Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato Tag 7: My Way

pola

  • Ich freue mich jeden Tag, weil ich auf die­sem Fes­ti­val bin (viel­leicht wäre ein cine­phi­les Para­dies aber doch ein wenig ana­lo­ger), schimp­fe jeden Tag auf die Uni­ver­si­tät Wien und schaue die Teil­neh­mer der FIAF Sum­mer School nei­disch an (hof­fent­lich wird sie in den nächs­ten Jah­ren billiger)
  • Die Kurz­fil­me von Ebra­him Gole­stan, über die Andrey schon geschrie­ben hat, schei­nen mir mit den Fil­men von Hum­phrey Jen­nings sehr eng ver­wandt zu sein
  • Die Auf­merk­sam­keit für Schauspieler/​Stars und ‚iko­ni­sche Momen­te‘ der Film­ge­schich­te ist hier genau so akut wie jene für das Unbe­kann­te der Film­ge­schich­te und das scheint mir gut so.
  • Aus dem sehr ver­lo­cken­den durch-pecu­lia­ri­ties-glück­lich-fla­nie­ren Modus wer­fen mich am gewal­tigs­ten I pug­ni in tas­ca, Tai­pei Sto­ry und die drei Kurz­fil­me von Jac­ques Rivet­te raus, die wie eine Ohr­fei­ge funk­tio­nie­ren und mich zu ande­ren Fra­gen in Bezug auf Film zurückbringen.
  • Eine Wun­de am Fuß bleibt mir als Erin­ne­rung dar­an, dass ich Cœur Fidè­le wie­der sehen durf­te und ich hof­fe, dass sie nicht heilt.
  • Vor A Count­ess from Hong Kong wer­den unschätz­ba­re Auf­nah­men von Set gezeigt. Das Scree­ning ist von Gesprä­chen über wie Mar­lon Bran­do eine schlech­te Cas­tings­ent­schei­dung war umge­ben, aber sei­ne Wider­wil­lig­keit gegen­über Chap­lins Art mit Schau­spie­lern zu arbei­ten und sei­ne mür­ri­sche Figur schei­nen ein per­fect match zu sein.
  • Ich den­ke oft an One-Eyed Jacks und an die hoch­kom­pli­zier­ten Lösun­gen, die Bran­do fin­det, um sei­nen Hin­tern stän­dig im Bild zu haben. Er ist auch der ein­zi­ge Schau­spie­ler in engen Leg­gins, wäh­rend alle ande­ren wei­te­re Hosen tra­gen. Letzt­end­lich fra­ge ich mich, ob nicht alle inter­es­san­te­re Kadrie­run­gen des Films aus die­sem Grund enstan­den sind, aber ich weiss sofort, dass ich mich wenigs­tens ein wenig täusche.
  • Fle­sh and the Devil schmilzt mir lüs­tern auf den Pupil­len wie Gar­bo in den Armen ihres Liebhabers
  • War­um gibt es im Pro­gramm­heft Son­der­mar­kie­run­gen für ana­lo­ge Pro­jek­tio­nen und nicht für digi­ta­le, wenn angeb­lich 60% der Pro­jek­tio­nen ana­log sind? Mar­kiert man die Aus­nah­me oder die Regel? Ist es trau­rig, dass ich mich dar­über freue, dass die Spal­ten noch analog/​digital sind und nicht, wie in Rumä­ni­en, 2D/​3D?
  • In Le Qua­dril­le von Rivet­te gibt es vier Men­schen in einem Raum. Zwei Frau­en und zwei Män­ner, einer von ihnen ist Jean-Luc Godard. Was haupt­säch­lich pas­siert, ist ihr Dasein. Durch die Blick­rich­tun­gen der Figu­ren und das Ändern der Kame­ra­per­spek­ti­ve kommt es zu einer ela­bo­rier­ten Ver­wir­rung betref­fend Raum und Bezie­hun­gen zwi­schen den Figu­ren. Ich muss ihn wie­der sehen.
