen­den Abend sah ich eben­falls auf dem Piaz­za Mag­gio­re John­ny Gui­tar von Nicho­las Ray. Auf einer rie­si­gen Lein­wand mich unglaub­li­chen Far­ben und gro­ßem Publi­kum war der Film ein­fach ein wun­der­ba­res Erlebnis.

Am Tag dar­auf ent­deck­te ich Hana Chi­rinu von Tami­zo Ishi­da. Des­sen Ent­de­ckung ist für mich wohl der abso­lu­te Höhe­punkt mei­ner Zeit in Bolo­gna. Tage spä­ter sah ich den eben­so wun­der­ba­ren Muka­shi No Uta eben­falls von Ishi­da. Bei­de Fil­me wur­den in schlech­ten Kopien gezeigt. Das Bild war zum Teil uner­kenn­bar dun­kel. Trotz­dem konn­te dies den Fil­men kein biss­chen scha­den. Ishi­da ist ein Regis­seur, der zumin­dest in die­sen bei­den Fil­men mit wun­der­ba­ren Ein­sich­ten, Sze­nen, Figu­ren und Bezie­hun­gen die­ser über­rascht, und jemand, der hof­fent­lich bald auch jen­seits von Bolo­gna wie­der­ent­deckt wird. Die Welt ver­dient es, die­se wun­der­schö­nen Fil­me sehen zu können.

Ein wei­te­res High­light, das auf der Piaz­za Mag­gio­re extrem an Erfah­rungs­wer­ten gewann, war Mon­terey Pop von D.A. Pen­ne­bak­er. Die­ser war sel­ber anwe­send um sei­nen Film ein­zu­füh­ren und sicht­lich gerührt, ihn vor so gro­ßem Publi­kum zei­gen zu dür­fen. Im Film gibt es groß­ar­ti­ge Auf­trit­te (vor allem Janis Jop­lin, Otis Red­ding & Jimi Hen­drix). Es herrsch­te eine mit­rei­ßen­de Stim­mung auf der Piaz­za und Applaus, bei dem man nicht wuss­te, ob er eigent­lich im Film, oder auf der Piaz­za stattfand.

Der letz­te Film auf dem Fes­ti­val, den ich gese­hen habe war Deca­sia von Bill Mor­ri­son. Es war schon am spä­te­ren Abend und ich war ziem­lich müde. Als die­se Bil­der­flut begann auf mich her­ab­zu­reg­nen, wur­de ich sehr schnell wie­der wach. Es ist schwer die Erfah­rung des Fil­mes in Wor­te zu fas­sen, er ist ein­fach ein Erleb­nis. Ein Film, den man über sich kom­men las­sen muss, wie eine Wel­le. Er kann einem das Gleich­ge­wicht neh­men, doch wenn man sich mit ihm gehen lässt ist es eine unver­gess­li­che Erfah­rung. Für mich war es der ein­zi­ge Hor­ror­film, den ich auf dem Fes­ti­val sah.

Andrey Arnold

071

Mäd­chen in Uni­form: Die sen­si­ble Manue­la wur­de vom preu­ßi­schen Mäd­chen­stift kaputt­dis­zi­pli­niert. Jetzt schleppt sie sich lang­sam das Stie­gen­haus hin­auf, will sich von oben in die Tie­fe stür­zen. Doch als sie kurz davor ist, schleu­dern ihr ihre Mit­schü­le­rin­nen, die sich ein paar Stock­wer­ke tie­fer scha­ren, ihre geball­te Empa­thie ent­ge­gen: In einer koor­di­nier­ten Bewe­gung recken sie die Arme in die Luft und rufen „Nein!“ (oder der­glei­chen). Das Ziel­ob­jekt wird von die­ser kraft­vol­len Gemein­schafts­ges­te erfasst und zur Besin­nung gebracht, wie von Zau­ber­hand. Es ist ein star­ker Moment, eine hoch­gra­dig künst­li­che Pathos-Pfeil­spit­ze, die die Kol­lek­tiv­ro­man­tik und den Wider­stands­geist des Films per­fekt auf den Punkt bringt – aber auch des­sen unheim­li­che, prä­fa­schis­ti­sche Visi­on kathar­ti­scher Gruppenekstasen.

John­ny Gui­tar: Ich habe die­sen Über-Film in Bolo­gna zum zwei­ten Mal gese­hen, aber eigent­lich zum ers­ten Mal. Sei­ne unfass­ba­re Kraft ist mir erst hier rich­tig bewusst gewor­den. Ande­re kön­nen bes­ser aus­drü­cken, was es mit ihr auf sich hat. Als Emma gegen Ende von Vien­na erschos­sen wird, wur­de in eini­gen Ecken geju­belt. Ich ken­ne die­se Art von Jubel und will ihn im Kino nie­man­dem ver­gäl­len. Den­noch hof­fe ich, dass die Jubeln­den den Film noch öfter sehen. Und irgend­wann nicht mehr jubeln, möglicherweise.

