Im Unterschied zu anderen Filmfestivals zeigt Il Cinema Ritrovato als weltweit größtes Archivfilmfestival jedes Jahr nicht nur nahezu alle Facetten der Filmgeschichte in einer Woche. Sondern es lässt auch in unterschiedlichen Gesprächsformaten über seine materiellen und technischen Bedingungen nachdenken. In einem Talk mit dem blumigen Titel »Early Cinema is a Programme, not a Film« am zweiten Tag des Festivals erzählen die Kurator*innen Mariann Lewinsky und Karl Wratschko über ihren Zugang zum Kuratieren. Für sie gehe es in einem Filmprogramm mit Werken des sogenannten Frühen Kinos nicht um ›den einen Film‹, eher wird das Kino immer in seiner Ganzheit gesehen und vorgeführt. So sei im Frühen Kino vor allem immer das Unterhaltungspotential in einer Gruppe von Filmen mitgedacht worden – sei es auf Jahrmärkten oder im Kino, sei es durch die Produktionsweise der Filme selbst.
Ein Programm sollte in all seinen Stimmungen, ob als Komödie, Tragödie, Pathos, etc. dem Publikum etwas anbieten. Und nicht nur der Inhalt, auch die Machart des Films spielen in die Reihenfolge mit hinein. So bringt Wratschko das Beispiel, dass es bei einem reinen Farbprogramm oft kaum mehr zu unterscheiden ist, wie die Filme aussehen, weshalb es sich bei Schwarz-Weiß anbietet, als Kontrapunkt einen Farbfilm ans Ende zu setzen. Klingt banal, aber bedenkt man die konventionelle Lesart einer Entwicklung des Kinos durch das Studiosystem in Richtung Langfilm als Höhepunkt, ist diese Betonung, einen Fokus auf Kontraste zu setzen, tatsächlich erfrischend. Damit ist auch der Blick auf die kommenden Tage geschärft.
Das sollte man sich bei all der Totengräberstimmung, nach der das Kino nichts Neues mehr hervorbringe, vor Augen halten – dass es mehr darum geht, wie man es zeigt. Und dabei kann man sich vermeintlich alter, jedoch sehr lebendiger Ideen bedienen und diese weiterentwickeln.
So eröffnet das Sammelprogramm »1906 – Dramma! Esperimenti! Gran Finale!« mit Tartans of Scottish Clans von George Albert Smith in Kinemacolor ein Film mit bunt-karierten Stoffen die gleichzeitig das Machtgewebe Schottlands in Farben und Mustern widerspiegeln. Und es endet mit der Komödie Le Fils de Diable von Charles Lucien Lépine, in Pathécolor koloriert, über den melancholischen Sohn des Teufels, der durch einen Kurztrip nach Paris von seiner Langeweile in der Hölle geheilt wird. Die Bilder werden durch die vokale Liveperformance der Sprecherin Julie Linquette im Kinosaal verstärkt. Mit der Vorlage eines Skripts spricht diese nicht nur Stimmen der Protagonist*innen (u. a. Teufel, Mutter, Sohn, Love Interest, Arzt) ein, sie kreiert auch manche Toneffekte wie den einer Trompete oder das Brummen eines Automotors. Dazu gibt es Begleitung auf dem Klavier und auf der Harfe, die mit ihren wabernden Feedbacks und einem Wah-Wah-Pedal elektronische Sounds wie von einer E‑Gitarre in den Raum drängt. Augmented Silent Cinema, wenn man so will. Ich vernahm nach dem Screening aber auch Gegenstimmen dazu, Stummfilme zu sehr mit der Stimme zu animieren. In dieser einzigartigen Form wird Frühes Kino jedenfalls zum unterhaltsamen Spektakel als krasses Gegenteil zu der verstaubten Klavierfadesse, wie man sie vielleicht aus klassischen Stummfilmscreenings kennt. Mehr kann auch manchmal mehr sein.