  • Ich bekom­me einen über­fe­mi­nis­ti­schen Flash von Pola Negri in Woman of the World und lau­fe durch die Stadt mit einer Peit­sche, um Män­ner zu schlagen
  • Das letz­te Scree­ning auf dem Piaz­za Mag­gio­re: Wegen tech­ni­scher Pro­ble­me gibt es eine Ver­spä­tung von fünf­zehn Minu­ten oder mehr. In die­ser Zeit wird, zu mei­nem Schre­cken, unter ande­rem Sina­tras My Way gespielt. Neben der Büh­ne, auf einer abge­grenz­ten klei­nen Flä­che, ste­hen sehr vie­le Men­schen und ich ver­ste­he nicht, wer sie sind. Es geht los, Gian Luca Fari­nel­li (scheint es mir nur, oder führt er sogar Scree­nings ein, die gleich­zei­tig anfan­gen?) hält eine Rede. Zunächst kommt eine Pia­nis­tin auf die Büh­ne, um die Fotos von Fes­ti­val, die auf der Lein­wand zu sehen sind, musi­ka­lisch zu beglei­ten. Auf einem Foto sind Chris­toph Huber und Olaf Möl­ler in einem Kino zu sehen, ich fra­ge mich, ob sie wis­sen, dass das gan­ze Piaz­za-Publi­kum (weni­ge Zuse­her wegen Fuß­bal) sie ange­schaut hat und wenn ja, ob sie es lus­tig fin­den. Mäch­tig. Die vie­len ste­hen­den Men­schen kom­men auf die Büh­ne. Ich erfah­re, dass es die Vol­un­teers sind und freue mich, weil man sie vor­stellt. Vol­un­teers sind wun­der­bar. Die Pia­nis­tin ver­lässt die Büh­ne, die Fotos auf der Lein­wand enden und Gian Luca Fari­nel­li holt die Toch­ter von Vitto­rio De Sica auf die Büh­ne. Sie wird als char­man­te Frau ein­ge­führt. Die Vol­un­teers wis­sen nicht, ob sie die Büh­ne ver­las­sen sol­len oder nicht, sie zögern bis jemand ihnen ein Zei­chen macht. Die Toch­ter von Vitto­rio De Sica hat dem Publi­kum drei Bil­der von ihrem Vater gebracht (als Kind, auf Hoch­zeits­rei­se, am Set von Ladri di bici­c­lette), man kann sie auf der Lein­wand sehen. Sie beglei­tet die Bil­der mit zwei-drei Fami­li­en­an­ek­do­ten. Nach ihr kommt ein wun­der­ba­rer lang­spitz­bär­ti­ger Mann auf die Büh­ne. Er sagt sei­nen Namen und dass er aus Iowa kommt (was er mehr­mals wie­der­ho­len wird). Er beschreibt wie Bou­quet d’illusions von Geor­ges Méliès, Vor­führ­film des Abends, wie­der­ent­deckt und restau­riert wur­de. Er sagt, dass wir das ers­te Publi­kum sind, das den Film nach mehr als hun­dert Jah­ren sieht (an die genaue Zahl erin­ne­re ich mich nicht, aber es war über­wäl­ti­gend) . Ich bekom­me Gän­se­haut und einen Kno­ten in mei­nem Hals. Ein frag­wür­di­ges Schick­sals­ge­fühl, das mich an den wun­der­voll rau­chi­gen und trance­ar­ti­gen Les por­tes de la nuit erin­nert, dringt in mich ein und ich bin wie­der davon über­zeugt, dass ich da bin wo ich sein muss. Ich ver­ges­se, dass das viel­leicht der Fall ist für vie­le Fil­me, die auf dem Fes­ti­val zu sehen sind, letzt­end­lich ist Il Cine­ma Ritro­va­to genau und auch das. Ich schaue das ein­mi­nü­ti­ge Ent­köp­fung- und Kop­fer­set­zungs­spiel von Bou­quet d’illusions glück­lich an. Trau­rig weil bei­de Fil­me digi­tal pro­ji­ziert wer­den, wer­de ich erst als Fat City anfängt und ich mir vor­stel­len kann, dass er wesent­lich anders aus­se­hen soll­te. Er bringt die gan­ze vage Bur­les­que des Abends zu einem abrup­ten Schluss und lässt mich das Fes­ti­val mit einer für mei­ne Seh­erfah­rung wich­ti­ge Ent­de­ckung schlie­ßen. Fat City ist stark genug, um von den über­schwäng­li­chen Reak­tio­nen auf das Elf­me­ter­schie­ßen, die von allen Sei­ten der Piaz­za Mag­gio­re aus­strö­men, nicht gestört wer­den zu können.