West Indies: Schwar­ze Kom­pli­zen der fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­macht füh­ren wei­ße Tou­ris­ten durch die Kari­bik (ein buch­stäb­li­ches Skla­ven­schiff, weil in die­sem Film alles beim Namen genannt wird) und prei­sen die ört­li­chen Attrak­tio­nen. Stolz ver­wei­sen sie auf die will­fäh­ri­ge Arbei­ter­schaft, die emsig mit ihren Mache­ten han­tiert. Ein Schwenk fokus­siert ihre Cho­reo­gra­fie (weil die­ser Film auch ein Musi­cal ist) und ver­weilt dar­auf – gera­de lan­ge genug, um sich vor­zu­stel­len, dass die tan­zen­den Klin­gen kei­ne Werk­zeu­ge sind, son­dern Waffen.

Bild­nis einer Unbe­kann­ten: Ein Film vol­ler Freu­den (und Ambi­va­len­zen), nicht zuletzt dank des Schau­spiels von Ruth Leu­we­rik und O.W. Fischer. Aber auch ein Film, der sehr stark über Spra­che funk­tio­niert und über den Dia­log. Und bei mir (wie­der ein­mal) die Fra­ge auf­warf, inwie­weit sich Fil­me „über­set­zen“ las­sen – und wie vie­le Fehl­ur­tei­le gefällt wur­den, weil jemand (ich zum Bei­spiel) nicht imstan­de war, die Eigen­hei­ten eines spe­zi­fi­schen Idi­oms wahr­zu­neh­men. Natür­lich muss man nicht Deutsch kön­nen, um Käut­ners Film zu genie­ßen. Und natür­lich kön­nen einem trotz (oder wegen) sprach­li­cher Unkennt­nis Din­ge auf­fal­len, die einem Nati­ve Spea­k­er (oder Bei­na­he-Nati­ve-Spea­k­er) ver­schlos­sen blei­ben. Aber wird man das ein­zig­ar­ti­ge Wech­sel­spiel zwi­schen Ges­tik, Mimik, Rhyth­mus, Duk­tus, Tim­bre, Inhalt, Cha­rak­ter, Wort­wahl und Poin­tiert­heit, mit der Fischer an einer Stel­le sagt: „Ich bin gar nicht rei­zend, ich bin reiz-bar“, mit die­ser fabu­lö­sen Pau­se zwi­schen den Sil­ben des letz­ten Wor­tes, wirk­lich zu schät­zen wis­sen? Bei der schöns­ten Über­blen­dung des Films stellt sich die­se Fra­ge jeden­falls nicht: Ein Por­trät der „Unbe­kann­ten“ ver­brennt lang­sam im Kamin und ver­schmilzt mit einer Nah­auf­nah­me ihres Gesichts, das eines der tol­len Lie­der des Films singt: „Ist denn mein Mund ein Vaga­bund, der ewig wan­dern muss, von Kuss zu Kuss…“

Arka­sha zhe­nit­sya: Die lus­tigs­te rus­si­sche Stumm­film­ko­mö­die, die ich je gese­hen habe (ich habe noch nicht vie­le rus­si­sche Stumm­film­ko­mö­di­en gese­hen). Ein Mann betrinkt sich am Vor­abend sei­ner Hoch­zeit. Am nächs­ten Tag die Aus­nüch­te­rungs­kur. Er dreht den Was­ser­hahn auf, um sich frisch­zu­ma­chen – und schläft promt unter dem Becken ein. Das Was­ser läuft über. Er glaubt, es reg­net, schlägt den Kra­gen hoch. Spä­ter: Ein Spa­zier­gang im Park – mit Frack, Zylin­der und Geh­stock (die Bour­geoi­se war schon vor der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on Ziel­schei­be des Spotts). Schläft im Ste­hen ein, der Stock ist not­dürf­ti­ge Stüt­ze. Lau­se­ben­gel sto­ßen sie weg. Par­dauz! Wer jemals einen über den Durst trank und am nächs­ten Tag zei­tig auf­ste­hen muss­te, weiß: It’s fun­ny cau­se it’s true.

Die klei­ne Vero­ni­ka: Ich habe mir die Pro­jek­ti­on des Films auf der Pia­zet­ta Paso­li­ni lei­der nicht ange­se­hen. Aber ich habe die betö­ren­de Musik­be­glei­tung von Flo­ri­an Kmet gehört, wäh­rend ich abends im Hof der Cine­te­ca saß, umge­ben von neu­en und alten Bekann­ten, einen schö­nen Fes­ti­val­tag im Her­zen. Und das reicht.