Il Cinema Ritrovato 2026: Wabernde Stimmenspektakel

Im Unter­schied zu ande­ren Film­fes­ti­vals zeigt Il Cine­ma Ritro­va­to als welt­weit größ­tes Archiv­film­fes­ti­val jedes Jahr nicht nur nahe­zu alle Facet­ten der Film­ge­schich­te in einer Woche. Son­dern es lässt auch in unter­schied­li­chen Gesprächs­for­ma­ten über sei­ne mate­ri­el­len und tech­ni­schen Bedin­gun­gen nach­den­ken. In einem Talk mit dem blu­mi­gen Titel »Ear­ly Cine­ma is a Pro­gram­me, not a Film« am zwei­ten Tag des Fes­ti­vals erzäh­len die Kurator*innen Mari­ann Lewin­sky und Karl Wratsch­ko über ihren Zugang zum Kura­tie­ren. Für sie gehe es in einem Film­pro­gramm mit Wer­ken des soge­nann­ten Frü­hen Kinos nicht um ›den einen Film‹, eher wird das Kino immer in sei­ner Ganz­heit gese­hen und vor­ge­führt. So sei im Frü­hen Kino vor allem immer das Unter­hal­tungs­po­ten­ti­al in einer Grup­pe von Fil­men mit­ge­dacht wor­den – sei es auf Jahr­märk­ten oder im Kino, sei es durch die Pro­duk­ti­ons­wei­se der Fil­me selbst. 

Ein Pro­gramm soll­te in all sei­nen Stim­mun­gen, ob als Komö­die, Tra­gö­die, Pathos, etc. dem Publi­kum etwas anbie­ten. Und nicht nur der Inhalt, auch die Mach­art des Films spie­len in die Rei­hen­fol­ge mit hin­ein. So bringt Wratsch­ko das Bei­spiel, dass es bei einem rei­nen Farb­pro­gramm oft kaum mehr zu unter­schei­den ist, wie die Fil­me aus­se­hen, wes­halb es sich bei Schwarz-Weiß anbie­tet, als Kon­tra­punkt einen Farb­film ans Ende zu set­zen. Klingt banal, aber bedenkt man die kon­ven­tio­nel­le Les­art einer Ent­wick­lung des Kinos durch das Stu­dio­sys­tem in Rich­tung Lang­film als Höhe­punkt, ist die­se Beto­nung, einen Fokus auf Kon­tras­te zu set­zen, tat­säch­lich erfri­schend. Damit ist auch der Blick auf die kom­men­den Tage geschärft. 

Das soll­te man sich bei all der Toten­grä­ber­stim­mung, nach der das Kino nichts Neu­es mehr her­vor­brin­ge, vor Augen hal­ten – dass es mehr dar­um geht, wie man es zeigt. Und dabei kann man sich ver­meint­lich alter, jedoch sehr leben­di­ger Ideen bedie­nen und die­se weiterentwickeln.

So eröff­net das Sam­mel­pro­gramm »1906 – Dram­ma! Espe­ri­men­ti! Gran Fina­le!« mit Tar­tans of Scot­tish Clans von Geor­ge Albert Smith in Kine­ma­co­lor ein Film mit bunt-karier­ten Stof­fen die gleich­zei­tig das Macht­ge­we­be Schott­lands in Far­ben und Mus­tern wider­spie­geln. Und es endet mit der Komö­die Le Fils de Dia­ble von Charles Luci­en Lépi­ne, in Pathé­co­lor kolo­riert, über den melan­cho­li­schen Sohn des Teu­fels, der durch einen Kurz­trip nach Paris von sei­ner Lan­ge­wei­le in der Höl­le geheilt wird. Die Bil­der wer­den durch die voka­le Liv­e­per­for­mance der Spre­che­rin Julie Lin­quet­te im Kino­saal ver­stärkt. Mit der Vor­la­ge eines Skripts spricht die­se nicht nur Stim­men der Protagonist*innen (u. a. Teu­fel, Mut­ter, Sohn, Love Inte­rest, Arzt) ein, sie kre­iert auch man­che Ton­ef­fek­te wie den einer Trom­pe­te oder das Brum­men eines Auto­mo­tors. Dazu gibt es Beglei­tung auf dem Kla­vier und auf der Har­fe, die mit ihren wabern­den Feed­backs und einem Wah-Wah-Pedal elek­tro­ni­sche Sounds wie von einer E‑Gitarre in den Raum drängt. Aug­men­ted Silent Cine­ma, wenn man so will. Ich ver­nahm nach dem Scree­ning aber auch Gegen­stim­men dazu, Stumm­fil­me zu sehr mit der Stim­me zu ani­mie­ren. In die­ser ein­zig­ar­ti­gen Form wird Frü­hes Kino jeden­falls zum unter­halt­sa­men Spek­ta­kel als kras­ses Gegen­teil zu der ver­staub­ten Kla­vier­fa­desse, wie man sie viel­leicht aus klas­si­schen Stumm­film­scree­nings kennt. Mehr kann auch manch­mal mehr sein.