Ebenfalls Stummfilm und ein absolutes Highlight dieses Jahr sind die Performances der Filme von Daisuke Ito. Dort geht es mitunter ziemlich wild zu. Schwertkämpfe zwischen den Samurai stehen auf der Tagesordnung. Ito rahmt seine Filme bewusst in die für Japan mythische Zeit der Samurai, verhandelt darin aber den Alltag der späten 1920er Jahre, ein Kniff um die nationalistische Zensur zu umgehen. So wurden seine Filme dann eben auch Shin(also Neu)-Jidaigeki genannt, um sich von den theatralen, etwas biederen Historiendramen abzuheben. Bei Ito verhält es sich mit seinen – rein männlichen – Helden ähnlich wie bei der Entwicklung des realistischen Romans im 19. Jahrhundert – der Held wird zum sterblichen Mensch. Er ist in seinen Filmen meist tragisch und oft kriminell. Er ist entzaubert von seiner romantischen Prägung, weil er selbst erkennt, dass er sterblich ist, Geld braucht und sogleich Trauer und Verlust erfährt, während er an Tiefe und Komplexität gewinnt.
Eine besondere Eigenheit bei der Vorführung der Filme Itos ist die Rolle des Benshi, des traditionellen Stummfilmerzählers Ichiro Kataoka, der hier bei allen Screenings die Bilder auf der Leinwand mit seinem eklektischen Stimmrepertoire aktiviert. Die Exaktheit, mit der Kataoka die Untertitel performt, ist verblüffend. Wenn ein Schauspieler im Bild zum Wort anhebt, setzt der Benshi fast gespenstisch gleichzeitig ein, als handele es sich um Filmkaraoke. Zwar gibt es Zwischentitel, die den Plot erzählen, der Benshi hat aber sein eigenes Skript sowie Freiraum für Interpretation und Improvisation. In der Benshi-Gilde gilt Daisuke Ito als ein Förderer der Benshi, der bei der Entwicklung seiner Filme immer die Sprecher mitbedachte, die seine Filme im Kino performten, was in einem unglaublich dynamischen Zusammenspiel zwischen Kamerawinkeln und Schnittfolgen im Gleichklang mit der Stimmperformance des Benshi resultiert.
Die Untertitel werden vom Benshi im für klassische Lieder und Poesie 7–5‑Rhythmus »shichi-go-chō« dargeboten, in dem, anders als im Deutschen nicht über Silbenfolgen, sondern zwischen sieben und fünf »mora« (Schlageinheiten) alterniert wird. Es entsteht so eine schwingende, fast wabernde Kadenz. Begleitet von klassischen japanischen Instrumenten, wie man sie auch bei Kabuki oder auch im Nō-Theater wiederfindet, – die Sanduhrtrommel Tsuzumi, die Kurzhalslaute Biwa, später eine dicke Narimono-Trommel, aber auch Klavier, gespielt von Gabriel Thibaudeau – entwickelt sich so ein Soundteppich von westlicher Musik und traditionellen, japanischen Klangorientierungen, der aus dem Taktkorsett ausbricht und ein fast schon rhythmisches Delirium mit den Bildern erzeugt. Bilder wie weiße japanische Lampions (chōchin) in Oatsurae Jirokichi Kioshi, die bei einer Verfolgungsjagd im Dunkel der Nacht dem Helden wackelnd hinterherjagen und fast den tragenden Händen entschweben.
Mich lässt diese Erfahrungen wieder daran denken, dass hinter der Präsentation eines Filmscreenings eben auch ein Wille zur Unterhaltung steckt. Gerade mit Performances wie diesen wird die Präsentationskultur und Filmarbeit, im Sinne vom Arbeiten am und im Film, sichtbarer. Das Kino ist so vielstimmig wie die Menschen, die in ihm arbeiten. Sei es bei der Produktion, dem Zeigen, dem Schreiben darüber oder dem Archivieren und Restaurieren. Sein Spektakuläres drückt sich nicht unbedingt in der Reklame oder den sehnsuchtsvollen Überhöhungen der Meisterwerke aus. Man darf nur keine Angst vor dem Jahrmarkt haben, divertitevi!