Eben­falls Stumm­film und ein abso­lu­tes High­light die­ses Jahr sind die Per­for­man­ces der Fil­me von Dai­suke Ito. Dort geht es mit­un­ter ziem­lich wild zu. Schwert­kämp­fe zwi­schen den Samu­rai ste­hen auf der Tages­ord­nung. Ito rahmt sei­ne Fil­me bewusst in die für Japan mythi­sche Zeit der Samu­rai, ver­han­delt dar­in aber den All­tag der spä­ten 1920er Jah­re, ein Kniff um die natio­na­lis­ti­sche Zen­sur zu umge­hen. So wur­den sei­ne Fil­me dann eben auch Shin(also Neu)-Jidaigeki genannt, um sich von den thea­tra­len, etwas bie­de­ren His­to­ri­en­dra­men abzu­he­ben. Bei Ito ver­hält es sich mit sei­nen – rein männ­li­chen – Hel­den ähn­lich wie bei der Ent­wick­lung des rea­lis­ti­schen Romans im 19. Jahr­hun­dert – der Held wird zum sterb­li­chen Mensch. Er ist in sei­nen Fil­men meist tra­gisch und oft kri­mi­nell. Er ist ent­zau­bert von sei­ner roman­ti­schen Prä­gung, weil er selbst erkennt, dass er sterb­lich ist, Geld braucht und sogleich Trau­er und Ver­lust erfährt, wäh­rend er an Tie­fe und Kom­ple­xi­tät gewinnt.

Eine beson­de­re Eigen­heit bei der Vor­füh­rung der Fil­me Itos ist die Rol­le des Ben­shi, des tra­di­tio­nel­len Stumm­film­erzäh­lers Ichi­ro Katao­ka, der hier bei allen Scree­nings die Bil­der auf der Lein­wand mit sei­nem eklek­ti­schen Stimm­re­per­toire akti­viert. Die Exakt­heit, mit der Katao­ka die Unter­ti­tel per­formt, ist ver­blüf­fend. Wenn ein Schau­spie­ler im Bild zum Wort anhebt, setzt der Ben­shi fast gespens­tisch gleich­zei­tig ein, als han­de­le es sich um Film­ka­rao­ke. Zwar gibt es Zwi­schen­ti­tel, die den Plot erzäh­len, der Ben­shi hat aber sein eige­nes Skript sowie Frei­raum für Inter­pre­ta­ti­on und Impro­vi­sa­ti­on. In der Ben­shi-Gil­de gilt Dai­suke Ito als ein För­de­rer der Ben­shi, der bei der Ent­wick­lung sei­ner Fil­me immer die Spre­cher mit­be­dach­te, die sei­ne Fil­me im Kino per­form­ten, was in einem unglaub­lich dyna­mi­schen Zusam­men­spiel zwi­schen Kame­ra­win­keln und Schnitt­fol­gen im Gleich­klang mit der Stimm­per­for­mance des Ben­shi resultiert. 

Die Unter­ti­tel wer­den vom Ben­shi im für klas­si­sche Lie­der und Poe­sie 7–5‑Rhythmus »shi­chi-go-chō« dar­ge­bo­ten, in dem, anders als im Deut­schen nicht über Sil­ben­fol­gen, son­dern zwi­schen sie­ben und fünf »mora« (Schlage­in­hei­ten) alter­niert wird. Es ent­steht so eine schwin­gen­de, fast wabern­de Kadenz. Beglei­tet von klas­si­schen japa­ni­schen Instru­men­ten, wie man sie auch bei Kabu­ki oder auch im Nō-Thea­ter wie­der­fin­det, – die Sand­uhr­trom­mel Tsu­zu­mi, die Kurz­hals­lau­te Biwa, spä­ter eine dicke Nari­mo­no-Trom­mel, aber auch Kla­vier, gespielt von Gabri­el Thi­bau­deau – ent­wi­ckelt sich so ein Sound­tep­pich von west­li­cher Musik und tra­di­tio­nel­len, japa­ni­schen Klan­g­ori­en­tie­run­gen, der aus dem Takt­kor­sett aus­bricht und ein fast schon rhyth­mi­sches Deli­ri­um mit den Bil­dern erzeugt. Bil­der wie wei­ße japa­ni­sche Lam­pi­ons (chōchin) in Oats­u­rae Jiro­ki­chi Kio­shi, die bei einer Ver­fol­gungs­jagd im Dun­kel der Nacht dem Hel­den wackelnd hin­ter­her­ja­gen und fast den tra­gen­den Hän­den entschweben.

Mich lässt die­se Erfah­run­gen wie­der dar­an den­ken, dass hin­ter der Prä­sen­ta­ti­on eines Film­scree­nings eben auch ein Wil­le zur Unter­hal­tung steckt. Gera­de mit Per­for­man­ces wie die­sen wird die Prä­sen­ta­ti­ons­kul­tur und Film­ar­beit, im Sin­ne vom Arbei­ten am und im Film, sicht­ba­rer. Das Kino ist so viel­stim­mig wie die Men­schen, die in ihm arbei­ten. Sei es bei der Pro­duk­ti­on, dem Zei­gen, dem Schrei­ben dar­über oder dem Archi­vie­ren und Restau­rie­ren. Sein Spek­ta­ku­lä­res drückt sich nicht unbe­dingt in der Rekla­me oder den sehn­suchts­vol­len Über­hö­hun­gen der Meis­ter­wer­ke aus. Man darf nur kei­ne Angst vor dem Jahr­markt haben, diver­ti­tevi!